NSA von Andreas Eschbach

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NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

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NSA von Andreas Eschbach

Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

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NSA von Andreas Eschbach

Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

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NSA von Andreas Eschbach

„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

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Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

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Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

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NSA von Andreas Eschbach und weitere Utopien auf AstroLibrium

Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Was waren das noch für Zeiten, als das kleine aufstrebende Örtchen Kingsbridge der Nabel der historischen Bücherwelt war. Was waren das noch für Zeiten, als wir an der Seite von Tom Builder erleben durften, wie „Die Säulen der Erde“ zu einem der beeindruckendsten Bauwerke des mittelalterlichen Englands wurden. Eine Kathedrale, die obschon rein fiktiv, doch stellvertretend für die großen Sakralbauten ihrer Zeit, zum Fixpunkt des Lesens vieler Menschen wurde. Was waren das noch für Zeiten, in diese prosperierende Stadt zurückkehren zu dürfen, „Die Tore der Welt“ zu öffnen und nach einigen Jahrhunderten zu sehen, wie sehr die Kathedrale gewachsen war, wie deutlich die Generationen der Erbauer ihre Spuren dort hinterlassen hatten und zu sehen, dass unser altes Kingsbridge immer noch der Nabel der Welt war.

(Ihr könnt der Rezension lesend folgen oder sie einfach weiterhören – hier)

Das Fundament der Erde - Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Das Fundament der Erde – Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Jetzt galt es Brücken zu bauen, Marktrechte zu sichern und alle Bürger der Stadt vor der Pest zu bewahren. Abenteuer, die es zu überstehen galt, wollte man doch das jeweilige Buch aus der Feder des großen Ken Follett immer nur in der einen Hoffnung schließen: Möge es bitte weitergehen. Unzählige Bände einer endlosen Reihe sollten in Kingsbridge beheimatet sein. Gerne würden wir auf den Spuren alter Stammbäume bis in unsere heutige Zeit wandeln. Und überschäumend reagierten die Fans, als bekannt wurde, dass ihre literarisch historische Heimatgemeinde zum Klang der Glocken einer prachtvollen und fertiggestellten Kathedrale erneut zum Besuch einladen würde.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Das Fundament der Ewigkeit“. Welch verheißungsvoller Titel für einen Roman, dem wir schon lange nach dem Sieg über die Pest entgegenfieberten. Hier waren sie wieder, die Zeiten des stundenlangen Lesens, der Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren und hier war sie wieder, die große und lange vermisste Hoffnung, in den Straßen von Kingsbridge anzukommen, als wäre man niemals fort gewesen. Nur knapp zwei Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Unsere geliebten Protagonisten von einst sind nur noch in der Erinnerung existent, und doch ist nichts vergessen. Statuen, Brückennamen, folgende Generationen und die Chronik von Kingsbridge zeugen von ihrer Existenz und von ihren Verdiensten. Ja, man kommt auf der Zeitreise an der Seite von Ken Follett immer wieder zuhause an. Heimwehende.

So dachte ich zumindest, bis ich den Klappentext las und schon beschlich mich ein Gefühl, von dem ich mich lange nicht lösen konnte. Ja, es ist dort von Kingsbridge die Rede. Ja, es ist von einer bedeutenden Epoche der Geschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Rede. Aber es klingt auch durch, dass die großen Religionskriege ein besonderes Opfer von Kingsbridge fordern sollten. Das Zentrum meines Lesens würde in den Hintergrund gerückt werden, so meine Befürchtung. Spanien, Frankreich, ganz Europa befand sich zu dieser Zeit im Taumel der Allianzen unter dem Siegel des guten Glaubens. Nur, ob dieser protestantisch oder katholisch war, das sollte auf den Feldern der Ehre im Blutgemetzel entschieden werden.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Die Globalisierung einer Trilogie schwebte wie eine unsichtbare Bedrohung über meinen Gedanken und verhinderte das Lesen. Zumindest so lange, bis ich Ken Follett auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und ihm von meinen Bedenken erzählte. Er reagierte prompt, nahm eines seiner Bücher, signierte es und sagte zu mir: „First read, then talk about.“ Da lag er nun schwer und vom Autor gezeichnet in meiner Hand und ebenso schwer wog der fast 1200 Seiten dicke historische Wälzer in meinem Rucksack um mich an einem langen Messetag schwergewichtig zu begleiten. Natürlich war ich in jeder Beziehung neugierig auf den Roman, doch es dauerte bis Weihnachten, bevor ich die Ruhe und Muße hatte, in aller Tiefe in den Seiten zu versinken.

Ich zelebriere mein Lesen in diesen Tagen. Ich gestalte mein Ambiente gediegen in der kleinen literarischen Sternwarte, umgebe mich mit Devotionalien, die zum Roman passen und versinke gerne stundenlang in einem Weihnachts-Leseabenteuer. Ich habe es nicht bereut, das Fest der Feste mit dem „Fundament der Ewigkeit“ zu verknüpfen. Gerade in einer von tiefem Glauben geprägten Zeit ist es mehr als interessant zu lesen, dass es nicht immer in der Menschheitsgeschichte leicht war, eine Messe zu feiern, an Gott zu glauben, sich zu seinem Glauben zu bekennen und für seine Religion und die Menschen, die sie teilen, einzustehen.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Nunja und allein war ich eben auch nicht in diesem Lesen. Es murmelte, zappelte und regte sich in meinem Bücherregal der historischen Romane. Einige der Bücher, die in genau jener Epoche angesiedelt sind, schoben sich in den Vordergrund und wollten mir beharrlich über die Schulter schauen. Und so saß ich still lesend, umrahmt von den biografischen Büchern über Elisabeth Tudor und Maria Stuart an einem Sekretär und musste mich gegen die laufenden Einflüsterungen wehren, die von beiden Seiten recht majestätisch hervorgebracht wurden. Rechthaberisch, könnte man fast sagen

Letztlich vertraute ich mich, um die Thron-Konkurrentinnen wissend, doch lieber Ken Follett an. Sollte er mir doch seine Sicht der Dinge erklären, sollte er mich doch in die Länder entführen, die das damalige Europa nicht zur Ruhe kommen lassen wollten. Ja, ich überließ ihm die Führung und war unermesslich froh, dass alles dort begann, wo ich lesend immer wieder mit ihm aufgebrochen war. In Kingsbridge. Und es fühlte sich wie mein Kingsbridge an, das ich 1361 durch „Die Tore der Welt“ verlassen hatte. Heimat, du hast mich wieder, das war mein erster Gedanke. Brücken, Gebäude, Plätze, Namen, die Kathedrale, der Markt. Alles kam mir zwar leicht verändert und doch so bekannt vor, als wäre ich erst gestern abgereist. Staunen ergriff mich, als ich die nun fertige und an ihre Grundfesten kaum noch erinnernde Kathedrale zum ersten Mal wieder betrat. Ein ganz besonderer Lesemoment.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ja, so hatte ich mir die Heimkehr vorgestellt. Doch sollte ich schnell erkennen, dass Kingsbridge wahrlich nicht mehr der Nabel der Lesewelt war. Die realen Machtzentren hatten sich bereits in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt und bestimmten das Leben der Menschen in der Grafschaft Shiring. London und Paris sind ebenso wichtige Schauplätze der Handlung, wie die weiteren historischen Hotspots dieser Zeit, die das Schachspiel um Macht, Besitz und Herrschaft dominierten. Die Globalisierung hatte in Kingsbridge Einzug gehalten und kaum eine Entwicklung der Thronfolgekriege und des Wettstreits um die wahre Religion ging spurlos an der Kathedralenstadt vorbei.

Ken Follett entführt uns in die Machtzentren jener Zeit, macht uns zu Zeugen einer Geschichte, die selbst Geschichte schrieb. Dabei geht er sehr komplex vor, verlässt die Froschperspektive des Kleinstädters des 16. Jahrhunderts und erweitert auch unseren Blick auf das große Ganze. Wir schließen uns den Ratgebern der englischen Regentin an, werden Zeugen von diplomatischen Missionen, Verrat und Heimtücke. Wir erleben den Thronfolgestreit zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart als Augenzeugen. Wie sind dabei, wenn Bibeln geschmuggelt, Hugenotten verfolgt und Priester ins Land gebracht werden, um den Religionskrieg in Gang zu halten. Wir erleben Kaperfahrten auf hoher See, begegnen Sir Francis Drake und segeln in der Seeschlacht gegen die spanische Armada um unser Leben.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

„Make Kingsbridge greater again“ – so könnte man den Roman lesen. Kaum eine Entwicklung im Europa dieser Zeit vollzieht sich ohne Beteiligung der Menschen dieser Stadt. Ned Willard steht im Zentrum. Ihn spült es ins Zentrum der Macht. Er arrangiert das politische Umfeld von Elisabeth I. und dient als treuer Ratgeber. Aus seinen Augen sehen wir, was die Welt bewegt. Und doch erkennen wir auch, was nur ihn betrifft. Die vergebliche Liebe seines Lebens, die sich immer weiter von ihm entfernt, weil auch hier die Religion im Wege steht. Folletts schillernde Protagonisten werden im Verlauf dieser Geschichte für die Weltgeschichte unverzichtbar. Das war mir persönlich für einen rein historischen Roman zu ausgeprägt. Ohne die Willards wäre in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts so verlaufen, wie es sich abgespielt hat. Diese fiktionalen Charaktere prägen das Schicksal Europas eine Spur zu intensiv.

Trotzdem ist „Das Fundament der Ewigkeit“ das Fundament auf dem mein Lesen in ganz besonderen Tagen ruhte. Ich war gerne wieder in Kingsbridge, bin auch sehr gerne in die weite Welt gereist, nur um irgendwann wieder in den Heimathafen meiner kleinen geliebten frei erfundenen Stadt einlaufen zu dürfen. Ich stimme Ken Follett zu! Dieser Roman setzt die Reihe meiner Kingsbridge-Romane fort. Er ist umfassender in seiner historischen Dimension. Er ist weltumfassend und doch ein geschlossener Kreis, der in Kingsbridge beginnt und dort endet. Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower… Mehr sage ich hier nicht…

Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ihr wundert euch vielleicht, dass dieser Artikel ein ganzes Jahr lang in der Redaktion der kleinen literarischen Sternwarte reifen musste, bevor ich ihn veröffentlicht habe. Ich verfolge damit die Absicht, mir selbst intensiv vor Augen zu halten, wie wertvoll die Zeit zwischen den Jahren für mich ist. Wie lange ich davon zehre, jenes Lesen in aller Form zu zelebrieren. Mich zu entschleunigen, Bücher um mich zu scharen, zu recherchieren und tief in meinen Gedanken in eine andere Welt abzutauchen. Auch in diesem Jahr ist es so. Ich habe einen Plan, dieses Ritual zur Weihnachtszeit fortzusetzen. Ich habe mir ein paar Bücher aufgehoben, die nun ihren Platz auf meinem Sekretär erobern. Ich will fortsetzen, was ich vor vielen Jahren begann. Ich werde den „Seiten der Welt“ von Kay Meyer und hierbei ganz besonders den beiden Spinn-offsDie Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ meine volle Aufmerksamkeit widmen. Ihr könnt mir gerne dabei folgen. Auf Facebook und bei Instagram wird in den ruhigen Tagen dieser bibliophilen Einkehr viel zu sehen und zu lesen sein… Entschleunigt und zelebriert mit mir.

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Die Seiten der Welt – Es ist angerichtet…

„Das Geheimnis meines Vaters“ von Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

„Ein Vater hat zwei Leben. Sein eigenes
und das seines Sohnes.“ 

Jules Renard

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Mit einem treffenderen Zitat könnte der Roman „Das Geheimnis meines Vaters“ von Xavier de Moulins nicht beginnen. Gerade als Vater eines erwachsenen Sohnes kann ich diese Zeilen nicht nur nachvollziehen, ich versuche sie zu leben. Allein über dieses Zitat könnte man schon sehr viel schreiben. Über den Zugewinn an Leben und Inhalt durch dieses zweite Leben. Ebenso jedoch auch über den partiellen Verlust des eigenen Ichs, weil man am Leben seines Sohnes teilhaben möchte.

Das gehört zu den Unabwägbarkeiten des Lebens. Es ist mit nichts aufzuwiegen. Schlimm wäre nur, wenn diese wichtige zweite Waagschale leer wäre. Es gibt nicht viele Vater-Sohn-Geschichten. Häufiger stehen weibliche Protagonisten im Vordergrund und ich habe auf der Buchmesse in Leipzig lange gesucht, bis mir dieses Buch bei Lübbe vorgestellt wurde. Was habe ich nicht in den letzten Jahren über Mütter, Töchter und Väter gelesen. Ich war froh, am Ziel meiner Suche zu sein. Ein „Große-Jungs-Buch“…

Mit welcher Erwartungshaltung man als Vater in einen solchen Roman startet? Eigentlich recht einfach. Das Konfliktpotenzial ist von Natur aus angelegt. Selbst erlebte Themenfelder wie überzogener Erwartungsdruck, Vorbildversagen, Fremdbestimmung, fehlende Toleranz und Empathie bieten sich an. Mit Sicherheit auch die oftmals nicht vorhandene Fähigkeit, miteinander über Gefühle sprechen zu können. Von allem etwas sollte ich in diesem Roman finden, doch „Das Geheimnis meines Vaters“ hat diesen Beziehungskonflikt mit Elementen gefüllt, die ich so nicht auf der väterlichen Rechnung hatte.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

„Ich hatte die Todesanzeige nach einem Muster aus dem Internet formuliert, weil ein mit Pathos gespickter Nachruf unter den gegebenen Umständen nicht gepasst hätte. Mein Vater bekam lediglich das… festgelegte Minimum. Wäre es einzig nach mir gegangen, hätte ich den Leichnam liebend gerne im nächsten Brunnenschacht entsorgt.“

Ups! Wie feinfühlig und wenig nachtragend eine solche Einleitung aus der Sicht des nicht sonderlich um seinen soeben verstorbenen Vater trauernden Immobilienmaklers Paul doch rüberkommt, wenn man sie genau liest. Da steht ein 40-jähriger Ehemann und selbst Vater zweier Kinder nicht gerade gebrochen vor dem Scherbenhaufen, den der tödliche Unfall seines Vaters hinterlassen hat.

Im November 2013 beginnt diese Geschichte mit ihrem eigentlichen Ende. Zwei gerissene Lungenflügel und vergebliche Rettungsversuche im Krankenhaus. Das Spiel ist aus für Jean-Paul. Was er zurücklässt ist ein ausgelebtes Leben und die Summe der ungeklärten Fragen über alle Faktoren, die seinen Charakter skizzieren könnten. Xavier de Moulins holt weit aus und blendet zurück. Zieht die Kamera auf und fokussiert die Kindheit und Jugend des jetzt vaterlosen Paul.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Eine anscheinend unbeschwerte Kindheit erleben wir mit dem 9-jährigen Steppke, dessen Leben der ständigen Überwachung untergeordnet ist. Allerdings eher liebevoll gemeint. Kein Schritt, kein Tritt bleibt unbeobachtet. Alles wird für die Nachwelt gefilmt. Kartonweise lässt sich sein Leben – oder das was seine Eltern dafür hielten – vorwärts und rückwärts abspulen.

Und genau wie dieser Lebensfilm läuft die große Vorstellung am Ende des Lebens seines Vaters im Kopf seines Sohnes ab. Wir erleben Phasen aufrichtiger Zuneigung, oberflächlicher Distanz, Vaterstolz und pubertärer Auflehnung. Wir werden Zeugen des Zerbrechens einer heilen Welt, als der Vater fremdgeht und alles in Frage stellt, was er selbst aufgebaut hat.

Wir lernen den einzigen wahren Freund an der Seite von Paul kennen. Oscar, liebevoll verschroben, auf der ewigen Sinnsuche in sich selbst und niemals die Basis dieser großen Jungenfreundschaft in Gefahr bringend. Seite an Seite gehen sie durch die kaum zu bewältigenden Krisen ihres Lebens. Seite an Seite verlieren sie sich nie aus den Augen. Rettungsanker auch in schwierigsten Zeiten.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Auch Ava kann daran nichts ändern. Ava! Allein der Name schillert im Roman, wenn man ihn nur flüchtig mit den Augenwinkeln berührt. Ava.. Pauls große Liebe, Ehefrau, Mutter seiner Kinder und angebetete Göttin im Himmel auf Erden. Ava… Was für eine Frau.

„Sechzehn Jahre, eine Ehe, zwei Kinder, eine Sternschnuppe, Rio, Bangkok, Jaisalmer, Texas, Arizona, New York, Teheran, Buenos Aires, Genf. Wir preschen voran wie Vollbluthengste. Der Tagesablauf wird von ihren Langstreckenflügen bestimmt. Ava Überschall. Sie ist meine Weltreise, mein fester Boden unter den Füßen, mein Düsenjet, Mach 3.“

Zwei Kinder entstehen im Überschalltempo. Eine eigene Familie, die vieles besser machen möchte als die vorherige Generation. Und jetzt? Nach dem Tod des Vaters? Was bleibt als bittere Erkenntnis? Paul muss hinter ihm aufräumen. Die Todesnachricht seiner Mutter, der damals verlassenen Ehefrau, überbringen. Daran zurückdenken, wie unberechenbar Vater wurde als er seine Familie verließ. Die Wunden betrachten, die seitdem in ihm klaffen.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Doch nur Oscar kann er in diesem Moment sagen, was ihn sprachlos und erniedrigt zurücklässt. Nur mit Oscar kann er darüber reden. Das Geheimnis meines Vaters ist, dass er nicht allein im Fahrzeug saß, als der Unfall geschah. Er ist zwar das einzige Todesopfer, aber zugleich hat er etwas umgebracht, das Vätern eigentlich heilig sein sollte.

Xavier de Moulins zeichnet ein angemessenes Psychogramm einer Vater-Sohn-Beziehung, die im Lauf der Jahre vielen Wechseln unterworfen war. Und doch ist es nicht stereotyp, was der Autor seinen Lesern hier unterbreitet. Die Geschichte schleicht langsam am Leser nach oben und im Moment der Erkenntnis greift sie fest zu, lässt nicht mehr locker und führt zum Zitat über den Brunnenschacht, das man nun mehr als gut nachempfinden kann.

Dabei macht es sich Xavier de Moulins nicht so leicht, die Schuld am Versagen der erwarteten Rollenbilder einseitig zu verteilen. „Das Geheimnis meines Vaters“ ist ein vielschichtiger Roman, der mit Sicherheit auch für Frauen interessant ist. Er verrät viel über das männliche Denken, Schutzreflexe, Neid und Eifersucht. Ein Roman, der mehr ist als eine Sternschnuppe. Und nicht zuletzt ist es ein Roman über eine wundervolle Freundschaft.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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Klammroth – Isa Grimm – Lesen mit Tunnelblick

Klammroth von Isa Grimm - Tunnelblick

Klammroth von Isa Grimm – Tunnelblick

Habt Ihr schon mal von „Klammroth“ gehört? Ich denke nicht, denn der kleine Fleck auf der Landkarte steht eigentlich fast nur noch symbolisch für ein idyllisches kleines Städtchen, das für seinen Wein und seine schöne Lage auch bei Touristen beliebt war. Na, das jedoch gehört der Vergangenheit an und es nicht viel geblieben von der einstigen Idylle.

Alles ist in den Flammen einer Katastrophe aufgegangen. Die Zukunft verrauchte an einem einzigen Tag vor fast genau 17 Jahren, als das schreckliche Unglück geschah, das dem Ort fortan seinen tragischen Stempel aufdrücken sollte. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gebrandmarktes Fleckchen Erde, dessen Narben bis heute nicht verheilt sind.

Der Tag, der fortan das Gestern vom Morgen durch ein Davor und Danach trennte, war der Tag der verbrannten Kinder. Vier Schulbusse, die kurz nach der Abfahrt zu einem Ausflug in einem Tunnel bei Klammroth miteinander kollidierten, in Flammen aufgingen und 89 Tote Jugendliche und Kinder in der Dunkelheit zurückließen. Alle bis zur völligen Unkenntlichkeit verbrannt. 200 Kinder waren an Bord der Busse. Fast die Hälfte tot. Die Überlebenden von schwersten Brandverletzungen für ihr Leben gezeichnet und vom Schmerz gepeinigt. Traumatisiert und der Zukunft beraubt. Vom Feuer ausgelöscht.

Klammroth von Isa Grimm - Feuriger Einstieg

Klammroth von Isa Grimm – Feuriger Einstieg

So muss man sich das Klammroth der heutigen Zeit vorstellen. Ausgebrannt. Die Opfer von einst haben ohne Schulabschlüsse und nach lange währenden Therapien den Sprung in eine andere Welt nicht geschafft und diese Welt hat sich von Klammroth abgewandt. Keine Touristen, keine Sehenswürdigkeiten. Ein im Tunnel verbrannter Ort, in dem es kaum eine Familie gibt, die keine Todesopfer oder Verletzten zu beklagen hat.

„Das Leben erwachte zum Sterben“… so lässt sich der traurige Tag des Unglücks beschreiben. Und doch gab es damals ein Mädchen, das glimpflicher davonkam, als alle anderen Opfer. Anais Schwarz verlor in der Flammenhölle ihre Haare und unter der Perücke, die sie heute trägt, finden sich die Narben von einst. Aber sie gilt als die „Glückliche“, die anschließend den Sprung aus Klammroth geschafft hat.

Inzwischen ist sie erfolgreiche Thriller-Autorin und hat sich ein scheinbar normales Leben aufgebaut, obwohl ihre Seele das Drama nie verarbeitet hat. Dass sie sich mit ihren Büchern, wie „Die Verbrannten“, in ihrer Heimat keine Freunde gemacht hat, kann man sich denken. Aus dem Unglück Profit geschlagen zu haben, wirft man ihr vor. Es hat die Falschen erwischt, sagt man im Ort, wenn man über sie spricht. Und nun holt sie ihre Vergangenheit mit einem erneuten Feuer ein. Brandgeruch wie einst… und der Tunnel ruft... und mit ihm die verzweifelten Kinderstimmen…

Klammroth von Isa Grimm - Der Tunnel wartet

Klammroth von Isa Grimm – Der Tunnel wartet

Der Tunnel wurde für die Menschen zum Sinnbild des Schreckens. Seine Eingänge sind mit schweren Eisentoren verschlossen und niemand nähert sich dem Ort des Dramas freiwillig. Der Tunnel erscheint in den Träumen der Opfer, er scheint zu rufen und auf neue Opfer zu warten. Er scheint, ein eigenes dunkles Leben zu führen, dessen einziger Sinn es zu sein scheint, Opfer zu fordern. So kommt es Anais jedenfalls vor, als sie nach Klammroth zurückkehrt.

Ihr Elternhaus ist abgebrannt und sie muss alles regeln. Fragen beantworten; Dinge regeln; ihren dementen Vater im Pflegeheim besuchen; den Tod ihrer Stiefmutter in den Flammen des Hauses aufklären helfen und dies alles vor dem Hintergrund der offenen und heimlichen Anfeindungen, die ihr von allen Seiten entgegen schlagen. Allein ist sie nicht. Ihre 14jährige Tochter Lily begleitet sie an den Ort ihrer Kindheit.

Anais sieht sich in Klammroth mit allem konfrontiert, was sie 17 Jahre lang erfolglos zu verdrängen oder zu bewältigen versuchte. Flammen; Schmerzen; Leid; die Gesichter der vernarbten Freunde von einst; Vorwürfe und Selbstanklagen; der täglichen Angst; den offenen Fragen um die mysteriöse Spezialklinik für Brandverletzte, die ihre Stiefmutter kurz nach der Katastrophe in Klammroth etablierte; mysteriöse nächtliche Anrufe ihres kranken Vaters und der magischen Anziehungskraft des Tunnels… Jenes Tunnels in dem alles endete und begann.

Als sie den einen entscheidenden Schritt macht… Den Schritt hinein in den Tunnel des Grauens, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen – drinnen und draußen…

Klammroth von Isa Grimm - Verbrannte Kinder

Klammroth von Isa Grimm – Verbrannte Kinder

Isa Grimm entwirft mit „Klammroth“ (Lübbe Verlag) ein Szenario, das ebenso einzigartig wie spannungsgeladen ist. Das zentrale Element der Handlung ist der Tunnel, der zur Metapher für allen Schrecken, die Ängste, die Schuld und die Schlaflosigkeit der vergangenen Jahre wird. Von ihm geht eine spürbare, pulsierende und atemraubende Bedrohung aus, die sich von Seite zu Seite des Romans schubweise steigert.

Isa Grimm scheint mitten im Tunnel zu stehen, und aus unzählig vielen Zutaten einen feurigen Eintopf für ihre Leser zu kochen, der in seinen Geschmacksrichtungen nicht vorhersehbar ist. Eine Prise Schuld; ein großes Bündel Schmerz; ein paar hundert Gramm wirtschaftliche Interessen; ein Pfund Psychose, 100 Jahre des Lebens eines geheimnisvollen Patienten in der Klinik, eine Tonne Seelenqual einer verlorenen Generation und vier Esslöffel Angst um das eigene Leben machen aus diesem Höllen-Mix eine tödliche Lesemischung.

Und wenn man sich dann genüsslich über die brodelnde Angstsuppe hermacht und hofft, dass sich alles auf der Ebene der Psyche abspielt, dann lässt die Autorin ganz beiläufig ein Messer in den Topf fallen. Eine Waffe, die nicht nur den Geist zu zerfetzen vermag. Isa Grimm ist unkalkulierbar und doch sehr plausibel in ihrem Schreiben. Ihre Charaktere leben und strahlen eine vitale Verletzbarkeit aus. Und Isa Grimm scheut nicht davor zurück, zu verletzen. Sie zieht Endlosschleifen der Angst durch ihren Feuertopf… Er kocht über und nur feuerfeste Leser werden das Ende des Romans erleben!

Klammroth von Isa Grimm - Sprachkunst

Klammroth von Isa Grimm – Sprachkunst

Dabei überrascht Tiefgründiges zwischen den Zeilen:

„Das ehemalige Hotel der Teusners… Es war nicht groß – nur acht oder zehn Fremdenzimmer, wie das hier in Klammroth auch heute noch hieß. Als wollte man keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass Gäste nur geduldet waren.“

Ich liebe Wortkunst ganz besonders dann, wenn sie so anscheinend unscheinbar und beiläufig in einem kleinen Satz versteckt ist, und man noch viele Seiten später immer wieder zurückblättert, weil das Denken außerhalb des Buches beginnt. In „Klammroth“ blättert man sehr oft zurück. Atemlos und gebannt. Man ist auf der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels und muss doch erkennen, dass Isa Gimm eine Zutat in ihrem Rezept verborgen hat, das man nur kennt, wenn man ihre Autoren-Vita beachtet… Sie promovierte über ein Buch, das die Existenz von Gespenstern und Quälgeistern beweisen sollte.

Diese gespenstische Zutat muss man ihr zubilligen…Sie verleiht dem Ganzen die Würze einer außergewöhnlichen und unvergesslichen Lesereise, die unsere Nerven auf Äußerste anspannt…. Und nun empfehle ich: Tunnelblick an und auf nach Klammroth. Aber Ihr müsst durch den Tunnel gehen… Es gibt keinen anderen Weg.

Klammroth von Isa Grimm - Licht am Ende des Tunnels?

Klammroth von Isa Grimm – Licht am Ende des Tunnels?