Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Er war der 56. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er schrieb gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Er war der erste Afroamerikaner in diesem Amt, man verlieh ihm den Friedensnobelpreis und er ließ seiner Amtszeit von 2009 bis 2013 eine zweite von 2013 bis 2017 folgen. Sein Slogan „Yes we can“ ging um die Welt und man romantisiert seine Präsidentschaft gerade in der heutigen Zeit, weil man ihn mit seinem Nachfolger Donald Trump vergleicht. Losgelöst von der politischen Kompetenz stehen gerade bei diesem Vergleich die soziale Kompetenz, die menschliche Wärme und sein unbestrittenes Charisma im Zentrum der Betrachtung. Hier lässt er seinen Nachfolger, auch aus Sicht internationaler Partner und Verbündeter, meilenweit hinter sich. Er war ein Ausnahmepräsident. Barack Hussein Obama.

Alles nur gefühlt? Alles nur emotional überlagerte Faktenlage oder belegbar? Können wir die Beliebtheit eines Präsidenten und seine Ausstrahlung wirklich bewerten oder ist es eher so, dass unsere Sympathien frei im luftleeren Raum hängen, wenn über einen Menschen urteilen, der aus unserer Sicht prägend für sein ganzes Land war? Vielleicht ist es so. Ich bin jedoch dankbar dafür, mich besser informieren zu können und mir auf diese Art und Weise (ganz besonders in Zeiten von Fake-News) ein ganz eigenes Bild machen zu dürfen. Ich bediene mich einer Kollektion von Primär- und Sekundärquellen, die in Gänze einen umfangreichen Blick auf den Menschen zulassen, der gerade heute im politischen Weltgefüge schmerzlich vermisst wird.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Barack Obama war der erste US-Präsident, der während der gesamten achtjährigen Amtszeit jeden Abend ausgewählte Briefe seiner Bürger las. Er hatte dazu ein eigenes Kommunikationszentrum installiert, in dem eine ganz besondere Crew die eingehende Postflut sichtete, sortierte und las. Der Lektüreraum im Weißen Haus war für insgesamt acht Jahre die Anlaufstelle abertausender E-Mails, Briefe und sonstiger Nachrichten. Er war der Ort, an dem darüber entschieden wurde, welche Briefe ihren Präsidenten ganz persönlich erreichen sollten und auf welche man mit standardisierten Antwortschreiben reagierte. Hier regierte nicht der Zufall. Hier steckte System hinter dem Chaos. Es gab Schlagwort-Wolken, Algorithmen und eben auch eine riesige Portion Empathie, die ins Feld geführt wurde, um den Präsidenten im Dialog mit seiner Nation zu halten.

10 Briefe am Tag. So lautete die Vorgabe von Barak Obama. 10 Briefe, hinter denen sich Menschen verbargen, Schicksale und Hoffnungen, Anliegen, Angst, Hoffnung und oftmals einfach auch nur der Wunsch, Dampf abzulassen. Dabei war schon zu Beginn dieses Kommunikations-Projektes klar, dass der Präsident nicht nur mit seiner Fanpost konfrontiert werden wollte. Ganz im Gegenteil. Barak Obama suchte nach Geschichten, die ihm sein Land zeigten, wie er es in der Abgeschiedenheit an der Spitze der Nation nicht mehr selbst erleben konnte. Die meisten Zuschriften mit den Worten: „Ich denke, Sie werden diesen Brief niemals lesen“ erreichten ihn tatsächlich nicht. Aber es gab da etwas, das sich schnell herumsprach und die Menschen dazu veranlasste, sich ihm anzuvertrauen. Barack Obama beantwortete die Briefe persönlich, handschriftlich und voller Einfühlungsvermögen.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas stellt den Versuch dar, nicht nur den Briefen auf die Spur zu kommen, nicht nur eine Kollektion aus Anliegen und antworten zu veröffentlichen. Die etablierte Journalistin geht in jeder Hinsicht weiter, als es der Buchtitel erwarten lassen würde. Sie veröffentlicht Briefe, die Obama erreichten und auf die er selbst antwortete. Sie hat ein Spektrum an Zuschriften ausgewählt, das die gesamte Bandbreite dieses Dialoges zeigt. Sie konfrontiert uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen, sie legt uns Beschwerden und Protestnoten vor, die den Präsidenten tief getroffen haben mussten. Sie zeigt uns Briefe und E-Mails, an denen sich Obama aufrichten konnte, weil sie die Auswirkungen seiner Politik auf den Einzelnen dokumentierten. Aber dann verlässt sie den Lektüreraum und spricht mit den Mitarbeitern dieser Dialog-Truppe, mit Praktikanten und Sonderbeauftragten im Weißen Haus, die an vorderster Front mit den Augen ihres Präsidenten lasen, schrieben, hörten und archivierten. 

Damit nicht genug. Parallel zu diesem intensiven und zutiefst menschlichen Blick ins Zentrum der Briefe, verlässt sie das Weiße Haus und begegnet den Menschen im weiten Land, die Antwort von ihrem Präsidenten erhielten. Sie erzählt ihre Geschichten und die Gründe, die dazu führten, dass man dem Präsidenten schrieb. Und dann zeigt sie, was seine Antworten kurz- und mittelfristig bewirkt, verändert und bedeutet haben. Diese multiperspektivische Betrachtung macht aus diesem Buch und der aufwendigen Hörbuchadaption mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie hebt die Briefe, Antworten und Sachverhalte, die ihnen zugrunde liegen auf eine Ebene, die jenseits der Politik in der Lage ist aufzuzeigen, was diesen charismatischen Menschenfänger im positivsten auszeichnet. Seine menschliche Größe wird in jeder Antwort aus seiner Feder sichtbar. Sein Umgang mit Lob und Kritik, ja sogar mit wüstesten Beschimpfungen verdient jede Hochachtung. Und die Antworten aus seiner Feder waren in der Lage, das Leben derer zu verändern, die ihm schrieben.

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Die persönlichen Begegnungen mit seinen „Brieffreunden“ gehören zu den ganz besonderen Höhepunkten dieses Buches. Ich werde die Mutter nicht vergessen, die ihm von ihrem ganz kleinen Leben erzählte, die ihm schrieb, wie schwer es ist das Geld für Familie, Haus und Krankenversicherung aufzutreiben. Die ihm mit auf den Weg gab, er möge sein Bestes geben, damit auch sie ihr Bestes geben kann. Ein Brief, der mehr erzählte, als eine einfache Geschichte. Er beschrieb die Lage der Nation. In einfachen Worten. Wie groß war die Überraschung dieser Frau, als sie von Barack Obama nach Washington eingeladen wurde, um seine Rede an die Nation zu hören. Wie groß muss ihre Überraschung gewesen sein, zu erkennen, dass ihr eigener Brief die Rede an die Nation war. Ein Meilenstein des Dialogs mit seiner Nation.

Jeanne Marie Laskas blickt in die Seelen und Herzen der Briefschreiber. Sie geht auf viele Mitarbeiter im Lektürezentrum zu und erzählt ihre Geschichten von Motivation, Betroffenheit und Liebe zu dieser Arbeit. Dabei hat sich die Autorin den denkbar besten Zeitpunkt für diese Reportage ausgewählt. Obama ist abgewählt. Trump steht kurz vor seinem Einzug in den heiligen Hallen. Die Zukunft des Briefprojektes ist ungewiss. Man räumt die Büros. Man räumt das Feld für jemandem dem man alles zubilligen kann, nur kein warmes Herz, keine Empathie und keinen Stil im Umgang mit Menschen. Es ist in jeder Zeile dieses Buches zu fühlen, wie der Abgesang auf eine Ära klingt. Alles ändert sich. Die Briefe in den letzten Amtstagen von Barack Obama sprechen eine deutliche Sprache. Acht Jahre dieser absolut beispiellosen Korrespondenz lassen den Untertitel „Das Porträt einer Nation“ zu.

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Ich begann dieses Porträt hörend. Die Stimmen von Christian Baumann, Julia Cortis, Juliane Köhler und Franz Pätzold trugen mich durch die Flut der Briefe und vermittelten das Gefühl, direkt ins Lesen und Schreiben involviert zu sein. Ihre Stimmen ließen mich teilhaben an den Sorgen und Nöten der Bürger, sprachen mich aber auch als Präsident ganz direkt an. Fast 10 Stunden in der gekürzten Lesung breiteten die Wucht einer Zeit vor mir aus, die heute vergangen scheint. Diese acht CDs entsprechen acht Jahren im Amt. Eine kurze Zeit. Eine sehr lange Zeit. Eine extrem wichtige Zeit. Und doch musste ich neben dem Gehörten auf das Buch zurückgreifen, weil es handschriftliche Briefe, in Eile verfasste Notizen, E-Mails und die handsignierten Antworten von Barack Obama beinhaltet. Die Textgestaltung ist brillant und die Authentizität, die das Buch ausstrahlt macht es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, in dem man immer wieder versinken möchte, wenn man den Glauben an das Gute in der Politik verloren hat.

Am Ende kommt er selbst zu Wort. Am Ende schließen sich Kreise beim ehemaligen Präsidenten. Jeanne Marie Laskas kann ihn zur Bedeutung der Briefe für sein eigenes Leben fragen, sie kann auf bestimmte Themen eingehen und beleuchten, wie die Post seine Haltung verändert hat. Barack Obama bleibt keine Antwort schuldig. Auch keine zur aktuellen Lage der Nation. „Briefe an Obama“ ist ein Muss für Menschen, die sich in sozialer und politischer Hinsicht mit der Welt auseinandersetzen. Ein Muss für Leser und Hörer, die Empathie als Grundlage von Führungsfähigkeit empfinden. Ein Muss in einer Zeit, in der diejenigen die Macht ergreifen, die Angst erzeugen, statt zu beruhigen oder Lösungen aufzuzeigen. Für mich ein Muss, weil mich die Themenvielfalt mehr als überrascht hat. Opfer von Amokläufen, Veteranen, Arbeitslose, verschuldete Menschen und Drogenabhängige, Inhaftierte, Alleinerziehende, Kranke ohne Versicherung, Mütter schwuler Söhne deren Väter Trump gewählt haben. Selten wird die Zerrissenheit eines Landes deutlicher. Selten wird ein Hoffnungsträger klarer erkennbar. Yes, we can. Das Mantra der Präsidentschaft Barack Obamas hallt lange nach.

Das Buch endet in Briefen. Das Hörbuch gönnt uns einen Ausschnitt von Barack Obamas Amtsantrittsrede 2009 im O-Ton. Gänsehaut garantiert..

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

„Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas
Hardcover: Goldmann Verlag
/ dt. von Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt / 544 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag 
/ gekürzte Lesung / 8 CDs / 9 Std. 43 Min / 22 Euro