Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten

Klee & Kandinsky - Nachbarn Freunde Konkurrenten

Klee & Kandinsky – Nachbarn Freunde Konkurrenten

Nein. Ich bin kein ausgewiesener Kunstfachmann. Das sei hier vorausgeschickt. Ich bin ein Mensch, der sich zum Schönen hingezogen fühlt, der vielleicht spürt, wenn in der Kultur Geheimnisse verborgen sind, die es zu entdecken gilt und der sich emotional an Kunstwerke binden kann, so wie sie sich an mich binden. Daraus erwachsen keine Expertise, kein Sachverstand und keine analytische Begabung. Aber ich darf für mich in Anspruch nehmen, über meine tiefen Gefühle zu sprechen, wenn ich von Kunst berührt werde.

Ich darf für mich in Anspruch nehmen, mich in „meinem Lenbachhaus“ wohl und geborgen zu fühlen, weil es sich mit mir und meinem Bild von Kunst verwoben hat und sich nicht mehr lösen lässt. Ich las „1913 von Florian Illies und stieß auf Franz Marc. Ich las seine Zeilen, die er Else Lasker Schüler widmete, malte mit ihm die Pyramide der blauen Pferde, hinterließ ein einzelnes legendäres Blaues Pferd und ritt mit ihm in den kriegerischen Tod. Ich erlebte, was ihm selbst gottlob erspart blieb. Die Entartung seiner Kunst im Braunen Deutschland.

Ich las „1914 – Ein Maler zog in den Kriegund lernte gute Freunde von Franz Marc kennen. Künstler, die sein Schaffen beeinflussten, mit denen ihn mehr als der „Blaue Reiter“ verband und mit denen er wohl noch lange gemeinsam gewirkt hätte, wäre er nicht als Schöpfer der blauen Pferde im Ersten Weltkrieg von seinem Pferd geschossen worden. 1911 gründen Wassiliy Kandinsky und Franz Marc die Künstlergemeinschaft „Blauer Reiter“. Beide revolutionierten die Kunst einer ganzen Epoche und scharten Menschen um sich, die ihnen mit aller ihrer Kreativität folgen wollten. Paul Klee gehörte zu ihnen.

Klee & Kandinsky - Nachbarn Freunde Konkurrenten

Klee & Kandinsky – Nachbarn Freunde Konkurrenten

Hier entstanden tiefe Freundschaften fürs Leben. Freundschaften, die nicht einfach waren, weil eben die Menschen, die sie schlossen selbst nicht einfach waren. Die Kunst verband, trennte, führte auf Abwege, vereinte, konkurrierte und ließ Spielraum für Streit. Losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext jedoch war diese Kunst nie. Provokation und Stilbruch. Beides war dem Blauen Reiter von der ersten Stunde an in die Wiege gelegt. Entsachlichung und Abstraktion waren Wesensmerkmale. Kunst darf das. Kunst kann das.

Als jedoch das Braun in Deutschland das Blau des Reiters überrannte wurde aus der erhofften Erneuerung der Kunst ihre Entartung. Versachlicht und ideologisiert wurde die Kunst. Braune Kunst. Nazi-Kunst. Instrumentalisiert. Arisiert. Jubelkunst. Führerkult-Kunst. Rassisch klinisch rein. Ur-Deutsch. Keine Welt, in der Kandinsky und Klee Platz hatten. Keine Welt mehr für ihre Bilder. Keine heile Welt mehr für ihre Leidenschaft und Begabung. Entartet. Aus der Art geschlagen gleichermaßen. Geschlagen und öffentlich exekutiert in den Kulturtempeln des Landes.

Flucht und Emigration blieben. Künstler retteten ihr nacktes Leben ins Ausland. Ihre Bilder beschlagnahmt und als entartet ausgestellt. Bloßgestellt. Kaltgestellt. Wer nicht ging, folgte bald seinen Bildern. Charlotte Salomon zum Beispiel. Von der nichts übrig blieb, außer ihren Bildern. Deportiert. Schwanger. Vergast. Ein Koffer mit besonderem Inhalt. C`est toute ma vie – Das ist mein ganzes Leben. Ihre Bilder.

Klee & Kandinsky - Nachbarn Freunde Konkurrenten

Klee & Kandinsky – Nachbarn Freunde Konkurrenten

Wenn ich heute das Lenbachhaus betrete, staune ich über das, was ich dort sehen darf. Es ist der Sieg der Kunst über die Zeit. Es ist die Manifestation des Entarteten, das heute das Braune verdrängt hat. Es ist der Beweis, was länger währt. Ideologie oder das Schöne. Hier hängen sie nun und warten still auf uns. All die Marcs, Klees, Mackes und Kandinskys, als wünschten sie sich, ihre Bildschöpfer hätten diese Strahlkraft noch erleben können. Auch ich wünschte mir, sie hätten es noch erlebt. Ihren Sieg und ihre Leistung, einer entarteten Gesellschaft den Weg zurück zur „Art“ gewiesen zu haben. Art = Kunst.

Marc und Macke fielen im Ersten Weltkrieg. Klee und Kandinsky starben im Exil noch bevor der Zweite Weltenbrand verraucht war. Nur Letztere haben ihre eigene Entartung erleben müssen. Ihre künstlerische Rehabilitation erfolgte viel zu spät. Sie hinterließen Gemälde, die Zeichen ihrer Zeit waren. Tiefe metaphorische Kunstwerke, die auch die Veränderungen ihre Schöpfer dokumentieren. Brauntöne, die sich düster einschleichen, als der Gleichschritt der gleichfarbigen Horden durch die Straßen hallte. Klee zeigt die Bedrohung symbolisch greifbar. Kandinsky blieb abstrakt. Beide malen Klartext.

Und für beide wäre es aus damaliger Sicht wohl unvorstellbar gewesen, was wir heute erleben dürfen. Das Münchener Lenbachhaus und sein Kunstbau stehen im Zeichen dieser beiden Künstler, die sich doch zuletzt als Ausgestoßene gefühlt haben mussten. Die Kunstgalerie widmet den beiden großen Malern und Weggefährten unter der treffenden Überschrift Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten eine Sonderausstellung, die bis zum 24. Januar 2016 im Kunstbau zu bestaunen ist.

Klee & Kandinsky - Nachbarn Freunde Konkurrenten

Klee & Kandinsky – Nachbarn Freunde Konkurrenten

Wir waren dort. Wir haben Paul und Wassily besucht. Und wir waren begeistert. Wir, das sind meine Herzensblogger-Kollegin Julia von Ruby`s Cinnamon Dreams, die Schriftstellerin Brigitte Riebe (Die Pestmagd, Feuer und Glas) und natürlich ich, der Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium und Nichtkunstkenner. Wobei man aufrichtig sagen muss, dass es nicht nur diese Sonderausstellung war, die uns magisch anzog, sondern auch das Lenbachhaus an sich. Ein Besuch vor Ort, ohne die grandiose Lichtinstallation im Foyer zu bestaunen und dann meinem Blauen Pferd zu begegnen, wäre nicht vorstellbar.

Es beginnt also erneut dort, wo die Freundschaft der beiden Maler begann. In der Nähe des Künstlerviertels Schwabing und entgegen aller Unkenrufe von einst bilden ihre Kunstwerke in dieser Ausstellung eine echte Einheit, die doch unterschiedlicher nicht sein kann. Individualisten in ihrer Kunst, Visionäre und Grenzwanderer mit ihren ganz eignen Mitteln, Stilen und Schaffensphasen. Fasziniert betrachtet man die Bilder, liest die Erläuterungen oder lauscht ganz einfach dem Audio-Guide. Hier findet jeder seinen eigenen Weg, sich Paul Klee und Wassily Kandinsky zu nähern.

Bleibend ist eine solche Ausstellung nie, wenn auch ihr Eindruck sich im geneigten Auge des Betrachters manifestiert. Sehr gut nur, dass mir ein Buch zur Ausstellung die Möglichkeit bietet, den gesamten Kunstbau, das Lenbachhaus und alle Werke von Klee und Kandinsky, die dort in einen inhaltlichen Zusammenhang gerückt werden mit nach Hause zu nehmen. Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten“ ist dabei mit seinen weit über 300 farbigen Abbildungen in Kunstdruck-Qualität alles, nur kein Ausstellungskatalog. Dieses großformatige und hochwertige Kunstbuch verkörpert den Dialog dieser beiden Künstler und bietet neben allen ausgestellten Gemälden eine unglaubliche Vielfalt, die es hier zu entdecken gilt. Eine bleibende Erinnerung aus dem Prestel Verlag!

Klee & Kandinsky - Nachbarn Freunde Konkurrenten

Klee & Kandinsky – Nachbarn Freunde Konkurrenten

1908 in Murnau beginnt eine Geschichte, deren Teil wir schon dann werden, wenn wir auch nur ein einziges Bild betrachten. Denn letztlich wurden sie für unsere Augen gemalt. Uns versuchen die beiden großen Avantgardisten aufzurütteln mir ihrer formlos schönen Kunst. Wir entdecken sehr viel in diesen Bildern. Wir können sie auch ohne Studium der Kunst unterschiedlichen Schaffensphasen zuordnen. Wir sehen die großen Unterschiede in ihrer eigenen Herangehensweise. Kandinsky abstrakt, teilweise scharf konturiert. Klee naturverbunden, detailverliebt.

Das Buch chronologisiert und macht transparent, was sich dem Auge verbirgt. Es blendet unverfälscht die wahren Menschen ein die hinter den Gemälden stehen. Es zeigt auf, wie beide lebten, liebten, lachten und auch verzweifelten. Zitate rücken Daten in den Rahmen, den sie sonst mit Bildern füllten. Sie erhalten scharfe Konturen, wobei sie eben diese zu verschleiern suchten. Dem Abstrakten der Kunst das Konkrete des Künstlers gegenüberzustellen. Das scheint die eigentliche Mission des Buches zu sein. Und sie gelingt.

Phasen des tiefen Lesens wechseln mit dem Staunen des Betrachters. Phasen des Staunens gehen in die kleine und präzise Recherche über. Und das Wundern wird erklärbar, indem beschrieben ist, warum einige Bilder von Kandinsky so ungewöhnlich für ihn zu sein scheinen, oder warum Klees Bauhausphase so quadratisch praktisch gut erscheint. Die Persönlichkeiten streben aus den Bilderrahmen hervor und treten in den Dialog, der vor mehr als 70 Jahren unterbrochen wurde. Mit diesem Buch holt man sich eine ganze Welt ins Lesezimmer und wird zum Besucher einer Vernissage, die man so schnell nicht vergisst.

Franz Marc - Das Blaue Pferd - Ein Dialog

Franz Marc – Das Blaue Pferd – Ein Dialog

Und doch sei mit Verlaub das Blaue Pferd am Rande noch erwähnt. Nach Paul und Wassiliy besuchten wir auch Franz. Und tief bewegt wie immer stand ich meinem Pferd gegenüber, das immer mit schief gelegtem Kopf auf mich zu warten scheint. Julia hat diesen Moment für mich festgehalten, ohne dass ich es bemerkte. Zu weit war ich weg in diesen Minuten. Zu intensiv auf einer Reise in die Vergangenheit und in die Gefühle, die mich mit diesem einzigartigen Bild verbinden.

In Gedanken brachte ich auch Paul Klee und Franz Marc wieder zusammen. Jenen Paul Klee ganz abseits der Ausstellung einem Gemälde von Franz Marc die letzte Ehre erwies, als er es auf unnachahmliche Weise restaurierte. Tierschicksale verbrannte zu einem Drittel, als es nach Franz Marcs Tod in einer Gedächtnisausstellung gezeigt wurde. Paul Klee fügte das zerstörte Drittel für seinen Freund wieder hinzu. Allerdings in deutlich abgedeckter Farbgebung. Die Grenze zwischen beiden Teilen des Bildes ist deutlich zu sehen. Paul Klee wollte allen zeigen, wie es vorher aussah. Das Territorium seines Freundes Franz Marc hat er dabei nicht betreten. Das ist wahre Größe.

Das war es. Fast. Was für ein Tag, was für eine Ausstellung und was für ein Buch, das bleibend eine Galerie in meinem Bücherregal eröffnet hat. Es war schön, dies nicht allein erlebt zu haben. Unvergesslich sind die Worte von Brigitte, die aus diesen Bildern Literatur entstehen lassen kann. Ihnen eine persönliche Dimension verleiht, die dann Geschichte erzählt. Und einzigartig waren die Momente mit Julia in den unendlichen Weiten des Lenbachhauses. Kind sein zu dürfen, dort wo es greifbar und ganz gewollt kitschig wurde. Erwachsen sein zu können, wo es historisch erhaben ist. Zweifeln zu dürfen, wo Beuys schier unerklärlich bleibt und weinen zu dürfen, dort wo mein Pferd auf mich wartete. Dafür danke ich – auch mit dieser kleinen Dia-Show..

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es geht weiter im Lenbachhaus. Diesmal unter der Überschrift „Kraftraum meines Geistes„. Ganz neu ausgestattet mit Jahreskarte und im tiefen Dialog mit meinem Blauen Pferd.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann sitzt er dir plötzlich gegenüber. Ganz leibhaftig und agiler, als man dies in Anbetracht seines Alters erwarten dürfte. Er nimmt die Bühne für sich ein, obwohl er kein Schauspieler ist, er dominiert den Raum mit seiner Ausstrahlung, auch wenn er kein einziges Wort sagt. Er lächelt verschmitzt, sucht direkten Blickkontakt und wirkt trotz des ausverkauften Saals gelassen und routiniert. Wobei Routine das Letzte ist, was sich in den nächsten zwei Stunden im Münchner Gasteig abspielen wird.

Günter Grass ist endlich da. Literaturnobelpreisträger und kritischer Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Umstritten, geliebt, gehasst, verrissen, kritisiert, auf den Olymp gehoben, fallengelassen, erhöht, erniedrigt, bewundert und abgestempelt. Mal war er zu aktiv, ohne es einzugestehen, dann war er zu passiv und stand dazu. Mittelmaß war nie sein Ding. Ein großer Autor der Extreme mit gewagt polarisierenden Bild-, Wort- und Satzkonstruktionen. Weiser und Naiver seines Landes. All dies saß nun vor mir, vor uns – zum Greifen nah.

Er war hier, um im Rahmen der 55. Münchner Bücherschau seine Ausstellung „Radierungen zu den Hundejahren“ zu eröffnen. Er wollte ein bisschen erzählen darüber, wie die Bilder entstanden, wie sie einzuordnen sind und er sollte ein wenig lesen aus diesem großen deutschen Roman in drei Büchern. Vielleicht würde er sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen zulassen und sich im launigen Zwiegespräch mit dem Moderator einige Aussagen entlocken lassen, die dem geneigten Grass-Liebhaber neu wären. Vielleicht, so war mein Hoffen, würde dies sogar ein sehr wichtiger Abend für die Literatur.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Sein Auftritt selbst entbehrte jeglicher Allüren. Ein Grass kommt nicht durch den Bühneneingang. Er bewegt sich im Besucherstrom und gar nicht inkognito durch die Menschen, die gleich sein Auditorium sind. Ungezwungen, ansprechbar, freundlich und bescheiden inmitten der Betrachter seiner Bilder, die nun er als Besucher betrachtet – mit den Betrachtern als neuem Rahmen – als würde sein Publikum den Bildern durch seine Präsenz eine neue Dimension verleihen. So schlendert, staunt und plaudert er. So ist er. Und so plaudert er auch mit uns. Gelassen und locker. Kein Star….

Nicht unsere erste Begegnung. Nicht zum ersten Mal quasi nicht ungestört und doch vergleichbar, weil er mehr als nahe steht und gar nicht entrückt kein Bild des entrückten Autors vermittelt. Man muss das erlebt haben, seine Aura gespürt haben, um diese begeisterten Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Obwohl ich meiner Chronistenpflicht folge, lasse ich mir doch selbst Spielraum für meine Bewunderung. Subjektiv wäre ich auch, würde ich neutral berichten. Da bin ich lieber kritisch verliebt!

Und mit Kristina habe ich eine profunde Grass-Kennerin an meiner Seite, die mich diesen Abend nicht allein erleben lässt, sondern gemeinsam mit mir in der ersten Reihe (Mitte) des Carl-Orffs-Saals Auge in Auge mit Günter Grass, diesem älteren Herrn mit selbstgestrickten Socken lauscht. Aus seinem selbstgestrickten Leben erzählend, seine Verstrickungen gestehend und dabei so sehr bestrickend zu wirken, dass er sein Publikum mit wahrer Literatur umgarnt.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Im Plauderton entwickelt sich ein moderiertes Gespräch, bei dem sich Grass gerne moderieren lässt und jederzeit moderat zu antworten weiß. Dann jedoch einmal in Fahrt gekommen, sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, -schauer und -fühler bewusst, immer weiter ausholt, ohne weit zu schweifen, immer tiefer greift, ohne zu versinken und immer bestimmter spricht, ohne dabei bestimmend zu wirken, wird aus dem Mann in der schmucklosen Cordhose eine Bühnenerscheinung, der man auf Schritt und Tritt folgt, ohne dass sie sich bewegt. Sein Geist bewegt sich erneut im Krebsgang einen Schritt zur Seite, zwei nach vorne und wieder einen zurück. Ihm zu folgen ist ein Vergnügen. Er setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk inhaliert hat. Er erzählt auch für Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen.

Er vermittelt Gefühl und Leidenschaft fürs Schreiben. Und er berichtet von seinem eigenen Leiden während des Schreibens, dem süßen Leiden eines Schriftstellers, der sich seiner Protagonisten nicht mehr zu erwehren weiß. Tulla Prokiefke wird plötzlich zum Thema, ebenjene Tulla, die eigentlich die Schwester von Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ werden sollte, was ebenjener Oskar seinem Schöpfer Günter aber nicht gestattete.

Zu dominant sei der kleinwüchsige Protagonist bereits gewesen, als dass er eine Schwester neben sich geduldet hätte und so entstand mit Tulla eine Frauenfigur, die sich fortan nicht mehr wirklich von der Seite von Günter Grass entfernte. In jedem Roman der „Danziger Trilogie“ tritt sie auf. Sie durchzieht die „Blechtrommel“ ebenso wie „Katz und Maus“ und schließlich finden wir jene Tulla, für mehrere Tage in einer Hundehütte lebend, in den „Hundejahren“ wieder. Eine ewige Liebesgeschichte zwischen Autor und Figur, die lange währt. Denn sogar an Bord des sinkenden Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in seinem Roman „Im Krebsgang“ taucht sie wieder auf. Wen wundert es ernsthaft, dass sie zu den wenigen Überlebenden gehört.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Davon erzählt er nicht nur. Er liest. Und wie er liest. Seine eigene Melodie verleiht dem Geschriebenen den eigentlichen grass´schen Rhythmus und nimmt die Zuhörer mit in einen unendlichen Erzählstrom, in dem die „Geschichte in die kleinbürgerliche Welt eingebrochen ist.“ Diese Erzählstimme muss man zumindest einmal im Leben gehört haben, um zu verstehen, warum Sätze so sein dürfen, wie Grass sie schrieb und warum es keinem Lektor gelang, sie zu begradigen
.
„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ antwortet Günter Grass gut gelaunt auf Vergleiche mit südamerikanischen Autoren des großen Realismus, die „aber viel später als ich in der Blechtrommel angefangen haben realistisch zu schreiben“ und bemängelt das Fehlen großer deutschsprachiger Vorbilder wie den Schriftsteller Jean Paul. „Würden heutige Autoren ihn wieder zu lesen beginnen, könnten ihre Geschichten sich auch wieder ein wenig oberhalb des Bauchnabels abspielen.“ Sein Publikum hat er lachend hinter sich. Er hat es an diesem Abend nie aus den Augen verloren.

Auf seinen Umgang mit Kritik angesprochen spürt man die tiefen Verletzungen, die ihm von Marcel Reich-Ranicki zugefügt wurden, als dieser auf dem Cover des Spiegel den Grass-Titel Ein weites Feld zerriss. Er bringt den Namen nicht über die Lippen und spricht vom „Unglücklich in die Literatur verliebten Kritiker“! Diese Kritik hat ihn zurück zum Malen gebracht und in der inneren Einkehr entstanden die Fundsachen für Nichtleser – jene Aquadichte, über die ich ausführlich schrieb.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Das Multitalent Grass bewegt sich seit gefühlten Urzeiten bildhauend, malend und schreibend durch unser Leben. Einen lebendigen Querschnitt seines Schaffens präsentierte er im Münchner Gasteig. Inhaltlich geschlossen und in allerbester Form entsprach dieser Auftritt dem gerade erschienenen Prachtband Sechs Jahrzehnte aus dem Steidl Verlag. Ein Werkstattbericht, der Grass in all seinen Schaffensphasen zeigt, von der Skizze bis zum Meisterwerk, egal in welcher Kunstrichtung.

Grass ist und bleibt Kulturschaffender der ersten Kategorie in Deutschland. Von Altersstarrsinn keine Spur, von plötzlich aufkommender Gnade gegenüber sich selbst und anderen weit entfernt und als der Moderator sanft zu ihm sagt „Ich glaube unsere Zeit ist um“ erwidert Grass nur lakonisch „Ich gehe davon aus, dass sie nur die Redezeit meinen. Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Auf die abschließende Frage, welche Pläne er denn noch habe für die literarische Zukunft erhält man nur die überaus freundliche Antwort: „Das verrate ich doch nicht hier!“. Ich bin dankbar für diesen Abend in bester Gesellschaft. Sein Lebenswerk lag ausgebreitet wie ein Teppich auf der Bühne und dieser große Autor hat es verdient, dass man diesen Lebensteppich mit Hausschuhen betritt, auch wenn man an einigen Stellen darauf rumtrampeln mag. Respekt sollte die Schuhgröße definieren.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann kommt er doch. Der Moment für einen leisen Abschied in aller Tiefe!

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass