„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

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„Heimaterde“ – Eine Weltreise durch Deutschland

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. In allen Sprachen dieser Welt, in jedem Land und für jeden Menschen lebenswichtige und unverzichtbare Begriffe. Heimat wird dabei fast in allen Sprachen mit dem Wort „Haus“ gleichgesetzt (frz. maison; span./ita. casa; lat: domum), nur das Englische holt hier so weit aus, wie unsere Sprache und beschreibt mit „Homeland“ nichts Gegenständliches, sondern eher die emotionale Bindung eines Menschen zu einem Ort. Zumeist ist es die ganz frühe Sozialisation, sind es die ersten Erinnerungen und Erlebnisse, die uns in die Heimat hineinwachsen lassen. Eine Prägung, die niemals verlorengeht.

Heimat gehört zu unserem Leben und je weiter wir uns von ihr entfernen, umso tiefer scheint sich das Gefühl zu verankern, was sie uns bedeutet. Heimatlos zu sein, ist wohl die brutalste Art und Weise, diesen Verlust als manifestiertes Gefühl zum Wegbegleiter der eigenen Zukunft machen zu müssen. Flucht, Emigration oder Vertreibung. Zeitlose Ursachen für Heimatlosigkeit. Ihre Symptome sind vielfältig. Entwurzelte Bäume kann man nur sehr schwer wieder verpflanzen. Und Integration ist nur ein Ansatz, der helfen kann, ein neues Heimatgefühl zu vermitteln. Kein Allheilmittel. Nur ein Ansatz, der nicht dazu führen darf, dass Menschen im neuen Umfeld neben ihrer Heimat auch noch ihre Identität an der Garderobe abgeben müssen.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Gerade in diesen Tagen spürt man dies deutlich. Ein Konflikt zwischen Türken, die seit Jahren in Deutschland leben und ihren sogenannten „Gastgebern“ (eine fatale und mehr als falsche Selbsteinschätzung) angesichts eines politischen Referendums in der Türkei zeigt, wie wenig wir anderen Menschen den Begriff Heimat zugestehen und wie sehr wir darauf bestehen, dass man sich doch bitte irgendwann zu entscheiden hat, wo man lebt und was man fühlt. Zwei Staatsangehörigkeiten auf der Grundlage verbriefter Freizügigkeit machen nicht heimatlos. Das erste Gefühl für Heimat bleibt unangetastet. Und so wird eine Abstimmung über die Zukunft ihrer Heimat für die meisten Türken, die mit uns, bei uns, unter uns leben zur Herzensangelegenheit, die emotional verankert ist.

Das ist nicht so schwer zu verstehen. Und doch fehlt uns manchmal der ungetrübte Blick für die Gefühlslage der Menschen in unserem Umfeld. Dabei ist Heimat losgelöst von politischer Geografie oder geostrategischer Zugehörigkeit zu sehen. Heimat ist viel mehr. Wer sich in aller Tiefe und vorurteilsfrei auf die Suche nach Heimatbegriffen und ihren emotionalen Folgen machen will, dem möchte ich ein ganz besonderes Buch ans Herz legen. „Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang, erschienen im Aufbau Verlag, ist viel mehr als eine Momentaufnahme eines Landes im Umbruch. Dieses Buch ist die empathische und intelligente Tür zu einem gemeinsamen Haus, dessen Bewohner wir zumeist nur vom Sehen kennen. Lucas Vogelsang ändert das und macht uns miteinander bekannt.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Und nicht nur das. Er macht uns mit uns selbst bekannt. Der neutrale Beobachter Vogelsang räumt mit Klischees auf, lässt uns die Perspektive wechseln und erzählt auf Augenhöhe, weil er sich selbst nicht ausblendet. Seine Heimatgefühle sind uns nah. Es ist so bewegend, ihm in seine eigene emotionale Prägung zu folgen, nachempfinden zu können, wo Heimat für ihn beginnt und was sie in ihm auslöst. Nur lebt eben niemand ganz allein in seiner Heimat. Und genau hier beginnt der Blick aus dem Fenster auf die Menschen in seinem Umfeld. Dieses weit geöffnete Fenster bietet auch uns Einblicke in eine Welt, in der wir selbst leben, ohne sie ganz wahrhaben zu wollen. Denn die vielen Menschen aus aller Welt verbindet eines in besonderem Maße. Die Idee von Heimat.

Vogelsangs Weltreise beginnt in seiner Heimatstadt Berlin. Die Menschen machen seine Reise zur Weltreise, denn hier findet er auf kleinem Raum all jene, die das Leben umgepflanzt, entwurzelt, neu eingepflanzt oder schon seit Urzeiten hier verwurzelt hat. Hier spielt die Herkunft eine Rolle, hier vermischen sich Gefühle, Ansichten und Rollen. Hier tobt das Leben und Vogelsang hat sein literarisches Stethoskop am Puls der Zeit. Sein Buch konfrontiert uns mit dem Unerwarteten. Bilder vom „Typischen“ beginnen zu bröckeln und die Menschen, die er uns näherbringt, sind uns nicht fremd. Keineswegs sogar. Wir kennen sie und doch ist uns fremd, was sich hinter den Fassaden versteckt, an denen wir in unserer Vorstellung klettern.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Wir begegnen den Boatengs, die ohne große Perspektiven gezeigt haben, wozu man in der Lage ist, wenn man seinen Traum lebt. Wir begegnen den Menschen, für die das Vorbild dieser Ausnahmefußballer alles bedeutet. Perspektive, Hoffnung, Stolz und den Frust über die unsägliche „Nachbar-Debatte“. Jerome Boateng hat vieles gemeinsam mit einem anderen Fußballer, den der Autor trifft. Diesmal in meiner Nachbarschaft. Es ist Jimmy Hartwig, dessen Karriere immer wieder an die Grenzen der Hautfarbe stieß. Heimat ist diesen Sportlern wichtig. Hartwig trägt sie im Zwerchfell, sein Dialekt reißt die Mauern ein, die andere beharrlich hochziehen. Heimat und die Boatengs. Ein schwierig zu fassendes Thema, das nicht nur durch Nationalmannschaften zu greifen ist. Heimat leuchtet. In vielen Stadien dieser Welt.

Lucas Vogelsang räumt auf mit banalen Bildern. Er stellt uns Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, um ein neues Leben zu beginnen. Und dieses neue Leben ist eine Persiflage der vorbestimmten Rollen. Da sind Kai und Ericson. Einer weiß, einer schwarz. Ihre Verbindung liegt in dem Mann begründet, der für beide der Vater war. Es klingt abwegig, was beiden geschah. Der Weiße lebte das Leben des Mannes, der ihn als Vater annahm, der Schwarze blieb bei seiner weißen Mutter und verlor den Kontakt zum leiblichen Vater. Wer spricht nun besser ghanaisch? Wer ist der echte Afrikaner? Was ist Heimat für sie und wer sagt aus voller Überzeugung: „Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann!“ Klischeemodus: aus. Das Staunen wird zum Lesebegleiter.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

„Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ geht mit jedem Schritt des Autors einen Schritt voran in das Niemandsland der Heimatbegriffe. Ur-Berlinerinnen, Politiker mit sogenanntem Migrationshintergrund, Tatortschauspieler, Menschen wie Du und ich, Prominente und die ganz großen Unbekannten kommen zu Wort. Deutschsein wird in seine Bestandteile zerlegt, ohne es zu zerlegen. Neugier wird geweckt und der Humor verbindet, wo andere Schranken trennen. Vogelsang schreibt brillant, verfängt sich und uns in seinen Wortspielen und zeichnet ein Muster auf die Deutschlandkarte, das man so schnell nicht vergisst.

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Warum eigentlich nicht Heimatboden, Vatererde und Mutterland? Gedanken, die beim Lesen kommen. Ein Buch das die Seiten sprengt und mich nachhaltig beschäftigt. Ob in Gesprächen mit Benediktinermönchen oder mit Menschen in meinem Umfeld. Ob in Gedanken an meine eigene Idee von Heimat. Das große Verdienst dieses Buches ist die emotionale Schnittmenge zu diesem Begriff. Es ist egal woher man kommt. Die folgenden Zitate aus dem Buch stehen für uns alle. Das ist Heimat, wie wir sie in „Heimaterde“ wiederfinden.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimat leuchtet.
Heimat ist das Land deiner Mutter.
Heimat ist, wo ich jemanden unter der Erde liegen habe.
Heimat ist auf eine Karte gemalte Hybris. Sie klingt gut.
Heimat ist der Ort, an dem man sich am meisten aufhält.
Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann.

PS:
Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich in aller Balance tief in mir ruhe. Heimat ist das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.
Heimat ist für mich der Lieblingsplatz meines Hundes, das Bücherregal mit meinen Schätzen und der Ort, an dem ich gerne die Augen schließen würde, wenn alles endet. Und was ist Heimat für euch?

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Heimweh kommt nach Fernweh

(Off-Topic) – Ein Gedankenflug, der durch Heimaterde ausgelöst wurde

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Jerome und Jimmy

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt NACH dem Lesen? Welche Leitbilder eines Romans bleiben in Erinnerung und ist man auch nach Jahren noch in der Lage, eine große Geschichte am Lagerfeuer mit guten Freunden teilen zu können? Oder bleiben nur Fragmente, Impressionen und der Titel eines Romans, den man zum Wegbegleiter des Lesens auserkoren hat? Diese Fragen sind meine Parameter für die Nachhaltigkeit von guter Literatur. Zu viele Bücher sind durch mein Lesen gerauscht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Nur die ganz guten unter ihnen geben im Kopfkino meines Lesens eine lebenslange Dauervorstellung.

Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen des Lesens an. Lese ich allein oder begebe ich mich mit wichtigen Menschen gemeinsam auf eine Lesereise? Welche Lebenssituation flankiert mein Lesen und gelingt es dem Buch, wichtige Ereignisse mit seinem Inhalt zu verbinden? All dies führt in der Rückschau dazu, dass aus einem Buch ein Herzensbuch wird. Unvergesslich eingebrannt in die Festplatte der Leserseele. Ein absoluter Volltreffer ins Herz und ein Buch, dessen Relevanz sich nicht mehr verliert.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina (Aufbau Verlag) ist ein solches Buch, da es untrennbar mit meinem Lebens- und Leseweg verbunden sein wird. Einerseits ist es ein brillant erzählter Roman über die russische Seele und die unergründliche Weite des Landes. Andererseits ist dieses Buch auch noch zutiefst politisch und beleuchtet in aller Präzision die gesellschaftlichen Umwälzungen im Großen und ihre Auswirkungen auf den kleinen Mann und die kleine Frau, die völlig unpolitisch plötzlich ins Räderwerk der Geschichte geraten.

Und es ist ein Roman, den ich nicht alleine gelesen habe. Suleika hat immer dann, wenn sie ihre Augen öffnete zwei Leser erkannt, die sie auf ihrem Weg durch Russland begleiteten. AstroLibrium und Literatwo waren in Sibirien, Bianca und ich fanden uns in endlosen Zügen wieder, wurden auf engstem Raum verschifft, deportiert und in einer der unwirtlichsten Regionen Russlands angesiedelt. Dabei ging es uns beiden gut. Wir hatten es warm unter den Lesedecken. Was man von Suleika nicht behaupten kann. Es ist ein Roman der Entbehrungen und des Verlustes, auf den wir uns sehenden Auges eingelassen haben. Es ist Suleika, der wir folgten und es ist eine Geschichte, die wir mit Mühe und Not überlebt haben.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Weit zurück sind wir gereist. In das Russland der frühen 1930er Jahre. In eine Zeit der Repressalien gegen Menschen, die der kommunistischen Partei im Weg waren. Ob wohlhabende Bauern oder einfache Landbewohner, die das kleine Stückchen Land, auf dem sie lebten als ihr eigenes betrachteten, sie alle standen dem Kollektivismus Stalins im Weg. Enteignungen und Umsiedlungen ganzer Familien fanden im großen Maßstab statt. Sibirien lautete das Ziel. Der GULAG begann, die Kinder Russlands zu fressen.

Wem die Lebensumstände russischer Bauern zu dieser Zeit nichts sagen und wer keine Vorstellung vom Frauenbild in der russischen Gesellschaft hat, der sollte sich nur ein einziges Mal in die Lage Suleikas versetzen. Wenn sie die Augen öffnet, beginnt der Tag an der Seite ihres Mannes und unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der für uns mehr als unvorstellbar ist. Bis sie die Augen wieder schließen kann, vergehen endlose und entbehrungsreiche Stunden, die schon dem Leser alle Kraft rauben. Gusel Jachina gelingt alleine schon auf den ersten 95 Seiten ihres Romans ein atemberaubender und desillusionierender Parforceritt durch den Alltag der jungen Bäuerin, die nicht ahnt, wie sehr die Kommunisten ihr Leben verändern sollten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

An einem Punkt, an dem man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, beginnt Suleikas eigentlicher Leidensweg. Der Hof wird enteignet, ihr Mann erschossen und sie selbst wird umgesiedelt. Erstmals ohne die Bevormundung durch einen Mann. Auf sich allein gestellt und heimatlos. Eine Deportation unter menschenunwürdigen Umständen entwurzelt die junge Frau. Ihr ist das Ziel unbekannt. Nur der Mörder ihres Mannes hat eine Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Das Schicksal will es so. Der linientreue Rotarmist Iwan Ignatow führt nicht nur diesen Transport der Deportierten nach Sibirien an. Er muss sich dort seinem eigenen Schicksal stellen.

Gusel Jachina lässt uns die Seele Russlands fühlen. In aller Hoffnungslosigkeit und unter ständiger Lebensgefahr erkennen wir in Suleika und den Menschen, denen sie in ihrer Geschichte begegnet eine tiefe Spiritualität, einen unbedingten Glauben und eine Kraft, die aus der Größe eines Landes und seiner Tradition gespeist wird. Die Autorin schreibt uns hierbei Menschen ins Herz, die von großer Bedeutung sind, wenn Suleika die Augen öffnet. Der Blick der jungen Frau hat uns in ihren Bann gezogen. Ihre Stärke und die persönliche Entwicklung geben der ganzen Geschichte Halt in haltlosen Zeiten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Unvergessen bleibt ein Arzt, der durch die Deportation aus seiner Lethargie gerissen und fast neu geboren wird. Unvergessen ein Kunstmaler, der für die Deportierten in der Kälte Sibiriens Träume von Paris entstehen lässt. Unvergessen all die Nebenfiguren im Taumel der Umsiedlung. Unvergessen auch Suleika, der die Augen in Sibirien geöffnet werden. Nicht nur für sich selbst. Nicht nur für die Menschen, die sie am Leben hielten. Auch für das größte und gleichzeitig gefährlichste Geschenk, das ihr ermordeter Mann ihr mit auf die Reise gab. Ein ungeborenes Kind….

Das ist kein Frauenroman, auch wenn er von einer unfassbaren Frau handelt. Es ist kein historischer Roman, weil er in sich geschlossen mehr als zeitlos ist. Es ist keine eindimensionale Geschichte, weil sie uns auf allen Ebenen packt. Es ist kein politischer Roman, weil er zutiefst menschlich ist. Es ist eine facettenreiche und sehr unpathetisch klingende Erzählung, die uns fühlen lässt, was russische Heimat bedeutet. Sibirien ist das Synonym für diese Geschichte. Lebensfeindlich, einsam, kalt, gefährlich und doch unergründlich schön. „Suleika öffnet die Augen“ entführte mich erneut in ein Lager“. Angela Rohr und Suleika vereint die Zeit im GULAG während des Zweiten Weltkrieges. Beide Bücher vereint die tiefe Kälte, in die sie eingebettet sind und die Wärme, die aus ihnen herausstrahlt.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt von diesem Buch? Mir bleibt die gesamte Geschichte. Es bleiben die Tiefe und Weite des Landes, endlose Zugfahrten in Viehwaggons, ein Schiffsuntergang, eine schreckliche Zeit in Reisighütten und die quälende Ungewissheit, wie man dieses Buch überleben soll. Mir bleibt der gemeinsame Leseweg an der Seite von Bianca. Wir haben uns an manchen Wegmarken getrennt, an Lagerfeuern aufeinander gewartet, die vielen Winter miteinander durchfroren und Menschen hassen und lieben gelernt. Wir staunten über Gemälde, die in der Taiga entstanden und schliefen im Lazarett. Wir fanden unser kleines bescheidenes Glück an einem Ort, der alles zu verheißen schien, nur das nicht. Und am Ende der Geschichte begegneten wir uns auf einer Lichtung um einen der ganz großen literarischen Momente unseres Lesens zu erleben. Hier wurden uns die Augen geöffnet.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina - Ein gemeinsamer Weg

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina – Ein gemeinsamer Weg

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин)

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!“ Hiram Johnson (1866 – 1946)

Viel Wahres steckt in diesem Zitat. Zeitloses und Allgemeingültiges. Wahrheit scheint nicht unmittelbar zur Begriffswelt eines Krieges zu gehören, denn Wahrheit (besonders die schonungslose) hat für die Mächtigen der Welt den faden Beigeschmack, sich nicht besonders motivierend auf diejenigen auszuwirken, die man auf die Schlachtfelder der Weltgeschichte schickt. Da leidet die Motivation und auch die Mobilisierung aller Kräfte ist nicht einfach, wenn man auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

War so. Ist so. wird immer so bleiben. Besonders interessant ist jedoch der Umgang mit Wahrheit, wenn ein Krieg beendet ist. Sieger schreiben Kriegsgeschichte und es ist unumstößlicher Fakt, dass diese Geschichte von Ruhm und Glorie getränkt ist. Was mit Lügen beginnt, kann ja nicht in Wahrheit enden. Fehler werden übertüncht, Zufälle sind plötzlich Teil der großen Strategie und sinnlose Opfer werden auf Heldenfriedhöfen der Sieger in den Himmel gehoben. Keine Anstrengung war umsonst. Alles war gewollt.

„Die Heldentat besteht darin, dass er den Befehl – Keinen Schritt zurück – ausgeführt hat. Das ist ein grausames Beispiel, aber ein Beispiel für alle.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die Memoiren der Kommandeure zeugen von den großen Taten, während einfache Soldaten ihre Erinnerungen zu relativieren haben, da sie ja nie den Blick auf das Ganze haben konnten. Wahrheit ist relativ. Ja, sie wird sogar bewusst erzeugt und damit auch zum Instrument der Propaganda. Ein besonders signifikantes Beispiel findet sich in der jüngeren Geschichtsschreibung. „Der große Vaterländische Krieg“ der Sowjetunion gegen die Militärwalze des Dritten Reichs war an Menschenverachtung gegenüber den eigenen Soldaten kaum zu übertreffen. Stalin war ein Kriegsverbrecher an der eigenen Bevölkerung und an den Soldaten seiner Roten Armee.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde über die unmenschlichen Bedingungen geschwiegen. Stalins Verbündete wussten um die Zustände, wollten den Erfolg jedoch nicht durch Kritik aufs Spiel setzen und nach Stalins Tod gehörten die Legenden dieses „Vaterländischen Krieges“ bereits zum kollektiven Allgemeingut der Gesellschaft. Aus Lügen und der Vertuschung eigenen Versagens war historische Wahrheit geworden. Es blieben Gerüchte, Erzählungen der Veteranen und es blieben sehr wenige authentische Bücher, in denen russische Soldaten dieser gewachsenen Wahrheit die Stirn boten.

„Die Soldaten hatten ihre eigene, bittere Wahrheit: fliehende Truppen, die ihre Führung verloren hatten, eingekesselte Armeen, aus denen sie zu tausenden
in Gefangenschaft gerieten, verbrecherische Befehle von Kommandierenden,
die ihre Vorgesetzten mehr fürchteten als ihre Gegner.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt,
darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.“

Daniil Granin hat der Scheinhistorie seine Schützengrabenwahrheit des einfachen Soldaten entgegengesetzt. Dabei zeichnet der russische Autor ein anderes, ein neues Bild dieses Krieges aus Sicht eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet und ohne große Vorbereitung, gänzlich unbewaffnet als Volkswehrmann an die Front geworfen wird. Der Überfall der Hitler-Diktatur auf die Sowjetunion hat gerade erst begonnen und doch findet sich Daniil Graniin in einer Kampflinie wieder, die in heilloser Auflösung begriffen ist.

Das konnte nicht seine heldenhafte Rote Armee sein! Seine Helden fliehen panisch vor dem heranrückenden Feind. Die ganze Front ist in Auflösung und der Volkssturm ist schon jetzt das letzte Bollwerk gegen den Feind. Mangelhaft ausgerüstet, unbewaffnet und ohne erfahrene Führung gilt es zuerst, Waffen zu organisieren, sie einzutauschen und dann allen Mut in die Waagschale zu werfen, um den Deutschen standzuhalten. Es ist die pure Verzweiflung, die den jungen Soldaten überfällt. Die Verluste sind enorm.

„Der Tod hatte aufgehört zufällig zu sein. Zufall war es, zu überleben.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die russische Kriegsführung war ein Verbrechen nach innen. Ein Menschenleben hatte keinen Wert. Die Masse sollte den Feind besiegen. Strategie, Taktik oder Führung basierten nur auf dem Gedanken unerschöpflicher menschlicher Ressourcen. Schon in den ersten Kriegstagen verlor die Rote Armee mehr als drei Millionen Soldaten. Welle um Welle wurden Divisionen ins Gefecht geworfen. Koste es was es wolle. Basis dieser menschenverachtenden Vorgehensweise war, dass die Soldaten mehr Angst vor ihren Vorgesetzten haben mussten, als vor den Gegnern. Dem Einzelnen wurde sehr schnell klar, dass sein Leben nichts zählte. Graniin verschwand in dieser Masse.

Wie kann man siebzig Jahre nach diesen Ereignissen darüber schreiben? Wie der abstrusen Dimension der Ereignisse begegnen und dabei sortiert chronologisch eigene Erinnerungen rekapitulieren? Daniil Granin gelingt dies mit einem doppelten Kunstgriff. Zwei Perspektiven schildern den Krieg aus eigentlich einer Sicht. „D“ ist hierbei Daniil, der einfache Soldat, der sich vor Angst in die Hosen macht, sich zu seiner Feigheit und Mutlosigkeit bekennt, der kritisiert, schimpft und an der Führung zweifelt.

Mein Leutnant“ nennt er seine zweite Sicht auf die Dinge. Daniil Granin als frisch beförderter Offizier (weil die anderen gefallen sind) ist nun plötzlich der an den Sieg und die Macht der Roten Armee glaubende Soldat, der nun selbst Verstärkung ins Gefecht wirft und Menschenleben im Schlachtkessel opfert. Als sei er mit der neuen Aufgabe in sich gewachsen, stellt sich der Leutnant seinem Krieg. Die Verteidigung der belagerten Stadt Leningrad scheint ebenso aussichtslos wie die Belagerung selbst. Hier wird nur gestorben. Verreckt.

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Doch diese Perspektiven allein genügen Granin nicht. Den beiden Soldaten stellt er einen weiteren, in die heutige Zeit entrückten Erzähler zur Seite, der nun in der tiefen Rückschau nach siebzig Jahren mit all den Klischees, Legenden und Heldengesängen aufräumen kann, die „D“ und „Mein Leutnant“ subjektiv wahrgenommen haben. Hier berichtet ein literarisches Triumvirat über die Schrecken des Krieges, wobei die eigene Armee und ihre Führung die Rollen der eigentlichen Höllenhunde einnehmen.

Ein verstörend aktuelles Buch gegen den Krieg. Ein Appell, ihn nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen und nicht obrigkeitshörig blind zu glauben. Ein Manifest gegen die Gewalt der Worte und der Waffen und ein Buch, das inzwischen auch international für Aufsehen gesorgt hat. Daniil Granin hat an den Denkmälern einer ganzen Gesellschaft gekratzt. Einige davon hat er zum Einsturz gebracht und neue errichtet. Die einfachen und kleinen Leute rücken nun ins Licht.

Mit ihnen für mich immer unvergessen, die kleine Lena Muchina, die in Leningrad eingeschlossen war, während Daniil Granin die Stadt verteidigen sollte. Manchmal ist die ganze Welt nur ein paar Quadratkilometer groß. Manchmal ist sie aber viel zu klein für all die Opfer, die der Kampf um wenige Meter Boden gekostet hat. Der Schriftsteller Granin erobert längst verlorenes Terrain zurück. Sein Sieg heißt Menschenwürde.

Sein Buch trägt den Namen Mein Leutnant und ist beim Aufbau Verlag erschienen.

PS: Ein Nachruf am 05. Juli 2017 zum Tode von Daniil Granin.

Mein Leutnant von Daniil Granin - Gegen das Vergessen

Mein Leutnant von Daniil Granin – Gegen das Vergessen

Der Kriegsschauplatz Russland bei AstroLibrium „Gegen das Vergessen„:

Und noch eine persönliche Betrachtung aus rein familiärer Sicht

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„Die Nachtigall“ – Mit Kristin Hannah im besetzten Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah - AstroLibrium

Die Nachtigall von Kristin Hannah – AstroLibrium

Wie kann ich am Anfang beginnen, wenn alles, woran ich denken kann, das Ende ist?

Historische Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund stehen derzeit hoch im Kurs. Wenn man sich als Autor jedoch einer Epoche verschreibt, die in der tragischen Dimension eine besondere Relevanz für die heutige Zeit hat, dann sind gute Recherche und Authentizität die wesentlichen Parameter, die jenseits aller Fiktionalität zu beachten sind. Die Geschichte zur bloßen Kulisse für den eigenen Romanstoff zu degradieren ist nur vertretbar, wenn eben diese Geschichte in sich selbst harmlos und unbedeutend ist.

Einen Roman im Zweiten Weltkrieg anzusiedeln und das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich in den Mittelpunkt zu stellen ist literarisch gewagt, weil dieses historisch facettenreiche Thema differenziert zu betrachten ist. Ein kleiner Fehler in der Plausibilität der beschriebenen Rahmenbedingungen schadet nicht nur der Geschichte, sondern ist auch in der Lage, dem sensiblen Gedenken an die Opfer nicht mehr gerecht zu werden. Letztlich führt es dazu, dass auch die fiktionalen Protagonisten im luftleeren Raum hängen und ein Roman ohne tragfähige Botschaft entsteht.

Kristin Hannah hat ihren Roman Die Nachtigall ganz bewusst in diesem Kontext angesiedelt und damit Rahmenbedingungen ausgewählt, die unveränderbar historisch verbrieft sind. Wenn man an die Jahre der deutschen Besetzung von Frankreich denkt, sind folgende Begriffe die brutalen Konstanten einer instabilen Zeit. Resistance, Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung, Kollaboration, Repressalien, Willkür der Besatzer, Judenverfolgung und Deportation unter Beteiligung der französischen Vichy-Regierung und nicht zuletzt die Rolle der großen Religionen angesichts des Holocaust.

Die Nachtigall von Kristin Hannah - Das besetzte Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Kristin Hannah tangiert in ihrem Roman jeden einzelnen dieser Themenbereiche. Der Spielraum für freie Interpretation ist klein und mein persönlicher Anspruch an ihren Roman ist hoch, wenn er sich von reiner kulissenhafter Unterhaltungsliteratur abheben möchte. Ich habe viel über diese Zeit gelesen. Ich habe über das besetzte Frankreich einige Artikel verfasst, die auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Romanen zeigen, ob ein Roman wie „Die Nachtigall“ an der Oberfläche bleibt, oder sich mit Plausibilität und Tiefgang einer Zeit widmet, die gerade heute nicht vergessen werden darf.

Kristin Hannah trifft mit ihrem Roman, seiner Konstruktion und ihrer Sprache die Seele Frankreichs, weil sie keine gefährliche Klippe umschifft hat. Das Frankreich, von dem sie schreibt ist so authentisch und präzise, dass man sich bereits im ersten Kapitel des Romans fühlt, als wäre man von der Autorin in das Jahr 1939 versetzt worden. Ihre Geschichte zweier Schwestern ist historisch präzise-komplex und authentisch angelegt. Sie beschreibt die Stimmung eines ganzen Landes an der Schwelle zum Krieg mit dem Erzfeind Deutschland so bildhaft und greifbar, dass man sich vollends auf das Schicksal von Vianne und Isabelle konzentrieren kann.

Ihr Weg ist der Weg so vieler Frauen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges in einem zerrissenen Frankreich, das sich einerseits mit den Besatzern arrangiert, auf der anderen Seite jedoch in kleinen effektiven Widerstandsgruppen der Resistance widmet Vianne und Isabelle könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie Schwestern sind. Vianne, die Ältere von ihnen glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter steht für den Erhalt der Familie und alle Kompromisse, die man eingehen muss um sich zu schützen. Koste es was es wolle. Isabelle hingegen irrt ziellos durch ihr Leben. Widerspenstig und ohne jede Bindung ist sie in der Lage und bereit, alles in die Waagschale zu werfen, um gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

So entwickeln sich die Lebenswege der Schwestern unterschiedlich, nachdem die Wehrmacht von Paris und halb Frankreich Besitz ergriffen hat. Viannes Ehemann gerät schnell in Kriegsgefangenschaft und so gilt es nun, allein auf sich gestellt zu überleben. Schnell quartiert sich ein deutscher Offizier im Haus von Vianne ein und die Ambivalenz aus Hass und Kompromissbereitschaft wird zum täglichen Begleiter. Isabelle findet ihre Bestimmung in den Reihen der Resistance. Widerstand – das passt zu ihr. Alles geben und selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Das ist ihr Weg.

Zwei Wege, die Vianne und Isabelle voneinander entfernen. Kristin Hannah gelingt es durch diese beiden Perspektiven zwei komplexe Erzählräume zu gestalten, die den Schrecken des Krieges zum hautnahen Leseerlebnis machen. Während Vianne an der Seite ihrer Tochter das Grauen der Okkupation, die sich täglich verschlechternde Lage in der Versorgung mit Lebensmitteln und die Eskalation der antijüdischen Gesetze auf dem Land erlebt, stürzt sich Isabelle in ein lebensgefährliches Abenteuer. Ihr gelingt es, abgeschossene alliierte Piloten auf geheimer Route über die Pyrenäen zu bringen und sie macht sich als „Nachtigall“ einen Namen in der Resistance.

Und doch verbindet die Schwestern mehr, als sie wahrhaben wollen. In Zeiten des Krieges und der Einsamkeit stellen beide fest, dass Lieben nicht geliebt werden dürfen, Gefühl zu gefährlich ist und man beharrlich lügen muss, um sich selbst und andere zu schützen. Die Vergangenheit und der Vater, der nie für sie da war, zehrt an beiden. Die Gegenwart zwängt sie in ein Korsett und nur langsam und mit fortschreitender Brutalität des Krieges gelingt es Vianne und Isabelle die Fesseln abzustreifen. Beide beginnen zu kämpfen. Nicht nur für ihr Land. Auch für sich selbst und ihre Freunde.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Kristin Hannah entwirft hier kein Roman-Panorama. Sie erzählt eine Geschichte, die sich tausendfach zugetragen hat. Sie blendet nichts aus. Sie zeichnet die Charaktere nicht in einfachen Gut-und-Böse-Klischées, sondern arbeitet sehr präzise heraus, was sich in den Zwischentönen einer Persönlichkeit abspielen kann. Ihr gelingt sogar, einen deutschen Besatzer im Hause von Vianne so differenziert zu skizzieren, dass Gefühle verständlich werden, die beide in dieser Zeit verbinden. Sprachlich fesselt die Autorin in ihrem Spagat zwischen romantischer Sichtweise, naiver Schwärmerei und knallhartem Realismus angesichts der Kriegssituation.

„Die Nachtigall“ ist eine literarische Herausforderung für alle Leser, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten begnügen. Dieser Roman dringt in die Tiefe vor, schildert in aller Härte die Abgründe des menschlichen Geistes und seine Größe. Kristin Hannah gelingt es, Perspektiven zum Tragen zu bringen, die das Herz brechen und den Verstand ganz langsam um seinen Glauben an die Menschheit bringen. Die größte Leistung allerdings ist die Botschaft, die dieser Roman in aller Nachhaltigkeit vermittelt. „Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.“ Diese nachhaltige Strahlkraft hätte ich dem Roman nicht zugetraut. Deshalb habe ich ihn auf Herz und Nieren geprüft, meine vielen Bücher über diese Zeit zurate gezogen und anhand dieser Referenzen mein Urteil über „Die Nachtigall“ gebildet.

Selten habe ich ein Buch so kritisch beleuchtet. Selten musste eine Schriftstellerin so große Hürden in meinem Lesen überwinden. Nur einige Werke möchte ich an dieser Stelle aufführen, um zu verdeutlichen wie ich zu meiner abschließenden Bewertung des Romans komme und warum ich ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihe. „Die Nachtigall“ vermag durch Spannung zu fesseln, durch den Erzählkosmos zu begeistern und so ganz gezielt Hintergründe zu vermitteln, die man sich nur anlesen könnte, wenn man einen ganzen Kosmos an Literatur zu dieser Zeit verschlingen würde.

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Die Nachtigallist so französisch authentisch, wie die „Suite Francaise“ von Irène Némirovsky. Jener jüdischen Schriftstellerin, die ihr Frankreich als besetztes Land so verzweifelt beschrieb, als könnten ihre Worte es retten, bevor sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde und starb. „Die Nachtigall“ ist so erhellend, wie „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr, weil es die kindliche Hilflosigkeit in diesem Krieg so greifbar macht. Der Roman ist so bitter wie „Charlotte“ von David Foenkinos, weil er zeigt wie chancenlos jüdisches Leben damals nicht nur in Frankreich war. Der Roman ist relevant, weil er die Rolle der Religionen nicht ausklammert und wie Sonnenschein von Daša Drndić den Identitätsverlust geretteter Kinder thematisiert.

Und nicht zuletzt ist „Die Nachtigall so herzzerreißend, wie „Das versteckte Kind„, weil das Buch den Weg jüdischer Familien in den Holocaust begleitet. Und das in aller Härte und schonungslos. Darüber hinaus ist „Die Nachtigall“ so widerstandsfähig, wie „Der Finsternis entgegen“ von Arne Molfenter, der die grausame Brutalität der Nazis gegenüber den Angehörigen der Resistance beschreibt. Ich habe keinerlei Lücken im Roman von Kristin Hannah gefunden. Ich bin von diesem Buch überzeugt und empfehle es mit gutem Gewissen. Es ist in der Lage, Empathie zu wecken, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen und den Blick für die heutige Zeit zu schärfen. „Die Nachtigall ist keine Kulisse.

Wappnen Sie sich für dieses Buch. Es ist voller Überraschungen, Tragödien, Dramen und Hoffnung. Bestechend in seiner Konstruktion empfand ich den Rahmen, den Kristin Hannah um den gesamten Roman gespannt hat. Ein Rückblick auf die Ereignisse von einst. Ein Blick zurück auf zwei Leben, die durch Blut miteinander verbunden sind. Zwei Schwestern, die sich im Gedächtnis der Leser einen wichtigen Platz erobern werden. Aus wessen Perspektive dieser Rückblick und damit die ganze Geschichte erzählt wird, das gilt es selbst zu erlesen. Ich empfehle Taschentücher. Großes Kino. Großes Buch.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich