Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Es ist eine Stadt, die mich fasziniert, obwohl ich sie nie in meinem Leben mit den eigenen Augen sah. Es ist eine Stadt, die ich literarisch bereiste und die im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht nur häufig ihren Namen wechselte, sondern auch das Leben ihrer Bewohner vor immer größere Herausforderungen stellte. Ich betrat Leningrad auf meinen Reisen „Gegen das Vergessen“, erlebte die russische Metropole belagert und umklammert von allen Seiten. Die Wehrmacht versuchte die Stadt im Zweiten Weltkrieg auszuhungern. Eine Belagerung nach mittelalterlichen Maßstäben. Das Ziel lag auf der Hand: Der Exodus der Zivilbevölkerung durch Hunger, Krankheit und Kälte.

Ich befand mich lesend in der Stadt, verfolgte ihre Belagerung von innen und außen, verteidigte sie mit allen Mitteln und verhungerte schließlich am langen Arm der Diktatur des Dritten Reichs. Ich überlebte beseelt durch eine Sinfonie und überstand die großen Entbehrungen an der Seite der verzweifelten Bewohner. Im „Lärm der Zeit“ musizierte ich gegen den Feind an. „Mein Leutnant“ reihte mich freiwillig in die große Schar der Verteidiger ein, mit dem „Echolot“ gelang es mir, die Feldpostbriefe und Tagesbefehle der Wehrmacht zu durchforsten und doch verhungerte ich fast beim Lesen von „Lenas Tagebuch“. Leningrad hat sich mir eingebrannt, und doch war ich neugierig, die Stadt vor und nach dem Krieg kennenzulernen. Ich wollte den Glanz der großen Zarenstadt erleben, Sankt Petersburg entdecken und auf meiner Reise durch die Zeit eine Lücke schließen, die ich als schmerzhaft empfand.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Sankt Petersburg, Petrograd, Leningrad, Sankt Petersburg. Oder einfach liebevollPiter“, wie die einheimischen ihre Stadt an der Newa immer nannten. Unterschiedliche Namen für das Herz Russlands. Ich begab mich auf die Suche nach Büchern, die mich der Stadt der 2300 Paläste näherbringen konnten, Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt wurde ich fündig. Nun hat diese Reise in die Zeit begonnen und am Ende der ersten Lese-Etappe habe ich 100 Jahre an der Seite des Autors Jewgeni Wodolaskin in Sankt Petersburg verbracht. Dabei kam es mir nur vor, als seien es ein paar Wochen gewesen. Ein Gefühl, das ich mit Innokenti Platonow, dem Protagonisten des Buches teilte. Der „Luftgänger“ führte mich an die Grenzen der Metropole, bis an die Grenzen meiner Wahrnehmungsfähigkeit und über die Grenzen meiner Vorstellungskraft hinaus.

Es hat gedauert, bis ich mich mit dem „Luftgänger“ anfreunden konnte. Ich muss zugeben, dass mir meine Vorstellungen von Zeit und der Chronologie von Ereignissen zu Beginn des Romans im Weg standen. Chronos und Logik mussten erst überwunden werden, bevor mich Sankt Petersburg in seine Arme schließen durfte. Ich möchte Euch diese Geschichte ans Herz legen. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen, weil in ihr die perfekte Mischung aus Politthriller, historischem Roman und romantischer Lovestory zu einem generationsübergreifenden Erzählraum verdichtet wurde. Und doch muss ich ein wenig genauer werden, warum es sich unbedingt lohnt, sich auf den „Luftgänger“ aus der Feder von Jewgeni Wodolaskin einzulassen.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

„Innokentis Geschichte ist nicht nur zeitlos. Ihre Besonderheit liegt zudem darin, dass sie nicht aus Ereignissen besteht, sondern aus Phänomenen.“

Dieses Zitat aus dem Roman steht für den Roman. Wenn man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lässt und sich von Kapitel zu Kapitel vorwärts und rückwärts durch die Zeit bewegt, dann nimmt einen jedes einzelne Bild, jeder Satz und jedes Gefühl der sprachlich brillant erzählten Geschichte gefangen. Wir begegnen Innokenti Platonow zum ersten Mal 1999 in einer Sankt Petersburger Klinik. Sein Gesundheitszustand ist miserabel. Sein Erinnerungsvermögen gleicht der Ruine eines prächtigen Palastes. Er memoriert Gefühle, Stimmungen und kann sich an Gesprächsfetzen und Menschen in seinem Leben erinnern. Allerdings völlig losgelöst von den Ereignissen und Jahren, in denen sie sich in seinem Kopf festgesetzt haben. 

Er liebt Sankt Petersburg. Das steht fest. Er weiß auch, dass er die Stadt seit ewigen Zeiten zu kennen scheint und er hat Bilder aus der alten Kaiserstadt vor Augen, die auf die Jahrhundertwende zurückzuführen sind. Sein behandelnder Arzt empfiehlt ihm alles aufzuschreiben, was ihm durch den Kopf geht, um dann ganz langsam die Geschichte zu rekonstruieren, die hier im Krankenbett des Jahres 1999 erwacht ist. Sein Name, ob er einen Unfall hatte und sein echtes Alter? Ein großes Rätsel für Innokenti Platonow. Und nicht nur für ihn. An seiner Seite tappen wir völlig im Dunkeln, bis sich Erinnerung an Erinnerung reiht, in ihrem Kontext Jahreszahlen auszumachen sind und ein Muster entsteht, in dem man die unglaubliche Lebensgeschichte eines Mannes erkennt. Diese Erkenntnis ist ein literarischer Paukenschlag, den Jewgeni Wodolaskin zelebriert, wie eine Sinfonie eines Orchesters, das zuvor nie miteinander gespielt hat.

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Töne finden zueinander, Instrumente vereinigen sich und der literarische Dirigent lässt eine Harmonie entstehen, die zu Beginn des Romans undenkbar schien. Es klingt paradox, aber es ist umso wahrer. Platonow ist ein wahres Jahrhundertereignis. Er ist so alt, wie das vergangene 20. Jahrhundert. Geboren 1900. Er wacht am seinem Ende in einer Klinik des Jahres 1999 auf und ist doch erst dreißig Jahre alt. Erinnerung um Erinnerung an die ersten dreißig Lebensjahre in Sankt Petersburg kehrt zurück und dann herrscht Leere bis zum Tag des Erwachens. Der Zweite Weltkrieg, Leningrad, der russische Sieg, der Wettlauf zum Mond, die erste Mondlandung, die moderne Technik, tragbare Telefone, das Internet und Fernsehübertragungen, der aktuelle Präsident und Europa in der jetzigen Form, all dies ist völlig neu für ihn. Nicht erlebt. Nicht erinnerbar.

Dieses zeitliche Paradoxon zu verstehen, ist eine der zentralen Herausforderungen des „Luftgängers“. Es dauert eine Weile, dann jedoch schlägt Jewgeni Wodolaskin mit voller Wucht zu. Sein Konstrukt ist nicht an den Haaren herbeigezogen, es basiert viel mehr auf der Ideologie der kommunistischen Machthaber und auf der Realität des Umgangs von Machthabern mit politischen Gegnern. Wer in seinem Lesen jemals den Gulag der Sowjetunion ermessen hat, wer jemals ein „Lager“ dieser Ideologie betreten hat und wer das Leid der Inhaftierten dort sah, der weiß, was man gerne unternommen hätte, um seine Gegner mundtot zu machen. Jewgeni Wodolaskin lässt diese Vision real werden. Er macht aus Innokenti Platonow das Opfer einer Diktatur und lässt mit ihm einen wahren Zeitzeugen auf die heutige Welt los.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Was sich politisch, utopisch und fast fantastisch anhört, hat einen unglaublichen inhaltlichen Kern, den man nicht mehr schnell vergisst. Wir erleben Russland mehr als intensiv. Wir lesen uns durch alle Zeitscheiben der Erinnerungen des Patienten und lassen uns von seinem Arzt die Zeitlücken erklären. Das Bild von Sankt Petersburg hat alles, was ich mir von einer solchen Zeitreise erhofft habe. Man wird selbst zum tiefsten Liebhaber dieser Metropole. Und an der Seite von Innokenti Platonow stellen wir uns die Frage aller Fragen. Könnte es sein, dass die erste große Liebe seines Lebens, von der er vor fast sechzig Jahren getrennt wurde, noch lebt? Anastassija. Wie würde sie reagieren ihn als unverändert jungen Mann wiederzusehen? Was würde dies alles mit ihm selbst machen. Fragen, auf die Jewgeni Wodolaskin Antworten gibt. Antworten, die mich berühren, aufwühlen und meinen Traum vom heiligen Sankt Petersburg am Leben erhalten.

Es wird weitergehen. Ich reise mit „Lubotschka“ ins Sankt Petersburg von heute, höre ganz genau zu, wenn „Der Trompeter von Sankt Petersburg“ seine Fanfare über den Glanz und den Untergang der Deutschen an der Newa schmettert. Es ist schön, Euch an meiner Seite zu wissen. Es tut gut, nicht alleine zu reisen und ich wäre sehr froh, auf diesem Weg weitere gute Bücher zu dieser historischen Stadt empfohlen zu bekommen. Auf geht´s nach „Pita“. Ich bin stets reisefertig…

„Der Mensch ist tot, aber ein Buch, ja, ein Buch lebt weiter.“

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Luftgänger / Jewgeni Wodolaskin / Aufbau Verlag / 429 Seiten / Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt / 24 Euro

„Hemingway & ich“ von Paula McLain

Hemingway & ich von Paula McLain - AstroLibirum

Hemingway & ich von Paula McLain

Es gibt Schriftsteller, die sich in Lebensgefahr begeben müssen, um die volle Kraft ihrer Kreativität zu entdecken. Autoren, die auf dem Boden der brutalen Realität und im Angesicht des Todes den Adrenalinstoß bekommen, der ihre schöpferische Energie zur Explosion bringt. Die Klarheit des eigenen Blicks auf die Welt und die Vermeidung aller ablenkenden und romantisierenden Einflüsse gilt als eine der wichtigsten Bedingungen für das echte Schreiben. Ernest Hemingway ist hier sicher das Paradebeispiel. Es ist der Stierkampf in Spanien, die eigene Flucht vor den blutrünstigen Tieren in Pamplona, die seinen Roman „Fiesta“ erst möglich machten. Es ist seine Rolle als Reporter in den blutigen Kriegen seiner Zeit, die aus dem Kriegsberichterstatter einen Nobelpreisträger für Literatur machten.

Es waren der spanische Bürgerkrieg und die Machtübernahme General Francos, der Kampf einer internationalen Liga der Aufrechten gegen die Diktatur, die aus dem schon weltbekannten Autor eine wahre Legende machten. Ernest Hemingways Stunde schlug, als die Revolutionäre untergingen. Sein größter Roman „Wem die Stunde schlägt“ ist ohne den Blutgeruch im umkämpften Madrid nicht denkbar. Aber es waren nicht nur die großen Kriege, die er verzweifelt suchte, um sein Schreiben zu finden. Seine Kriege im privaten Leben trugen die Namen seiner Ehefrauen. Hadley, Pauline und Martha. Nur die letzte Ehefrau blieb bis zum Schluss. Mary. Was blieb ihr auch übrig? Hier brauchte es keine Scheidung. Eine Schrotflinte und ein Selbstmord reichten völlig aus. Der letzte Schuss in den lebenslangen Liebeskriegen Ernest Hemingways.

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Hemingway & ich von Paula McLain

Sich Hemingway anzunähern, bedeutet gleichzeitig mit der jeweiligen Ehefrau auf Tuchfühlung zu gehen, die in der betreffenden Lebensphase zu seinem Kriegsgegner mutierte. Ihre Perspektiven sind mehr als erhellend für das Verständnis eines der wohl größten Schriftsteller der Literaturgeschichte. Ich bin Hadley in „Madame Hemingway“ von Paula McLain begegnet. Ich traf auf sie in Hemingways eigenem Werk, „Paris, ein Fest fürs Leben“. Ich erlebte Pauline an seiner Seite im Roman „Und alle benehmen sich daneben“ von Lesley M.M. Blume und sah, wie der Ehe-Staffelstab an die jeweils neue Gefährtin übergeben wurde, die behaupten durfte „Als Hemingway mich liebte“ im Roman von Naomi Wood. Jedes Buch ein echter Kriegsbericht. Jedes Szenario nur Futter für seine Romane. Hemingway war ein Verräter. „Fiesta“ mag da als Beispiel im Gesamtwerk des gar nicht noblen Preisträgers dienen.

Und nun ist es erneut Paula McLain, die mir eine der Hemingway-Ladies in seine Ehekriegs-Bibliothek schreibt. „Hemingway & ich“. Man muss keines der anderen Bücher gelesen haben, um literarisch und biografisch anzukommen. Man muss keinen Hemingway-Roman gelesen haben, um hier gefesselt zu werden. Nein. Man muss nur neugierig genug sein, aus den Lebens- und Liebesumständen eines Schriftstellers auf sein Schreiben zu schließen, dann ist man hier genau richtig. Martha Gellhorn ist die ich“ in diesem Roman. Sie ist es, die als dritte Ehefrau Hemingways in die Geschichte einging. Sie ist es, die als einzige Ehefrau Hemingway verließ, bevor ihr der Staffelstab abgenommen wurde. Sie ist wohl mit Sicherheit die schillerndste Persönlichkeit, an der sich das große Ego Hemingway reiben durfte. Ihre Stunde schlug, als ihr Ehemann sie im Roman „Wem die Stunde schlägt“ verewigte. Aus der literarischen Liebeserklärung wurde schneller ein kalter Krieg, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.

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Hemingway & ich von Paula McLain

McLain hat eine Charakterstudie jener Martha Gellhorn verfasst, die zeigt, wie sehr ein Buchtitel täuschen kann. Hier geht es nicht um Weggefährten, hier geht es nicht um die große Liebe eines Lebens, hier geht es um die Degradierung einer Frau, die selbst nur daran gemessen wurde, mit wem sie verheiratet war. Dabei war sie ebenbürtig. Im Leben wie im Schreiben. Zwei konkurrierende Geister, zwei schreibende Intellektuelle, ein gemeinsames Leben. Unmöglich. Dazu in den frühen 1930er Jahren, in denen eine Frau als Schriftstellerin einen extrem schweren Stand hatte. Martha Gellhorn sah sich immer als eigenständige Persönlichkeit. Die Ehe machte sie für die Öffentlichkeit nur zu einem Anhängsel. Schwer zu verkraften. Ein Schicksal, das sie mit Eleanor Roosevelt teilte, der sie in dieser Zeit begegnete und die sie sehr schätzte.

Paula McLain begleitet das Literatur-Traumpaar durch die gemeinsamen Liebes- und Lebensphasen. Vom ersten Kennenlernen, über die erste stürmische Verliebtheit bis zu den dunklen Wolken aus Alkohol, Eifersucht und Missgunst, die jener Beziehung den Todesstoß versetzten. Es fällt nicht schwer, sich auf Marthas Seite zu schlagen. Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit wirkt Hemingway wie ein an ADHS leidendes Kind. Neben ihm kann es keinen klugen Geist geben. Dominanz wird zur Bestimmungsgröße einer Beziehung. Es ist faszinierend, diesem Weg lesend zu folgen. Und im Wissen um die Lebensgeschichte Hemingways ahnt man natürlich nichts Gutes, wenn Konflikte zu Eisbergen werden. Ein Schriftsteller, der zeitlebens auf der Suche nach Adrenalin und Kontroverse ist kann keinen privaten Ruhepol dulden, der ebenso intellektuell ist wie er selbst.

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Hemingway & ich von Paula McLain

Hemingway & ich“, erschienen im Aufbau Verlag, ist mehr als nur ein Mosaikstein im Gesamtverständnis für einen großen Schriftsteller. Dieser Roman stellt Martha Gellhorn in den Mittelpunkt und man hat das Gefühl, dass dies nur allzu gerecht ist. Dabei geht Paula McLain keine blinde Allianz mit ihrer Protagonistin ein. Sie hinterfragt kritisch, ist unparteiisch und bleibt selbst im hässlichsten Konflikt weitgehend neutral. So wird man als Leser zum Zeugen der unwiderstehlichen Anziehungskraft zweier Magneten, die im Taumel der Leidenschaft die Umkehrung der Energie durchleiden müssen. Ich bin mit einer großen Erwartungshaltung in dieses Buch eigestiegen. Paula McLain hat mich im Lesen bisher nicht enttäuscht. Und auch diesmal ist es ihr nach „Madame Hemingway“ und „Lady Africa“ erneut gelungen, einen emotionalen und differenzierten literarischen Meilenstein in meinem Lesen zu verankern.

Es fällt mir leicht, dieses Buch zu empfehlen. Es steckt voller Zitate, die der großen Leidenschaft und der zunehmenden Zerrissenheit gerecht werden. Es ist spannend, im spanischen Bürgerkrieg mitzuerleben, wie sich ein großes Buch der Literaturgeschichte zu entwickeln beginnt. „Wem die Stunde schlägt“ erlangt in diesem Buch eine andere und neue Bedeutung. Ingrid Bergmann ist eine gute Besetzung in der Verfilmung. Eine bessere Wahl wäre jedoch Martha Gellhorn gewesen. Sie hätte sich selbst gespielt. Ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt, seit ich „Hemingway & ich“ beendet habe. Am Ende des Lesens schenke ich mir einen Whisky ein und erhebe mein Glas auf Martha Gellhorn. Ich denke, das würde ihr gefallen…

Eleanor Roosevelt verbindet dieses Buch mit dem neuen Roman von Amy Bloom. Es lohnt sich auf jeden Fall „Meine Zeit mit Eleanor“ zu lesen, wenn man Lorena Hickok kennenlernen möchte. Starke Frauen in Zeiten, in denen man schwache Frauen liebte.

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Hemingway & ich von Paula McLain

Mein Hemingway-Kosmos lädt zum Lesen ein. Herzlich willkommen.

Madame Hemingway von Paula McLain
Und alle benehmen sich daneben Lesley M.M. Blume
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood (Rezension bei Herzpotenzial)
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway
Die große Hörspieledition – Zum 120. Geburtstag

Hier geht´s zu meinen Weihnachtsempfehlungen und einer besonderen Aktion!

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Hemingway & ich von Paula McLain

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit von S. Drakulić

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Wenn es eine Relativitätstheorie der Buchveröffentlichungen gäbe, wäre es schon fast ein verlegerisches Dilemma, wenn in einem Jahr zwei Roman zum gleichen Thema das Licht der Bücherwelt erblicken würden. Marktsondierungen, Programmvorschauen und inoffizielle Informationen sollten eigentlich im Vorfeld dafür sorgen, solche Doppler zu vermeiden. Und trotzdem kommt es vor, dass der Leser sich verwundert die Augen reibt und beim Buchhändler mit sich ringt, was er denn nun lesen soll, wenn er sich für die Geschichte von Mileva Einstein interessiert. Nicht nur die Geschichte des großen Physik-Nobelpreisträgers ist erzählenswert. Auch die seiner ersten Ehefrau Mileva gilt als eine der großen Geschichten, die man kennen sollte.

Weiß man doch, dass hinter dem Erfolg eines Mannes sehr oft eine Ehefrau steht, die im Verborgenen wirkt, Hindernisse aus dem Weg räumt, den Rücken freihält und in jeder Beziehung den persönlichen Erfolg einem gemeinsamen Ganzen unterordnet. Es ist vielleicht dem längst überholten Rollenverständnis geschuldet, in solchen Klischees zu denken, aber es ist etwas Wahres an diesen Erfolgsgeschichten dran. Weltkarrieren werden oft nur auf dem Rücken derer ausgetragen, die als stille Helden das eigentliche Leben organisieren. Bei Karrierefrauen ist das ganz ähnlich gelagert. In der Familie des Physikers Albert Einstein jedoch stellt sich diese Hierarchie völlig anders dar. Hier gibt es viel zu erzählen, zu beleuchten und zu korrigieren. Hier ist es die Ehefrau, die schon fast ein intellektuelles Opfer bringen musste, während ihr Mann den Ruhm erntete, den man sich eigentlich gemeinsam erarbeitet hatte.

Frau Einstein von Marie Benedict und Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Interesse ist also da. Die Neugier ist geweckt und doch steht man nun mehr oder weniger ratlos vor zwei biografischen Romanen, die im Abstand von drei Monaten erschienen sind.

Frau Einsteinvon Marie Benedict (Kiepenheuer und Witsch) und
Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulić (Aufbau)

Welches Buch ist nun empfehlenswert? Welches sollte man unbedingt lesen und wo liegen die Berührungspunkte oder auch Redundanzen? Welcher Roman ist authentisch, welcher nähert sich vielleicht sprachlich oder strukturell besser an die Protagonistin an? Letztlich kann man nur subjektiv entscheiden. Klappentext und Cover. Der Rest ist eher Zufall. Als Blogger genieße ich das Privileg, beide Bücher lesen zu können. Ich traf hier die ganz bewusste Entscheidung, mich auf dieses doppelte Bücherlottchen einzulassen und anschließend beide Werke miteinander zu vergleichen. Inhaltlich bleibt den beiden Autorinnen nicht viel Spielraum. Fakten pflastern den Weg ihres Schreibens. Nicht viele Details des Lebensweges von Mileva Einstein bleiben bei einer lückenlosen Recherche verborgen. Zu prominent verlief das Leben ihres Ehemannes. Zu exponiert standen sie beide zu Beginn seiner Karriere im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Frau Einstein von Marie Benedict

Bereits im Februar habe ich „Frau Einstein“ von Marie Benedict hier ausführlich vorgestellt. Inhaltlich steckt dieser Roman den Rahmen ab, den ich erwartet hatte. Ich fand eine Geschichte, die mich fesselte und dazu antrieb, mehr wissen zu wollen. Mein Suchen nach weiteren Fakten und Hintergründen deckte sich mit der sprachlich brillant erzählten Geschichte. Ich fasse hier die inhaltlichen Schwerpunkte nur kurz zusammen, verweise aber für die genauere Betrachtung auf meine Rezension.

Mileva Marić arbeitet sich intellektuell in die höchste Riege der Wissenschaft vor, lernt den erfolgversprechenden Kommilitonen Albert Einstein kennen, verliebt sich, wird ungewollt schwanger, bricht ihr eigenes Mathematik- und Physikstudium ab, zieht sich zurück in die Rolle der im Verborgenen lebenden Mutter der gemeinsamen unehelichen Tochter, verarbeitet deren überraschenden Tod, heiratet Albert Einstein, wird zu seiner wissenschaftlichen Stütze, berechnet seine Theorien, stößt theoretische Türen auf, die er durchschreitet, wird zweifache Mutter, erlebt seinen Aufstieg als Physiker, realisiert, dass er ihre Ideen als seine verkauft, wird letztlich zugunsten einer Geliebten abgelegt und finanziell abgefunden. Einstein erhält den Nobelpreis, sie das Preisgeld, weil sie in die Scheidung einwilligt. Klingt tragisch. Ist es. Zutiefst.

Die hier zugrunde gelegte Geschichte spielt im Zeitraum zwischen 1896 und 1914. Sie beginnt mit Milevas wissenschaftlichem Aufstieg und endet am Scheidepunkt eines gemeinsamen Lebensweges mit Albert Einstein. Alles endet mit dem unerfüllbaren und unmenschlichen Katalog der Bedingungen, die er an ein Zusammenleben knüpft. Einer Forderung, der sich Mileva entziehen muss, um nicht sich selbst und ihre beiden Söhne aufzugeben. Eine Liste von Forderungen, die uns auch heute noch entsetzt:

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Beispiele dafür, was Einstein für das weitere Zusammenleben einfordert:

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Damit ist der Weg für seine Geliebte und spätere Ehefrau frei. Empathie und Liebe funktionieren anders. Die Relativitätstheorie der Beziehung wird hier zur bitteren Praxis. Was bei Marie Benedict mit dieser unsäglichen Liste endet, stellt für Slavenka Drakulić den Startpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Mileva Einstein dar. Eine aus meiner Sicht erste Überraschung in der Herangehensweise, weil sie ganz unverblümt das absehbare Ende der Beziehung zum Beginn ihres Romans erhebt. Nicht die einzige Überraschung, die ich erlesen sollte.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeitvon Slavenka Drakulić

Plötzlich stellt sich mir nicht mehr die Frage, welcher Roman der eigentlich bessere ist. Ich verdränge diesen Gedanken schnell in den Hintergrund und mir schießt die Idee in den Kopf, warum man nicht beide Bücher als sogenanntes „Einstein-Bundle“ auf den Markt gebracht hat. Warum ich so denke? Ganz einfach.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Natürlich erzählt Slavenka Drakulić zu Beginn ihres Romans, wie es zu dieser Liste und der Entfremdung kam, sie rekapituliert den gemeinsamen wissenschaftlichen Weg und gibt der Enttäuschung Milevas Raum. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches ist nach 1914 angesiedelt. Sie erzählt, was mir nach dem Lesen von „Frau Einstein“ noch fehlte. Sie betrachtet Mileva Einstein in dem Zustand, in den sie der fatale Katalog ihres Mannes versetzt hat und von dem sie sich nie wieder erholen sollte. Bis 1933 begleiten wir Mileva Einstein auf ihrem einsamen Weg an der Seite ihrer Söhne. Aufopfernd stellt sie sich und ihre Gesundheit in den Dienst ihrer Kinder. Sehnsüchtig betrachtet sie aus der Ferne das Leben, das eigentlich ihr Leben hätte sein müssen. Das Leben Seite an Seite mit dem wohl erfolgreichsten Wissenschaftler seiner Zeit.

Auch Slavenka Drakulić beeindruckt sprachlich und inhaltlich. Beide Bücher sollte man lesen, wenn man Mileva komplex verstehen möchte. Die Dopplungen sind nicht so umfangreich, wie ich es erwartet hätte, denn aus der Schnittmenge beider Romane wird die jeweilige Ausgangsperspektive, die uns eine Frau ins Leben schreibt, deren Leben unter dem Vorbehalt des Rollenbildes seiner Zeit gelebt wurde. Ein Leben, das heute in jeder Beziehung anders verlaufen würde. Diese Romane ergänzen sich komplementär. Sie sollten nicht getrennt werden. Eine mehr als überraschende Erkenntnis, die in eine Empfehlung mündet, die ich so nicht habe kommen sehen.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

„Frau Einstein“ und „Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ sind zwei Teile des Bildes, das erst durch das miteinander verbundene Lesen entsteht.

„Das Kaff“ von Jan Böttcher

Das Kaff von Jan Böttcher

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

Mit diesen Worten begann meine Lesereise in die Bücher, die ich als Gegenpol zur Globalisierung betrachte und die mich vom großen, zumeist anonymen Urbanen in das kleine Regionale begleiten sollten. Eine Sentimental Journey zu den eigenen Gefühlen, da ich vor langer Zeit meiner geliebten Heimat, der Eifel, den Rücken kehrte, um in der Metropolregion München mein Glück zu machen. Das ist mir gelungen und doch bleibt oft die Frage, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich die Heimat nie verlassen. Eine Frage, die ich schon mit Norbert ScheuerAm Grund des Universums“ und in „Kall Eifel“ beantworten wollte. Eine Frage, die mich sehnsuchtsvoll umtreibt und eine Frage, die mich jetzt in einen Roman führt, der diese Lesereise losgetreten hat. Als mir auf der Frankfurter Buchmesse „Das Kaff“ angekündigt wurde, hat dieser Begriff Erinnerungen in mir geweckt, die tief in meiner Vergangenheit verwurzelt sind.

Das Kaff von Jan Böttcher

Das Kaff“ von Jan Böttcher, erschienen im Aufbau Verlag, holte mich genau da ab, wo ich mein Kaff vor vielen Jahren verlassen hatte. Dabei ist dieser Begriff nicht böse oder abschätzig gemeint. Kaff steht für alle positiven Werte, die man mit ihm verbindet und gegen die Kälte einer Gesellschaft, die in den großen Städten zumeist vorherrscht. Ich konnte mich von der ersten Seite an mit Michael Schürz identifizieren. Heimkehren bietet so viele gemeinsame Anknüpfpunkte und hier ist es der Berliner Architekt, der in seiner Eigenschaft als erfolgreicher Bauleiter nach Hause zurückkehrt, um der kleinen aufstrebenden Stadt mit ein paar modernen Wohneinheiten auf die Füße zu helfen und ihr ein neues Gesicht zu verleihen.

Ja, Michael hat es wirklich geschafft. Raus aus der ländlichen norddeutschen Region und rein ins pralle Leben. Alles hinter sich lassen und im allzu metaphorisch wirkenden Beruf eines Architekten sein neues Leben von Grund auf nach eigenen Entwürfen neu zu gestalten. Der Auftrag in seinem Kaff scheint eigentlich Business as usual zu sein. Bis ihn der Grundriss der eigenen Vergangenheit einholt. Wie eine Abrissbirne nähert sie sich der aktuellen Lebenskonstruktion und die Zeit im Kaff wird zum Belastungstest für die Tragfähigkeit des eigenen Lebensentwurfs.

Das Kaff von Jan Böttcher

Es ist extrem lesenswert, wie sich Jan Böttcher den alten Weggefährten seines Protagonisten nähert. Es ist großartig erzählt, wie ihr Michael Schürz immer tiefer in eine Gemeinschaft eingesaugt wird, aus der er eigentlich fliehen wollte. Der Rücksturz vollzieht sich in einem Tempo, dem die Fortschritte auf der Baustelle nicht entsprechen. Altes und neues Leben befinden sich auf einem empfindlichen Kollisionskurs. Böttcher gelingt durch seine Perspektivwechsel eine dreifach relevante Betrachtungsweise. Hier prallen nicht nur Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Auch die eigene Jugend des Protagonisten erfährt durch den zeitlichen Abstand eine neue Bewertung. Konflikte und Freundschaften, unbedeutende Randfiguren, Geschwister, Eltern und Beziehungen erscheinen im neuen Licht. Erkenntnisreich verläuft jeder neue Tag auf einer Baustelle, die der seines Lebens in nichts nachsteht.

Die wesentliche Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Paukenschlag, weil ich genau dieses Gefühl so gut kenne. Beim Spaziergang durch die eigene Vergangenheit fehlt etwas. Es ist ein Fehl, das alles irgendwie fremd erscheinen lässt, wie ein Mosaik, in dem ein einzelnes verschwundenes Steinchen eine tiefe Lücke reißt:

„… ich muss mir eingestehen, dass mir etwas fehlt. Dass ich mir selbst fehle.“

Das Kaff von Jan Böttcher - AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher

Dabei ist „unser“ Berliner Architekt nicht wirklich ein grundsympathischer Typ. Die Ecken und Kanten aus seiner Kindheit und Jugend hat er in sein jetziges Leben gerettet. Konfliktscheu, opportunistisch und ein wenig hinterhältig mogelt er sich auch durch seinen Job. Offenes Aufbegehren ist nicht sein Ding. Andere ernstnehmen ist nicht seine größte Stärke und Gefühle offen zu zeigen hat er nie so richtig gelernt. In seinem Kaff gerät Michael Schürz in einen therapeutischen Sitzkreis, in dem ihm die eigene Unzulänglichkeit offen vor Augen geführt wird. Da wundert es auch nicht, dass ein längst gelebtes Leben erfolgreich die Fühler ausstreckt und gleichsam heilsam auf den Flüchtling einzuwirken beginnt.

Dabei sind es nicht nur die Freunde von einst, die lebensrettend sind. Es sind die Typen des Kaffs, die dem Architekten zeigen, was das wahre Leben bedeutet. Es sind die Randfiguren, die selten wahrgenommen werden. Es sind Menschen aus Vereinen, die so sehr für das Leben im Kaff stehen. Ohne sie ist belanglos, was gehaltvoll zu sein scheint. Diesen Typen stellt sich Michael Schürz. Er lässt sich führen und verführen. Er wird rückfällig. Ein Rückfall in sein altes Leben. Er mutiert zu einer dieser Randfiguren, deren Wert er gerade erst zu erkennen beginnt. Der Heimkehrer, der nicht heimkehren wollte übernimmt in seinem alten Fußballverein das Training einer Jugendmannschaft.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher ist keine konfliktfreie literarische Kost für den lauen Sommerabend. Was sich idyllisch und romantisch anhört, entwickelt einen Tiefgang, der es in sich hat. Die Zerreißprobe zwischen altem und neuem Leben spielt sich nicht nur auf dem Niemandsland ab. Der Konflikt erreicht die eigene Haustür, vor der Michael vor vielen Jahren aufgehört hat, zu kehren. Manche Konflikte kann man nicht mehr im Leben austragen. Manche führen auf den Friedhof eines Kaffs. Diese Rückkehr gehört zu den großen Momenten dieses Romans. Heimwehlesen, Sehnsuchtsvermessung!

Folgt mir auf meiner Lesereise in die Heimat. Entfrachtet diesen Begriff und macht ihn greifbar. Kommentiert diesen Artikel und schreibt mir, was Heimat und Heimkehren für euch bedeuten, welche Bücher ihr hier empfehlen könnt und warum ihr unbedingt im „Kaff“ einziehen wollt. Ein Exemplar des Buches gebe ich an dieser Stelle gerne weiter.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium