Tracy Chevalier – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier - AstroLibrium

Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Du flanierst durch die Straßen einer modernen Universitätsstadt. Das Zentrum des historischen Stadtkerns ist geprägt von einem malerischen Marktplatz, einer schlanken gotischen Kirche und einem Rathaus, von dem man denken könnte, es sei aus der Zeit gefallen. Grachten ersetzen Straßen. Das Wasser spielt eine große Rolle in dieser sehr beschaulich wirkenden Szenerie. Du bist zum ersten Mal dort und doch scheinst Du zu wissen, wohin Du gehen musst. Du kennst Dich aus. Du gehst zielstrebig auf die Mitte des Marktplatzes zu, schaust Dich um und stellst Dich auf die bronzene Windrose, die dem Besucher des Marktes die Himmelsrichtungen weist. Du drehst Dich um die eigene Achse und gehst los. Zielstrebig, weil es das Schicksal so vorgesehen hat. Du bist nicht mehr in einer fremden Stadt.

Du bist in Deiner literarischen Heimat angekommen. Du bist in Delft. Nichts ist Dir wirklich fremd. Du hast Dich zuvor in diese Stadt hineingelesen, ihre Atmosphäre in Dir aufgesaugt und für ein paar Jahre hier gelebt. Ein Roman ist in der Lage, seinem Leser das ewige Leben zu schenken. 1664 bist Du lesend hier eingezogen, warst zum ersten Mal auf dem Markt und hast ein junges Mädchen beobachtet, das Dir gezeigt hat, was die Windrose bedeutet. Sie kann Leben verändern, Wege beeinflussen und nachhaltig Schicksal spielen. Ehrfürchtig stehst Du heute hier, weißt, dass alles längst vergangen ist und doch findest Du überall Spuren dieser Vergangenheit. Diese junge Frau hat sich im kollektiven Gedächtnis der Welt verankert. Ihre eigene Geschichte ist unbekannt. Ihr Gesicht gehört zu den bekanntesten Porträts der Kunstgeschichte.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring.  

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Diese Gedanken durchströmten mich auf dem Marktplatz von Delft. Schon als die Entscheidung reifte, dieses holländische Städtchen zu besuchen, war mit klar, dass ich den Roman von Tracy Chevalier lesen musste. Ich wollte Delft auf zwei Zeitebenen im gleichen Augenblick erleben. Ich wollte mehr, als nur ein Tourist auf fremden Wegen zu sein. Im Herzen von Delft hat sich nicht sehr vieles verändert. Nicht seit dem Jahr 1664. Kurz nachdem die Stadt von einem Donnerschlag heimgesucht wurde, der ihr Gesicht für immer veränderte. Ein Donnerschlag, der den Maler Carel Fabritius tötete und sein Schaffen für alle Zeit unsterblich machte. „Der Distelfink“ entstand genau hier. Das ist jedoch eine andere Geschichte.

Kaum zehn Jahre nach Fabritius trat Jan Vermeer in seine Fußstapfen. Er galt als eines der großen niederländischen Talente, wovon er sich jedoch zu Lebzeiten wenig kaufen konnte. Sein Gesamtwerk ist recht überschaubar. Er malte zu langsam, um mit seinen Bildern den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Berühmt wurde er nach seinem Tod durch „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Die niederländische Mona Lisa, wird es oft genannt. Es ist ein geheimnisvolles, ausdrucksstarkes Gemälde, dem man in Delft an jeder Straßenecke hundertfach begegnet. Es unterscheidet sich extrem von den anderen Bildern aus der Hand dieses Künstlers. Es ist absolut einzigartig. Wen das Porträt jedoch darstellt, welche Geschichte sich hinter dem Bild verbirgt, das ist bis heute völlig ungeklärt. Und genau hier setzte Tracy Chevalier an, um die Lücke in der Kunstgeschichte mit Fiktion zu füllen.

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Ihr gelang mit ihrem Mädchen mit dem Perlenohrring nicht nur ein brillantes und authentisches literarisches Abbild dieser Zeit, sie erschuf mit Griet die junge Frau, die wir mit Haut und Haaren, mit dem sehnsuchtsvollen Blick und ihrem zum Maler des Gemäldes gewandten Blick für immer mit diesem Werk assoziieren. Tracy Chevalier ist mit all ihrer literarischen Wucht in die Wissenslücke vorgestoßen und hat sie mit Leben gefüllt. Sie hat die Deutungshoheit für das Gemälde übernommen und es war ihr schon vom ersten Satz an klar, welche Verantwortung sie damit auf ihren Roman übertrug. In jeder Beziehung stimmig, in jeder Nuance authentisch skizziert sie das Leben von Griet und bereitet Jan Vermeer in ihrer Geschichte den Boden, das Mädchen auszumalen.

Ein faszinierender historischer Roman, in dem die wohl bekannteste Unbekannte Hollands eine eigene Identität und Geschichte bekommt. Wenn man dieses Buch gelesen hat und sich vor das Gemälde stellt, dann hat man keine offenen Fragen mehr. Ja, so kann, so muss es gewesen sein. Es muss eine besondere Beziehung zwischen Modell und Künstler bestanden haben. Es muss einen Grund geben, warum Griet sich nicht mit offenen Haaren malen ließ. Es war kein Zufall, welche Farben verwendet und zu einer lichtdurchfluteten Einheit komponiert wurden. Und sicher war es gewagt, Griet mit einem Perlenohrring zu schmücken, der ihrem Stand nicht angemessen war.

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Tracy Chevalier hat diesem Gemälde eine große Ehre erwiesen. Ihr Buch ist heute kaum noch vom Gemälde zu trennen. Griets Geschichte entwickelt sich plausibel und nachvollziehbar. Ebenso endet sie. Vom Haus- und Kindermädchen im Hause Vermeer zu einer scharfen Beobachterin des Malers bis hin zu dessen Gehilfin, ist der Weg, den Griet einschlägt emotional tatsächlich wie vorherbestimmt. Die Abhängigkeit Vermeers von einem finanzstarken Mäzen, dessen Neigung, jedem Rockzipfel hinterher zu laufen und dem Wunsch, Griet zu besitzen, konnte Vermeer nur sein Bild entgegenhalten. Er schützt sein Mädchen und gibt es doch zugleich der Öffentlichkeit preis. Vermeers Frau muss tatsächlich ein einziger Blick auf das Porträt gereicht haben, um zu erkennen, wie Griet zu ihrem Mann stand. Und umgekehrt.

Ich kann Gemälde und Buch nicht mehr voneinander trennen. Ich kann Delft nicht mehr von meinem Lesen trennen. Ich war zutiefst dankbar, meinem Mädchen mit dem Perlenohrring überall zu begegnen. Griet ist mir bis nach Hause gefolgt. Ich bin ihr bis nach Den Haag gefolgt, wo man das Original heute noch bestaunen kann. Es ist mehr als ein Zufall, dass sie im Mauritshuis nicht ganz alleine ausgestellt wird. Es kann kein Zufall sein, dass ich dort auch zugleich den „Distelfink“ besuchen konnte. Ich habe das Buch mitgenommen. Ich habe dem Mädchen mit dem Perlenohrring lange in die Augen geschaut, habe das Kapitel der Entstehung des Gemäldes im Buch erneut gelesen und wurde Zeuge eines magischen Augenblicks, den man nur in einer Galerie erleben kann.

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“ 

Dieses Zitat von Donna Tartt verbindet den Distelfink von Fabritius, das Mädchen mit dem Perlenohrring von Vermeer und mein Blaues Pferd von Franz Marc. Hier bin ich dankbar für jeden Farbhauch, für jeden Pinselstrich und jede Schattierung, weil sich mir Bücher und Gemälde in einer lautstarken Symbiose geöffnet haben. Ich kann Euch nur empfehlen, Delft und Den Haag miteinander zu verbinden, wenn Ihr mal eine literarische Reise unternehmen wollt. Ich kann Euch sowohl Tracy Chevalier als auch Donna Tartt und Der Distelfink ans Herz legen. Und wenn Euch das Lesen nicht mehr ausreicht, dann genießt die Verfilmungen beider Bücher. Auch das vereint sie. Großes Kino, nicht nur für Leser und Weltenbummler….

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Und solltet Ihr mal in Delft auf dem Marktplatz stehen, stellt Euch auf die Windrose, schließt die Augen, dreht Euch im Kreis, öffnet sie und geht einfach los. Schöner kann man sein Schicksal nicht herausfordern… Fragt Griet, sie wird es bestätigen.

PS: Nur kurz nach dem zwanzigsten Geburtstag dieses Erfolgsromans veröffentlicht der Atlantik Verlag das neue Buch von Tracy Chevalier: „Violet“ erscheint im Januar und ich werde ihr zu den Frauen folgen, die Stickereien für die Kathedrale in Winchester anfertigen. Die 1930er Jahre läuten ein neues Kapitel für Tracy Chevalier ein.

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Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Tracy Chevalier

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Man könnte es für eine wildromantische Ausgangssituation eines guten Romans halten. Die Frau, die nicht alterte“. Allein der Titel lässt so manche Leserin vor Neid erblassen und Männerherzen höherschlagen. Klingt das nicht wie ein Traum? Alterslos zu sein in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn unterliegt? Klingt es nicht grandios, mit einer Frau zusammen zu sein, die die ewige Jugend für sich gepachtet hat? Ist das nicht die Erfüllung aller Träume, die sich hier in einem Romantitel manifestiert? Könnte sein. Wenn dieses Buch nicht ausgerechnet von Grégoire Delacourt verfasst worden wäre. Jenem französischen Schriftsteller, der aus vermeintlich verlockenden Positionen heraus Parabeln entstehen ließ, die eher nachdenklich als euphorisch stimmten.

Wer hätte nicht gerne den „Dichter der Familie“ in seinen Reihen gewusst? Auch das klang oberflächlich betrachtet eher wie ein wundervolles Prädikat. Was sich jedoch hinter den Kulissen über dem ewigen Schreibtalent zusammenbraute, taugte eher zum Albtraum, als zur hoffnungsvollen Prognose. Positiv und Negativ einer Fotografie liegen bei Grégoire Delacourt immer nah beieinander. Man muss beide Seiten betrachten, um sich ein ganz eigenes Bild machen zu können. Ich war also gewarnt, bevor ich mich mit einer Frau verabredete, die augenscheinlich nicht älter werden wollte. Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem auf sie, denn unter uns: Wann hat man das schon mal?

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Was geht dem geneigten Leser zuerst durch den Kopf, wenn er einen solchen Titel liest? Natürlich erinnert man sich an so manche Geschichte über die Unsterblichen und ewig jung Gebliebenen aus dem eigenen Lesen. Und hier begegnen sie uns oft. Ob es „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford ist, der unter der Tatsache leidet, dass er einfach nicht älter wird. Oder ob wir an Matt Haig denken, den die Frage „Wie man die Zeit anhält“ dazu veranlasste, seinen nur ganz langsam alternden Protagonisten durch die Weltgeschichte mäandern zu lassen. Und neben der Literatur bleiben ja auch noch gute Filme, in denen das Thema immer wieder auftaucht. Von „Benjamin Button“ oder den unsterblich jugendlichen Vampiren der Biss-Saga nicht zu reden. Und immer noch klingt uns der Song „Who wants to live forever“ aus dem Film-Epos „Highlander“ im Ohr, wenn wir daran denken, wie der ewig jugendliche Held seine alternde Geliebte auf der Strecke bleiben sieht. Hach. Tragisch.

Delacourt betritt also kein literarisches Neuland! Und doch gibt es zahlreiche gute Gründe, seinen neuesten Roman „Die Frau, die nicht alterte“ zu lesen. Er betritt hier keine ausgetretenen Pfade, bedient keine bekannten Klischees und erzählt nichts, was uns aus anderen Geschichten bekannt vorkommen könnte. Er gestaltet den Plot, der in sich schlüssig und geschlossen ist. Er spielt mit dem Thema „ewige Jugend“, ohne es mit dem Stigma der Unsterblichkeit zu belasten. Die Frau in seinem Roman verharrt ab dem ungefähr 30. Lebensjahr in dem äußerlich attraktiven Zustand, während der Rest ihres Körpers innerlich dem normalen Alterungsprozess unterliegt. Klingt verzwickt, ist aber in der Konstruktion des Romans so plausibel hergeleitet, dass man geneigt ist, ihn als authentisch zu akzeptieren. Ja, gute Schriftsteller schaffen das.

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Er stellt uns seine Protagonistin in aller Ausführlichkeit vor. Wir begleiten Betty in wohlstrukturierten Kapiteln durch die ersten 30 Lebensjahre. Erleben an ihrer Seite die Kindheit aus ihren Augen, verlieren an ihrer Seite früh die geliebte Mutter, sehen sie mit dem traumatisierten und kriegsbehinderten Vater aufwachsen. Sie vertraut uns geheim gehaltene Träume über ihre Zukunft an. Wir erleben ihre Hochzeit, werden mit ihr und ihrem Mann zu glücklichen Eltern und haben das Gefühl, alles könnte so bleiben. Es ist ein allzu perfektes Leben, das auch festgehalten wird. Eine Fotoserie von Betty soll uns und ihren Liebsten zeigen, wie sie sich verändert. Jedes Jahr ein Foto. Gute Tradition.

Bis sich die Bilder nicht mehr verändern. Bis sie ab dem 30. Lebensjahr immer eine Betty zeigen, die zeitlos schön ist. Kein Fältchen, kein Makel, nichts. Hier dreht sich der Roman in eine Richtung, die uns fesselt, weil wir jeden Gedanken von Betty im Voraus zu kennen scheinen. Wir kennen sie ja von Kindesbeinen an. Stolz schwingt mit. Jung auszusehen, was für ein Traum. Doch mit zunehmendem Alter und gleichbleibendem Äußeren zieht sie nicht nur bewundernde Blicke auf sich. Neid, Missgunst und Zweifel werden zu ihren Wegbegleitern. Delacourt schöpft hier aus dem Vollen seiner Fantasie und konfrontiert seine jugendliche Heldin mit allen denkbaren Konflikten, die aus dieser Situation entstehen können.

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Wie fühlt sich eine Mutter, deren Sohn bald älter wirkt als sie selbst? Wie geht ihr Mann mit ihr um, als sie sich äußerlich immer weiter von ihm entfernt? Wie reagiert ihr Umfeld im Beruf und im Freundeskreis? Und was macht das alles mit Betty selbst? Im Kontext dieser Probleme widmet sich Delacourt der zentralen Frage seines Romans, in der es darum geht, was Alter wirklich wert ist. Er nimmt uns die Angst vor Falten, zieht uns auf seine Seite und erzählt eine Geschichte, die wehmütig beklagt, dass zwei sich Liebende nicht gemeinsam (zumindest optisch) altern. Es schmerzt, Betty zu folgen, zu wissen, dass auch sie innerlich verfällt und sie doch mit ihrem Äußeren nicht Schritt zu halten vermag.

Grégoire Delacourt schrieb einen liebenswerten Roman über einen gemeinsamen Traum vieler Ehepaare. Er schreibt gegen den Jugendwahn und Schönheitschirurgie und verdeutlicht, dass man sich zu seinem Alter bekennen sollte. Nur hilft all das nicht unserer Protagonistin, die zusehends vereinsamt. Sie droht in Schönheit zu versinken und in Zeitlosigkeit unterzugehen. Delacourt jedoch schreibt seine Romane nicht ohne Ziel und Ausweg. Er kennt einen Ausweg für Betty. Allein dafür lohnt es sich „Die Frau, die nicht alterte“ kennenzulernen. Ein feinfühlig erzählter, sprachlich feiner Roman, in dem sich Mann oder Frau gleichermaßen wiederfinden.

Keine Sorge. Der Blick in den Spiegel wird durch diese Geschichte nicht getrübt. Ganz im Gegenteil!

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Die Frau, die nicht alterte“ von Grégoire Delacourt / Atlantik Verlag / 176 Seiten / aus dem Französischen von Katrin Segerer / 20 Euro

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Mal eine Frage an die Eltern unter Euch? Woran habt Ihr bei der Namensfindung für eure Kinder gedacht? Welche Überlegungen sind Euch durch den Kopf gegangen, bis der Name Eures Sohnes oder Eurer Tochter feststand und ins Stammbuch eingetragen wurde? Familientradition, der gute Klang, Menschen aus Eurem Umfeld, Schauspieler, Sportstars oder hat der Zufall regiert? Letzteres wohl kaum. Hier werden Listen gewälzt und Ratgeber bemüht. Hier wird im Familienkreis diskutiert oder heimlich still und leise gehandelt. Wie auch immer, es ist ein nicht ganz unproblematischer Prozess, den alle Eltern noch vor Augen haben. Ein Prozess, der lange vor der Geburt des ahnungslosen Stammhalters oder der Stammhalterin beginnt.

Was, wenn es einen weiteren Einfluss gäbe, dem man sich nur kaum verweigern kann? Was, wenn es ein Versprechen gäbe? Einen letzten Wunsch, den es zu erfüllen gelte. Wenn es einen Ring gäbe, der dem künftigen Namensvetter zu übereignen wäre und sich der letzte Wille eines verstorbenen Verwandten im Stammbaum ablesen ließe. Das ist die Rahmenbedingung, mit der die schwangere Marjolijn leben muss. Im Alter von 18 Jahren hat sie genau das ihrer Großmutter versprochen. Sollte sie einem Sohn das Leben schenken, würde sie ihn nach ihrem entfernten Onkel Frans Julius Johan nennen. Ein paar Jahre später wird Marjolijn bewusst, dass ihre erste Schwangerschaft voll und ganz im Zeichen eines Bombenanschlags aus dem Jahr 1946 stehen würde.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Wie sag ich´s meinem Mann? Wie gehe ich mit dieser Situation um und was geht mir durch den Kopf, wenn sich das Damoklesschwert eines alten Versprechens zu senken beginnt? Es sind nicht nur diese Gedanken, die Marjolijn beschäftigen. Erstmals setzt sich die werdende Mutter mit ihrer Familiengeschichte und dem Mann auseinander, der zum Namensgeber ihres Sohnes wird. Ein Nationalheld immerhin. Ein Kämpfer gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg und Rächer an all jenen, die mit der Besatzungsmacht kollaboriert haben. Ihm wird ein Bombenanschlag zugeschrieben, bei dem mehr als ein Jahr nach Kriegsende ein Verräter liquidiert wurde. Was sollte heute dagegen sprechen diesem aufrechten Mann die Ehre zu erweisen, indem man seinen Namen weiterleben lässt? Eigentlich nichts.

Marjolijn van Heemstra reflektiert in ihrem Buch „Ein Name für dich“ ihre eigene Erlebniswelt. Es ist deutlich erkennbar, wie intensiv diese Geschichte autobiografisch geprägt ist. Dabei macht sie es sich nicht so leicht, einfach nur auf eine Geschichte im Narrativ ihrer Vorfahren zurückzublicken. Sie wirft unterschiedlichste Fragen auf, deren Relevanz uns durch diese Geschichte begleitet. Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage, was man seinem Kind mit einem Namen mit auf den Weg gibt. Welche Last und welche Verantwortung, wie wegweisend eine solche Entscheidung ist und was man der ungeborenen Existenz damit aufbürdet. Erst als Marjolijn an der Familiengeschichte zu zweifeln beginnt, wird ihr die ganze Tragweite ihres Versprechens bewusst.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Jetzt beginnt die biologische Uhr zu ticken. Bis zur Geburt ihres Sohnes muss sich Marjolijn entschieden haben und sie beschließt, auf Nummer sicher zu gehen. Sie fängt an zu recherchieren. 27 Wochen bleiben ihr, eine Geschichte zu verifizieren, die in der Familie verbürgt zu sein scheint. Was aber, wenn Frans Julius Johan Heemstra kein Widerstandsheld war? Was, wenn sich erste Zweifel bewahrheiten? Was, wenn sie ihr Kind nach jemandem benennt, der das gar nicht verdient hat? Es sind aufreibende und nagende Fragen, die nun die eigene Schwangerschaft überlagern. Eigentlich sollte die werdende Mutter sich auf ganz andere Dinge konzentrieren. Vorsorgeuntersuchungen stehen an, wichtige Entscheidungen sind zu treffen und nicht zuletzt gilt es, die letzten Tage einer liebevollen Zweierbeziehung zu feiern, bevor ein Baby die Welt verändert.

Erstmals stürzt sich Marjolijn mit aller Entschlossenheit in die Kriegsgeschichte ihres Heimatlandes, durchforstet private und öffentliche Archive, verschafft sich einen Überblick über die Stimmungslage der Niederländer zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Unterdrückung durch die Nazis hat Spuren im Volk hinterlassen und die erste Zeit nach dem Krieg offenbart, dass es einige „Ratten“ gibt, die sich durchschlängeln ohne für ihre Taten zu büßen. Kollaborateure und Verräter, Kriegsgewinnler und Profiteure in jeder Beziehung habe es geschafft, im Nachkriegsholland Fuß zu fassen. Da kann man nachvollziehen, dass der aufrechte Widerstandskämpfer von einst zur Bombe greift und der Gerechtigkeit auf die Sprünge hilft. „Unverhofft kommt oft“, so das Motto der Rache.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

„Ein Held als Blaupause für meinen Sohn!“

Allein dieses Bild ist schon verstörend. Wenn Frans Julius Johan jedoch gar kein Held war, sondern ein zielloser Rächer, dem es völlig egal war, ob die Vorwürfe gegen das Opfer stimmen? Wenn er revanchistisch um sich bombte und vielleicht falsch lag in seinen Annahmen? Diese Fragen überlagern die Schwangerschaftswochen, die wie im Flug vorbeirauschen. Zeitzeugen werden befragt, Freundinnen ihres Onkels, nahe und ferne Verwandte und nicht zuletzt auch Angehörige der Opfer. Denn dass es mehrere von ihnen gab, findet Marjolijn schnell heraus. Unbeteiligte. Völlig unschuldige. Und ob die eigentliche Zielperson ein Verräter war, steht auf immer wackligeren Beinen. Fakten und Fiktion vermischen sich zu einem Narrativ, an dem niemand offen zweifelt. Was ist Geschichte? Was ist verbrieft? Was wurde verschwiegen? Marjolijn demaskiert eine bis heute nie bezweifelte Legende.

Die biologische Uhr wird zum Tempomacher dieses Buches. Zeitsprünge kommen erschwerend hinzu, denn eine Geburt lässt sich nicht planen. Je näher der Termin rückt umso intensiver und ruheloser jagt Marjolijn den Fakten hinterher. Der bombenlegende Onkel von einst ist nicht die einzige Zeitbombe, die tickt. Hier gehen Handlungsebenen ineinander über. Vergangenheit und Gegenwart werden zur gemeinsamen Leitlinie für ein ungeborenes Leben. Marjolijn van Heemstra überzeugt mit ihrer unverblümten und emotionalen Erzählweise. Man merkt ihr an, dass hier mehr auf dem Spiel steht, als ein altes Versprechen einzulösen. Ein faszinierendes Buch über die eigene und die andere tatsächliche Wahrheit. Ein Buch über Verantwortung und den Stellenwert von Identität.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Es sind wieder die Niederlande, die mich hier eingeholt haben. Es ist Geschichte, die hier erneut greifbar wird. Es geht erneut um Kinder und Namen. Nicht meine erste Auseinandersetzung mit der Bedeutung einer Familiengeschichte. Sie beginnt in einer Zeit, in der Identitäten gestohlen und gefälscht wurden, in der man Kinder umbenannte und die „Kinder mit Stern“ per Reichserlass zu „Sara“ oder „Israel“ machte. Es beginnt in einer Zeit, in der Namen auf der Flucht verlorengehen. Ebenso wie die Familien und damit die ganze Geschichte. Es setzt sich in unserer Zeit fort, in der Nummern Namen ersetzen. Alles mit dem gleichen Ziel: Ausgrenzung.

Marjolijn van Heemstra macht aus ihrer Familiengeschichte eine zeitlos relevante Erzählung von besonderer Relevanz. Erst, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet ist, kann sie verstanden werden. Erst, wenn sie verstanden ist, kann man Lehren ableiten. Und nicht zuletzt erkennt man an der eigenen Familiengeschichte, wie schwer es sein kann, der globalen Geschichtsschreibung zu trauen. Alles ist subjektiv. Wissenschaftler beheben hier nur die gröbsten Schäden. Am Ende des Buches steht die Entscheidung. Sie steht für das gesamte Schreiben der Autorin. Sie steht für dieses Buch. Sie ist nicht nur Weckruf sondern auch Inspiration für den allzu oft oberflächlichen Umgang mit der Frage „Wie nennen wir unser Kind?“.

Ob das Cover geeignet ist, die richtigen LeserInnen auf dieses Buch aufmerksam zu machen, wage ich zu bezweifeln. Es ist zu niedlich für die Ernsthaftigkeit des Themas.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Die besetzten Niederlande und AstroLibrium. Eine lange gemeinsame Geschichte gegen das Vergessen:

Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ – Bart van Es
Kinder mit Stern“ von Martine Letterie
Das Tagebuch der Anne Frank“ – Anne Frank
Mein geheimes Tagebuch“ – Klaartje de Zwarte-Walvisch
Lienekes Hefte“ – Lieneke van der Hoeden

Ein Name für dich“ von Marjolijn van Heemstra / Atlantik Verlag / gebunden / 208 Seiten / dt. von Stefan Wieczorek / 20 Euro

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Es ist interessant, wie sehr Titel und Cover einen Roman in einem anderen Licht erscheinen lassen. Betrachte ich zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild von Amy Blooms neuem Buch Meine Zeit mit Eleanor, dann sehe ich zwei elegante Damen, die zwar in stiller Eintracht in einem Garten sitzen, voneinander jedoch wenig Notiz zu nehmen scheinen. Ihre Blicke schweifen in unterschiedliche Richtungen und doch sagt das Porträt sehr viel aus, ohne besondere Nähe zu vermitteln. Betrachtet man dagegen die Covergestaltungen der Originalausgaben unter dem Titel „White Houses“, erkennt man, dass es sich bei diesen Aufnahmen um eine ganze Serie gehandelt haben muss. Hier ist der Blick der beiden Ladies auf den gleichen Fixpunkt gerichtet. Darüber hinaus erkennt man durch den Bildausschnitt genau, wo man sich befindet. (Weiterhören)

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Der Washington Memorial Obelisk zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass wir uns auf einer Terrasse des Weißen Hauses befinden. Einer Terrasse, die eigentlich nur der „First Family“ vorbehalten ist. Den Angehörigen des jeweiligen Präsidenten. Es ist auch deutlich zu sehen, dass beide Aufnahmen koloriert wurden. Dem Schwarzweiß im Original sind unterschiedlich konturierte Pastelltöne gefolgt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Bildbesprechung, und doch ist es mir wichtig, mich in diesen Aufnahmen fallen zu lassen, um eine Idee von der Grundstimmung des Romans zu bekommen. Zuletzt zeigt das dritte Cover die beiden Damen im Garten des Weißen Hauses. Stolz, aufrecht, Arm in Arm und im Gleichschritt. Eine vertraute Zielstrebigkeit strahlt dieses Bild aus. Sicher mehr, als die beiden Ladies es gerne offen gezeigt haben. Es ist mein Lieblingsbild, da es einen Hauch dessen widerspiegelt, womit ich es zu tun habe, wenn ich „Meine Zeit mit Eleanor“ lese.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Eleanor Roosevelt und die Reporterin Lorena Hickok sind hier zu sehen. Erstere, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land in vier Amtszeiten von 1933 bis 1945 regierte. Die Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Seine politischen Fähigkeiten ließen ihn alle Untiefen des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen innenpolitischen Verwerfungen überstehen. Sie, immer an seiner Seite. Eleanor Roosevelt. Weitgehend isoliert in dieser Zeit, umgeben nur von wichtigen Wegbegleitern und den Berichten vieler Zeitzeugen zufolge eine sehr populäre Präsidentengattin, die das Gemeinwohl im Sinn hatte. Und doch gab es eine Affäre, die niemals thematisiert wurde, die unausgesprochen die Zeit überdauerte und die von der Presse, oder dem politischen Gegner niemals offen ausgeschlachtet wurde.

Diese Affäre trug den Namen HICK, den Kosenamen von Lorena Hickok. Hier setzt Amy Bloom an. Hier beginnt sie ihren Roman, der vielleicht viel mehr ist, als das. Dabei betont sie eindeutig, einen historischen Roman geschrieben zu haben, in dem natürlich bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vorkommen, dessen Szenen und Dialoge jedoch frei erfunden sind. Das macht die Autorin frei, in einem authentischen Setting im historischen Kontext endlich das Unausgesprochene zu verarbeiten, das Nähkästchen zu öffnen und auszuplaudern, worüber einst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Dass sie keinen Skandalroman schrieb ehrt sie. Dass sie sich vorbehaltlos einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen näherte, wird den beiden Damen auf der Fotografie gerecht. Sie haben sich diesen Roman verdient, weil er endlich erzählt, was in den `30er Jahren für Eleanor und Lorena vernichtend gewesen wäre. Heute darf man auf ihre Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft schauen, ohne sie zu verdammen.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Während Eleanor Roosevelt im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, verlief das Leben der aufstrebenden Journalistin Lorena Hickok wenig spektakulär. Aus armen Verhältnissen stammend, und am Ende einer traumatischen Jugend voller Missbrauch geht sie ihren eigenen Weg, erobert die Welt der Zeitungen für sich und begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben der „First Lady“. Amy Bloom skizziert in ihrem Roman nicht nur diese gemeinsame Zeit, die genau in diesem Moment begann, sie nimmt uns mit in eine Vergangenheit, die es plausibel macht, warum sich hier zwei Seelenverwandte im White House in- und aneinander verlieren. Zeitsprünge werfen uns hin und her, bis das Verständnis für die komplexe Situation so weit gediehen ist, dass wir der Story nahezu problemlos folgen wollen und können. 

Amy Bloom bewertet nicht, sie seziert nicht, gibt Spekulationen wenig Raum. Sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, wenn sich die Türen im Weißen Haus schlossen und zwei Frauen, die nach außen nicht sonderlich attraktiv wirkten und innerlich extrem vereinsamt waren, zueinander fanden. Aus Vertrautheit entsteht Nähe und aus ihr wird ein magisches erotisches, leidenschaftliches und amouröses Band, das ständig Gefahr läuft, von der Öffentlichkeit zerrissen zu werden. Dabei ist es weniger die gegenseitige Anziehungskraft, die den Frauen Halt gibt. Es ist der unglaubliche Respekt, den beide füreinander empfinden, der in einer lesbischen Beziehung gipfelt und endet. Ja, es gab den Plan, dies offen zu leben. Am Ende der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und damit am Beginn der Freiheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass er es aber ganze vier Wahlperioden schaffte, an der Macht zu bleiben, war das Todesurteil dieser Wünsche.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom gibt ihre Charaktere nicht der Peinlichkeit preis. Sie zieht sie nicht ans Licht und zieht sie nicht aus. Sie öffnet uns behutsam für eine Beziehung, die auch im Hier und Jetzt fatale Folgen haben würde. So sehr hat sich die Gesellschaft nun auch nicht gewandelt. Im Kontext der Affäre wirft Amy Bloom ein sehr präzises Licht auf das Umfeld beider Frauen, auf die Erwartungshaltung, die sie umgibt und die Verletzungen, die sie ertragen müssen. Der Präsident, ein vitaler Tausendsassa, wenn es darum geht, sich in die Herzen von Frauen zu stehlen und diese zu brechen. Seine Affären mit den Frauen aus seinem Umfeld hat Eleanor stillschweigend zu erdulden. Der Preis für das Leben im Weißen Haus ist hoch. Und doch steht neben der fragwürdigen Moral, die alle Bilder dominiert, die politische Leistung unter der Überschrift eines verantwortungsvoll geführten Amtes im Vordergrund. Hier wünscht man sich oft, dieser Roman würde jetzt im Regierungssitz Beachtung finden.

Amy Bloom stürzt keine Denkmäler vom Sockel. Sie gestattet einen Blick hinter die Kulissen der Macht und öffnet den Erzählraum in eine politische Welt, an der so manch anderer Präsident gescheitert wäre. Sie ermöglicht uns den Gesprächen mit Franklin D. Roosevelt zu folgen, seine Beweggründe zu erkennen und auch seine Haltung mit der Behinderung zu verstehen. Amy Bloom schreibt nieder, was sich Eleanor und Lorena insgeheim gewünscht haben. Am Ende der Beziehung steht die Trauer darüber, dass man ihre Geschichte nicht erzählt hat.

„Niemand schrieb je einen Artikel über Eleanor und mich.“

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom schrieb einen großen Sehnsuchtsroman, der nicht weit hergeholt ist. Wahrscheinlich bleibt sie näher bei der Wahrheit, als es ihre Absicht war. Ich habe gut verstanden, wo eine Leidenschaft begann und konnte intensiv nachvollziehen, was die beiden Frauen aneinander hatten. Amy Bloom macht aus dem offenen Geheimnis eine große Geschichte. Die Entwicklung ihrer Charaktere spiegelt ihre Geisteshaltung wider. Hick bleibt Hick. Ob in ärmlichen Verhältnissen oder später als Mitbewohnerin im White House. Und Eleanor braucht genau ihren Halt und ihre Bestätigung, um die Energie zu entfalten, die sie immer auszeichnete. Hier machen die Charaktere Geschichte. Es sind tatsächlich die Weißen Häuser, in die wir einziehen dürfen. In wichtigen Episoden ist es auch ein kleines Weißes Haus, in dem Franklin seine Kinderlähmung therapiert. „White Houses“ – Ein Spiegelkabinett, in dem die Geschichte nicht verzerrt wird.

Diese Geschichte ist für mich eng verbunden mit dem Roman „Hemingway & ich“ von Paula McLain. Auch in diesem Buch treffen wir auf Eleanor Roosevelt. Auch hier sind es zwei Frauen, die sich plötzlich, voneinander fasziniert gegenübersitzen. Martha Gellhorn findet in der Präsidentengattin eine Fürsprecherin für ihre Karriere. Ohne ihren Einfluss, wäre Martha niemals Kriegsberichts-Reporterin geworden. Ohne Eleanor wohl keine Zukunft an der Seite Ernest Hemingways. Es ist ein interessanter Gedanke, dass die angehende Weltjournalistin Gellhorn im Weißen Haus einer angehenden Reporterin begegnet sein muss. Bücher öffnen Denkräume. Diese beiden in besonderer Weise.

„… Ich war nie auf eine Ehefrau oder einen Ehemann neidisch gewesen – bis ich Eleanor kennenlernte. Dann allerdings hätte ich alles, was ich je an Gutem erlebt habe gegen das eingetauscht, was Franklin hatte, inklusive Polio und allem Drum und Dran.“ (Lorena Hickok)

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor“ / Amy Bloom / Atlantik Verlag / 268 Seiten / 20,00 Euro / Übersetzt von Kathrin Razum

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Zum Welttag des Buches könnt Ihr das Buch von Amy Bloom in Begleitung eines Büchereulen-Unikats in Euren Regierungssitz lotsen. Hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel und verratet mir, was eine Super-Leseeule bei Euch vorfinden würde. (Einsendeschluss ist Samstag, der 27. April 2019)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls