Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

„Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mama
du bist kein Lama
Papi
und du bist kein Okapi
Oma du singst Paloma
Opi
alle machen Pipi

Damit fing alles an. Ein harmloser Kinderreim, verfasst von Édouard im zarten Alter von sieben Jahren. Die Welt stand dem Jungen weit offen und die Fantasie konnte sich frei entfalten. Wären doch diese Zeilen niemals den Verwandten zu Ohren gekommen, hätte doch die Familie des kleinen Édouard niemals Notiz davon genommen, hätten sie einfach weggehört, sein Leben wäre anders verlaufen. Haben sie aber nicht. Sie haben ganz genau hingehört. Zu genau. Und schon steckte der Junge in einer Schublade, aus der er zeitlebens nicht mehr entfliehen konnte.

„Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. Mama schloss mich in die Arme. Der Papi, die Oma und der Opa applaudierten. Komplimente ertönten. Es wurde auf mich angestoßen. Bedeutende Worte wurden gesagt. Ein Dichter.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mit sieben Jahren wurde Édouard zum Dichter der Familie. Mit acht Jahren hatte er nichts mehr zu schreiben. Die wohl früheste Schreibblockade der Literaturgeschichte. Wie so oft steht diesem kleinen Kerl in einem Moment der größten Zuneigung auch die größte Erwartungshaltung gegenüber. Das erste Dribbling eines Fußballzwergs vor den Augen des ehrgeizigen Vaters; die erste wackelige Drehung einer kleinen Ballerina vor den Augen der vom Leben enttäuschten Mutter; ein erster schiefer Ton auf einer Geige; der erste verwackelte Pinselstrich auf dem Papier und schon steht es fest. TALENT!

Grégoire Delacourt erzählt in seinem Roman „Der Dichter der Familie“, was eine solche Talent-Hypothek verursachen kann. Gerade diejenigen, die denken, alles sei dem Nachwuchs in die Wiege gelegt und das erste Zeichen von Begabung wäre schon ein Fingerzeig des Schicksals, finden sich in diesem Roman wieder. All jene, die ihre nie gelebten Träume plötzlich in die eigenen Kinder projizieren, dürfen an der Seite von Édouard erleben, was sie damit anrichten. Schublade auf. Kind rein. Schublade zu. Ein Bild, das wohl allen Eltern irgendwie bekannt vorkommt. Ein Bild auch, das viele Kinder ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Aus Édouard wird ein lebenslang Suchender. Immer auf der Jagd nach dem ersten Lob, der ersten Bewunderung und der Zuneigung, die er nur im Alter von sieben Jahren erleben durfte. Von da an ging es bergab. Lebens- und Liebesentscheidungen werden geprägt von den Erwartungen an den „Dichter der Familie“. Es ist nie die Frage, ob er jemals ein Buch schreiben wird. Es ist immer nur die Frage, wann. Und aus dem guten Rat des Vaters: „Lass die Dinge sich schreiben!“ erwächst die Hoffnung, der Knoten möge doch irgendwann platzen. Vergebens.

Die Spirale beginnt sich bedrohlich zu drehen. Therapie im Alter von elf Jahren. Das Strohfeuer des Talents scheint erloschen. Die Lust am Leben vergeht. Sprachlosigkeit überkommt eine Familie, die doch wahrlich glaubt, einen Dichter in den eigenen Reihen zu haben. Delacourt überzeichnet bewusst und literarisch brillant, aber das Bild, das so entsteht ist bedeutungsschwer. Wenn ein Kind die Erwartungen nicht erfüllt, wenn alles Hoffen und Bangen vergebens ist, dann entwickelt sich Druck zu einer lebensgefährlich ausufernden Lawine.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Édouards Leben ist ein Leben, in dem er es niemandem recht machen kann. Sich selbst zu allerletzt. Selbst die Liebe seines Lebens steht unter dem Vorbehalt, dass sie Großes von ihm erwartet. Monique träumt davon, die Frau eines Schriftstellers zu sein. Édouard jedoch bringt als Werbetexter leider nur Worte heraus, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Grégoire Delacourt verfolgt Édouards Weg beharrlich, erzählt en passant die Geschichte einer Familie, die allzu oft an sich selbst, am Leben und an den Bildern scheitert, die viel zu früh viel zu präzise vorgezeichnet wurden. Und gar nicht im Vorbeigehen erzählt er die Geschichte dieses Buches.

Es fühlt sich an, als würde man „Der Dichter der Familie“ in einer Dunkelkammer lesen. Das Bild entwickelt sich. Das Positiv wird sichtbar und doch ist das Negativ sein treuer Wegbegleiter. Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten besteht dieser Roman. Kein Glück ohne Pech. Keine Liebe ohne Hass. Keine Wortkunst ohne Sprachlosigkeit. Keine Zweisamkeit ohne Einsamkeit. Keine Geburt ohne Tod. Kein eigenes Buch ohne Schreibblockade. Kein Sex ohne Lustlosigkeit. Kein Flug ohne Absturz. Keine Heilung ohne Krankheit und keine Lebensfreude ohne Todesangst. Mir bleibt die Erinnerung an einen wundervollen Roman; den schönen Moment, als ich einem Mädchen begegnete, das auf dem Auto saß und ein Zitat, das ich mit in mein Leben nehme:

„Ein Herz aus Stein braucht einen Felsen, um wieder Funken zu schlagen.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

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Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Die kleine Feder – Ein Kleinod von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Kennt ihr Angelo Branduardi? Den italienischen Barden mit der hauchzarten Stimme und den Balladen voller Liebe und Sehnsucht? Ich höre seine Lieder seit früher Jugend und verbinde federleichtes Träumen und romantisches Fliegen mit ihm. Seine Melodien gehören zu meinem Leben und haben mich mit ihrer tiefen Melancholie häufig gerettet. Seinen Namen in einem Buch vom Atlantik Verlag wiederzufinden war der Türöffner zu einem schwerelosen Leseerlebnis.

Ein italienisches Zitat leitet die Fabel Die kleine Feder von Giorgio Faletti ein. Es stammt vom Autor der Geschichte selbst und eben jenem Angelo Branduardi, was mich dazu verleitete, die Gemeinsamkeiten der beiden Künstler zu durchforsten. Die Ballade La regola del filo piombo handelt von einer kleinen Feder, die einerseits schwerelos schwebt, dann aber auch der Schwerkraft gehorchend zu Boden sinkt und dort verweilt. Der Dichter erschuf den Text, der Barde die Melodie.

„Anche il peso lieve di una piuma scende
se c’è un soffio d’aria che se la riprende
per follia di vento può salire su ma poi torna giù.“

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Eine typische Branduardi-Ballade und trotz kaum existierender Italienischkenntnisse eine ganz besondere Sprachmelodie, die schnell ihren Weg ins Herz des Hörers findet. Es ist kein Zufall, dass ein Zitat aus diesem Lied quasi als Willkommensgruß in diesem Buch verankert ist. Von Feder zu Feder, von Künstler zu Künstler, von Herz zu Herz ist die Fabel angelegt und passt damit so gut in die Kategorie Westentaschenliteratur“. Bücher, die man immer bei sich tragen kann. Schwerelos, wie eine Feder und doch mit viel Gewicht für das tägliche Leben.

„Die kleine Feder“ nimmt nicht viel Raum ein. Die kleine Geschichte im kleinen aber feinen Büchlein umfasst gerade einmal achtzig Seiten. Seiten, die es jedoch gewaltig in sich haben, wenn es um die Tragweite der Botschaft und um ihren Hintergrund geht. Es ist eben viel mehr als eine kleine Geschichte. Es ist die letzte, posthum veröffentlichte Erzählung des bekannten italienischen Schriftstellers, Komponisten und Schauspielers Giorgio Faletti, der 2014 nach längerer Krankheit im Alter von 63 Jahren in Turin starb.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Seine Ehefrau Roberta Bellesini Faletti hat ihrem Mann im Vorwort des Büchleins ein liebevolles Denkmal gesetzt, seine Arbeit an dieser Geschichte skizziert und für uns Leser eine Brücke gebaut, die zeitlos tragfähig ist, wenn wir „Die kleine Feder“  lesen.

„Wenn ihr diese Fabel an einem klaren Tag lest, an dem
das strahlende Blau des Himmels euch zwingt, die
Hand schützend vor die Augen zu halten,
und wenn ihr euch nicht davor fürchtet,
einer Feder nachzulaufen, dann wird
ihr Flug euch in Staunen versetzen.“

Ich habe mich nicht gescheut, einer Feder nachzulaufen. Ich habe mich einfach mit ihr treiben lassen und bin dem Wind gefolgt, der hier die Rolle des Schicksals spielt. Ich habe mich dort niedergelassen, wo die Feder zu Boden sank und habe mich in die Luft erhoben, wenn ein neuer Windstoß sie an einen neuen Ort fliegen ließ. Ich begegnete den Menschen auf dieser federleichten Reise, war von ihrer Gier und ihrer Doppelmoral erschreckt und habe gehofft, sie würden in jener Feder vor ihren Augen das Wesen der Feder selbst erkennen. Vergeblich.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Giorgio Faletti lässt die Feder über die Abgründe des Menschlichen schweben. Er greift nicht ein, beobachtet weise und zurückhaltend und überlässt die Egoisten und die Empathielosen ihrem Schicksal. Als er sich am Ende der Reise selbst begegnet, ahnen wir, was geschehen könnte. Doch in einer meisterlichen Wendung lässt sich auch „Der Mann des weißen Blattes“ von der wahren Bedeutung der Feder überraschen. Dieses Ende lässt keine Zweifel daran aufkommen, was Giorgio in seiner Geschichte suchte.

Die kleine Feder hat mich in Erstaunen versetzt, ich höre Branduardis Ballade nun mit anderen Ohren, sehe Federn mit anderen Augen und habe etwas zurückgewonnen, was mir manchmal viel zu leicht abhanden kommt. Eine maßvolle Schwerelosigkeit mit einer sehr literarischen Portion Bodenhaftung…

Es geht bald weiter mit meinen „Westentaschenbüchern“. Der nächste Schachzug folgt genau an dieser Stelle, wenn ich mit einer Schachspielerin die Rochade wage.

Westentaschenbücher - Es geht mit einem genialen Schachzug weiter

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Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Ja, ich gestehe: Ich liebe Entwicklungsromane. Ich mag Geschichten, in denen sich der Protagonist im Laufe der Erzählung maßgeblich verändert, eine deutliche Wandlung erfährt und letztlich vielleicht sogar sein bisheriges Leben hinter sich lässt. So viele Beispiele könnte ich aufzählen, um die guten Entwicklungsgeschichten meines Lesens aufzuführen, die mich bewegt und berührt haben. Zuletzt hat Benedict Wells inVom Ende der Einsamkeit Maßstäbe gesetzt, wenn es darum geht, diesen Prozess des Reifens zu beschreiben. Und genau hier schwingt auch immer der Wunsch des Lesers mit, sich selbst in seiner eigenen, ganz realen Geschichte zu entwickeln.

Endlich erwachsen zu werden, den wahren Sinn des Lebens zu verstehen, am eigentlichen Point-of-no-Return eine Vollbremsung hinzulegen und dem Schicksal ein Schnäppchen zu schlagen. Wer will das nicht? Am Ende seines Weges für sich selbst erkennen, dass man seine eigene Richtung gefunden hat. Dies in Romanen erlesbar zu machen ist eine der größten Herausforderungen für jeden Autor. Die inneren Kämpfe seiner Hauptfigur müssen auch nach außen hin spürbar werden und das Wachsen oder Versagen bestimmen das gesamte Geschehen.

Von Eilis Lacey über Alva bis zu Sara Lindqvist reicht der Reigen der Figuren, die mich in den vergangenen Jahren geprägt haben. Ihre Entwicklung basiert auf der tiefen Einsicht, eigene Erlebnisse zu verarbeiten, Kraft und Energie daraus zu schöpfen und dadurch zu einer Persönlichkeit zu reifen, die für den Leser konturiert und greifbar wird. Entscheidend sind sowohl der beschriebene Abholpunkt als auch das erreichte Ziel in der jeweiligen Geschichte. Entwicklung ist kein passives „Sich-Treiben-Lassen“, sondern intensiv geprägt von aktiv erlangten Einsichten. Dann entwickle ich mich auch als Leser.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer (Atlantik Verlag) hat wirklich alles, was ein solcher Entwicklungsroman braucht. Er ist zwischen zwei völlig diametralen Welten angesiedelt und wirft seine Protagonistin Thaïs Leblanc durch ein einschneidendes Erlebnis aus ihrem ganz normalen Alltag. Und nach nichts anderem strebt unsere gute Thaïs. Normalität bis zur Bedeutungslosigkeit. Alltäglicher geht es nicht.

Doch dieser Alltag bekommt einen unschönen Riss, als die Großmutter von Thaïs verstirbt. Und diese alte Dame war nun wirklich weit weg von jeder Vorstellung, die man von Normalität nur haben kann. Sie war ein Zirkusstar, die unvergleichliche Madame Leblanc, eine schillernde Persönlichkeit bis zuletzt, die sich nach dem Tod von Thaïs` Eltern um ihre kleine Enkelin gekümmert hat. Und nun scheint es so zu sein, als habe die Unvergleichliche ihren letzten Auftritt bis ins letzte Detail choreographiert.

Der Bestatter ist bestens instruiert, das Testament hat sich die Verschiedene auf den eigenen Körper geschrieben, und in ihr glitzerndes Zirkus-Kostüm gehüllt wird aus der Verblichenen eine fundamentale letzte Botschaft an die erwachsene Enkelin. Und aus diesem Vermächtnis erwächst der Startschuss für eine Reise, vor der sich Thaïs wohl ihr ganzes Leben gefürchtet hat und im guten Versteck der Normalität darauf hoffte, niemals entdeckt zu werden.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Und schon findet sich unsere Thaïs nicht mehr nur als um ihre einzige verbliebene leibliche Verwandte Trauernde, sondern auf dem Sprungbrett der Erkenntnis, was die Vergangenheit vor ihr verborgen hielt. Werden ihr nun alle Fragen beantwortet, die sich ihr nie gestellt haben? Kommt sie ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur und lüftet die verblichene Großmutter in einem großen Finale das große Geheimnis um die wahre Herkunft ihrer Enkelin?

Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass Thaïs sich plötzlich von Zirkusmenschen umgeben sieht, die mit ihr gemeinsam das Anwesen der Großmutter erben? Welchen Sinn sollte es haben, dass die kleinen Fetzen von Erinnerungen auf einmal eine neue Bedeutung bekommen? Welchen Sinn sollte die ganze Geheimniskrämerei haben, die sie elternlos auf den Weg in ihr eigenes Leben losgelassen hatte?

Peter Goldammer erzählt versiert, blumig und unglaublich unterhaltend. Er nimmt im Verlauf der Handlung auch sprachlich Fahrt auf und entführt nicht nur seine Leser, sondern auch seine Protagonistin auf einen Roadtrip durch Frankreich. Eine Reise, die nicht nur durch den Weg bestimmt ist, sondern zur Challenge wird, an deren Ende sie vielleicht erfährt, wer sie wirklich ist.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer geheimniskrämert ganz wunderbar. Er lässt Menschen in seinem Roman auftauchen, die nicht nur für sich stehen, sondern ganze Kulturen verkörpern. Zirkusmenschen und Zigeuner spannen behutsam ein neues Zelt über die Handlung des Romans. Sie errichten eine Manege und führen die Kunststücke auf, die sie bisher am Leben gehalten haben. Ein Zirkus der Überlebenskünstler, dessen Bilder uns Peter Goldammer ins Herz schreibt

Ich war tief im Roman verwoben, bin mit Thaïs durch Frankreich gehetzt, um ihr bei ihrer Suche zu helfen und wurde doch nicht warm mit dieser jungen Frau. Es war mir, als würde die Geschichte in aller Farbenfreude eine unglaubliche Entwicklung nehmen, die sich Thaïs selbst auf wundersame Weise verschließt. Ich fand nämlich keine der oben beschriebenen inneren Kämpfe, ich habe ihren Abholpunkt als kleine Verkäuferin in fester Beziehung als sehr schwammig empfunden. Ein blasses Bild, das nicht an ihr zerrt, keine Gewissenskonflikte auslöst und sie einfach treiben lässt.

Und genau so begegnete sie mir in der fortlaufenden Geschichte. Die Erkenntnis kommt zu ihr. Sie kommt nicht zur Erkenntnis. Thaïs ist mir bei der lebhaft erzählten Geschichte zu ruhig. Zu passiv und letztlich auch zu emotionslos. Ich hatte manchmal das Gefühl, sie rütteln und schütteln zu müssen, damit ich fühlen kann, was sie fühlt und ob sie fühlt. Subjektiv ist dieser Eindruck, das mit großer Sicherheit, aber ich lese subjektiv und ich hätte mir eine deutlich stärkere Protagonistin gewünscht. Emotionaler, zerrissener und eben eine, bei der man im Verhalten spürt, dass sie gerade dabei ist, sich ihr eigenes Leben zu erkämpfen.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer gelingt es mit „Der Zirkus der Stille Bilder von einem fahrenden Volk zu vermitteln, die bar jeden Vorurteils sind. Political incorrect muss man kein schlechtes Gewissen haben, den Begriff Zigeuner zu lesen und zu verwenden. Er ist hier definitiv nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt den kulturellen Hintergrund einer heimatlosen Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihr Umgang mit Trauer und Tod, ihre Fähigkeit, das Leben zu feiern und aus einem Wanderzirkus das ganze Leben zu machen, kommen hier zum Tragen. Wundervoll erzählt.

Das fehlende Konfliktpotenzial auf der Seite von Thaïs macht die Handlung für mich jedoch zu linear. An keiner Stelle muss man befürchten, dass sie plötzlich umkehrt, von ihrem eigentlichen Leben eingeholt wird, oder sich ganz bewusst entscheiden muss. Mir hat hier die Spannkraft bei der Flucht nach vorne gefehlt. Philosophisch gleicht Peter Goldammers Roman dieses Manko elegant aus. Ich wurde gut unterhalten und einige der Lebens- und Zirkusweisheiten, um die es hier im Kern geht, werden mich immer mit dem Buch verbinden.

„Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass meine Trauerzeit so viel kürzer war als die eines Border Collie, aber ich war eben kein Hütehund – wahrscheinlich doch eher das Gegenteil: eine Rumtreiberin, wie meine Großmutter.“

Ich dachte beim Lesen oft an Katarina Bivald und ihren Roman Ein Buchladen zum Verlieben. Hier wird eine Protagonistin aus ihrem Leben geschleudert, weil sie ein unerwartetes Erbe antritt. Nichts bleibt hier unverändert, alles droht bis zuletzt auf der Kippe zustehen und niemand kommt unverändert aus dieser Geschichte heraus. Am Ende meiner erlesenen Tour de France mit einem unvergleichlichen Zirkus würde ich mir gerne einen Roman über die unvergleichliche Madame Leblanc wünschen. Was für eine Persönlichkeit, die sich aus meiner Sicht viel zu früh mit einem brillanten finalen Auftritt verabschiedet hatte. Diesen Roman dürfte mir Peter Goldammer auf meinen Leib schreiben. Wäre das eine Idee?

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – AstroLibrium mit Border Collie

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt…“

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Der Zirkus der Stille” von Peter Goldammer in Verbindung stehen. Auch im Archiv von AstroLibrium wird man fündig. Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern ist ein wunderbarer Roman über die Magie unter dem Zirkuszelt.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer - Die Bücherkette

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Die Bücherkette