„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Die kleine Feder – Ein Kleinod von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Kennt ihr Angelo Branduardi? Den italienischen Barden mit der hauchzarten Stimme und den Balladen voller Liebe und Sehnsucht? Ich höre seine Lieder seit früher Jugend und verbinde federleichtes Träumen und romantisches Fliegen mit ihm. Seine Melodien gehören zu meinem Leben und haben mich mit ihrer tiefen Melancholie häufig gerettet. Seinen Namen in einem Buch vom Atlantik Verlag wiederzufinden war der Türöffner zu einem schwerelosen Leseerlebnis.

Ein italienisches Zitat leitet die Fabel Die kleine Feder von Giorgio Faletti ein. Es stammt vom Autor der Geschichte selbst und eben jenem Angelo Branduardi, was mich dazu verleitete, die Gemeinsamkeiten der beiden Künstler zu durchforsten. Die Ballade La regola del filo piombo handelt von einer kleinen Feder, die einerseits schwerelos schwebt, dann aber auch der Schwerkraft gehorchend zu Boden sinkt und dort verweilt. Der Dichter erschuf den Text, der Barde die Melodie.

„Anche il peso lieve di una piuma scende
se c’è un soffio d’aria che se la riprende
per follia di vento può salire su ma poi torna giù.“

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Eine typische Branduardi-Ballade und trotz kaum existierender Italienischkenntnisse eine ganz besondere Sprachmelodie, die schnell ihren Weg ins Herz des Hörers findet. Es ist kein Zufall, dass ein Zitat aus diesem Lied quasi als Willkommensgruß in diesem Buch verankert ist. Von Feder zu Feder, von Künstler zu Künstler, von Herz zu Herz ist die Fabel angelegt und passt damit so gut in die Kategorie Westentaschenliteratur“. Bücher, die man immer bei sich tragen kann. Schwerelos, wie eine Feder und doch mit viel Gewicht für das tägliche Leben.

„Die kleine Feder“ nimmt nicht viel Raum ein. Die kleine Geschichte im kleinen aber feinen Büchlein umfasst gerade einmal achtzig Seiten. Seiten, die es jedoch gewaltig in sich haben, wenn es um die Tragweite der Botschaft und um ihren Hintergrund geht. Es ist eben viel mehr als eine kleine Geschichte. Es ist die letzte, posthum veröffentlichte Erzählung des bekannten italienischen Schriftstellers, Komponisten und Schauspielers Giorgio Faletti, der 2014 nach längerer Krankheit im Alter von 63 Jahren in Turin starb.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Seine Ehefrau Roberta Bellesini Faletti hat ihrem Mann im Vorwort des Büchleins ein liebevolles Denkmal gesetzt, seine Arbeit an dieser Geschichte skizziert und für uns Leser eine Brücke gebaut, die zeitlos tragfähig ist, wenn wir „Die kleine Feder“  lesen.

„Wenn ihr diese Fabel an einem klaren Tag lest, an dem
das strahlende Blau des Himmels euch zwingt, die
Hand schützend vor die Augen zu halten,
und wenn ihr euch nicht davor fürchtet,
einer Feder nachzulaufen, dann wird
ihr Flug euch in Staunen versetzen.“

Ich habe mich nicht gescheut, einer Feder nachzulaufen. Ich habe mich einfach mit ihr treiben lassen und bin dem Wind gefolgt, der hier die Rolle des Schicksals spielt. Ich habe mich dort niedergelassen, wo die Feder zu Boden sank und habe mich in die Luft erhoben, wenn ein neuer Windstoß sie an einen neuen Ort fliegen ließ. Ich begegnete den Menschen auf dieser federleichten Reise, war von ihrer Gier und ihrer Doppelmoral erschreckt und habe gehofft, sie würden in jener Feder vor ihren Augen das Wesen der Feder selbst erkennen. Vergeblich.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Giorgio Faletti lässt die Feder über die Abgründe des Menschlichen schweben. Er greift nicht ein, beobachtet weise und zurückhaltend und überlässt die Egoisten und die Empathielosen ihrem Schicksal. Als er sich am Ende der Reise selbst begegnet, ahnen wir, was geschehen könnte. Doch in einer meisterlichen Wendung lässt sich auch „Der Mann des weißen Blattes“ von der wahren Bedeutung der Feder überraschen. Dieses Ende lässt keine Zweifel daran aufkommen, was Giorgio in seiner Geschichte suchte.

Die kleine Feder hat mich in Erstaunen versetzt, ich höre Branduardis Ballade nun mit anderen Ohren, sehe Federn mit anderen Augen und habe etwas zurückgewonnen, was mir manchmal viel zu leicht abhanden kommt. Eine maßvolle Schwerelosigkeit mit einer sehr literarischen Portion Bodenhaftung…

Es geht bald weiter mit meinen „Westentaschenbüchern“. Der nächste Schachzug folgt genau an dieser Stelle, wenn ich mit einer Schachspielerin die Rochade wage.

Westentaschenbücher - Es geht mit einem genialen Schachzug weiter

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Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Ja, ich gestehe: Ich liebe Entwicklungsromane. Ich mag Geschichten, in denen sich der Protagonist im Laufe der Erzählung maßgeblich verändert, eine deutliche Wandlung erfährt und letztlich vielleicht sogar sein bisheriges Leben hinter sich lässt. So viele Beispiele könnte ich aufzählen, um die guten Entwicklungsgeschichten meines Lesens aufzuführen, die mich bewegt und berührt haben. Zuletzt hat Benedict Wells inVom Ende der Einsamkeit Maßstäbe gesetzt, wenn es darum geht, diesen Prozess des Reifens zu beschreiben. Und genau hier schwingt auch immer der Wunsch des Lesers mit, sich selbst in seiner eigenen, ganz realen Geschichte zu entwickeln.

Endlich erwachsen zu werden, den wahren Sinn des Lebens zu verstehen, am eigentlichen Point-of-no-Return eine Vollbremsung hinzulegen und dem Schicksal ein Schnäppchen zu schlagen. Wer will das nicht? Am Ende seines Weges für sich selbst erkennen, dass man seine eigene Richtung gefunden hat. Dies in Romanen erlesbar zu machen ist eine der größten Herausforderungen für jeden Autor. Die inneren Kämpfe seiner Hauptfigur müssen auch nach außen hin spürbar werden und das Wachsen oder Versagen bestimmen das gesamte Geschehen.

Von Eilis Lacey über Alva bis zu Sara Lindqvist reicht der Reigen der Figuren, die mich in den vergangenen Jahren geprägt haben. Ihre Entwicklung basiert auf der tiefen Einsicht, eigene Erlebnisse zu verarbeiten, Kraft und Energie daraus zu schöpfen und dadurch zu einer Persönlichkeit zu reifen, die für den Leser konturiert und greifbar wird. Entscheidend sind sowohl der beschriebene Abholpunkt als auch das erreichte Ziel in der jeweiligen Geschichte. Entwicklung ist kein passives „Sich-Treiben-Lassen“, sondern intensiv geprägt von aktiv erlangten Einsichten. Dann entwickle ich mich auch als Leser.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer (Atlantik Verlag) hat wirklich alles, was ein solcher Entwicklungsroman braucht. Er ist zwischen zwei völlig diametralen Welten angesiedelt und wirft seine Protagonistin Thaïs Leblanc durch ein einschneidendes Erlebnis aus ihrem ganz normalen Alltag. Und nach nichts anderem strebt unsere gute Thaïs. Normalität bis zur Bedeutungslosigkeit. Alltäglicher geht es nicht.

Doch dieser Alltag bekommt einen unschönen Riss, als die Großmutter von Thaïs verstirbt. Und diese alte Dame war nun wirklich weit weg von jeder Vorstellung, die man von Normalität nur haben kann. Sie war ein Zirkusstar, die unvergleichliche Madame Leblanc, eine schillernde Persönlichkeit bis zuletzt, die sich nach dem Tod von Thaïs` Eltern um ihre kleine Enkelin gekümmert hat. Und nun scheint es so zu sein, als habe die Unvergleichliche ihren letzten Auftritt bis ins letzte Detail choreographiert.

Der Bestatter ist bestens instruiert, das Testament hat sich die Verschiedene auf den eigenen Körper geschrieben, und in ihr glitzerndes Zirkus-Kostüm gehüllt wird aus der Verblichenen eine fundamentale letzte Botschaft an die erwachsene Enkelin. Und aus diesem Vermächtnis erwächst der Startschuss für eine Reise, vor der sich Thaïs wohl ihr ganzes Leben gefürchtet hat und im guten Versteck der Normalität darauf hoffte, niemals entdeckt zu werden.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Und schon findet sich unsere Thaïs nicht mehr nur als um ihre einzige verbliebene leibliche Verwandte Trauernde, sondern auf dem Sprungbrett der Erkenntnis, was die Vergangenheit vor ihr verborgen hielt. Werden ihr nun alle Fragen beantwortet, die sich ihr nie gestellt haben? Kommt sie ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur und lüftet die verblichene Großmutter in einem großen Finale das große Geheimnis um die wahre Herkunft ihrer Enkelin?

Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass Thaïs sich plötzlich von Zirkusmenschen umgeben sieht, die mit ihr gemeinsam das Anwesen der Großmutter erben? Welchen Sinn sollte es haben, dass die kleinen Fetzen von Erinnerungen auf einmal eine neue Bedeutung bekommen? Welchen Sinn sollte die ganze Geheimniskrämerei haben, die sie elternlos auf den Weg in ihr eigenes Leben losgelassen hatte?

Peter Goldammer erzählt versiert, blumig und unglaublich unterhaltend. Er nimmt im Verlauf der Handlung auch sprachlich Fahrt auf und entführt nicht nur seine Leser, sondern auch seine Protagonistin auf einen Roadtrip durch Frankreich. Eine Reise, die nicht nur durch den Weg bestimmt ist, sondern zur Challenge wird, an deren Ende sie vielleicht erfährt, wer sie wirklich ist.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer geheimniskrämert ganz wunderbar. Er lässt Menschen in seinem Roman auftauchen, die nicht nur für sich stehen, sondern ganze Kulturen verkörpern. Zirkusmenschen und Zigeuner spannen behutsam ein neues Zelt über die Handlung des Romans. Sie errichten eine Manege und führen die Kunststücke auf, die sie bisher am Leben gehalten haben. Ein Zirkus der Überlebenskünstler, dessen Bilder uns Peter Goldammer ins Herz schreibt

Ich war tief im Roman verwoben, bin mit Thaïs durch Frankreich gehetzt, um ihr bei ihrer Suche zu helfen und wurde doch nicht warm mit dieser jungen Frau. Es war mir, als würde die Geschichte in aller Farbenfreude eine unglaubliche Entwicklung nehmen, die sich Thaïs selbst auf wundersame Weise verschließt. Ich fand nämlich keine der oben beschriebenen inneren Kämpfe, ich habe ihren Abholpunkt als kleine Verkäuferin in fester Beziehung als sehr schwammig empfunden. Ein blasses Bild, das nicht an ihr zerrt, keine Gewissenskonflikte auslöst und sie einfach treiben lässt.

Und genau so begegnete sie mir in der fortlaufenden Geschichte. Die Erkenntnis kommt zu ihr. Sie kommt nicht zur Erkenntnis. Thaïs ist mir bei der lebhaft erzählten Geschichte zu ruhig. Zu passiv und letztlich auch zu emotionslos. Ich hatte manchmal das Gefühl, sie rütteln und schütteln zu müssen, damit ich fühlen kann, was sie fühlt und ob sie fühlt. Subjektiv ist dieser Eindruck, das mit großer Sicherheit, aber ich lese subjektiv und ich hätte mir eine deutlich stärkere Protagonistin gewünscht. Emotionaler, zerrissener und eben eine, bei der man im Verhalten spürt, dass sie gerade dabei ist, sich ihr eigenes Leben zu erkämpfen.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer gelingt es mit „Der Zirkus der Stille Bilder von einem fahrenden Volk zu vermitteln, die bar jeden Vorurteils sind. Political incorrect muss man kein schlechtes Gewissen haben, den Begriff Zigeuner zu lesen und zu verwenden. Er ist hier definitiv nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt den kulturellen Hintergrund einer heimatlosen Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihr Umgang mit Trauer und Tod, ihre Fähigkeit, das Leben zu feiern und aus einem Wanderzirkus das ganze Leben zu machen, kommen hier zum Tragen. Wundervoll erzählt.

Das fehlende Konfliktpotenzial auf der Seite von Thaïs macht die Handlung für mich jedoch zu linear. An keiner Stelle muss man befürchten, dass sie plötzlich umkehrt, von ihrem eigentlichen Leben eingeholt wird, oder sich ganz bewusst entscheiden muss. Mir hat hier die Spannkraft bei der Flucht nach vorne gefehlt. Philosophisch gleicht Peter Goldammers Roman dieses Manko elegant aus. Ich wurde gut unterhalten und einige der Lebens- und Zirkusweisheiten, um die es hier im Kern geht, werden mich immer mit dem Buch verbinden.

„Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass meine Trauerzeit so viel kürzer war als die eines Border Collie, aber ich war eben kein Hütehund – wahrscheinlich doch eher das Gegenteil: eine Rumtreiberin, wie meine Großmutter.“

Ich dachte beim Lesen oft an Katarina Bivald und ihren Roman Ein Buchladen zum Verlieben. Hier wird eine Protagonistin aus ihrem Leben geschleudert, weil sie ein unerwartetes Erbe antritt. Nichts bleibt hier unverändert, alles droht bis zuletzt auf der Kippe zustehen und niemand kommt unverändert aus dieser Geschichte heraus. Am Ende meiner erlesenen Tour de France mit einem unvergleichlichen Zirkus würde ich mir gerne einen Roman über die unvergleichliche Madame Leblanc wünschen. Was für eine Persönlichkeit, die sich aus meiner Sicht viel zu früh mit einem brillanten finalen Auftritt verabschiedet hatte. Diesen Roman dürfte mir Peter Goldammer auf meinen Leib schreiben. Wäre das eine Idee?

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – AstroLibrium mit Border Collie

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt…“

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Der Zirkus der Stille” von Peter Goldammer in Verbindung stehen. Auch im Archiv von AstroLibrium wird man fündig. Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern ist ein wunderbarer Roman über die Magie unter dem Zirkuszelt.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer - Die Bücherkette

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Die Bücherkette

Aus Liebe zum Buch – The bookstore strikes back

Aus Liebe zum Buch - The bookstore strikes back

Aus Liebe zum Buch – The bookstore strikes back

Sonderbare Buchhandlungen, Buchläden zum Verlieben, Häuser der vergessenen Bücher Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles gelesen und geliebt, wenn es darum ging, in die besonderen Welten unserer bibliophilen Lieblingsorte abzutauchen? Einziges Problem bisher: Die beschriebenen heiligen Orte für Buchgläubige waren rein fiktiv und damit in der Realität nicht zu erreichen. Wie grausam kann die Welt sein, uns Lesenssüchtige nur im Bereich unserer Fantasie in diesen prunkvollen Hallen wandern zu lassen. (Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören: hier)

Nach San Francisco, Broken Wheel und Brooklyn entführte uns der DuMont Verlag vor knapp zwei Jahren nach Wien. Und zwar in eine greifbare Buchhandlung. Eine aus Fleisch und Blut. Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb entsprang nicht der reinen Vorstellungskraft. „Hartliebs Bücher“ ist die pure buchige Realität und die Geschichte dieser Tankstelle des Geistes gehört zu den absoluten „Must Reads“ in der Kategorie Bücher über Bücher.

„Meine wundervolle Buchhandlung“ ist die Geschichte einer Spontan-Idee, die dazu geführt hat, dass ein Lebenstraum plötzlich real wurde. Eine Buchhandlung, eröffnet und geführt von einer Schriftstellerin. Absolut spontan und ohne jeden Businessplan. Eine Story, die begeisterte und der ich in meiner kleinen literarischen Sternwarte viel Raum gegeben habe. Das Buch wurde zum Bestseller und zum ultimativen Weckruf für die Branche. Es zeigte, wie man die Welt ein klein wenig verändern kann und noch heute spürt man die Nachwirkungen dieser inspirierenden Idee.

Aus Liebe zum Buch - Die Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern

Aus Liebe zum Buch – Die Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern: Hier klicken

Bisher dachte ich jedoch, es nur mit einem Einzelfall zu tun zu haben. Mit einer mutigen Buch-Pionierin, die sich auf ihre Fahne geschrieben hatte, nicht nur ihre Welt zu verändern. Den harten Kampf, der hinter dieser Vision steckte, hat sie schonungslos beschrieben. Windmühlen pflasterten ihren Weg. Online-Händler und eine nicht immer einfache Kundschaft erleichterten ihr das Leben nicht gerade. Selbst wenn man in der Branche schon einen guten Namen hatte. Aber ein Einzelfall ist dies beileibe nicht. Und wer der Skurrilität dieser Geschichte noch eins draufsetzen möchte, der sollte sich eine Stunde Zeit nehmen.

Denn mehr werden Sie nicht brauchen. Versprochen. Aber diese Stunde des guten Lesens kann Ihre Sicht auf die Welt unserer Herzensbuchhandlungen verändern. Ach, was sage ich? Sie wird diese Welt verändern. Der Atlantik Verlag veröffentlicht ganz kleine, aber feine Bücherschätze, die ich despektierlich als Westentaschenliteratur bezeichne. Und das meine ich definitiv nicht abschätzig, denn diese Bücher beinhalten Geschichten, die man gerne am Lagerfeuer weitererzählen möchte. Und die man auch einfach so erzählen kann, weil ihr Umfang nicht jeden Rahmen sprengt.

In dieser Reihe der ganz großen Kleinen ist nun auch unter dem Titel Aus Liebe zum Buch ein trojanisches Pferd unter den gebundenen Kurzgeschichten erschienen, das wir einfach durch unser Stadttor ziehen sollten, damit es unsere Herzen erobert. Es ist klein, zierlich und schmal, dieses Bändchen und es beinhaltet eine wahre Geschichte. Eine Geschichte, die unter dem Originaltitel „The bookstore strikes back“ nicht nur eine Stadt verändert hat, sondern viel mehr. Der Buchladen schlägt zurück erinnert an die famose Idee von Petra Hartlieb, sich einen Lebenstraum zu erfüllen.

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag

Nur mit dem Unterschied, dass es sich bei der Frau, von der hier die Rede ist, um Ann Patchett handelt. Sie ist ebenso wie Petra Hartlieb eine Autorin. Ebenso wie Petra Hartlieb eine Liebhaberin kleiner inhabergeführter Buchhandlungen. Im Unterschied zur Wienerin jedoch wurde Ann Patchett 2012 vom Time Magazin auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gesetzt. Ihre Bücher werden weltweit in über 30 Sprachen übersetzt, sie wurde mit dem PEN / Faulkner-Award ausgezeichnet, ist ein mehr als gefragter Gesprächspartner in Talkshows und bereist die Welt, um ihre Bücher vorzustellen. UND – Ann Patchett wohnt in Nashville.

Was also, wenn eine Frau von diesem Format feststellt, dass man ihre Bücher in Heimatort nicht mehr kaufen kann? Was also, wenn sie bemerkt, dass man nicht nur ihre Bücher nicht mehr kaufen kann, sondern gar keine mehr? Was, wenn Ann Patchett realisiert, dass aus den Buchhandlungen ihrer Jugend zuerst große Ketten wurden, die dann in noch größere Warenhäuser integriert wurden und letztlich ganz verschwanden?

Und was, wenn sich genau diese Ann Patchett nicht mit diesem Zustand zufrieden gibt und beschließt, mit ein paar ambitionierten Freunden einen Buchladen in Nashville zu eröffnen?

Ein Hirngespinst? Eine Schnapsidee? Ein typisch amerikanischer Spleen?

Aus Liebe zum Buch - Parnassus in Nashville

Aus Liebe zum Buch – Parnassus in Nashville

Ganz weit gefehlt. In „Aus Liebe zum Buch“ erzählt die Bestsellerautorin von den Ursprüngen der Idee bis zu ihrer Realisierung. Sie schreibt von den Widerständen und dem Lachen hinter vorgehaltener Hand, wenn sie ihren Freunden davon erzählte. Und sie beschreibt jenen Moment, der nicht nur ihr Leben, sondern das einer ganzen Stadt veränderte: Eine große Talkshow im Fernsehen, die Vorstellung ihres neuen Romans, die ausufernde Begeisterung des Moderators und seine abschließende Empfehlung, das Buch doch am besten noch am gleichen Tag bei einem Online-Riesen zu bestellen und die magische Erwiderung von Ann Patchett:

„Nein… ! Nein… Nicht bei Amazon. Bestellen Sie bei Parnassusbook.net und ich signiere für Sie!“

Und Amerika nahm sie beim Wort.

Denn inzwischen war in Nashville die Buchhandlung „Parnassuswie Phoenix aus der Asche auferstanden. Ganz klein. Mehr als gediegen und doch schon der Treffpunkt belesener und erlesener Menschen, denen genau dieser Ort der Begegnung und des Austausches gefehlt hatte. Menschen, die im vertrauten Gespräch mit Buchhändlern die Orientierung im eigenen Lesen suchten. Menschen, die sich nicht durch einen Wust an Online-Rezensionen kämpfen wollten, um ganz einfach herauszufinden, welcher Roman zu ihnen passt.

Und Menschen, die sich nun erstaunt die Augen rieben, warum genau dieser kleine Buchladen die Titelseiten der großen amerikanischen Zeitungen beherrschte. Nur Ann Patchett war zu beschäftigt, sich darüber zu freuen. Sie signierte. Und wie sie signierte.

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag

„The bookstore strikes back“ ist eine Liebeserklärung an den Buchhandel und eine Streitschrift gegen den drohenden Verlust dieser kleinen Bücher-Biotope. Er ist zugleich Mahnung an uns Leser und Käufer. Wir können selbst darüber entscheiden, bei wem wir einkaufen, wo wir uns beraten lassen und damit entscheiden wir unmittelbar über die Existenz der kleinen Buchhandlungen.

Bei gleichen Preisen und einem vergleichbaren Angebot im greifbaren Sortiment und im Online-Versand der kleinen Buchhandlungen entscheidet ein Besuch, ein Klick und ein Blick über Existenzen. Wir können verhindern, dass aus unserer Umgebung ein Nashville wird. Wir haben es in der Hand, auch wenn wir nicht prominent sind oder die Welt bewegen können. Wir können dem Trend Schub verleihen, dass inhabergeführte Buchhandlungen Zukunft haben.

„Aus Liebe zum Buch“ verleiht uns Schubkraft. Dieses Büchlein nimmt uns an die Hand und erzählt uns auf liebevoll sympathische Art und Weise von einem Traum, den Hindernissen und Steinen, die es zu beseitigen galt. Und es erzählt die Geschichte von Menschen, die tagtäglich hinter dem Tresen stehen, um ihre Liebe zum Buch an andere Menschen weitergeben zu können. Lesen Sie „Aus Liebe zum Buch“ und Schmunzeln Sie über die Revolution im Kleinen. Danach verlassen Sie das kleine Bändchen und werden Teil des Trends. Ein Besuch beim Buchhändler kann ihr Lesen retten.

Aus Liebe zum Buch - The bookstore strikes back

Aus Liebe zum Buch – The bookstore strikes back

Lesen Sie auch meine weiteren Liebeserklärungen an den Buchhandel in meinem kleinen literarischen Widerstandsnest. Und denken sie dabei immer daran… Amazon veranstaltet keine Lesungen, dekoriert keine Bloggerfenster und backt keine Plätzchen für die Kundschaft. Ihre Buchhändler schon!

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Bücher über Bücher bei AstroLibrium… Die Reise geht weiter…

Meine Liebeserklärungen an den Buchhandel:

Mein Schaufenster ist der Spiegel Deines Lesens – Der Start einer Kampagne
Das Lob der guten Buchhandlung – Ein besonderer Rollentausch
Buchschlusspanik oder wie ein Papierhaus mein Lesen rettete – Ein Tipp
Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb
Petra Hartlieb im exklusiven Buchmesse-Interview– Frankfurt 2014
Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley
Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley
Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra von Robin Sloan
Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens
Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

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PS: Ironie des Schicksals.

Nachdem Amazon in Seattle die erste eigene Buchhandlung eröffnet hat, plant der Online-Riese nach neuesten Pressemeldungen, nun selbst eine Buchhandelskette mit mehr als 400 Filialen zu etablieren. Beratung durch Buchhändler? Natürlich, aber wer dem Link folgt, wird auf den Fotos sehen, dass die umstrittenen Online-Rezensionen nun zu den Empfehlungen im Laden mutieren. Klingt schon ein wenig nach dem alten Heuschreckenprinzip. Zuerst dafür sorgen, dass die Buchhandlungen verschwinden und dann selbst den freien Markt besetzen. Bleibt gespannt.

„Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Möchtet ihr vielleicht mit einem ganz kleinen Ohrwurm in diese Buchvorstellung starten? Ich denke schon. Es gibt nämlich einen legendären Song vom guten alten Joe Cocker, der zum Roman Der Hut des Präsidenten – Atlantik Verlag – passt, wie die vielbeschriebene Faust auf unser literarisches Auge. You can leave your hat on„. Bei welchem Buch sollte man eigentlich einen Hut tragen? Bei welchem Buch entsteht schon während des Lesens der ersten Zeilen der dringende Wunsch, gut behütet weiter in die Handlung vorzudringen?

Und bei welchem Roman wird man plötzlich von Verlustängsten geplagt, genau diesen Hut zu verlieren? Wobei es wirklich nicht ganz egal ist, welchen Hut man trägt. Zumindest nicht im Roman von Antoine Laurain. Schwarz sollte er sein. Hochwertig und aus bestem Filz. Kein einfacher Gebrauchshut für den Alltag! Nein, es darf bitte etwas staatstragendes sein. Repräsentativ und mit Charakter. Die Initialen F.M. dürfen auch nicht fehlen. Dann wären wir ganz nah dran. Chapeau.

„Der Hut des Präsidenten“ ist kein alter Hut. Er ist der Hut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand, der die Geschicke unseres Nachbarlandes von 1981 bis 1995 im Amt des Präsidenten der Republik lenken durfte. Grund genug, uns mit einem flotten Song auf den Lippen in die Vergangenheit zu begeben und Paris einen literarischen Besuch abzustatten. Grund genug, das eigene Hutband ganz fest zu binden, damit uns nicht das Missgeschick widerfährt, das hier für einen ganzen Roman als Initialzündung dient. Herzlich willkommen im Jahr 1986. Joe Cocker veröffentlichte einen Song, dem der Herr Präsident wohl besser zugehört hätte. Denn ihm passiert das Unglaubliche:

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

François Mitterrand vergisst sein Markenzeichen, seinen schwarzen Filzhut mit den magisch anmutenden Initialen F.M. in einem gemütlichen Pariser Lokal. Einfach so. Weg. Doch während er den Verlust nicht zu bemerken scheint, rückt der bis dahin völlig unbeteiligte kleine Buchhalter Daniel Mercier plötzlich in den Mittelpunkt der Ereignisse. Aus einem einsamen kleinen Abendessen wird nun der Wendepunkt seines Lebens.

Daniel Mercier kann nicht widerstehen, den präsidialen Hut an sich zu nehmen, ihn kurzerhand aufzusetzen und möglichst unauffällig den Ort dieser Zufallsbegegnung zu verlassen. Hätte er nur geahnt, welche Kette an skurrilen Ereignissen er mit dieser Tat auslöst, er hätte diese Kopfbedeckung wohl besser ignoriert. Bei Licht betrachtet war es jedoch die beste Entscheidung seines Lebens, mit dem Hut des Präsidenten auf dem nun hoch erhobenen Haupt die Straßen von Paris zu betreten.

Der kleine Zufall, der Wink des Schicksals, die eine kleine Chance, die Fügung oder ganz einfach Bestimmung. Von allem etwas ist nun dafür verantwortlich, was dem unscheinbaren Buchhalter widerfährt. Zuerst sieht es so aus, als würde der Spruch „Kleider machen Leute“ hier eine ganz eigene Renaissance erleben. Der Filzhut des höchsten Würdenträgers im Lande färbt auf das Verhalten des Kleinen Mannes ab. Während Daniel über sich hinauszuwachsen scheint, schrumpfen die Menschen um ihn herum. Sie werden unbedeutend. Daniel Mercier wird sich seiner selbst bewusst und seine Chefs erleben ihn von einem auf den anderen Tag völlig anders.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Schon wieder kommt mir Joe Cocker in den Sinn und ich summe die Melodie fröhlich vor mich hin, während ich der Geschichte des Buchhalters folge, sein Aufblühen erlebe und bemerke, wie sehr das kleine neue Detail zur Trutzburg wird, die Mut verleiht. „You can leave your hat on“ flüstere ich ihm zu und denke mir, dass ich nun miterleben kann, wie der kleine Mitarbeiter so richtig durchstartet. Einen ersten Sprung einer neuen Karriere erlese ich noch, doch dann widerfährt ihm das gleiche Missgeschick, das den Präsidenten ereilt hat.

Wie gewonnen, so zerronnen. Daniel Mercier vergisst „seinen“ Hut in der Bahn und herrenlos scheint die charismatische Kopfbedeckung nun Damenanschluss zu suchen. Wobei wir schon beim zentralen Element dieses Romans angekommen sind. Der Hut wechselt mehrfach seine kurzzeitigen Besitzer. Er scheint sich einerseits dauerhaft zu verweigern, hinterlässt aber in der kurzen Periode des Behütens bleibenden Eindruck im Leben seiner Träger.

Da ist die kleine und lebenslustige Fanny Marquant, die auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens bei einem Mann hängengeblieben ist, der alles will. Nur keine Zukunft mit ihr. Verheiratet und unehrlich hält er sie jahrelang hin, nutzt sie aus, hat seinen Spaß und das könnte ewig so weitergehen. Bis Fanny eines Abends zum gemeinsamen Tête-à-tête erscheint – diesmal nicht kopflos, sondern auch mit erhobenem Haupt, auf dem nun ein Herrenhut thront.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

„Die schwarze Filzkrempe gab ihr Schutz, verengte den Raum um sie herum, begrenzte ihn auf einen fest umrissenen Horizont.“

Das ausschweifende Leben findet einen Orientierungspunkt. Das kleine Detail auf dem Kopf verändert auch hier schlagartig ein Leben, und doch wird dem Leser schnell klar, dass Der Hut des Präsidenten nicht bei Fanny bleiben wird. Er wechselt erneut seinen Besitzer und mit diesem „Hütchen wechsel dich – Spiel“ lernen wir Menschen kennen, die uns in ganz kurzer Zeit ans Herz wachsen. Wir ahnen die Veränderungen, die sie erleben werden und sind doch schon auf den erneuten Verlust vorbereitet.

Auf unserem Leseweg begegnen wir dem leicht derangierten Pierre Aslan, auch „Die Nase“ genannt, obwohl er dieses Attribut schon lange verloren zu haben scheint. Der wohl begnadetste Parfüm-Designer in Paris hat schon seit Jahren seine gute Nase verloren und ist fast in Vergessenheit geraten. Als ihm der Hut in die Hände fällt, liegt etwas Besonderes in der Luft.

Auch der desillusionierte Bernard Lavallière macht Bekanntschaft mit dem Hut der Hüte. Der Angehörige der Pariser Oberschicht hat eigentlich alles, was anderen fehlt. Und doch scheint gar nichts davon auf seine Persönlichkeit schließen zu lassen. Antike Möbel, verstaubte Gemälde und ein Leben an der puren Oberfläche der Society haben seinen Blick vernebelt und verschleiert. Als der Schleier dem Hut weicht, beginnt auch er zu erkennen.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Nun könnte es ewig so weitergehen, aber da es niemand schafft, Joe Cocker´s Song dauerhaft zu singen, gelingt es dem mehr als begnadeten Schriftsteller Antoine Laurain, der Geschichte mit den vielen Geschichten eine unerwartete Wendung zu geben, die alle Handlungsfäden in der Hutkrempe des Präsidenten vereint. Grandios erzählt, voller Irrungen und Wirrungen, skurril, unterhaltsam, amüsant und voller Charaktere, die man in seinem Lesen nicht mehr missen möchte. Er bringt alles unter einen Hut.

Alleine der Parfümeur und seine Geschichte gehört zu den wundervollsten Passagen eines Romans die ich in letzter Zeit lesen durfte. Und doch hat dieser Roman etwas von einem Asterix-Heft. Man kann ihn genießen, oberflächlich lieben, versinken, lachen und weinen. Bei genauer Betrachtung zeichnet Laurain jedoch ein tiefes Portrait von Paris in der Mitte der 80er Jahre. Kultur, Gesellschaft, Architektur, Diskriminierung, Politik, das Lebensgefühl der Franzosen, Revolutionen im Kleinen, der drohende Rechtsruck und die Angst vor Terrorismus. All diese Elemente finden wir im Muster des Hutes wieder, obwohl er keines zu haben scheint.

Betrachtet man Frankreich heute und vergleicht es dann mit der Zeit in der Mitterrand seinen Hut verlor, dann schärft dieser Hut auch unseren Blick. Es scheint, dass wir ihn aufsetzen und nun vieles erkennen, was uns schleierhaft und unbegrenzt war. Laurain macht seine Leser zu den Trägern dieses Hutes. Und genau in dem Moment, in dem man die Krempe spürt, stellt sich die Gegenwart scharf und vielleicht verändert dieser Roman die Menschen ebenso sehr, wie Der Hut des Präsidenten auf seiner langen Reise durch eine traumhafte Stadt es mit seinen Trägern vollbracht hat..

„You can leave your hat on…“ Julia und ich summen dieses Lied noch heute. Gut behütet durch diesen Roman – wollen wir mal hoffen, dass wir unsere Hüte nicht verlieren. Und herzlichen Dank für Deine Bilder aus Paris, die ich hier unter meinen Hut bringen durfte.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

PS… Ein Gedanke zum Schluss… Ob das, was mit Mitterrands Hut geht, auch mit Merkels Kappe funktioniert? Nein… Bilder aus meinem Kopf. Lassen wir den Roman in Paris. Und jetzt raus aus der Hutschachtel des guten Lesens. Setzt einen Hut auf und ab nach Paris. Und immer schön festhalten. Also den Hut natürlich.

Hüte.. Überall Hüte.. Und immer wieder tolle Stimmen zu diesem Buch, das bereits auf Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste gehüpft ist. Auch Anja hat den Hut auf

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