Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Mal eine Frage an die Eltern unter Euch? Woran habt Ihr bei der Namensfindung für eure Kinder gedacht? Welche Überlegungen sind Euch durch den Kopf gegangen, bis der Name Eures Sohnes oder Eurer Tochter feststand und ins Stammbuch eingetragen wurde? Familientradition, der gute Klang, Menschen aus Eurem Umfeld, Schauspieler, Sportstars oder hat der Zufall regiert? Letzteres wohl kaum. Hier werden Listen gewälzt und Ratgeber bemüht. Hier wird im Familienkreis diskutiert oder heimlich still und leise gehandelt. Wie auch immer, es ist ein nicht ganz unproblematischer Prozess, den alle Eltern noch vor Augen haben. Ein Prozess, der lange vor der Geburt des ahnungslosen Stammhalters oder der Stammhalterin beginnt.

Was, wenn es einen weiteren Einfluss gäbe, dem man sich nur kaum verweigern kann? Was, wenn es ein Versprechen gäbe? Einen letzten Wunsch, den es zu erfüllen gelte. Wenn es einen Ring gäbe, der dem künftigen Namensvetter zu übereignen wäre und sich der letzte Wille eines verstorbenen Verwandten im Stammbaum ablesen ließe. Das ist die Rahmenbedingung, mit der die schwangere Marjolijn leben muss. Im Alter von 18 Jahren hat sie genau das ihrer Großmutter versprochen. Sollte sie einem Sohn das Leben schenken, würde sie ihn nach ihrem entfernten Onkel Frans Julius Johan nennen. Ein paar Jahre später wird Marjolijn bewusst, dass ihre erste Schwangerschaft voll und ganz im Zeichen eines Bombenanschlags aus dem Jahr 1946 stehen würde.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Wie sag ich´s meinem Mann? Wie gehe ich mit dieser Situation um und was geht mir durch den Kopf, wenn sich das Damoklesschwert eines alten Versprechens zu senken beginnt? Es sind nicht nur diese Gedanken, die Marjolijn beschäftigen. Erstmals setzt sich die werdende Mutter mit ihrer Familiengeschichte und dem Mann auseinander, der zum Namensgeber ihres Sohnes wird. Ein Nationalheld immerhin. Ein Kämpfer gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg und Rächer an all jenen, die mit der Besatzungsmacht kollaboriert haben. Ihm wird ein Bombenanschlag zugeschrieben, bei dem mehr als ein Jahr nach Kriegsende ein Verräter liquidiert wurde. Was sollte heute dagegen sprechen diesem aufrechten Mann die Ehre zu erweisen, indem man seinen Namen weiterleben lässt? Eigentlich nichts.

Marjolijn van Heemstra reflektiert in ihrem Buch „Ein Name für dich“ ihre eigene Erlebniswelt. Es ist deutlich erkennbar, wie intensiv diese Geschichte autobiografisch geprägt ist. Dabei macht sie es sich nicht so leicht, einfach nur auf eine Geschichte im Narrativ ihrer Vorfahren zurückzublicken. Sie wirft unterschiedlichste Fragen auf, deren Relevanz uns durch diese Geschichte begleitet. Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage, was man seinem Kind mit einem Namen mit auf den Weg gibt. Welche Last und welche Verantwortung, wie wegweisend eine solche Entscheidung ist und was man der ungeborenen Existenz damit aufbürdet. Erst als Marjolijn an der Familiengeschichte zu zweifeln beginnt, wird ihr die ganze Tragweite ihres Versprechens bewusst.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Jetzt beginnt die biologische Uhr zu ticken. Bis zur Geburt ihres Sohnes muss sich Marjolijn entschieden haben und sie beschließt, auf Nummer sicher zu gehen. Sie fängt an zu recherchieren. 27 Wochen bleiben ihr, eine Geschichte zu verifizieren, die in der Familie verbürgt zu sein scheint. Was aber, wenn Frans Julius Johan Heemstra kein Widerstandsheld war? Was, wenn sich erste Zweifel bewahrheiten? Was, wenn sie ihr Kind nach jemandem benennt, der das gar nicht verdient hat? Es sind aufreibende und nagende Fragen, die nun die eigene Schwangerschaft überlagern. Eigentlich sollte die werdende Mutter sich auf ganz andere Dinge konzentrieren. Vorsorgeuntersuchungen stehen an, wichtige Entscheidungen sind zu treffen und nicht zuletzt gilt es, die letzten Tage einer liebevollen Zweierbeziehung zu feiern, bevor ein Baby die Welt verändert.

Erstmals stürzt sich Marjolijn mit aller Entschlossenheit in die Kriegsgeschichte ihres Heimatlandes, durchforstet private und öffentliche Archive, verschafft sich einen Überblick über die Stimmungslage der Niederländer zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Unterdrückung durch die Nazis hat Spuren im Volk hinterlassen und die erste Zeit nach dem Krieg offenbart, dass es einige „Ratten“ gibt, die sich durchschlängeln ohne für ihre Taten zu büßen. Kollaborateure und Verräter, Kriegsgewinnler und Profiteure in jeder Beziehung habe es geschafft, im Nachkriegsholland Fuß zu fassen. Da kann man nachvollziehen, dass der aufrechte Widerstandskämpfer von einst zur Bombe greift und der Gerechtigkeit auf die Sprünge hilft. „Unverhofft kommt oft“, so das Motto der Rache.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

„Ein Held als Blaupause für meinen Sohn!“

Allein dieses Bild ist schon verstörend. Wenn Frans Julius Johan jedoch gar kein Held war, sondern ein zielloser Rächer, dem es völlig egal war, ob die Vorwürfe gegen das Opfer stimmen? Wenn er revanchistisch um sich bombte und vielleicht falsch lag in seinen Annahmen? Diese Fragen überlagern die Schwangerschaftswochen, die wie im Flug vorbeirauschen. Zeitzeugen werden befragt, Freundinnen ihres Onkels, nahe und ferne Verwandte und nicht zuletzt auch Angehörige der Opfer. Denn dass es mehrere von ihnen gab, findet Marjolijn schnell heraus. Unbeteiligte. Völlig unschuldige. Und ob die eigentliche Zielperson ein Verräter war, steht auf immer wackligeren Beinen. Fakten und Fiktion vermischen sich zu einem Narrativ, an dem niemand offen zweifelt. Was ist Geschichte? Was ist verbrieft? Was wurde verschwiegen? Marjolijn demaskiert eine bis heute nie bezweifelte Legende.

Die biologische Uhr wird zum Tempomacher dieses Buches. Zeitsprünge kommen erschwerend hinzu, denn eine Geburt lässt sich nicht planen. Je näher der Termin rückt umso intensiver und ruheloser jagt Marjolijn den Fakten hinterher. Der bombenlegende Onkel von einst ist nicht die einzige Zeitbombe, die tickt. Hier gehen Handlungsebenen ineinander über. Vergangenheit und Gegenwart werden zur gemeinsamen Leitlinie für ein ungeborenes Leben. Marjolijn van Heemstra überzeugt mit ihrer unverblümten und emotionalen Erzählweise. Man merkt ihr an, dass hier mehr auf dem Spiel steht, als ein altes Versprechen einzulösen. Ein faszinierendes Buch über die eigene und die andere tatsächliche Wahrheit. Ein Buch über Verantwortung und den Stellenwert von Identität.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Es sind wieder die Niederlande, die mich hier eingeholt haben. Es ist Geschichte, die hier erneut greifbar wird. Es geht erneut um Kinder und Namen. Nicht meine erste Auseinandersetzung mit der Bedeutung einer Familiengeschichte. Sie beginnt in einer Zeit, in der Identitäten gestohlen und gefälscht wurden, in der man Kinder umbenannte und die „Kinder mit Stern“ per Reichserlass zu „Sara“ oder „Israel“ machte. Es beginnt in einer Zeit, in der Namen auf der Flucht verlorengehen. Ebenso wie die Familien und damit die ganze Geschichte. Es setzt sich in unserer Zeit fort, in der Nummern Namen ersetzen. Alles mit dem gleichen Ziel: Ausgrenzung.

Marjolijn van Heemstra macht aus ihrer Familiengeschichte eine zeitlos relevante Erzählung von besonderer Relevanz. Erst, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet ist, kann sie verstanden werden. Erst, wenn sie verstanden ist, kann man Lehren ableiten. Und nicht zuletzt erkennt man an der eigenen Familiengeschichte, wie schwer es sein kann, der globalen Geschichtsschreibung zu trauen. Alles ist subjektiv. Wissenschaftler beheben hier nur die gröbsten Schäden. Am Ende des Buches steht die Entscheidung. Sie steht für das gesamte Schreiben der Autorin. Sie steht für dieses Buch. Sie ist nicht nur Weckruf sondern auch Inspiration für den allzu oft oberflächlichen Umgang mit der Frage „Wie nennen wir unser Kind?“.

Ob das Cover geeignet ist, die richtigen LeserInnen auf dieses Buch aufmerksam zu machen, wage ich zu bezweifeln. Es ist zu niedlich für die Ernsthaftigkeit des Themas.

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Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Die besetzten Niederlande und AstroLibrium. Eine lange gemeinsame Geschichte gegen das Vergessen:

Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ – Bart van Es
Kinder mit Stern“ von Martine Letterie
Das Tagebuch der Anne Frank“ – Anne Frank
Mein geheimes Tagebuch“ – Klaartje de Zwarte-Walvisch
Lienekes Hefte“ – Lieneke van der Hoeden

Ein Name für dich“ von Marjolijn van Heemstra / Atlantik Verlag / gebunden / 208 Seiten / dt. von Stefan Wieczorek / 20 Euro

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Es ist interessant, wie sehr Titel und Cover einen Roman in einem anderen Licht erscheinen lassen. Betrachte ich zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild von Amy Blooms neuem Buch Meine Zeit mit Eleanor, dann sehe ich zwei elegante Damen, die zwar in stiller Eintracht in einem Garten sitzen, voneinander jedoch wenig Notiz zu nehmen scheinen. Ihre Blicke schweifen in unterschiedliche Richtungen und doch sagt das Porträt sehr viel aus, ohne besondere Nähe zu vermitteln. Betrachtet man dagegen die Covergestaltungen der Originalausgaben unter dem Titel „White Houses“, erkennt man, dass es sich bei diesen Aufnahmen um eine ganze Serie gehandelt haben muss. Hier ist der Blick der beiden Ladies auf den gleichen Fixpunkt gerichtet. Darüber hinaus erkennt man durch den Bildausschnitt genau, wo man sich befindet. (Weiterhören)

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Der Washington Memorial Obelisk zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass wir uns auf einer Terrasse des Weißen Hauses befinden. Einer Terrasse, die eigentlich nur der „First Family“ vorbehalten ist. Den Angehörigen des jeweiligen Präsidenten. Es ist auch deutlich zu sehen, dass beide Aufnahmen koloriert wurden. Dem Schwarzweiß im Original sind unterschiedlich konturierte Pastelltöne gefolgt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Bildbesprechung, und doch ist es mir wichtig, mich in diesen Aufnahmen fallen zu lassen, um eine Idee von der Grundstimmung des Romans zu bekommen. Zuletzt zeigt das dritte Cover die beiden Damen im Garten des Weißen Hauses. Stolz, aufrecht, Arm in Arm und im Gleichschritt. Eine vertraute Zielstrebigkeit strahlt dieses Bild aus. Sicher mehr, als die beiden Ladies es gerne offen gezeigt haben. Es ist mein Lieblingsbild, da es einen Hauch dessen widerspiegelt, womit ich es zu tun habe, wenn ich „Meine Zeit mit Eleanor“ lese.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Eleanor Roosevelt und die Reporterin Lorena Hickok sind hier zu sehen. Erstere, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land in vier Amtszeiten von 1933 bis 1945 regierte. Die Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Seine politischen Fähigkeiten ließen ihn alle Untiefen des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen innenpolitischen Verwerfungen überstehen. Sie, immer an seiner Seite. Eleanor Roosevelt. Weitgehend isoliert in dieser Zeit, umgeben nur von wichtigen Wegbegleitern und den Berichten vieler Zeitzeugen zufolge eine sehr populäre Präsidentengattin, die das Gemeinwohl im Sinn hatte. Und doch gab es eine Affäre, die niemals thematisiert wurde, die unausgesprochen die Zeit überdauerte und die von der Presse, oder dem politischen Gegner niemals offen ausgeschlachtet wurde.

Diese Affäre trug den Namen HICK, den Kosenamen von Lorena Hickok. Hier setzt Amy Bloom an. Hier beginnt sie ihren Roman, der vielleicht viel mehr ist, als das. Dabei betont sie eindeutig, einen historischen Roman geschrieben zu haben, in dem natürlich bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vorkommen, dessen Szenen und Dialoge jedoch frei erfunden sind. Das macht die Autorin frei, in einem authentischen Setting im historischen Kontext endlich das Unausgesprochene zu verarbeiten, das Nähkästchen zu öffnen und auszuplaudern, worüber einst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Dass sie keinen Skandalroman schrieb ehrt sie. Dass sie sich vorbehaltlos einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen näherte, wird den beiden Damen auf der Fotografie gerecht. Sie haben sich diesen Roman verdient, weil er endlich erzählt, was in den `30er Jahren für Eleanor und Lorena vernichtend gewesen wäre. Heute darf man auf ihre Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft schauen, ohne sie zu verdammen.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Während Eleanor Roosevelt im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, verlief das Leben der aufstrebenden Journalistin Lorena Hickok wenig spektakulär. Aus armen Verhältnissen stammend, und am Ende einer traumatischen Jugend voller Missbrauch geht sie ihren eigenen Weg, erobert die Welt der Zeitungen für sich und begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben der „First Lady“. Amy Bloom skizziert in ihrem Roman nicht nur diese gemeinsame Zeit, die genau in diesem Moment begann, sie nimmt uns mit in eine Vergangenheit, die es plausibel macht, warum sich hier zwei Seelenverwandte im White House in- und aneinander verlieren. Zeitsprünge werfen uns hin und her, bis das Verständnis für die komplexe Situation so weit gediehen ist, dass wir der Story nahezu problemlos folgen wollen und können. 

Amy Bloom bewertet nicht, sie seziert nicht, gibt Spekulationen wenig Raum. Sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, wenn sich die Türen im Weißen Haus schlossen und zwei Frauen, die nach außen nicht sonderlich attraktiv wirkten und innerlich extrem vereinsamt waren, zueinander fanden. Aus Vertrautheit entsteht Nähe und aus ihr wird ein magisches erotisches, leidenschaftliches und amouröses Band, das ständig Gefahr läuft, von der Öffentlichkeit zerrissen zu werden. Dabei ist es weniger die gegenseitige Anziehungskraft, die den Frauen Halt gibt. Es ist der unglaubliche Respekt, den beide füreinander empfinden, der in einer lesbischen Beziehung gipfelt und endet. Ja, es gab den Plan, dies offen zu leben. Am Ende der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und damit am Beginn der Freiheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass er es aber ganze vier Wahlperioden schaffte, an der Macht zu bleiben, war das Todesurteil dieser Wünsche.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom gibt ihre Charaktere nicht der Peinlichkeit preis. Sie zieht sie nicht ans Licht und zieht sie nicht aus. Sie öffnet uns behutsam für eine Beziehung, die auch im Hier und Jetzt fatale Folgen haben würde. So sehr hat sich die Gesellschaft nun auch nicht gewandelt. Im Kontext der Affäre wirft Amy Bloom ein sehr präzises Licht auf das Umfeld beider Frauen, auf die Erwartungshaltung, die sie umgibt und die Verletzungen, die sie ertragen müssen. Der Präsident, ein vitaler Tausendsassa, wenn es darum geht, sich in die Herzen von Frauen zu stehlen und diese zu brechen. Seine Affären mit den Frauen aus seinem Umfeld hat Eleanor stillschweigend zu erdulden. Der Preis für das Leben im Weißen Haus ist hoch. Und doch steht neben der fragwürdigen Moral, die alle Bilder dominiert, die politische Leistung unter der Überschrift eines verantwortungsvoll geführten Amtes im Vordergrund. Hier wünscht man sich oft, dieser Roman würde jetzt im Regierungssitz Beachtung finden.

Amy Bloom stürzt keine Denkmäler vom Sockel. Sie gestattet einen Blick hinter die Kulissen der Macht und öffnet den Erzählraum in eine politische Welt, an der so manch anderer Präsident gescheitert wäre. Sie ermöglicht uns den Gesprächen mit Franklin D. Roosevelt zu folgen, seine Beweggründe zu erkennen und auch seine Haltung mit der Behinderung zu verstehen. Amy Bloom schreibt nieder, was sich Eleanor und Lorena insgeheim gewünscht haben. Am Ende der Beziehung steht die Trauer darüber, dass man ihre Geschichte nicht erzählt hat.

„Niemand schrieb je einen Artikel über Eleanor und mich.“

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom schrieb einen großen Sehnsuchtsroman, der nicht weit hergeholt ist. Wahrscheinlich bleibt sie näher bei der Wahrheit, als es ihre Absicht war. Ich habe gut verstanden, wo eine Leidenschaft begann und konnte intensiv nachvollziehen, was die beiden Frauen aneinander hatten. Amy Bloom macht aus dem offenen Geheimnis eine große Geschichte. Die Entwicklung ihrer Charaktere spiegelt ihre Geisteshaltung wider. Hick bleibt Hick. Ob in ärmlichen Verhältnissen oder später als Mitbewohnerin im White House. Und Eleanor braucht genau ihren Halt und ihre Bestätigung, um die Energie zu entfalten, die sie immer auszeichnete. Hier machen die Charaktere Geschichte. Es sind tatsächlich die Weißen Häuser, in die wir einziehen dürfen. In wichtigen Episoden ist es auch ein kleines Weißes Haus, in dem Franklin seine Kinderlähmung therapiert. „White Houses“ – Ein Spiegelkabinett, in dem die Geschichte nicht verzerrt wird.

Diese Geschichte ist für mich eng verbunden mit dem Roman „Hemingway & ich“ von Paula McLain. Auch in diesem Buch treffen wir auf Eleanor Roosevelt. Auch hier sind es zwei Frauen, die sich plötzlich, voneinander fasziniert gegenübersitzen. Martha Gellhorn findet in der Präsidentengattin eine Fürsprecherin für ihre Karriere. Ohne ihren Einfluss, wäre Martha niemals Kriegsberichts-Reporterin geworden. Ohne Eleanor wohl keine Zukunft an der Seite Ernest Hemingways. Es ist ein interessanter Gedanke, dass die angehende Weltjournalistin Gellhorn im Weißen Haus einer angehenden Reporterin begegnet sein muss. Bücher öffnen Denkräume. Diese beiden in besonderer Weise.

„… Ich war nie auf eine Ehefrau oder einen Ehemann neidisch gewesen – bis ich Eleanor kennenlernte. Dann allerdings hätte ich alles, was ich je an Gutem erlebt habe gegen das eingetauscht, was Franklin hatte, inklusive Polio und allem Drum und Dran.“ (Lorena Hickok)

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor“ / Amy Bloom / Atlantik Verlag / 268 Seiten / 20,00 Euro / Übersetzt von Kathrin Razum

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Zum Welttag des Buches könnt Ihr das Buch von Amy Bloom in Begleitung eines Büchereulen-Unikats in Euren Regierungssitz lotsen. Hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel und verratet mir, was eine Super-Leseeule bei Euch vorfinden würde. (Einsendeschluss ist Samstag, der 27. April 2019)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

„Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mama
du bist kein Lama
Papi
und du bist kein Okapi
Oma du singst Paloma
Opi
alle machen Pipi

Damit fing alles an. Ein harmloser Kinderreim, verfasst von Édouard im zarten Alter von sieben Jahren. Die Welt stand dem Jungen weit offen und die Fantasie konnte sich frei entfalten. Wären doch diese Zeilen niemals den Verwandten zu Ohren gekommen, hätte doch die Familie des kleinen Édouard niemals Notiz davon genommen, hätten sie einfach weggehört, sein Leben wäre anders verlaufen. Haben sie aber nicht. Sie haben ganz genau hingehört. Zu genau. Und schon steckte der Junge in einer Schublade, aus der er zeitlebens nicht mehr entfliehen konnte.

„Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. Mama schloss mich in die Arme. Der Papi, die Oma und der Opa applaudierten. Komplimente ertönten. Es wurde auf mich angestoßen. Bedeutende Worte wurden gesagt. Ein Dichter.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mit sieben Jahren wurde Édouard zum Dichter der Familie. Mit acht Jahren hatte er nichts mehr zu schreiben. Die wohl früheste Schreibblockade der Literaturgeschichte. Wie so oft steht diesem kleinen Kerl in einem Moment der größten Zuneigung auch die größte Erwartungshaltung gegenüber. Das erste Dribbling eines Fußballzwergs vor den Augen des ehrgeizigen Vaters; die erste wackelige Drehung einer kleinen Ballerina vor den Augen der vom Leben enttäuschten Mutter; ein erster schiefer Ton auf einer Geige; der erste verwackelte Pinselstrich auf dem Papier und schon steht es fest. TALENT!

Grégoire Delacourt erzählt in seinem Roman „Der Dichter der Familie“, was eine solche Talent-Hypothek verursachen kann. Gerade diejenigen, die denken, alles sei dem Nachwuchs in die Wiege gelegt und das erste Zeichen von Begabung wäre schon ein Fingerzeig des Schicksals, finden sich in diesem Roman wieder. All jene, die ihre nie gelebten Träume plötzlich in die eigenen Kinder projizieren, dürfen an der Seite von Édouard erleben, was sie damit anrichten. Schublade auf. Kind rein. Schublade zu. Ein Bild, das wohl allen Eltern irgendwie bekannt vorkommt. Ein Bild auch, das viele Kinder ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Aus Édouard wird ein lebenslang Suchender. Immer auf der Jagd nach dem ersten Lob, der ersten Bewunderung und der Zuneigung, die er nur im Alter von sieben Jahren erleben durfte. Von da an ging es bergab. Lebens- und Liebesentscheidungen werden geprägt von den Erwartungen an den „Dichter der Familie“. Es ist nie die Frage, ob er jemals ein Buch schreiben wird. Es ist immer nur die Frage, wann. Und aus dem guten Rat des Vaters: „Lass die Dinge sich schreiben!“ erwächst die Hoffnung, der Knoten möge doch irgendwann platzen. Vergebens.

Die Spirale beginnt sich bedrohlich zu drehen. Therapie im Alter von elf Jahren. Das Strohfeuer des Talents scheint erloschen. Die Lust am Leben vergeht. Sprachlosigkeit überkommt eine Familie, die doch wahrlich glaubt, einen Dichter in den eigenen Reihen zu haben. Delacourt überzeichnet bewusst und literarisch brillant, aber das Bild, das so entsteht ist bedeutungsschwer. Wenn ein Kind die Erwartungen nicht erfüllt, wenn alles Hoffen und Bangen vergebens ist, dann entwickelt sich Druck zu einer lebensgefährlich ausufernden Lawine.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Édouards Leben ist ein Leben, in dem er es niemandem recht machen kann. Sich selbst zu allerletzt. Selbst die Liebe seines Lebens steht unter dem Vorbehalt, dass sie Großes von ihm erwartet. Monique träumt davon, die Frau eines Schriftstellers zu sein. Édouard jedoch bringt als Werbetexter leider nur Worte heraus, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Grégoire Delacourt verfolgt Édouards Weg beharrlich, erzählt en passant die Geschichte einer Familie, die allzu oft an sich selbst, am Leben und an den Bildern scheitert, die viel zu früh viel zu präzise vorgezeichnet wurden. Und gar nicht im Vorbeigehen erzählt er die Geschichte dieses Buches.

Es fühlt sich an, als würde man „Der Dichter der Familie“ in einer Dunkelkammer lesen. Das Bild entwickelt sich. Das Positiv wird sichtbar und doch ist das Negativ sein treuer Wegbegleiter. Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten besteht dieser Roman. Kein Glück ohne Pech. Keine Liebe ohne Hass. Keine Wortkunst ohne Sprachlosigkeit. Keine Zweisamkeit ohne Einsamkeit. Keine Geburt ohne Tod. Kein eigenes Buch ohne Schreibblockade. Kein Sex ohne Lustlosigkeit. Kein Flug ohne Absturz. Keine Heilung ohne Krankheit und keine Lebensfreude ohne Todesangst. Mir bleibt die Erinnerung an einen wundervollen Roman; den schönen Moment, als ich einem Mädchen begegnete, das auf dem Auto saß und ein Zitat, das ich mit in mein Leben nehme:

„Ein Herz aus Stein braucht einen Felsen, um wieder Funken zu schlagen.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

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Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview