Polarliebe von Sigri Sandberg und Anders Bache

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Expeditionen bestimmen mein Lesen. Auf den Spuren der großen Entdecker habe ich die Terra Incognita bereist, war sowohl am Nord- als auch am Südpol, habe viele Entbehrungen mit den Männern der legendären Expeditionsschiffe Erebus, Nimrod, Terror, Endurance und Fram geteilt. Ich war jahrelang unterwegs, bevor ich wieder in den Heimathafen einlaufen durfte. Ich scheiterte, wurde im ewigen Eis eingeschlossen, fand Zeichen der Expeditionen, die vor mir ihre Ziele erreicht hatten, habe mich einem globalen Wettrennen um Ruhm und Ehre angeschlossen und musste erleben, wie viele jener freiwilligen Helden nie wieder nach Hause kamen. Ich fror in ewigen Nächten auf dem ewigen Eis, floh vor Eisbären und war gezwungen, mich von Schlittenhunden zu trennen, obwohl sie stets die treuesten Weggefährten waren. Ohne diese literarischen und meine Fantasie beflügelnden Reisen, sähe mein Lesen anders aus. Ich war immer auf der Seite der ewigen Zweiten, jener Verlierer im Rennen um Anerkennung.

Allein der Mare Verlag hat mir mit seinem schier unerschöpflichen Sortiment von Büchern zu diesem Thema stets neuen Auftrieb gegeben. Ich wurde nicht nur zum Zeugen der vergangenen Abenteuer. Ich durfte Das Eis brechen und Beinahe Alaska erreichen. Ich wandele auf Spuren der Entdecker und diese Reise ist nicht beendet. In meinem Lesen gibt es noch viel zu entdecken, obwohl es heute keine weißen Flecken mehr auf unserem Planeten gibt. Alles ist entdeckt und vermessen. Und doch finde ich immer wieder neue Ansätze, meine Forschungsreisen fortsetzen zu können. Was war das für ein Leben, das die Abenteurer im 19. Jahrhundert führten? Was bedeutete es für ihre Familien, für ihre Ehefrauen, dass sie von Träumen besessen waren? Aspekte, die sich uns erst heute richtig erschließen, weil uns die Vorstellungskraft fehlt, sich aus der Komfortzone in die Todeszone zu begeben, nur um Erster zu sein.

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Diesen Fragen geht „Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eisvon Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) auf den Grund. In einer hochwertig illustrierten und bebilderten Ausgabe öffnen uns diese beiden Autoren die Tür zu einer verborgenen Welt. Sie gewähren uns Zutritt zu den Privatarchiven der großen und kleinen Entdecker. Nicht jedoch in ihrer angestammten Rolle als Forscher, sondern hier sind es die Beziehungen, Leidenschaften und Lieben, von denen sie und ihre zurückgelassenen Frauen in ihren Briefen Zeugnis ablegen. Hier wird Distanz zur Bestimmungsgröße von Gefühl. Hier sind es die Trennungen und die Ungewissheiten, die den Rahmen von Beziehungen abstecken. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die in der heutigen Zeit die Maßstäbe des Vermissens neu definieren kann.

Polarliebe“ ist nicht nur ein Geschenk für Abenteurer und Entdecker. Es ist nicht nur ein Geschenk für Lesende, die den alten Expeditionen seit Jahren folgen. Nein. In meinen Augen ist dieses aufwendig gestaltete und grandios erzählte Buch das perfekte Geschenk für alle Sehnenden und Liebenden, für die es schon problematisch ist, wenn man sich ein paar Tage nicht sieht. Es ist ein Herzensgeschenk für alle Menschen, die an die Macht von Briefen glauben, weil sie wie ein magisches Band Zeit und Raum zu überwinden in der Lage sind. Hier paart sich die Ungewissheit der Heimkehr mit jener Ungewissheit, wann ein Brief sein Ziel erreicht hat und wann er beantwortet wird. Hier sind Briefe das einzige Band, das bis zu einer bestimmten Stelle auf der Landkarte im ewigen Eis halten kann. Danach bricht der Kontakt ab. Dann ist Ruhe. Es bleiben nur die letzten Zeilen, die Hoffnung und die Liebe, die auf die größte Belastungsprobe im Lauf eines gemeinsamen Lebens gestellt wird. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeitlosigkeit des handgeschriebenen Wortes!

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Hier treten die Ehefrauen der Entdecker aus dem Schlagschatten ihrer Männer. Hier verlieren sie ihre nur betrachtenden, beobachtenden, wartenden, passiven Rollen und werden zum wesentlichen Teil der Expeditionen. Sie sind Rettungsanker. Teil der Crew und Motivatoren zugleich. Ohne ihre Anziehungskraft hätte so mancher Forscher den Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Wenn ER sich zum Nordpol aufmacht, ist SIE der magnetische Südpol, der ihn anzieht. Wenn ER im Packeis gefangen ist, weiß SIE das Eis zu schmelzen. Wenn ER in der ewigen Nacht in Dunkelheit versinkt, ist es IHR Foto in seiner Kajüte, das Strahlkraft und Wärme verströmt. Dieses Buch ist mehr als magisch, wenn es darum geht, die Begriffe Halt und Zuneigung zu untermauern. Es ist gewaltig, wenn es beschreibt, was lebenslange Treue bedeutet und es ist tragisch in den Momenten, in denen klar wird, dass die Liebe über den Tod hinaus Bestand haben muss.

Es sind die Amundsens, Nansens, Pearys und Scotts, die uns hier tiefste Einblicke gewähren. Es sind Schiffe, wie Nansens Fram, Schlitten und Heißluftballone mit denen wir uns in Lebensgefahr begeben. Es sind die Schreibtische der hoffenden Ehefrauen, die wir stets im Blick haben. Es sind die Briefe, die wir lesen dürfen – immer ein wenig im Gefühl von Indiskretion, weil sie nicht an uns adressiert sind. Und es sind die Bilder, die von einer gemeinsamen glücklicheren Zeit zeugen, aber auch die Einsamkeit in der Welt des ewigen Eises dokumentieren. Es ist das Unfassbare, was so plötzlich greifbar wird. Die Expedition von Fridtjof Nansen zum Beispiel, bei der er sich mit seiner Fram im Packeis festfrieren lässt, um sich zum Nordpol driften zu lassen. Briefe der Eheleute wandern hin und her. Bis zu dem Tag, an dem die Drift beginnt. Dann? Monologe. Stille Zwiesprache. Hoffen. Geduld. Aber niemals Zweifel. Bis sie DREI Jahre später wieder von ihm hört und nur antwortet: „Wo soll ich Dich treffen? Eva

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Es sind neun Geschichten, in die sich die Autoren der Polarliebe intensiv und voller Empathie hinein recherchiert haben. Jede für sich bewegend, anrührend und unglaublich lesenswert. Es sind Geschichten, die man nicht vergisst, weil sie bisher in dieser Art und Weise unerzählt sind. Jede Episode endet mit einem Epilog, der es in sich hat. Dabei gehen die Autoren sachlich und mit genügend Distanz zu Werke. Sie dramatisieren nicht. Sie lassen das Reale wirken. Und dann sind es ein paar Sätze von ihnen, die unsere Schleusen öffnen. Es sind die Momente, in denen sie die Distanz zu verlieren scheinen und dem Gefühl Raum gegeben. Gerade diese Momente lassen uns innehalten, weil wir dringend Taschentücher brauchen. Die festgefrorenen Tränen im Augenwinkel werden zu Schmelzwasser des guten Lesens.

Denkt an mich, wenn ihr Polarliebe lest. Denkt an mich, wenn ihr Anna Charlier und Nils Strindberg begegnet. Wappnet euch allein vor dieser Geschichte. Sie wird euer Herz brechen, es zu Eis gefrieren lassen und dann auftauen. Ihr werdet mit Nils einen Heißluftballon besteigen. Ihr werdet den Nordpol überfliegen wollen. Ihr werdet euch kurz vor Beginn der Reise unsterblich in Anna verlieben. Ihr wollt nach dem Ende der Expedition heiraten. Sie soll nur sechs bis sieben Tage dauern. Wir schreiben das Jahr 1897. Wir heben ab. Anna bleibt zurück. Dreiunddreißig Jahre lang. Was dann folgt, was dann zu lesen ist, wie wir dann vor dem Epilog sitzen, das ist dann kein Buch mehr. Das ist auch mit meinen Worten nicht zu beschreiben. Lest es selbst…

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern. Hier geht´s lang… Leinen los

Polarliebe und Polarstern - Es geht weiter - AstroLibrium

Polarliebe und Polarstern – Es geht weiter

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

EREBUS von Michael Palin

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin – Der PodCast zur Rezension ist verfügbar…

Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Blogger mit Buch wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

In Schnee und Eis“ von Rudi Palla – Auch eine Geschichte vom großen Scheitern

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

„Everland“ von Rebecca Hunt – Auf in die Antarktis

Everland von Rebecca Hunt

Eigentlich scheint es ja so zu sein, dass Romane über Antarktis-Expeditionen kaum noch Leser hinter dem gemütlichen Ofen hervorlocken, womit sie schon einiges mit den realen Forschungsvorhaben im ewigen Eis unserer Tage gemeinsam haben. Eigentlich ist alles erzählt, alles erforscht und die Technik von heute hat den Expeditionen letztlich jeden Reiz genommen. Von Risiko und Lebensgefahr kann keine Rede mehr sein, und wenn diese Zutaten fehlen, ist das Aussterben von Abenteuergeschichten rund um den Südpol wohl vorprogrammiert. Oder gab es in den letzten Jahren Schlagzeilen aus der Antarktis, die von verschollenen Forschern oder dramatisch gescheiterten Expeditionen berichteten? Nein. Fehlanzeige.

Und doch gelingt der Malerin und Schriftstellerin Rebecca Hunt mit ihrem zweiten Roman „Everland“ ein vielbeachteter großer literarischer Wurf. Dabei bleibt sie im gesamten Verlauf ihrer Story fiktiv, erfindet nicht nur sämtliche Protagonisten, sondern auch noch die im Buchtitel verewigte Antarktis-Insel „Everland“ gleich mit. Und damit nicht genug der Fiktion, sie erdenkt nicht nur eine einzige Expedition, der sich die Leser anschließen können, sondern konstruiert eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die nur 100 Jahre voneinander getrennt sind. 100 Jahre, die es jedoch in sich haben. Von den wahren Pionieren der Ersterforschung des Südpols bis in unsere Zeit reicht ihr Roman.

Everland von Rebecca Hunt

Diese Konstruktion lässt das ewige Eis noch ewiger erscheinen, unterstreicht die Vergänglichkeit menschlicher Höchstleistungen und relativiert in besonderer Weise den vermeintlichen technischen Fortschritt, der heutige Abenteuer nur noch langweilig und gar nicht mehr abenteuerlich erscheinen lässt. Rebecca Hunt gestaltet auf ihrer eisigen Insel Everland einen Erzählraum, der in der Geschichte der Erforschung der Antarktis nur zweimal betreten wird. 1913 und 2012. Sozusagen zum hundertsten Jubiläum der ersten Sichtung der Insel macht sich ein internationales Forschungsteam erneut auf die gar nicht mehr beschwerliche Reise zum Südpol, um vielleicht mehr über die Gründe zu erfahren, die damals – genau vor 100 Jahren – zum Desaster auf Everland führten.

Es sind jetzt Flugzeuge und Quads, die der menschlichen Leistungsfähigkeit Flügel verleihen. Es sind ununterbrochene Funkverbindungen, Satellitennavigation und neue Materialien in der Bekleidung, auf die Forscher jetzt zurückgreifen können. Die Kälte ist zwar eine Bedrohung, aber sie ist kalkulierbar, beherrscht, nicht mehr lebensgefährlich und im Falle eines Falles wird man eben schnell aus der Gefahr evakuiert. Da haben es die heutigen Expeditionen schon leichter, wenn man an die Pioniere denkt, die zumeist unter unsäglichen Bedingungen ihr Leben für die Forschung und ihr Land aufs Spiel zu setzen hatten, wenn sie erfolgreich sein wollten.

Everland von Rebecca Hunt

Das Spannungsfeld des 100-Jahre-Zeitsprungs und die augenscheinliche Duplizität der Ereignisse lassen einen Erzählungs-Mahlstrom entstehen, in dessen Strudel man in die Tiefe einer brillanten psychologischen Abenteuergeschichte gezogen wird. Dabei ist es die unterschiedliche Ausgangssituation zweier Expeditionen, die den Leser in seinen Bann zieht. 1913. Ein kleines Beiboot. Drei Männer unter dem Kommando eines ersten Offiziers, der an Bord des eigentlichen Forschungsschiffes eher durch offene Konflikte mit dem Kapitän der „Kismet“ (wie sinnstiftend: Schicksal) auffällt. Begrenzte Vorräte in lebensfremdem Umfeld. Ein Sturm, der die Landung auf der Insel in eine Bruchlandung verwandelt. Ein erstes Opfer, das es zu versorgen gilt. Erfrierungen, Wundbrand. Angst und ein Mutterschiff, das beschädigt abdrehen muss. Schlimmer geht nimmer.

2012. Die Hightech-Variante einer Gedenkfahrt auf den Spuren der Kismet. Es sind die besten Rahmenbedingungen bei unproblematischer Landung auf Everland. Es sind erneut drei Menschen, die sich der Insel stellen. Unter Führung eines erfahrenen Arktis-Veteranen stellen sich zwei Frauen dem Vorhaben, die Spuren ihrer Vorgänger und die Tierpopulation der Insel genauer in Augenschein zu nehmen. Sie sind im Vorteil. Diese Expedition steht unter einem guten Stern und die Basisstation hat ein waches Auge auf Everland. Eigentlich beste Voraussetzungen unter diesen Vorzeichen, würde sich nicht genau ein Detail beider Expeditionen allzu genau entsprechen. Der Mensch.

Everland von REbecca Hunt

Everland wird so zum zeitlos psychologischen Feldversuch für das Versagen des Menschen. Rebecca Hunt gelingt es in ihren Zeitsprüngen, das Brennglas auf jede der beiden Expeditionen zu lenken und dabei die Gemeinsamkeiten beider Expeditionen in aller Tiefe herauszuarbeiten. Es ist jeweils eine Person im Team, die nichts, aber auch gar nichts in der Antarktis verloren hätte. Gäbe es da nicht Beziehungen und Motive für diese „Fehlbesetzungen“. Und genau dieses schwächste Glied ist für das Bersten einer Kette verantwortlich, die nur bestehen kann, wenn alles ineinandergreift. Der Leser ahnt schnell, dass sich die Ereignisse von 1913 genau 100 Jahre später zu wiederholen und zu doppeln scheinen. Technik hin oder her. Das Zwischenmenschliche bestimmt über Leben und Tod, Erfolg oder Misserfolg.

Rebecca Hunt schreibt unglaublich facettenreich und mehrdimensional. Nicht nur die rein menschlichen Konflikte stehen im Mittelpunkt des Romans. Sie betrachtet das Leben auf Everland, die ökologische Situation, Veränderungen in der Population durch Robben und Pinguine. Sie wirft Fragen auf, ob es in einem Team überhaupt individuelle Gesundheit gibt oder ob der erfrorene Fuß des Einzelnen die Verletzung des Teams ist. Und sie stellt unbequeme Fragen nach der objektiven Wahrheit im Wandel der Zeit. Ist das Logbuch eines Kapitäns eine verlässliche Quelle und was bedeutete es 1912, wenn es in seiner dogmatischen Qualität Schuldfragen einseitig dokumentierte. Wo liegen die Wahrheiten, wo beginnen Legenden und wer sind die Opportunisten in diesem Spiel?

Everland von Rebecca Hunt

Everland ist ein genialer Abenteueroman, der uns die zeitlose Gefahr der Antarktis ebenso vor unsere Augen führt, wie die psychologische Komponente des Teamworks. Ich habe in meinem Lesen schon so einige Expeditionen zu den Polarregionen unserer Erde gewagt. Ich war als Besatzungsmitglied an Bord der Endurance bei Shackletons Reise, ich begleitete Roald Amundsen und Robert F. Scott bei ihrem Wettlauf um die Ehre, den Südpol entdeckt zu haben. Ich habe Sachbücher gewälzt, in Lese-Gedanken an erfrorenen Füßen gelitten, gehungert und auf Hilfe gehofft. Ich habe die Evolution in der Geschichte der Forschung erlesen und war mir doch sicher, dass jeder technische Fortschritt nur Nuancen der Risiken einer solchen Expedition verringern kann. Letztlich ist es der Mensch, der hier den Maßstab für den Begriff „Abenteuer“ definiert.

„Everland“ ist ein spannender und komplexer Pageturner, bei dem man sich einen warmen Kamin, gefütterte Handschuhe und einen heißen Tee wünscht. Ein Roman für die kalten Tage des Jahres weil er zeigt, was echte Kälte ist. Aber „Everland“ war auch meine erste Expedition ohne eigenen Schlittenhund. Erstmals ohne Schneeflocke im ewigen Eis. Mir sei diese persönliche Schlussnote erlaubt. Mir hat dein warmes Fell so sehr gefehlt, Alter. Nicht schön da draußen ohne dich.

Everland von Rebecca Hunt – Im Herzen mit Schneeflocke

So war es wirklich in der Antarkits: „Wild“ von Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

[Bilderbuch] Shackletons Reise von William Grill

Shackletons Reise von William Grill

Shackletons Reise von William Grill

Bilderbücher erzählen große und kleine Geschichten, indem sie das geschriebene Wort durch das Medium der kindgerechten Illustration ergänzen und manchmal sogar gänzlich ohne Text auskommen. Dabei vereinfachen die Autoren und Gestalter dieser Bilderbuch-Welten ihre Botschaften so sehr, dass sie im gemeinsamen Betrachten und Lesen ihre Magie entfalten können, da ihre Werke leicht verständlich sind. Auf diese Art und Weise erschließen sich dann selbst komplexe Geschichten den jüngsten Lesern. Bilderbücher sind mehr als nur Ablenkung und reine Unterhaltung. Sie sind der Einstieg in die große Welt der Bücherliebe und sie bestimmen oft den weiteren Leseweg eines Menschen.

Service für Kinder - Rezension zum Anhören - Ein Klick genügt...

Service für Kinder – Rezension zum Anhören – Ein Klick genügt…

Komplexe Geschichten in Bilderbüchern zu erzählen ist immer ein Wagnis, weil man vielleicht doch dazu neigen könnte, die kleine Erstleserschaft zu überfordern. Aber diese Gratwanderung ist es wert. Altersgrenzen verschwimmen und wenn Alt und Jung in der Leseecke verschwinden, um in eine solche große Erzählung einzutauchen, dann hat man als Autor viel erreicht. Und wenn dann noch weitere Bücher in diesen Kreis eintreten, um die im Bilderbuch erzählte und illustrierte Geschichte zu untermauern und Hintergründe zu erläutern, dann schlägt man mit einem Bilderbuch einen Kosmos auf, der einer Expedition ins Land des Lesens gleicht.

Shackletons Reise von William Grill - Die Mannschaft

Shackletons Reise von William Grill – Die Mannschaft

Shackletons Reise“ von William Grill – erschienen im NordSüd Verlag – ist hierbei im wahrsten Sinne des Wortes eine Expedition für sich. Wir schreiben das Jahr 1914 und als Europa der Erste Weltkrieg droht, verlässt das Forschungsschiff Endurance den britischen Hafen Plymouth und bricht mit seiner vielköpfigen Besatzung zu einer der größten und letzten Entdeckungsfahrten in der langen Geschichte der Erforschung der Antarktis auf. Ernest Shackleton hatte lange darauf gewartet, diese Expedition zu wagen und es blieben nicht mehr allzu viele Ziele übrig, um sich als Forscher einen Namen zu machen.

Amundsen hatte den Südpol bereits entdeckt und so blieb Shackleton nur noch die Durchquerung des antarktischen Kontinents von einer Meeresküste zur anderen über den Südpol als historisch und wissenschaftlich wertvolles Ziel einer solchen Expedition, für die er mehr als nur Glück und Geschick benötigte. Er brauchte Ausdauer und da traf es sich sehr gut, dass der Name seines Schiffes genau dies versprach. Endurance – Ausdauer. Am 8. August 1914 stach Ernest Shackleton in Plymouth in See. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die Männer erst zwei Jahre später wieder nach Hause kommen würden. Allerdings ohne ihre geliebte Endurance, denn ihr Schiff sollte den englischen Hafen nie wieder erreichen…

Shackletons Reise von William Grill - Die Reise beginnt

Shackletons Reise von William Grill – Die Reise beginnt

Die Fakten dieser Expedition muten noch heute mehr als abenteuerlich an. Die Endurance blieb im Packeis stecken und wurde durch die Naturgewalten zermalmt. Die Männer der Besatzung retteten ihre Ausrüstung und versuchten mit ihren Hunden das Festland zu erreichen, indem sie die Rettungsboote der Endurance wie Schlitten hinter sich herzogen. Sie errichteten auf ihrem Weg über das ewige Eis mehrere Camps bis ihr Weg plötzlich endete. Aus dem Packeis wurden einzelne Schollen und sie mussten ihren Weg in den kleinen Booten fortsetzen. Schließlich erreichten sie nach mehr als sechs Monaten eine Insel.

Dort blieb die Besatzung zurück und ein einziges Boot wurde seetüchtig gemacht, um unter der Führung von Ernest Shackleton in See zu stechen, um Hilfe zu organisieren. Eine abenteuerliche Reise beginnt, die auf der Walfangstation Stromness ihr glückliches Ende findet. Von dort aus setzte sich dann ein Dampfschiff in Fahrt, um die restlichen Männer auf der Elefanteninsel zu retten. Der Rest ist Geschichte. Zwei Jahre nach dem Auslaufen wurden die Angehörigen der Expeditionsfahrt nach ihrer Rettung als Helden gefeiert und Ernest Shackleton wurde berühmt, weil er keinen einzigen Mann verloren hatte. Die Opfer, die sie alle zu bringen hatten, waren jedoch enorm.

Shackletons Reise von William Grill - Die Endurance ist verloren

Shackletons Reise von William Grill – Die Endurance ist verloren

Wer jetzt denkt, William Grill würde in seinem Bilderbuch „Shackletons Reise“ eine kleine romantische Abenteuergeschichte erzählen, der sieht sich getäuscht. Er holt weit aus. Mit Worten und mit seinen Erzählstiften, die den Männern der Endurance Gestalt verleihen. Grill nimmt seine Leser und die Betrachter seiner Bilder mit auf eine ganz besondere Expedition. Er erklärt, wie man ein solches Abenteuer finanziert, zeigt die unglaubliche Vielfalt der Ausstattung und zeichnet die Mitglieder der Besatzung mit ihren Funktionen. Darüber hinaus geht er auf die vielen Hunde ein, ohne die es wohl niemals eine Rettung gegeben hätte.

Erst dann, erst wenn man die Vorbereitung erlesen hat, geht es auf die große Reise. Seekarten und Reiserouten laden dazu ein, die Fahrt mit dem Finger nachzufahren und als die Endurance steckenbleibt, hat wirklich jeder Leser eine Ahnung davon, was dies bedeutet. Man hat nun selbst den Hauch einer Ahnung davon, wie man überleben kann, welche Gegenstände wichtig sind, und erfährt im Verlauf der Flucht vom Packeis, dass Rettungsboote viel mehr sind als nur kleine Schiffe. Sie dienen als kleine Häuser, die man sogar beheizen kann, man kann sie umbauen um die See zu erobern und sie sind sehr taugliche Schlitten.

Shackletons Reise von William Grill - Überleben

Shackletons Reise von William Grill – Überleben

William Grill gelingt mit „Shackletons Reise“ ein großer Wurf im Bilderbuchland. Er erzählt nicht nur eine Geschichte, er weckt die Abenteuerlust und schärft den Blick für drohende Gefahren. Grill begeistert mit der Detailtreue seiner Illustrationen, die der Atmosphäre dieser großen Expedition wieder neues Leben einhauchen. Dabei sind die Bilder abstrakt genug, um ihren Betrachtern selbst genügend Raum zu geben, sich in sie hineinzudenken und selbst Teil der Besatzung zu werden. Planänderungen werden erklärt, Krankheiten und Fachbegriffe in einem Glossar erläutert und selbst das Leben im Bauch eines umgedrehten Rettungsbootes wird anschaulich erklärt.

Man darf sich also nicht wundern, dass die kindlichen Entdecker dieses Bilderbuches plötzlich mit Handschuhen, Schals und Mützen vor ihren Lesebegleitern sitzen und in ein eigenes Abenteuer aufbrechen wollen. Man darf sich auch nicht wundern, wenn Kinder zu den Leitern ihrer eigenen Expedition durchs Leben werden und schon gar nicht darf man sich wundern, wenn plötzlich in allen möglichen Büchern oder im Internet nach Fotos von Shackletons Expedition gesucht wird. Ich bin dankbar, Die Endurance von Caroline Alexander (Berlin Verlag) auf diese Bilderbuch-Expedition mitgenommen zu haben. Geschichte und Bilderbuch gehen hier nachhaltig Hand in Hand…

Geht mit an Bord und beweist Ausdauer mit euren Kindern. ENDURANCE…

Shackletons Reise von William Grill - Keinen Mann verloren, aber...

Shackletons Reise von William Grill – Keinen Mann verloren, aber…

Ein Nachtrag für Eltern.

Am Scheideweg des eigenen Überlebens hatten die Männer der Endurance die härteste Entscheidung zu treffen, die man sich nur vorstellen kann und von der sich viele nicht mehr erholten. Jedem Besatzungsmitglied wurde vor Beginn der Expedition ein Hund zugeteilt. Sie waren Teams innerhalb der Mannschaft. Es waren mehr als nur Schlittenhunde. Als es nur noch in den Booten weitergehen konnte, mussten die Hunde erschossen werden. Auch dieses sensible Thema greift das Bilderbuch (allerdings zart und am Rande) auf. Und doch sollte man sich auf Fragen in diese Richtung vorbereiten, wenn man Shackletons Reise gemeinsam liest. Sie gehören zum Leben.

„Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.“ (Frank Wild)

Shackletons Reise von William Grill - Treue Hunde

Shackletons Reise von William Grill – Treue Hunde

Sollte Interesse an weiteren eiskalten Leseempfehlungen bestehen, dann kann ich nur raten, den folgenden Artikel auf „Zeichen und Zeiten“ von Constanze Matthes zu lesen, der dieses Thema in aller Coolness erschließt: Eiszeit – Zehn Lesetipps, die in die Kälte führen!

Diese eisigen Ratschläge sind derzeit im Schaufenster der Buchhandlung Calliebe zu bestaunen. Die Kooperation zwischen Bloggern und Buchhändlern ist also in der Eiszeit angelangt… Und „Shackletons Reise“ stößt bald dazu, wenn ein Bilderbuch-Fenster aus der Taufe gehoben wird! Unsere Planungen laufen!

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner war nicht so mutig. Er verschweigt die Hunde. „Wild„…

shackletons reise spacer astrolibrium