Wallace von Anselm Oelze [Buch und Hörbuch]

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich habe mit dieser Artikelserie bereits begonnen und einen Ausblick auf mein zukünftiges Lesen geworfen. Nicht nur die Großmeister der Entdeckungen stehen im Mittelpunkt. In meinen Fokus geraten die ewigen Zweiten, die Vergessenen. Die Schlagintweits und Wallaces dieser Welt. Ihr erinnert euch?

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

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Wallace von Anselm Oelze

Jetzt ist es soweit. Alfred Russel Wallace hat in der kleinen literarischen Sternwarte nicht seinen ersten Auftritt. „Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson hat ihm nicht nur ein kleines Denkmal gesetzt, sondern veranschaulicht, was seine Entdeckungen in letzter Konsequenz verursacht haben. Ohne ihn keine Paradiesvogel-Federn in Europa. Und ohne die kein Federndieb, kein Wettrennen auf dem Hutmodenmarkt um die tollste Federkreation und kein Diebstahl in einem Museum, um Federn für das Fliegenfischen zu stehlen. Eine faszinierende Geschichte, die mich erst auf die Spur eines Entdeckers brachte, der heute fast vergessen ist. Weil er immer der Zweite war. Weil der gute alte Charles Darwin den Ruhm des Entdeckers der Evolutionstheorie für sich beanspruchte. So steht es geschrieben. So ist es verbrieft. Pech für Wallace. Irreversibel. Oder?

Nicht ganz, wenn man dem Roman „Wallace“ von Anselm Oelze folgt und sich auf ein gewagtes Gedankenspiel einlässt, das die Geschichte der Naturkunde auf den Kopf stellen kann. Hier ist Alfred Russel Wallace nicht nur literarische Referenzadresse für eine spannende Geschichte. Hier steht er im Mittelpunkt. Hier wird seine Geschichte in ihrer ganzen Komplexität erzählt. Wir folgen ihm auf seine Entdeckungsreisen, sind mit ihm an Bord großer Segelschiffe, die in Seenot geraten und seine Exponate mit sich in die Tiefe reißen. Wir werden zu Zeugen der leidenschaftlichen Sammelwut, seiner Lust an der Katalogisierung der unglaublichen Artenvielfalt im Malaiischen Archipel und der zufälligen, doch nicht minder bahnbrechenden Entdeckung der natürlichen Selektion.

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Wallace von Anselm Oelze

Nur der Stärkere überlebt. Die Evolution auf der Grundlage einer Bestenauslese hat ihren wissenschaftlichen Ursprung in den Beobachtungen von Alfred Russel Wallace. Er war der Erste. Er war der wahre Entdecker der Evolution. Warum nur hat es Charles Darwin geschafft, als Erster eine Ziellinie zu überqueren, über die Wallace schon längst hinweggespurtet war? Anselm Oelze geht diesem Phänomen auf die Spur. Und nicht nur das. In seinem zweiten Erzählstrang injiziert er uns mit seinem Roman ein Serum, das in literarischer Hinsicht geeignet ist, die Wissenschaft auf den Kopf zu stellen. Was muss man tun, um Wallace Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Wie kann man dafür sorgen, dass die Geschichts- und Lehrbücher dieser Welt neu geschrieben, und Preise sowie wissenschaftliche Auszeichnungen neu vergeben werden müssten?

Hier setzt Anselm Oelze an und spinnt einen Faden, der nicht nur sympathisch und gerecht ist. Er wirkt zutiefst plausibel, obwohl wir ahnen, dass allein der Gedanke einer Entthronung Charles Darwins völlig abwegig ist. Wie sollte es gelingen, jenes Denkmal vom Sockel zu stoßen? Hier kann nur ein Eingriff von außen helfen. Hier fehlt es nur an einem einzigen Impuls, der auch in der Wissenschaft dafür sorgt, dass der Stärkere im Gedächtnis bleibt und gewinnt. Hier bringt Anselm Oelze einen kleinen Museumswärter ins Spiel. Albrecht Bromberg, der zufällig auf historische Dokumente und Fotos stößt, die belegen, dass Charles Darwin sich mit dem Ruhm eines anderen bekleckert hat. In Bromberg reift ein Plan, der geeignet ist, die Geschichte der Evolution auf den Kopf zu stellen.

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Wallace von Anselm Oelze

Das ist Science-Fiction in ihrem reinsten Wortsinn. Wissenschaftliche Erfindung. In alle historischen Hintergründe und Kulissen perfekt eingebettet, auf Tatsachen basiert und in der Schlussfolgerung doch so utopisch, wie es ein brillanter Roman einfach sein muss. Grandios erzählt, schillernd und atmosphärisch an seine Leser gebracht und mit einem beiläufigen Augenzwinkern die Schraube der Handlung einen einzigen Dreh mit unfassbarer Tragweite weitergedreht, das ist Literatur. Bromberg mutiert zum Rächer in einer facettenreichen Geschichte. Er ist in der Lage die richtigen Strippen zu ziehen. In seinem Umfeld genießt er Respekt und Anerkennung und man weiß, dass er eigentlich mehr auf dem Kasten hat, als auf alte Kästen aufzupassen. Man müsste der Wahrheit nur einen kleinen Schubs geben. Vielleicht sogar einen, der völlig frei erfunden ist. Hier ist es an der Zeit, die Geschichte durch Geschichtsfälschung zu korrigieren. Bromberg hat einen Plan.

Anselm Oelze gelingt mit Wallace ein doppeltes Lottchen. Er fantasiert historisch und historisiert fantastisch. Er nährt die Zweifel an Darwin und befeuert die Diskussion um den ewigen Zweiten Wallace. Da wo der letzte Beweis fehlt, legt er ihn vor. Aus der hohlen Hand. Frei erfunden und doch hat man das Gefühl, dies sei nicht mehr als recht und billig. Grandios. Schreibt die Bücher neu. Hebt Wallace aufs Schild und verehrt ihn als DEN Entdecker der Evolutionstheorie. Ich habe seit Oelze kaum noch Zweifel. Hier spielt Literatur mit Geschichte. Und das auf einem Spielfeld, das keine Veränderung im Regelwerk zulässt. Außer, man hat einen Trumpf in der Hand.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Ich versank im Buch (Schöffling & Co) und genoss parallel dazu das zweistimmig eingelesene Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag. In seiner ungekürzten und siebeneinhalbstündigen Lesung auf 6 CDs in feinster Aufmachung überzeugen Robert Stadlober und Wolfram Koch in ihrem zeitlosen Wechselspiel der Perspektiven. Es ist eine Reise durch die Zeit, der beide Sprecher ihre Stimme leihen. Wir tauchen in einer Atmosphäre zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein und erleben Wallace kränklich und von Fieber geplagt. Zweifelnd und zögernd. Mehr als 150 Jahre später kämpft Bromberg in ähnlicher Weise mit seinen Gefühlen. Er fiebert seiner Entdeckung entgegen und wagt es doch nur zögernd, den nächsten Schritt zu gehen. Stadlober und Koch schlagen die Brücke zwischen Wahrheit und Fiktion. In der Mitte scheinen sie sich zu begegnen. An einem Punkt, den man literarisch „Wunschdenken“ nennen könnte… Ein Hörerlebnis.

Weiter geht´s mit den großen Expeditionen. Mit Versagern, Wagemutigen und ganz sicher auch mit den Ikonen ihrer Zunft. Folgt der Artikelserie durch die Zeit, bleibt mir auf der Spur, es wird noch extrem hoch hinausgehen, bodenlos ins Tiefe versinken und sicher in jeder Beziehung spannend bleiben. Das Abenteuer liegt vor unserer Nase. Es gilt nur, die richtigen Romane aufzuschlagen, die passenden Hörbücher zu finden und dann den Geistern des guten Lesens und Hörens zu folgen. Bleibt Entdecker.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

„Wallace“ von Anselm Oelze
Schöffling & Co / 264 Seiten / gebunden / 22 Euro
Der Audio Verlag / 7 Std.36 Min. / ungekürzt / 6 CDs / 22 Euro