Annie Dunne von Sebastian Barry

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.

Seid Ihr bereit, mir nach Irland zu folgen? Seid Ihr bereit, mit mir über die Berge ins County Wicklow zu ziehen, um eine besondere Frau kennenzulernen? Seid Ihr bereit, durch Eure Träume zu gehen, damit ich Euch mit Annie Dunne bekannt machen darf? Dann seid herzlich willkommen auf der ewig grünen Insel und damit zugleich an einem der wohl größten Sehnsuchtsorte in der weiten Welt der Literatur. Es sind ihre Mythen, die einzigartigen Menschen und die urwüchsige Landschaft, die uns seit jeher in ihren Bann ziehen. Es sind Geschichten von Auswanderern, die ihre Heimat hinter sich und ihren Familien ließen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Es sind Geschichten von denjenigen, die zu Hause blieben und mit ansehen mussten, wie sich ihre Heimat teilte und zerbrach. Irland – Insel der Poesie, Schmelztiegel bewegender Folklore-Musik und Schauplatz menschlicher Dramen. Kaum ein anderer Ort auf unserer Welt verfügt über so viel fruchtbare Muttererde für Legenden und große Romane.

Einen solchen Roman möchte ich Euch gerne ans Herz legen.Annie Dunne aus der Feder von Sebastian Barry – Steidl Verlag – ist voller Emotion, strahlender Poesie und Ehrfurcht gebietendem Tiefgang. Er versetzt uns in einen unvergesslichen Rausch des Lesens und schreibt uns eine Frau in die Seele, der man wahrhaftig begegnet sein muss, wenn man das gute Lesen liebt. Sebastian Barry passt sein Schreiben dem Lauf der Dinge an, der im Jahr 1959 den Alltag auf dem Land dominierte. Es ist eine kleine Farm, die zu bewirtschaften ist, es sind die täglich wiederkehrenden Pflichten, die dem einfachen Leben ihren Stempel aufdrücken und es ist die Zeit, die so langsam vergeht, dass man sich viele Gedanken über das eigene Leben machen kann. Mit Idylle hat das nicht viel zu tun. Es ist der alternativlose Überlebenskampf am Rande dessen, was man als absolutes Existenzminimum bezeichnen muss. Und doch ist es die geliebte Heimat die hier beackert wird. Der letzte Zufluchtsort von Annie Dunne.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

„Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen…“

Hier ist sie gelandet. Annie Dunne, das irische Mauerblümchen. Mit ihren über 60 Jahren, am Ende der Enttäuschungen, die das Leben für sie auf Lager hatte, bleibt ihr als obdachlose alleinstehende Frau nur die Großherzigkeit ihrer gleichaltrigen Cousine Sarah, die Annie Unterschlupf gewährt. Mehr als eine recht windschiefe Hütte und ein Bett, das sich die beiden älteren Damen teilen müssen, hat jedoch auch Sarah nicht zu bieten. So gehen sie gemeinsam durchs karge Leben. Die Tage werden kürzer und in den gemeinsamen Alltag schleichen sich die ersten Beschwerden des Alters ein. Hier erleben wir Irland von seiner unbarmherzigen und wenig wildromantischen Seite. Wir erleben die entbehrungsreichen Tage aus der Perspektive von Annie Dunne, die dem bescheidenen Dasein immer noch eine positive Seite abgewinnen kann. Alternativen? Fehlanzeige.

Sebastian Barry erzählt die Geschichte einer bedauernswerten Frau, die sich an die trügerische Sicherheit der Gegenwart klammert. Die Bucklige, nie Geliebte und zu oft an den Rand Gedrängte, die Frau, die ihre einzige Liebe erfinden musste, um nicht vollends vor den Trümmern des Lebens zu stehen, blickt ihrem Lebensabend entgegen. Hoffend, dass sich nichts mehr zum Schlechten ändert. So ruhig wie diese Geschichte durch unsere Gedanken fließt, so unausweichlich erahnen wir, dass dieser träge Fluss auf einen Wasserfall zurauscht, der das Ende bedeuten kann. Die beiden Neffen von Annie Dunne kommen zu Besuch. Der Junge und das Mädchen bringen zwar frischen Wind auf die Farm, führen Annie und Sarah jedoch vor Augen, was sie niemals haben werden. Kinder und eine Zukunft. Wie im Gefühl einer Torschlusspanik beschließt die Cousine von Annie ihr Leben zu ändern. Und Änderung bedeutet für Annie nicht mehr und nicht weniger als die erneute Obdachlosigkeit.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Dieser Roman ist so irisch, wie ein Roman nur sein kann, der in Irland spielt. Wir erleben den Abgesang auf ein altes Land, in dem das englische Königshaus das Sagen hatte. Wir erleben die Verwundungen derer, die von der Geschichte fortgeweht wurden und dem Freiheitskampf weichen mussten. Wir werden Freunde von Annie Dunne, die dieses verschwundene Irland scheinbar ganz alleine zu schultern hat. Wehmütig blickt sie zurück auf die eigene Kindheit. Wehmütig erkennt sie, dass sich ihr Leben seitdem zu einem wagemutigen Ritt auf dünnem Eis verändert hat. Es bricht uns das Herz, nun zu erkennen, dass erneut die Gefahr besteht, dass Annie an den Rand gedrängt wird. Und doch haben wir es mit einer kämpferischen Frau zu tun, der wir nicht in die Quere kommen wollten… 

„Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?“

Annie Dunne wirft ihren Motor an, um ihre Vision einer bescheidenen Zukunft an der Seite von Sarah nicht zu verlieren. Jetzt sollte man sich der alten Annie besser nicht in den Weg stellen. Eine Geschichte voller Empathie, emotionaler Wahrhaftigkeit und Magie. Eine Frau, der wir sehr gewünscht hätten, jemals richtig geliebt zu werden. Eine Träumerin, die allzu leicht aus ihrem Gleichgewicht zu bringen ist. Hier prallen sie aufeinander: Die Lebensentwürfe, die im Irland des Jahres 1959 noch toleriert wurden und die traditionellen Ansichten über die Rolle einer Frau. Aber: Es ist eine Rechnung, die man ohne Annie Dunne gemacht hat.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Ich bin Sebastian Barry durch die Welt seines Schreibens gefolgt… Es sind irische Romane, ganz egal, wo auch immer sie von ihm angesiedelt werden…

Ein langer, langer Weg„, „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde„…

AstroLibrium und Irland – Ein besonderes Verhältnis. Hier geht´s lang

Ebenfalls sehr lesenswert: Annie Dunne auf LiteraturReich

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry