Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Es sind auffällige Brüche in der Novelle „Ich will kein Hund sein„, die sie wertvoll machen. Es sind die Widersprüche, die sie greifbar und ergreifend machen und es ist der skurrile Einfall einer hoffnungslos Liebenden, der uns die Geschichte einer Frau in lebhafter Erinnerung bleiben lässt, die wegen ihrer gescheiterten Beziehung eine fatale Entscheidung trifft. Alma Mathijsen betritt in vielfacher Hinsicht Neuland, weil sie ihrer Sehnsucht nach der großen Liebe die Utopie einer Transformation gegenüberstellt. Der Titel des Buches konterkariert seinen Inhalt. Ein Bruch, der dieses Werk zu einem sehr lesenswerten Ereignis werden lässt. „Ich will kein Hund sein“ steht für das wahre Ich der Ich-Erzählerin. Die Entscheidung, die sie jedoch trifft, steht ihrem selbstbewussten Ich diametral gegenüber. So ist es wohl, wenn die Liebe endet und die verlassene Frau alles, ganz besonders sich selbst infrage stellt und zu allem bereit ist, um den brutalen Bruch zu kitten. Liebe bis zur Selbstaufgabe. Das zentrale Thema dieser Geschichte.

Und schon sind wir mittendrin in einem stereotyp wirkenden, aber alles andere als stereotyp erzählten Liebes-Verlustszenario. Es sind unterschiedliche Sprachen und die nicht mehr geteilten Emotionen, die unserer Ich-Erzählerin verdeutlichen, dass sich die Liebe ihres Lebens in Schall und Rauch aufgelöst hat. Es ist die Einsamkeit danach, in der sie versinkt. Es ist die Unsicherheit sich selbst gegenüber, versagt zu haben und es ist der Wunsch, alles rückgängig zu machen, nur um die Liebe ihres Lebens nicht zu verlieren, der sie in Endlosschleifen immer tiefer trudeln lässt. Es ist die Selbstaufgabe, der sie langsam verfällt, als sie vor Eifersucht auf mögliche neue Partnerinnen ihres so sehr vergötterten Gegenübers in depressiver Trostlosigkeit versinkt. Sie löscht ihr Profil auf Instagram, nur um nicht sehen zu müssen, wie er seine neue Freiheit genießt. Ein Schritt, der zugleich andeutet, dass sie ihr reales Profil zu löschen bereit ist. Wie weit darf man gehen, um im hoffnungslosen Kampf um die Liebe nicht selbst unterzugehen?

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Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein.“ Ein Eingangsstatement, das schnell an Relevanz verliert, da genau hier der einzige Ausweg zu liegen scheint, den unsere verlassene Liebende zu finden scheint. Eine Anlaufstelle für gebrochen Herzen. Ein Rettungsanker für all jene, die eine desillusionierende und erfolglose Paartherapie abgebrochen haben, weil sich der entliebte Partner nicht aufraffen will, um die gemeinsame Zukunft zu kämpfen. Am Ende der Liebe bleibt nur noch der Untergang oder die Flucht nach vorne. Hier könnte eine Annonce helfen. Hier könnte die Selbstaufgabe in Vollendung die einzige Lösung sein. Hier trifft sie eine Entscheidung, weil es einfach zu verlockend klingt.

Wir bieten einen Ausweg
Für alle Menschen mit einem weinendem Herzen
Für alle gebrochenen Menschen
Fühlen Sie sich verlassen?
Ist Ihr Herz anderswo?
An einem Ort, der unerreichbar geworden ist?…
Dann warten Sie nicht länger, sondern beginnen Sie… mit der Transformation.

Ich will _ein Hund sein. Dieser Gedanke manifestiert sich in ihr. Hier beginnt eine Utopie, die nach dem letzten Allheilmittel klingt. Die verlassene Frau mutiert zum Hund und wird dann genau an den Mann vermittelt, der sie verlassen hat. So kann sie künftig in seiner Nähe sein, Teil seines Lebens werden, alles mit ihm teilen, Weggefährtin und alles andere sein, wovon sie verzweifelt und hoffnungslos träumt. „Eine Agentur“ erfüllt ihr den ultimativen Wunsch.

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Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Alma Mathijsen beschreibt nicht nur das Ende einer Liebe, sie macht nun auch den Weg frei für die unumkehrbare Hundwerdung einer verzweifelten Frau. Es beginnt eine Transformation, die in literarischer Hinsicht betrachtet brillant erzählt und lustig anmutet. Die Veränderung der Wahrnehmungen, zunehmende Verhaltensmuster eines Tieres und nicht mehr steuerbare Triebe werden zu Wegmarken des Prozesses. Das liest sich flüssig und ist unglaublich unterhaltsam. Man stelle sich nur vor, das sei tatsächlich möglich. Man stelle sich nur einmal vor, man könne diesen Weg tatsächlich gehen. Und schon vergeht einem das Lachen. Schon steckt man in der Hundefalle, in die uns Alma Mathijsen gelockt hat. Hier vergeht einem das Lachen und jeder Sinn für die Skurrilität der Utopie pulverisiert sich von Seite zu Seite. Sitz, Platz, Bleib. Sind es diese Kommandos, die am Ende stehen?

Dieser Transformationsprozess in einen treuen Hund ist eine Metapher für etwas, das sich täglich vor unseren Augen vollzieht. Wer dies nicht registriert, der ist mit emotionaler Blindheit geschlagen. Ist es nicht ein wahrhaftiger Automatismus am Ende einer Liebe, dass sich gerade die verlassene Frau in ihrer Situation nicht zurechtfindet, sich hinterfragt, sich die Schuld gibt und zu vielen denkbaren Zugeständnissen bereit ist, nur um den Mann fürs Leben nicht zu verlieren? Ist es nicht auch so, dass sie mit dieser toxischen männlichen Gefühlskälte nicht mehr zurechtkommt und verzweifelt? Und am Ende wartet keine Agentur mit ein paar Pillen und Infusionen. Am Ende steht nicht die Vision vom treuen Gefährten mit den sanften Augen und dem struppigen Fell. Diese Novelle ist die knallharte Abrechnung mit dem Fluchtverhalten von Menschen, die einer Beziehung keine Chance mehr geben wollen und sich nicht darum scheren, was sie im Verlassenen auslösen.

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Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Wir sollten den Titel dieses Buches ernst nehmen und den Text so lesen, wie er bereits auf dem Cover unter Vorbehalt gestellt wird. „Ich will kein Hund sein“. Dieses Recht sollten wir jedem zubilligen, mit dem wir einen Teil unseres Liebes-/Lebensweges gegangen sind. Daran sollten wir denken, wenn wir erkennen, wenn sich Menschen in unserem Umfeld nach dem Ende einer Beziehung plötzlich kleiner machen, unsichtbar werden oder von Selbstzweifeln geplagt werden. Diese Novelle ist ein heilsamer Schuss vors Kontor all jener, die sich erhoffen, durch Selbstaufgabe weiterzukommen. Hier ist klar, was am Ende dieses irreversiblen Prozesses steht. Die Auslöschung der eigenen Persönlichkeit. Ein Leben an der langen Leine eines Herrchens ist keine Alternative in einer modernen Gesellschaft. Therapeutisch kann dieses Buch vieles bewirken.

Und doch ist gerade das Scheitern einer Beziehung die große Triggerwarnung in diesem Buch. Wir kennen das. Das falsche Buch zur falschen Zeit kann fatale Folgen haben. Ich denke „Ich will kein Hund sein“ ist für ein frisch gebrochenes Herz schwer zu verkraften. Wenn all die Gedanken und Gefühle frisch sind, dann können die Worte aus der Feder von Alma Mathijsen sehr schmerzen. Denn, wie sie schreibt und wie sie uns an den Gefühlswelten einer Frau teilhaben lässt, das ist ganz großes literarisches Kino. Gerade die Kapitel über das Scheitern einer Beziehung und das Versagen jeder Form von Empathie bewegen unglaublich. Ein mehr als lesenswertes Buch, ein Ausflug in eine Utopie, die sich oftmals im Geiste einer Verlassenen realisiert. Unumkehrbar.

Passt auf euch auf!

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Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Betrogene Frauen scheinen dem Beck Verlag im Frühjahrsprogramm 2021 sehr am Herzen zu liegen. Es sind gleich zwei Romane, in deren Mittelpunkt es um Frauen geht, die sich urplötzlich in einer Situation wiederfinden, die kaum zu bewältigen ist. Es sind Frauen, die nur einen Ausweg sehen: Transformation. „Ich will kein Hund sein“ von Alma Mathijsen und „Die Harpyie“ von Megan Hunter stehen sich diametral wie Nord- und Südpol gegenüber. Hier geht´s zur Rezension der „Harpyie“.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Ein Besuch bei Anne Frank – Amsterdam 2019

Alles über Anne - Ein Besuch im Anne Frank Haus - AstroLibrium

Alles über Anne – Ein Besuch im Anne Frank Haus

Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust gehören für mich zu den wichtigsten Orten, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Direkt vor der Haustür liegt die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Ich bin regelmäßig dort. Nicht immer alleine, jedoch immer aus gutem Grund. Erlebnisberichte und aktuelle Bücher veranlassen mich immer wieder, dort auf Spurensuche zu gehen.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras
Der Umweg von Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis
Der Finsternis entgegen von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel

Weitere Gedenkstätten, die mich begleiten sind die des ehemaligen KZ Flossenbürg, das alte jüdische Ghetto in Prag und der jüdische Friedhof des Benediktinerklosters St. Ottilien. Orte, die mir zeigen wie wichtig es ist, Erinnerungen aufrecht zu halten und gegen das Vergessen anzukämpfen. Wobei es gerade die Gedenkstätten der KZs sind, die von großer Bedeutung sind, weil gerade hier das Erinnern an die Opfer ausgelöscht werden sollte. So, wie sie selbst ausgelöscht wurden. In ihren Dimensionen unfassbar und in der Relevanz für die heutige Zeit ungebrochen. Es gibt allerdings auch die ganz unscheinbaren und kleinen Gedenkstätten. Das fängt bei Stolpersteinen an, setzt sich beim verweigerten Hitlergruß in der Münchener Drückebergergasse fort und führt zu Grabstätten, Inschriften und dem ganz individuellen Gedenken. Todesmarsch-Denkmal und Holocaust-Mahnmal sind hier indirekte Gedenkstätten. Neutral gewählte Orte. Das unterscheidet sie…

Heute stelle ich mir die Frage, welche Wirkung eine Gedenkstätte hat, die gerade mal 50 Quadratmeter misst. Heute stelle ich mir die Frage, ob es mir gelingen wird, in diesen beengten Verhältnisse und einem zu erwartenden hohen Besucherstrom einen Punkt der tiefen inneren Konzentration zu finden, der mich den Menschen näherbringt, die hier zu Opfern wurden. Und ich frage mich, mit welcher Erwartungshaltung ich jetzt einen Ort betrete, der auf der ganzen Welt bekannt ist, weil er als Versteck diente. Bis diejenigen, denen der Ort Zuflucht gewährte, verraten, deportiert und ermordet wurden. Lesend habe ich mich den Menschen, die sich hier verbargen, intensiv angenähert. Es waren zwei Jahre und ein Monat. Es waren 50 Quadratmeter. Es waren acht Menschen und sie waren hermetisch von der Umwelt abgeschottet. Es ist noch heute DIE Adresse des inneren Widerstands gegen die Nazi-Besatzer in den Niederlanden.

Das Anne-Frank-Haus. Prinsengracht 263. Amsterdam.

Das Tagebuch von Anne Frank ist mein Wegbegleiter. Die Innenansichten aus ihrer Feder beschreiben den Ort so, als hätte man sich selbst hinter der Tür versteckt, die an ein prall gefülltes Bücherregal erinnerte. Ihre Beschreibung der Lebensumstände in der Wohnung ist so lebendig, als würde man nach Hause kommen. Ich versuche mich nun dem Hinterhaus zugleich von mehreren Seiten zu nähern. Ich möchte Außenansichten hinzufügen. Ich weiß vom Kastanienbaum im Innenhof. Anne hat ihn täglich vor Augen gehabt. Er war draußen, sie gefangen im Inneren. „Anne Frank und der Baum“ ist ein Buch, das nicht nur diese Geschichte erzählt. Ich trage es im Herzen, weil es zwar den Baum nicht mehr gibt, seine unzähligen Samen jedoch die Zeit überdauert haben.

Ein Buch begleitet mich nach Amsterdam. Alles über Anne – Das Leben der Anne Frank von Menno Metselaar und Piet van Ledden, herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Haus und erschienen im Carlsen Verlag. Dieses Buch wartet nun schon seit geraumer Zeit darauf, dass ich mich endlich auf den Weg mache. Es ist eine bebilderte und illustrierte Auseinandersetzung mit Annes Franks Lebensgeschichte, den Rahmenbedingungen und einer Zeit, in der wir nicht mit einem deutschen Mädchen mit jüdischen Wurzeln hätten tauschen wollen. Dieses Buch beantwortet alle Fragen. Es ist so gestaltet, dass junge Leser einen sehr guten Überblick über die Situation, das Haus, das Leben vor, im und nach dem Krieg und die bedrückende Enge erhalten, in der sich acht Menschen zwei Jahre lang vor der Verfolgung zu retten versuchten. 

Es sind nicht nur die emotionalen und empathischen Texte, die hier überzeugen. Es sind aufklappbare Zeittafeln, Haus- und Zimmerpläne, Informationen zum Leben im besetzten Land, zum Verlauf des Krieges und insbesondere zu den Menschen, die sich hier versteckt hielten. Für jüngere Leser sind motivierend eingeflochtene Fragen in den Text eingebaut. Verständnis wird zu Wissen. Wissen wird zu einer massiven Mauer im eigenen Kampf gegen Ausgrenzung. Und doch ist dieses Buch kein Sachbuch, weil es alles beschreibt und erklärt, nur keine Sachen. Und, wenn ich von jungen Lesern rede, dann schließe ich die ältere Zielgruppe nicht aus. Für mich ist dieses Buch der perfekte Wegbegleiter für einen Besuch in Amsterdam. Und nicht nur das. Auch das Verfestigen der vielleicht flüchtigen Eindrücke eines solchen Besuches gehört zum Portfolio dieses Buches.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Die Eintrittskarten liegen schon lange in der Reisemappe. Nur online kann man sie bestellen. Nur mit einem zeitlichen Vorlauf von fast zwei Monaten hat man die Chance, sich Tag und Uhrzeit des Besuches auszusuchen. Der Strom der Menschen, die jeden Tag das Anne-Frank-Haus besuchen steigt stetig. Zeichen der Verunsicherung in einer Zeit des wieder erstarkenden braunen Gedankenguts. Anzeichen, dass Menschen auf mehreren Ebenen erleben, lesen und sehen wollen, um umfassend zu verstehen. Wir haben uns für einen Montag entschieden. In der Mitte unseres Urlaubs in Holland. Wir betreten das Haus mit gemischten Gefühlen. Allzu wach ist meine Erinnerung, in Prag angesichts tausender Namen deportierter Juden, Arm in Arm mit meiner Tochter Lena vor Gedenktafeln zu stehen, die neben den zahllosen Opfernamen Orte wie Dachau als Ziele für die Transporte verzeichneten. Die Juden in Prag verband vieles mit ihren verfolgten Leidensgenossen in Amsterdam. Angst wohl an erster Stelle.

Jetzt hier vor dem Anne Frank Haus zu stehen, ist ein anderes Gefühl. Es ist nicht leicht, sich emotional in den Besuch fallenzulassen. Zu viele Menschen haben sich hier eingefunden. Zu organisiert wirkt die sich viertelstündig aufbauende Warteschlange und zu unwirklich scheint der Gedanke zu sein mit einer Gruppe von Menschen ins Haus zu gehen, die größer ist, als die Gruppe der Versteckten damals war. Audioguides werden verteilt, Eintrittskarten kontrolliert, die Schlange setzt sich langsam in Bewegung und ich erwarte schon, am Ausgang anzukommen, ohne Anne Frank wirklich nahe gekommen zu sein. Und dann passiert es doch. Es kommt der Moment vor den eingeritzten Linien am Türrahmen, die zeigen, wie sehr Anne im Versteck gewachsen ist. Hier ist es sehr ruhig und die Gefühle schlagen zu. Nicht nur bei mir. Auch Lena fühlt, dasss hier Eltern und Kinder gelebt haben. Augenscheinlich ganz normal, aber doch unter Lebensgefahr.

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Diese Gefahr ist spürbar, Verdunkelte Räume, spartanische Einrichtung, Privatsphäre Fehlanzeige. Die Angst vor Entdeckung wird greifbar. Und draußen geht das Leben für die Besatzer und die nicht Verfolgten weiter. Ich muss zugestehen, dass ich mich bald vom Audioguide getrennt habe. Ich brauchte keine Informationen. Ich wollte fühlen, wo das Tagebuch der Anne Frank entstand. Das Buch „Alles über Anne“ ist im Museum omnipräsent. In vielen Sprachen liegt es aus und im Nachhinein muss ich sagen, dass es Besucher jeden Alters perfekt auf dieses besondere Gedenkstätte vorbereitet. Es ist auch danach sehr wichtig. Das sah ich am Abend in unserem Ferienhaus. Hier schrieb Lena ihre Gedanken nieder. Für Anne. Begleitet vom Buch, ein paar Porträt-Karten und den Fotos, die sie selbst gemacht hat. Der Tag bleibt im Gedächtnis. Tief.

Es sind Orte wie dieser, die es zu entdecken gilt, um Geschichte greifen zu können. Es gibt noch mehr Orte, die vor mir / uns liegen, um jedes Vergessen zu verhindern. Es sind Orte wie das Erinnerungszentrum Westerbork. Die Kinder mit Stern wurden in dieses Durchgangslager im besetzten Holland verbracht (wie Anne Frank), bevor man sie in die KZs deportierte und ermordete. Es gibt viele Erinnerungsorte, die ich für mich selbst aufarbeiten muss. Ich werde viel reisen. Ich werde Euch davon erzählen und ich werde nach weiteren Büchern gegen das Vergessen suchen, die mich begleiten. Vielen Dank für Eure Grüße an Anne, die ich mitnehmen durfte. Danke fürs Lesen. Und, wenn Ihr mögt, folgt meinen Spuren in Bücher, die sich mit diesem faszinierenden Mädchen und ihrem Schicksal beschäftigen. Es ist nie zu spät für Anne Frank.

Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

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Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

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Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

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Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Anfang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Folgt mir in die Prinsengracht. Mein Artikel zum Besuch im Anne Frank Haus.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Alles über Anne – Ein Besuch – Anne Frank Haus

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.