PROPAGANDA von Steffen Kopetzky

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

NOMINIERT FÜR DEN BAYERISCHEN BUCHPREIS 2019

Bayerischer Buchpreis 2019 - Nominiert - Propaganda - Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Nominiert – Propaganda – Steffen Kopetzky

Propaganda (lat. propagare) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen durch Manipulation zu beeinflussen und zu formen, um das Verhalten in eine vom Propagandisten erwünschte Richtung zu steuern.

PROPAGANDA“ heißt auch der aktuelle Roman aus der Feder von Steffen Kopetzky mit dem der Autor jedoch keineswegs seine Leser manipulativ beeinflussen möchte. Er dreht den Spieß um und erzählt eine große Geschichte, in deren Mittelpunkt das Lügen steht. Ein Lügen, das nur einer Sache dient: Dem Machterhalt politischer Systeme. Und genau hier legt der Autor des Erfolgsromans „RISIKO“ den Finger in die offene Wunde der heutigen Machthaber, Populisten und Regierenden. Sein Roman ist geeignet unser Frühwarnsystem zu aktivieren, da er seinen Spannungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg spannt und zeigt, wie man bewaffnete Konflikte schüren und am Leben halten kann, wenn es den Interessen „gewisser Kreise“ dient.

Steffen Kopetzky ist ein brillanter Erzähler. Dies sei vorsichtig vorausgeschickt. Sein Erzählräum besteht aus einer Vielzahl von Zimmern, zu denen er seinen Lesern Schritt für Schritt Zugang gewährt. Es ist stilsichere Absicht in der Konstruktion seiner Romane den Eindruck zu erwecken, diese Zimmer seien nicht miteinander verbunden. Als gäbe es keinen Flur, von dem jedes dieser Zimmer abzweigt. Als gäbe es keine gemeinsame Adresse. Als würden wir orientierungslos im Dunkeln tappen und auf einen leuchtenden Erkenntnisfunken warten, bewegen wir uns in den wuchtigen Bildern seiner Erzählung. Literarisch bewegt sich Steffen Kopetzky hierbei auf sicherem Terrain. Er weiß, was er tut. Er weiß, was er schreibt. Er fabuliert auf den Grundlagen seiner validen Recherche, bevor er fiktive Elemente zumischt, die danach kaum noch als solche zu erkennen sind.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

PROPAGANDA wird getragen vom jungen US-amerikanischen Leutnant John Glueck. Der deutschstämmige Offizier dient im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von „Sykewar“, der Abteilung für Propaganda und psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte. In seinen Aufgabenbereich fällt das „Sternenbanner“, eine deutschsprachige Zeitung, die über dem Gebiet des Dritten Reichs abgeworfen wird, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu destabilisieren. Zuvor schrieb er mit anderen Psychologen, Historikern und Germanisten das „Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland“, um die Eroberer mit dem Land und seinen Menschen vertraut zu machen, die sie befreien sollten. Jetzt kann er es kaum noch erwarten, endlich den Boden seines Heimatlandes zu betreten. Nie zuvor war er dort, obwohl ihm Kultur und Sprache in die Wiege gelegt wurden.

Der Zufall spielt ihm jetzt in die Hände, während das Kriegsgeschehen 1944 in seine entscheidende Phase tritt. Er steht an der Grenze. Einen Schritt entfernt. Die Ardennen. Der Hürtgenwald. Die Eifel. November. Jetzt sollte es schnell gehen. Was er nicht weiß, ihm gegenüber steht die Elite des letzten Aufgebots der Wehrmacht. Der Wald wird zu einer der größten Niederlagen, die US-Streitkräfte je hinnehmen mussten. Es kommt zu einem Gefecht, das als Allerseelenschlacht in die Geschichte der Ardennenoffensive eingeht. Dabei sollte er nur einem der prominentesten Kriegsberichterstatter folgen und sich an seine Fersen heften. Ihn für die Propaganda gewinnen, ihn instrumentalisieren und vereinnahmen. Einen Mann, dessen Name und Ruf wie Donnerhall wirkten. Ernest Hemingway.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Hier stehen wir nun an der Seite des jungen US-Offiziers auf der Suche nach der Extremsituation, die Hemingway so sehr anzog. Hier riechen wir den Pulverdampf im Hürtgenwald. Hier begeben wir uns mit John Glueck und einem indianischen Scout auf Patrouille. Und dann tritt Steffen Kopetzky in den Spiegel und zerschmettert ihn mit nur einem Tritt. Wo wir in einem Zug wochenlang hätten weiterlesen wollen, springt er mit einem gewaltigen Satz in eine andere Zeitebene. 1971. Der Vietnamkrieg tobt und der uns gut bekannte John Glueck wird bei einer Fahrzeugkontrolle in Missouri festgesetzt. Kein Zufall. Pure Absicht. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, dessen Kern das Land erschüttern kann. Der durch einen Unfall mit Chemikalien nach dem Weltkrieg entstellte Offizier sucht Schutz in einem Gefängnis. Schutz vor der Staatsmacht. In seinem Besitz befinden sich Papiere, die die Geschichte der Kriege seit 1944 neu schreiben. Es sind die Pentagon-Papers.  

Mühsam setzen wir die Spiegelscherben der Geschichte zusammen. Der Blutwald scheint sicherer gewesen zu sein, als das verzweifelte Gefecht, das John Glueck jetzt führt. Steffen Kopetzky schöpft aus dem Vollen. Geheimdienst, Propaganda, Verrat und ein Vorläufer von WikiLeaks erweitern den Erzählraum um die oben beschriebenen und so sehr gefürchteten Zimmer. Er, nur er hat den Generalschlüssel in der Hand und lässt uns nicht nur hineinblicken. Er stößt uns in alle Räume, lässt uns jeden Schrecken des Krieges, die Propagandamaschinerie, die Profiteure, die Leidenden und Lobbyisten am eigenen Leib spüren. Es ist das Menschenverachtende, das Kopetzky hier gegen den Krieg ins Feld führt. Man kann sich diesem Roman nicht entziehen. Seine Ebenen sind so facettenreich, dass wir am Ende kaum eine Ahnung haben, ob wir nun einen Kriegs-, Wirtschafts-, Spionage- oder Justizroman gelesen haben. Oder ob wir ganz einfach nur der ganz brillanten literarischen Propaganda eines Autors auf den Leim gegangen sind, der uns die Augen für die heutigen Konflikte öffnen möchte.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Ich bin versucht zu schreiben, dass ich einen ganz großen amerikanischen Roman gelesen habe. Wüsste ich nicht, dass er von Steffen Kopetzky verfasst wurde, ich wäre unsicher. Es ist ein großes amerikanisches Thema, es sind Protagonisten, die Spuren hinterlassen und es ist ein unglaublich packender Erzählstil, der mich immer wieder an den Mann erinnert, dem wir im Roman so oft über den Weg laufen. Die Kapitel, die von der Präsenz Ernest Hemingways durchflutet werden, sind signifikant für den Roman. Er wollte keine Gefühle beschreiben, er wollte sie verursachen. John Glueck beneidete ihn um seine Gabe und als er nun in einem amerikanischen Gefängnis sein Leben sortiert und memoriert scheint es so, als würde er das Niveau Ernest Hemingways mit seinem Denkmal zu Boden reißen und neu erfinden.

Dabei ist es Steffen Kopetzky, der diese Gefühle verursacht und nicht beschreibt. Er lässt uns den Juckreiz der verschuppten Haut John Gluecks förmlich spüren, er hat den Schlüssel zu unseren Ängsten vor dem Waldgefecht in der Hand, er macht uns zu Mördern, Opfern, Strategen und Versagern. Er setzt uns auf eine Geschworenenbank und lässt uns Recht sprechen, während wir einer Strafverteidigerin folgen, der wir das eigene Leben blind anvertrauen würden. Er macht uns zu Augenzeugen und findet den direkten Weg in unser Gewissen. Vom Mitläufer zum Kriegsverbrecher ist es nicht sehr weit in diesem brillanten Roman.

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Mir liegt dasHandbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland vor, was das Lesen von „PROPAGANDA“ noch authentischer machte. Ich hatte mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer zeitgleich die andere Perspektive vor Augen. Den Imker aus der Eifel, der von der „Allerseelenschlacht“ in den Krieg gezogen wird. Zwei Romane mit einem Erzählraum von 50 Quadratkilometern. Solche Zufälle schreibt nur die Literatur. Als Buchhändler würde ich sie gemeinsam in das Fenster der guten Leseempfehlungen stellen. Sie sind komplementär und doch so grundverschieden. Zwei deutsche Stimmen mit Tiefgang und Nachhall.

Darüber hinaus ist PROPAGANDA auf eine mehr als unmittelbare Art und Weise sehr lehrreich und (es klingt komisch, aber es ist so) kriegswichtig. Wir verstehen die Automatismen von Gefechten, lernen an der Taktiktafel die Abhängigkeit zwischen Nachschub und Erfolg und erfahren in einer brillanten Reprise aus Steffen Kopetzkys  Roman „Risiko“ den rein praktischen Nutzen eines hochtheoretischen Kriegsspiels. Er durchbricht alle Fronten mit einem brillanten Gedankenspiel, das sich garantiert genau so zugetragen hat. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Humanität hat auf jeder Seite ihre unmittelbare Entsprechung. LESEEMPFEHLUNG zum Quadrat!

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Es ist somit keine große Überraschung, dass Steffen Kopetzky mit Propaganda für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert wurde. In Literaturkreisen eine sehr beachtenswerte Nominierung, da die dreiköpfige Jury die Vorschläge eigenständig und unabhängig einbringt. Als Buchpreisblogger habe ich die Ehre, die Preisverleihung in München und die heiße Phase nach Bekanntgabe der Shortlist zu begleiten. Dass ich „Propaganda“ bereits lange vor der Nominierung gelesen und rezensiert habe, ist hier für mich von großem Vorteil. Steffen Kopetzky hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Der weiße Porzellanlöwe würde dem monumentalen Antikriegsroman gut zu Gesicht stehen und einen Schriftsteller auszeichnen, der sich nicht erst mit diesem Roman in die erste Linie der deutschen Autoren geschrieben hat. John Glueck. Vielleicht bringt der Name des Protagonisten wahrlich Glück…

Alle Berichte zum Bayerischen Buchpreis, den nominierten Titeln, zu Hintergründen und zur Preisverleihung am 07. November finden Sie auf meiner Projektseite.

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Propaganda von Steffen Kopetzky / Rowohlt / gebunden / 495 Seiten / 25 Euro

Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro