„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die ewig schöne Helena? Doch wer hat Homers Ilias gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Ich denke eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformen, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest, wenn man keine altgriechischen Studien in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die wohl größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Achill vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

Schon bald begebe ich mich an der Seite von Odysseus auf die große Odyssee. Wir wollen doch nach dem Trojanischen Krieg wieder nach Hause kommen.

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

Zwei Odysseen von Bedeutung. Markus Zusak und Daniel Mendelsohn. Troja ist überall… Lesenswert für Liebhaber von Homer und echte Leseratten… 

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Zwei Odysseen -Markus Zusak und Daniel Mendelsohn

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog. (Weiterhören…: hier)

Die junge Braut – Alessandro Baricco – Die Radio-Rezension – hier klicken

Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…

„Smith & Wesson“ – Im freien Fall mit Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Womit haben wir es zu tun, wenn wir von kreativem Schreiben sprechen? Womit haben wir es zu tun, wenn wir den Akt der Wortschöpfung derart überhöhen, dass sich schon aus dem Adjektiv ein Prädikat ergibt? Ist nicht jede Form unseres Schreibens in sich kreativ, da immer wieder aus der Fantasie unseres menschlichen Geistes heraus Neues entsteht? Ist nicht jedes Buch die Manifestation eines kreativen Prozesses? Ist nicht auch diese Rezension kreatives Schreiben, weil sie die zuvor erbrachte kreative Leistung des Schriftstellers mit neuen Worten reflektiert?

Was aber, wenn ein Schriftsteller kreatives Schreiben lehrt? Was ist, wenn ihm ein Ruf vorauseilt, der ihn von vielen Meistern ihrer Kunst unterscheidet? Wie lehrt er, was lehrt er und wie groß muss der Druck auf den Lehrenden sein, mit eigenen Werken den Schülern unter die Augen zu treten und kraftvoll zu schreien: „So geht das…„? Wo findet Kreativität ihre Grenzen? Wann beginnt die Gratwanderung zu einer einsamen Reise in die Welt der Literatur zu werden? Fragen, die nur einer beantworten kann.

„Weil es ein Traum ist. Ein Traum, den schon viele geträumt haben.“

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco. Er ist dies alles in einer Person. Meister, Autor, Lehrer. Sein Schreiben gilt als die literarische Blaupause geballter kreativer Wortkunst. Ihm gelingt es immer wieder, Romanbilder, Wortmelodien, Textrhythmen zu komponieren, die eine ganz eigene Sprache sprechen und meine Wahrnehmung für die Schönheit von Texten nachhaltig verändern. Für einen Schriftsteller seines Formats ist Schreiben mehr als nur das Mittel zum Zweck. Er will nicht nur Geschichten erzählen.

Sein Schreiben ist experimentell, stilprägend und avantgardistisch. Seine Bücher gehören zur Haute Couture der Literatur. Nur, dass man sich seine Bücher leisten kann Was man von den Mode-Kreationen der Pariser Laufstege nicht behaupten kann. Wer jemals „Seide„, „Novecento“ oder „Mr. Gwyn“ aus seiner Feder las, versteht wie gut diese kreativen Wortgeflechte in unsere oftmals mehr als stereotype Lesewelt passen. Sie schmiegen sich an unser Lesen an und senden elektrisierende Schlüsselreize des Neuen und Ungelesenen.

„Worte sind kleine, höchst präzise Apparaturen, glauben Sie mir, wenn einer sie nicht zu benutzen weiß, sollte er sie nicht benutzen, es ist besser für alle, wenn er sich damit begnügt, das zu bleiben, was er ist, nämlich ein wildes Tier…“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson ist der neueste Kreativschub aus dem Literatur-Atelier dieses großen italienischen Avantgardisten. Eine schmale Geschichte, die im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist und sich dadurch auszeichnet, eigentlich gar nicht schmal zu sein. Auf ihren zarten 111 Seiten wartet sie mit einer verlockenden Grundidee auf ihren Leser, umschmeichelt ihn mit zarten Klängen des Erinnerns, überrascht auf jeder Seite durch Inspirationen, die auszuufern scheinen, ohne dabei jemals den Erzählraum auch nur für einen kleinen Moment zu verlassen.

Baricco entführt uns an die Niagarafälle und macht uns im Jahr 1902 mit zwei ganz besonderen Männern bekannt, deren Namen nicht nur diesen Buchtitel zieren, sondern Assoziationen wecken, die weit über das zu lesende Buch hinausgehen. Hier wirken die Namen bereits wie die Patronen aus der gleichnamigen Waffenschmiede, nur dass die beiden Protagonisten dieses Romans nichts, aber auch gar nichts mit jenen Herren zu tun haben, deren Namen zur Marke für Feuerwaffen wurden. Smith & Wesson. Bis auf eine Kleinigkeit haben sie nichts gemeinsam: Eine gewisse Explosivität der Gedanken.

Smith: Wie überaus schade.
Wesson: Sowas, zum Henker…
Smith: Wirklich Wesson, wie dieser Mensch?
Wesson: Smith, wirklich Smith, Smith?

Smith: Na gut.
Wesson: Wir erzählen das besser nicht überall herum.
Smith: Es könnte eine Lösung sein, sich mit Vornamen anzusprechen.
Wesson: Sehr gut.

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Schon hier spürt der Leser die überraschende Struktur des Romans. Wie für das Theater geschrieben, unterbrechen „unverbindliche“ Regieanweisungen das Lesen und zeigen dabei deutlich auf, wie Baricco seine Geschichte gerne im Herzen seiner Leser verankert sehen würde. Es ist grandios, sich hier auf das Bühnenstück am Rande der Niagarafälle einzulassen und die Charaktere zur Entfaltung zu bringen. Smith, der mit fast allen Wassern gewaschene Meteorologe, der auf skurrile Art und Weise das Wetter voraussagen kann und Wesson, der Leichenangler, der die Karte der Wasserfälle im Kopf hat und die Selbstmörder der letzten Jahre aus dem Fluss fischte.

Diesen beiden eher trostlos schrägen und verträumten Abenteurern schließt sich die Journalistin Rachel an, die auf ihrer Suche nach der großen Story am Wasserfall fast verzweifelt. Drei im Leben gescheiterte Individualisten machen den Kassensturz ihres Lebens und neben ein paar Dollarscheinen bleibt eine bittere Erkenntnis:

„Jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass Erbärmlichkeit eine Erfindung der Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - Abwärts in den Strom

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – Abwärts in den Strom

Doch anstatt sich gegenseitig zu erschießen, fassen sie einen Plan, der nach dem Kassensturz einen anderen Sturz zur Sprache bringt. Einen Sturz, der sie mit nur einem Schlag weltbekannt machen wird. Die furiose Idee schweißt drei Menschen zusammen, die nun aufeinander angewiesen sind. Der große Coup nimmt Formen an. Baricco hat seine Leser fest im Griff. Die Sympathien gehören seinen Figuren und man beginnt, so wie er es sich wohl gewünscht hat, die Dialoge laut zu lesen. Regieanweisungen des Meisters.

Smith & Wesson“ ist eine ganz kleine Geschichte über Freundschaft und Liebe. Wie kaum einem anderen Schriftsteller gelingt es Alessandro Baricco durch sein feines und wohldosiertes Schreiben, durch seine Melodie und die Zartheit seiner Wortbilder, alles auszublenden, was unwichtig ist. Die Charaktere entwickeln sich miteinander und aneinander. Was so entsteht, ist der melancholische Abgesang auf das Scheitern und eine Hymne auf die Unverwüstlichkeit des Menschen.

Diesmal gelingt es Alessandro Baricco, seine Leser sehr emotional die Niagarafälle hinunterzustürzen. Kreatives Schreiben ist dann in Vollendung vollbracht, wenn man bei einem Satz weint, der in sich gar kein Tränenpotenzial birgt. Ihr werdet weinen, wenn ihr erfahrt, warum Smith & Wesson am Ende der Geschichte…

„… mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern ziehen.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, Mr. Rail und AstroLibrium – Hier und in meinem Archiv

Neu aus seiner Feder: „Die junge Braut

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - AstroLibrium

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – AstroLibrium – Ein Lesensweg

Mr. Rail trifft „Mr. Gwyn“ von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Baricco lesen und sterben.

Eine schönere Liebeserklärung an einen Schriftsteller, der mich geprägt hat, wie kein zweiter, kann ich mir nicht vorstellen. Er ist verantwortlich für meine Reisen auf der Virginian, meine tiefe Freundschaft zu einem Ozeanpianisten namens Novecento und die in Seide gehüllten Erinnerungen an die verzweifelten Fluchten eines gewissen Hervé Joncour. Lavilledieu – Japan – Lavilledieu. Seide – Der Roman meines Lebens.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco - Die Rezension fürs Ohr

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco – Die Rezension fürs Ohr – Hier weiterhören

Baricco lesen und sterben. Mehr fällt mir kaum ein, wenn ich mir heute wünschen dürfte, wie mein Leserleben enden könnte. Am Ende eines Buches aus seiner Feder. Am Ende seines Schreibens und damit gleichzeitig immer auch wieder am Anfang einer lebenslangen Inspiration, die er durch seine endlose Kreativität auf die Gleise stellt und zu höchster Geschwindigkeit beschleunigt. Die Lokomotive hieß Elisabeth. In Land aus Glas durchzog ihre Schönheit die Welt. Ihr Besitzer hieß Mr. Rail. Unbeirrbar, nur der Geradlinigkeit seiner Lebensstrecke verbunden.

Mr. Rail. Mein Name, wenn es darum geht, mich zu beschreiben. Wenn es darum geht, über mich zu sprechen. Selbst gewählt und niemals verloren. Mr. Rail taucht oft in Bariccos Werken auf. Immer als jener Mann, der eine schnurgerade Eisenbahnstrecke bauen wollte. Immer auf seiner Suche nach dem höchsten Tempo auf schnurgerader Linie. Genauso las ich mich als „Mr. Rail“ durch alle Werke von Alessandro Baricco. Ich durchlebte sie, war begeistert, verstört, verliebt und stets betroffen. Baricco lesen und sterben. Lesendlächelnd sterben, das mag ich mir nur bei ihm vorstellen.

Nichts wünsche ich mir sehnlicher am Zielbahnhof der Lesereise eines gewissen Mr. Rail.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco - Ein Lebensweg an der Seite von Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco – Ein Lebensweg an der Seite von Baricco

Ich hoffe allerdings nicht, dass der neue Roman von Alessandro Baricco die letzte Station auf unserem langen Weg darstellt. Mr. Rail trifft „Mr. Gwyn, so könnte man diesmal sagen, denn dieser schlichte Name schmückt ein vielgesichtiges Cover aus dem Hause Hoffmann und Campe. Endlich ist es wieder soweit und mit großen Erwartungen begann ich „Mr. Gwyn“ lesend stilvoll zu zelebrieren. Eingebettet in meine Lebensbücher aus der Feder des kreativen Meisters suchte ich nach den Stilmitteln seines Schreibens, die bei mir seit jeher Lese-Gänsehaut auslösen.

Jasper Gwyn. Ein Name, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Und eine erste Begegnung im Roman, die bereits Maßstäbe setzt und mich fühlen lässt, wieder bei „meinem“ Baricco angekommen zu sein. Eine Einleitung, die mich dazu verleitet, das Buch zu schließen und Jasper Gwyn nachzueifern, indem ich seinen Ausstieg aus dem Alltag zu meinem Ausstieg mache. Denn Jasper Gwyn, ein recht erfolgreicher und passionierter englischer Schriftsteller, fasst einen folgenschweren Entschluss, der nicht nur sein Leben verändern wird. Er veröffentlicht einen Artikel im legendären Guardian, in dem er eine mehr als außergewöhnliche Liste veröffentlicht.

Er listet genau 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt. 52 Dinge, von denen er sich in aller Form verabschiedet und von denen er mehr als deutlich Abstand nimmt. Und beginnt die Liste auch scheinbar völlig harmlos, und scheint sie das oberflächliche Ergebnis einer tiefen Selbstbetrachtung zu sein, dann steigern sich das Ausmaß und die Tragweite seiner Entscheidungen in zunehmendem Maße. Es klingt noch ein wenig paradox, wenn Jasper Gwyn an erster Stelle erwähnt, nie wieder einen Artikel für den Guardian zu schreiben. Aber schon dieser erste Ausstieg aus seinem Leben kündigt weitere Schritte an, die aufhorchen lassen.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Was Jasper Gwyn NIE wieder zu tun gedenkt:

– Sich mit der Hand am Kinn in nachdenklicher Pose fotografieren zu lassen
– Höflich zu Kollegen zu sein, die er in Wirklichkeit verachtete
– Selbstsicherheit bei der Begegnung mit Schulklassen vorzutäuschen

und so weiter… und so weiter.

Den Höhepunkt erreicht diese Auflistung mit dem letzten und 52. Punkt, der einem literarischen Selbstmord gleichzusetzen ist, denn Jasper Gwyn verkündet unwiderruflich und zu guter Letzt:

– Nie wieder Bücher schreiben zu wollen.

In aller Öffentlichkeit beendet der empathische Erzähler seine Karriere als Autor. Und das mit knapp über vierzig Jahren, auf dem Höhepunkt seines leidenschaftlichen Schaffens und zum Entsetzen nicht nur seiner Fans, sondern auch seines Agenten. Und genau dieser Tom Bruce Shepperd hält diesen letzten Artikel von Jasper Gwyn nur für einen brillanten Scherz, eine wundervolle Anklage gegen die Literatur-Branche. Bis es ihm wie Schuppen von den gierigen Agentenaugen fällt, dass sein bestes Pferd im Stall das Reiten eingestellt hat.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Und um die Endgültigkeit seiner Entscheidung zu untermauern, absentiert sich Mr. Gwyn

„Jasper Gwyn verbrachte noch sechzehn Tage in Granada. Dann reiste auch er ab. In dem kleinen Hotel vergaß er drei Hemden, einen einzelnen Strumpf, einen Spazierstock…, ein Sandelholzduftbad und zwei Telefonnummern, die mit Filzstift auf den Duschvorhang aus Plastik geschrieben waren.“

Und Stopp. Vollbremsung im Lesen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, mein Herz schlug bis zum Anschlag. Da war er endlich wieder. Genau hier hatte ich ihn wiedergefunden: Meinen Alessandro Baricco. Eine fulminante Ausgangssituation, die als Eingangsidee alle Türen beim Leser öffnet und sein einzigartiger Schreibstil, der den Lauf der Dinge mit den Aufzählungen scheinbar alltäglicher Dinge beschleunigt. Wer denkt hier nicht an seine Beschreibung des Reiseweges von Hervé Joncour nach Japan? Baricco-Kenner geraten schon auf den ersten Seiten ins Schwärmen.

Ihm gelingt dabei ganz beiläufig (so scheint es immer), seine Leser aus dem Buch zu katapultieren, um still und heimlich ihre eigene Liste der 52 Dinge zu erstellen, die sie selbst nie wieder zu tun gedenken. Und kaum hat man vor Augen, wie das eigene künftige Leben verlaufen könnte, wird man schon wieder vom Roman angezogen, den man gerade (und wirklich und ganz kurz) verlassen hatte. Jasper Gwyn erobert den Verstand des Lesers. Seine Beweggründe und die Frage, wie konsequent er seinem neuen Weg folgen würde, entwickeln eine unglaubliche Sogwirkung, die im Inneren dieses grandiosen Romans ihre Entsprechung findet. Jasper Gwyn, der Wortschöpfer, kommt nicht sehr lange ohne sein kreatives Schreiben aus. Zu sehr verändert ihn der eigene Entschluss, auf das Schreiben von Büchern zu verzichten.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Aber Jasper Gwyn wäre nicht Jasper Gwyn, wenn er nicht ein Ventil finden würde. Er beschließt, Kopist zu werden und fortan Porträts zu schreiben. Richtig gelesen. Porträts zu schreiben. Bilder von Menschen sind Mr. Gwyn zu stumm. Er folgt seiner Eingebung, mietet sich ein Atelier, stattet es mit einer Beleuchtung auf Zeit aus und lässt einen Komponisten den Soundtrack zu seiner zukünftigen Berufung komponieren. Ein besonderer Klang, vereint mit Glühbirnen von eng begrenzter Lebensdauer und ein Raum mit einem Bett stellen den Rahmen für seine neue Kunstform dar. Er beobachtet Menschen und porträtiert sie in Worten. Er findet ihre Geschichte. Eine Geschichte, in der jeder Baum, jedes Blatt, jeder Berg, jede Melodie und jedes Ereignis die Züge des zu Porträtierenden trägt. Kunstwerke allesamt.

Folgen wir Alessandro Baricco in einen Roman, der an seine großen Geschichten anknüpft. Folgen wir ihm in Bilder, die so noch nie geschrieben wurden. Folgen wir ihm in sein Atelier, genießen das ersterbende Licht und den Rhythmus der Geräusche und beobachten mit ihm gemeinsam die Menschen, die er porträtieren soll. Nackt liefern sie sich dem ehemals großen Schriftsteller aus. Nackt warten sie auf den einen Moment, in dem Mr. Gwyn endlich sein Schweigen bricht und völlig nackt erkennen sie sich auf den wenigen Seiten ihrer Porträts wieder. Ungeschminkt und in aller Tiefe.

Ein Weg, der uns an seiner Seite von Begegnung zu Begegnung führt. Ein Weg, der uns staunen lässt, was Worte erschaffen können. Ein Weg, der erst endet, als ein junges Mädchen vor ihm sitzt, das sich seinen Regeln entzieht. Ein magischer Moment. Baricco porträtiert neben seinen Kunden auch seine Leser. Man liest ihn nackt und setzt sich der Beobachtung des Meisters aus. Jeder Blick in das eigene Leselicht ist begleitet von der Hoffnung, es möge bitte nicht sterblich sein. Man beginnt sich im Atelier von Mr. Gwyn wohlzufühlen und sucht in den unzähligen Zetteln auf dem Boden nach Hinweisen auf das eigene Porträt.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Baricco entblättert seine Leser. Er fabuliert sich in einen Erzählraum, der schon für sich allein eine Befreiung vom alltäglichen Ballast verspricht. Entschleunigung trägt dazu bei, sein wahres Gesicht zu zeigen. Man ist getrieben von dem Wunsch, auch nur eines dieser geheimen Porträts lesen zu dürfen. Zur Not auch gegen Unterschrift und unter Inkaufnahme einer empfindlichen Geldstrafe, wenn man etwas davon verraten würde. So las ich dieses Buch.

Ich schweige. Ich habe es versprochen. Kein Wort dringt über meine versiegelten Lippen. Ich bin wieder in meinem realen Leben angekommen. Habe Schieflagenlesen und Gänsehautflüstern gefühlt. Und dann am Ende des Romans angekommen stelle ich fest, dass dort gar nicht „Ende“ steht. Was folgt ist ein kleines Wunder. Was folgt ist eine kleine Fortsetzung aus der Feder von Alessandro Baricco, die in Italien erst ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Mr. Gwyn“ als Buch erschien. Ein kleines Wunder, dass Hoffmann und Campe diese gefühlte Fortsetzung zum Bestandteil dieses Romans macht.

Dreimal im Morgengrauen ist viel mehr als nur eine kleine Fingerübung. Die drei Begegnungen zwischen zwei Menschen verleihen dem zuvor Erlebten Tiefenschärfe und Kontur. Vielleicht sind es die Porträts, auf die man so lange wartete. Vielleicht sind es paradox wirkende Momentaufnahmen, die „Mr. Gwyn“ zu dem machen, was er ist. Zu einem der ganz Großen aus der Feder Bariccos.

Mr. Rail und Mr. Gwyn. Wir haben uns gefunden. Wir werden uns nicht mehr aus den Augen verlieren. Das Leben ist inhaltsreicher seit dieser Begegnung. Zeilen wanderten zwischen Menschen, die „Mr. Gwyn“ begegneten. Ich schrieb ein Porträt für Julia. Sie begegnete dem sterbenden Licht mit mir. Glühbirnen sind keine normalen Lichtschöpfer mehr. Worte sind keine Worte mehr. Alles wird zu Mr. Gwyn“.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Kreuzt seinen Weg. Dreimal im Morgengrauen werdet ihr an Mr. Gwyn denken. Lesenslang. Heike ist das auf Irve liest auch passiert. Und hier könnt ihr mir beim Schwärmen zuhören… Die Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern.

Und hier folgt schon sein neues Meisterwerk: „Smith & Wesson
Neu aus seiner Feder: „Die junge Braut

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco