„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ – Bradbury / Kleist

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus ist in der Stadt! Schaut nur die bunten Plakate, die von Akrobaten, wilden Tieren, Sensationen und Clowns künden. Zieht euch die feinen Sachen an, bringt eure Kinder auf die Straße, folgt dem Einmarsch der Zirkuskapelle, schaut euch an, wie das farbenprächtige Zirkuszelt über der Manege errichtet wird und kauft euch Eintrittskarten, bevor es zu spät ist. Der Zirkus ist in der Stadt! Folgt den Elefanten und Löwen durch die Straßen, tanzt im Rhythmus der Marschmusik und freut euch auf Karussells, Orgeln und das bunte Treiben in hell erleuchteter Nacht. Der Zirkus ist in der Stadt

Öhm… Sorry. Kommando zurück. Es ist alles ganz anders. Es ist gar kein normaler Zirkus, der mit diesem Buch Einzug bei euch hält. Es ist handelt sich hier um Cooger & Dark, das Pandämonium der Schattenspiele, den wandernden Jahrmarkt, einen Zirkus aus der Feder von Ray Bradbury, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sein literarisches Unheil treibt. „Something Wicked This Way Comes“ lautete 1962 der Originaltitel des Romans, der die Freude auf einen Zirkusbesuch sehr nachhaltig verderben konnte. Der Zirkus ist in der Stadt – rette sich wer kann, wäre der bessere Titel gewesen. Aber auch in seiner freien Übersetzung lässt er Gänsehaut sprießen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Titel darf nicht neu für uns sein, erschien dieser Roman von Ray Bradbury doch schon im Jahr 1962 zum ersten Mal und wurde sogar 1983 in einer Produktion von Walt Disney mit Jason Robarts und Jonathan Pryce in den Hauptrollen verfilmt. Also müsste es doch eigentlich beim Leser klingeln, wenn man sich dem Bösen in diesem Buch nun ganz leise nähert. Zumindest jedenfalls, wenn man alt genug ist. Und genau hier liegt in der Zielgruppe das Geheimnis dieser Neuauflage verborgen. Es ist ein illustriertes und wertig aufgelegtes Jugendbuch, mit dem der Aladin Verlag den subtilen Zirkus-Schreck für eine neue Leserschicht zugänglich macht.

Unterschwellig spielt sich das Grauen ab. Seine allzu kaltblütigen Zugpferde heißen Neugierde und  jugendlicher Leichtsinn. Die Melodie des Buches klingt nach Abenteuer und der Rhythmus der Geschichte ist der eines Tornados, in dessen Auge der Leser in scheinbare Sicherheit gewogen wird. Die Illustrationen sind düster wie das Orakel einer magischen Welt. Schwarzweiß, scharf konturiert und stilsicher in die Handlung gebettet zeigt auch hier der Meister seines Fachs Reinhard Kleist, was Bilder im Kopf auslösen können. „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ erreicht mit seinen mehr als brillanten Grafiken ein Level, auf dem sich formidabel erschaudern lässt.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Bradbury´s Zirkus ist anders als jeder Zirkus dieser Welt. Er erscheint wie aus dem Nichts, wird mitten in der Nacht errichtet und strahlt eine ganz besondere Aura aus. Er wartet mit wahrhaft Einzigartigem auf. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum.

Cooger und Darks Pandämonium-Schattenspiele
Fantoccini, Marionettentheater, Bunter Rummelplatz.
Demnächst in dieser Stadt.
Mit vielen Attraktionen, unter anderem auch
DIE SCHÖNSTE FRAU DER WELT!

So kündigen ihn die Plakate an. Neben einem fantastischen Spiegellabyrinth sind es die Dämonen-Guillotine, ein illustrierter Mann, eine Staubhexe und Mademoiselle Tarot, die auf ihre Besucher warten. Den Mittelpunkt jedoch bildet ein historisch anmutendes Karussell, dessen Beschreibung einen ganz neuen Blick auf diese Attraktion bietet:

„… Seine Pferde, Ziegen, Antilopen, Zebras, deren Rücken von Messingspeeren durchbohrt waren, verharrten in verkrampftem Sprung wie im Todeskampf. Ihre verängstigten Augen erflehten Gnade, ihre vor Entsetzen grellen Zähne verhießen blutige Rache.“

Na, wer würde da nicht gerne einfach so aufsteigen und die Fahrt genießen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Also neugierig wäre ich ja schon, da die beiden Protagonisten des Romans Jim und Will bei ihren nächtlichen Abenteuer-Streifzügen eine mysteriöse Entdeckung machen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag besteht die Welt für die beiden Jungs aus purer Neugier und Abenteuerlust. Nichts bleibt unversucht, nichts ungewagt. Der Zirkus dient für sie der perfekten Abwechslung im Alltagstrott des kleinen Kaffs. Bis auf Unwetter ist hier jeder Tag wie der andere. Doch mit dem Zirkus verändert sich alles. Und doch wird er zur größten Herausforderung ihres Lebens, da sie dem Geheimnis des Karussells so nah kommen, dass sie ihm kaum widerstehen können.

Fährt es vorwärts, werden die Fahrgäste von Umdrehung zu Umdrehung älter. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn das Karussell sich rückwärts dreht. Eine Entdeckung, der man sich als junger Mensch kaum entziehen kann. Doch sind die beiden Rabauken nicht die einzigen Bewohner des Ortes, die aus ganz eigenen Gründen ein paar kleine Runden drehen wollen. Welcher ältere Mensch mag nicht gerne jünger werden und was sollte Jim daran hindern, endlich und mit einem Schlag erwachsen zu werden? Warum sollte er sich das entgehen lassen. Die Versuchung ist groß und doch bleibt nichts ohne Opfer. Wer die Fahrt wagt, wird zu einem der schattenhaften Wanderer, die den Zirkus fortan begleiten. Ein mephistophelischer Kontrakt, den man einzugehen hat. So treffen sie aufeinander: der Junge, der älter werden will und Will`s Vater, der das Gegenteil in seinem Herzen wünscht. Werden sie Opfer oder gibt es einen Weg, dem Kreislauf des geheimnisvollen Karussells zu entrinnen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ von Ray Bradbury erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Sehnsucht und versinnbildlicht das jugendliche Streben nach dem Leben als Erwachsener. Die Schnittmenge der Wünsche und Hoffnungen mit den älteren und perspektivlosen Bewohnern des Ortes ist groß, nur ist die Fahrtrichtung anders. Es sind die Romanfiguren, die uns mitfiebern lassen, was der Zirkus aus ihnen macht. Es ist ein junges Mädchen unter einem Baum, das wir trösten und dem wir helfen wollen, weil wir es als ältere Frau kennen. Es ist die schönste Frau der Welt, die uns fasziniert, weil sie in einen Eisblock eingefroren wurde und es ist der Vater von Will, der seine geschützte Bibliothek verlässt, um im wahren Leben an seinen Sehnsüchten zu wachsen.

Reinhard Kleist hat diesen Jugendroman opulent in Szene gesetzt. Miniaturen und ganzseitige Illustrationen führen uns durch die grandios erzählte Geschichte. Szenisch versetzt er uns ins Bild, wenn wir von Kapitel zu Kapitel fliegen und wo atmosphärische Worte allein nicht genügen, löst er eine Kopfkinovorstellung der Extraklasse in uns aus. Kleist ist und bleibt Kleist. Ob er nun „nur“ illustriert, oder ob er auch gleichzeitig als der eigene Autor seiner Geschichten auftritt, er ist und bleibt lesens- und sehenswert. Hier beweist er sein ganzes Können. Ich bin ihm schon lange auf der Spur und mein Weg ist nicht am Ende angelangt. Mehr zu Reinhard Kleist findet ihr in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ihr den folgenden Links folgt:

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
1914 – Ein Maler zieht in den Kriegund schon bald geht es weiter mit
Nick Cave – Mercy on me

Bleibt dran an den Graphic Novels und illustrierten Büchern meines Lebens.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus bei AstroLibrium – Manege frei:

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern – Ullstein Verlag
Sirius von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Witsch
Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Atlantik Verlag

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„Herr Origami“ und „Sadako“ – Mein Lesemoment 2017

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Da ist er nun. Mein Lesemoment 2017. Das literarische Highlight, das man im Verlauf eines Lesejahres so sehnlich herbeisehnt. Das Buch, von dem man später sagen kann, dass es das Buch des Jahres war. Die Ursache für dieses Prädikat ist natürlich höchst subjektiv und in besonderer Weise individuell, da ein Buch alleine selten in der Lage ist, mich zu diesen Jubelstürmen aufsteigen zu lassen. Es ist die Perlenkette aus Büchern, die ein solches Werk knüpfen, es sind die Assoziationen, die es in mir auslösen und es sind die Gefühle, die es wecken muss, um mich zu diesem Urteil zu verleiten. Ich habe ihn erlebt, diesen Moment 2017, und das schon im September.

Es sind schmale 157 Seiten, die mich aufjauchzen lassen. Es ist ein Roman, der in seiner literarischen Dimension vielleicht nur mich so sehr aufrüttelt, weil er Lesegefühle mit neuem Leben erweckt, die ich bisher nur in einem meiner absoluten Herzensbücher durchleben durfte. Aber es ist auch eine Geschichte, die in der Lage ist, bibliophile und empathische Leseseelen zu bewegen, die meine Erfahrungen nicht teilen. Denn dieses Buch wird eine Lesekette auslösen, der man sich nicht verweigern kann. Hier ist er nun, mein Lesemoment des Jahres.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci, erschienen bei Hoffmann und Campe, kommt in seinem Erscheinungsbild schlicht und schmal daher. Ein gefalteter Kranich, eine Wiese und zwei Bäume zieren das Buchcover. 157 Seiten warten auf ihre Leser. Zarte Seiten, die aufgrund des Buchlayouts jeweils mit japanischen Schriftzeichen eingeleitet werden und dann recht überschaubar gefüllt sind. Beim oberflächlichen Blättern kann schon der Eindruck entstehen, es würde sich um Gedichte handeln. Kurz gesagt, es ist ein kurzes Lesevergnügen. Nur eine Stunde verging zwischen der ersten und der letzten Seite. Es ist die Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde. Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte voller Lebensweisheit, Philosophie und mit einem Tiefgang, den man eigentlich in dem vorliegenden Format kaum erzeugen kann. Und doch gelingt es Jean-Marc Ceci auf so beeindruckende Art und Weise.

Es ist die Geschichte eines Japaners, der seine Heimat für die große Liebe seines Lebens verlassen hat. Herr Origami“ wird er genannt. Mit „Meister Kurogiko“ sollte man ihn jedoch anreden, wenn man ihm begegnet. Denn er ist ein wahrer Meister. Sein Leben hat er der Herstellung von „Washi“ gewidmet, japanischem Papier. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist es, aus dem schönsten Papier Origami-Kraniche zu falten. Seit nunmehr 40 Jahren lebt Herr Origami in Italien. Er schöpft Papier, faltet seine Kraniche, entfaltet sie wieder und meditiert, die so entstandenen Faltlinien betrachtend. Das tiefe Geheimnis, dem dieses spirituelle Leben zugrunde liegt, heißt Liebe.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Ein einziges Mal hat Herr Origami sie gesehen. Dieser eine Augenblick hat gereicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ihr zu folgen. Nur ihre Herkunft war ihm bekannt. Italien. Seit 40 Jahren nun lebt Herr Origami in der Abgeschiedenheit der Toskana und wartet auf den Moment, in dem das Schicksal ihn und die von ihm verzweifelt Geliebte wieder vereint. Die Tage des Wartens verbringt er schöpfend, faltend entfaltend und still meditierend. Bis ein unerwarteter Besuch alles ändert. Der Uhrmacher Casparo dringt in diese geschlossene Welt ein und verführt den Meister dazu, sich langsam zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen.

Spätestens hier befand sich mein Herz im Aufruhr. Japan, schrie es. Und schon war es um mich geschehen. „Seide“ von Alessandro Baricco erzählt spiegelverkehrt, was Jean-Marc Ceci mir gerade in die Seele schreibt. Baricco lässt einen Franzosen immer wieder nach Japan reisen, um IHR zu begegnen. Der großen Liebe seines Lebens. Ein junges Mädchen, das er nur ein einziges Mal sah, dessen Stimme er nie vernahm und das sein Leben für immer veränderte. Baricco lässt seinen Hervé Joncour in das Japan seiner Sehnsucht eintauchen, ohne je die Chance zu haben, seine Geliebte zu finden.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Jean-Marc Ceci bringt nun seinerseits einen japanischen Liebenden nach Europa und verzaubert seine Leser mit der poetischen, philosophischen Erzählung, die unsere Sichtweise auf eine hoffnungslose Liebe nachhaltig verändert. Was sich hier von Seite zu Seite entwickelt ist ein fast schon meditatives Bild der inneren Balance, wo doch nur aufgewühlte Gefühle toben. In der Begegnung mit dem Uhrmacher Casparo entwickelt Ceci einen Diskurs über die Gemeinsamkeiten von Leidenschaften, Perfektion und der ewigen Suche nach den Antworten zu allen Sinnfragen des Lebens. Die Zeitvorstellung des Uhrmachers kollidiert mit der zeitlosen Dimension des Origami-Künstlers.

Auch hier schließt Herr Origami einen unsichtbaren Pakt mit einem Buch, das in seiner Entschleunigung verzaubert. „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon hat mir ein längst vergangenes Japan nähergebracht, das jedoch im „Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci allgegenwärtig ist. Philosophie, Kontemplation und Spiritualität führen uns in ein Leben, in dem Abgeschiedenheit nur eine besondere Form von Leidenschaft ist. Im tiefsten Inneren beider Bücher spürt man einen japanischen Geist, der inspirierend und entschleunigend ist. Lebensweisheiten werden hier nicht nur zitiert, sie werden geprägt. Werte und Ansichten werden gelebt. Liebe wird um ihretwillen geliebt, auch wenn es so hoffnungslos erscheint wie bei Baricco oder Ceci. Selten hat ein poetischer Roman mir so viele Türen geöffnet. Selten habe ich so tiefe Verbindungen zu den Büchern meines Lebens gespürt. Und selten hat mir dabei ein Autor eine doch ganz eigenständige und wertvolle Geschichte erzählt.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci und Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Jean-Marc Ceci gelingt es weit auszuholen ohne dabei zu fabulieren. Nicht nur die Kunst der Papierherstellung in Japan wird hier zur Kunstform erhoben, auch das Falten dieses Papiers – für uns meist nur kreativer Zeitvertreib – wird hier über jeden Verdacht erhaben, die Zeit zu vertreiben. Hier kommt Ceci zu einer Bücherkette, die er in seinem Schreiben auslöst, die zu einen weiteren unglaublichen Lesemoment bei mir führte. Er erzählt von der Legende der tausend Kraniche. Er erzählt von einem kleinen Mädchen, dem es nicht vergönnt war, so viele Kraniche zu falten, um einen Lebenswunsch erfüllt zu bekommen. Er erzählt von „Sadako“.

Ich sprang lesend auf, griff in den SUB meiner ungelesenen Köstlichkeiten und es war mir bewusst, dass ich diesen Namen schon gehört hatte. Und da lag das Buch. Ein aktuelles Kinderbuch, erschienen im Aladin Verlag, mit Origami-Kranichen und einem jungen Mädchen im Krankenbett auf dem illustrierten Cover. Gänsehaut. „Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ von Johanna Hohnhold hatte mich erst vor wenigen Tagen erreicht. Nun weiß ich, dass Bücher Schicksale haben. „Habent sua fata libelli“. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet dieses Buch auf mich wartet. Es ist kein Zufall, davon bin ich überzeugt. Hier liegt der Zauber von „Herr Origami“ auch für Leser verborgen, die weder Seide noch das kopfkissenbuch gelesen haben. Hier weist eine Bücherkette in die Zukunft und man kann gar nicht anders, als sich Sadako ganz behutsam zu nähern.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci – Sadako – Eine wichtige Geschichte

Geht auch diesen Pakt ein, den Herr Origami für euch geschlossen hat. Besucht Sadako in Hiroshima und lasst euch in einem Kinderbuch, das viel mehr ist, von einem Mädchen erzählen, dem nicht nur in Hiroshima, sondern unter anderem auch in Köln weltweit Denkmäler gewidmet sind, die eines gemeinsam haben. Den Origami-Kranich. Lasst diese Geschichte zu. Lasst es zu, einem Mädchen zu begegnen, das ohne jede Hoffnung auf Genesung als Opfer der Spätfolgen des Atombomben-Abwurfes alle Kraft in die tausend Origami-Kraniche steckte, die ihr einer alten Legende zufolge das Leben retten sollten.

Zeitvertreib? Nein. Herr Origami und Sadako öffnen einzigartige Perspektiven auf die japanische Papierkunst. Beide Bücher öffnen neue Perspektiven auf das Leben. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, warum „Herr Origami“ und „Sadako“ für mich zu einem einzigen, tief miteinander verwobenen Lesemoment wurden. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass beide Bücher und meine eigene kleine japanische Bibliothek ein philosophisch romantisches Bündnis geschlossen haben, um mich zu verzaubern.

Darum lese ich!

Herr Origami von Jean-Marc Cec

[Bilderbuch] Walross, Spatz und Beutelteufel – Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Bilderbücher, Bilderbücher, Bilderbücher… 

Ganz eigene Welten, ganz eigene Leser und Betrachter und eine bunte Vielfalt, die sich unaufhaltsam in unsere Herzen schleicht. Ja, die kleine literarische Sternwarte hat ein kleines, eigenes Universum der Bilderbuchwelten entdeckt und ich bin fest davon überzeugt, dass diese buchigen Fixsterne für „Noch-Nicht-, Erst- und Schon-Immer-Leser“ eine Bedeutung haben, die man einfach nicht unterschätzen darf.

Mein erstes Bilderbuch ist mir noch heute tief im Gedächtnis verankert und vielleicht hat damals meine große Liebe zur Literatur ihren Anfang genommen. Unvergessen sind die Momente des gemeinsamen Betrachtens, des Hinterfragens und des wilden Blätterns und Suchens, die mich noch heute zum Kind werden lassen, wenn ich die Märchen der Völker zur Hand nehme.

Doch oftmals stellt man leider beim gemeinsamen Lesen fest, dass die modernen Bilderbücher an der eigentlichen Zielgruppe vorbei geschrieben und illustriert werden. Allzu pädagogisch kommen einige von ihnen daher, allzu bunt und doch inhaltsleer oder einfach nur so unbedeutend, dass schon nach dem einmaligen Genuss nie wieder der Wunsch entsteht, dieses Buch erneut aufzuschlagen, oder darüber nachzudenken.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman-

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und dann gibt es die großen Geschichten, die uns Erwachsene faszinieren, die aber die Kleinen so sehr überfordern, dass die Enttäuschung groß ist, wenn die wertvolle gemeinsame Lesezeit mit endlos großen Fragezeichen in den neugierigen Kinderaugen verpufft. Und natürlich ist die Anschaffung eines Bilderbuches auch immer wieder eine finanzielle Frage, erhält man doch für einen recht stattlichen Preis ein Buch, das oft aus nicht mehr als 30 bis 40 Seiten besteht.

Hier will in jeder Beziehung abgewogen und mit viel Liebe entschieden werden, welches Bilderbuch das Allerheiligste im Kinderzimmer erobert. Mir persönlich ist immer wieder wichtig zu beobachten, was diese Kinderbücher mit ihren Lesern anstellen und ein absolutes Merkmal für einen absoluten Volltreffer in diesem Genre ist es, wenn nach dem Lesen das Buch nicht im Schrank verschwindet, sondern „gezündet“ hat. Ideen, Inspirationen, Gedanken und Träume.

Einen solchen Zündfunken habe ich zuletzt mit dem Bilderbuch Walross, Spatz und Beutelteufel“ von Adrienne Barman erlebt, und genau aus diesem Grund ist dieses Buch auf meiner literarischen Sternenkarte der Bilderbücher ein wichtiger Fixstern zur unterhaltsamen Selbstfindung und Erweiterung der noch ganz jungen Denkwelten. Und dies aus gutem Grund, den man sich einfach mal vor Augen halten sollte, da man dieses Buch ansonsten vielleicht unterschätzt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Nach einer Geschichte sucht man hier vergeblich und die wenigen Worte dienen nur als Überschriften für die einzelnen Kapitel. Was uns dort jedoch erwartet, ist nicht nur für kleine Entdecker spannend, sondern bringt auch das „ältere“ Bilderbuchherz zum Pochen und den eingerosteten Grips zum Dampfen. Tiere sind in wundervollen warmen Zeichnungen zu finden. Scheinbar wahllos sind sie angeordnet, da die einzelnen Tiere auf den einzelnen Seiten im wissenschaftlichen Sinn nicht viel gemeinsam haben.

Und doch ist es so ganz anders als man denkt, oder sieht. Diese ganz besondere Enzyklopädie bedient sich nicht der althergebrachten biologischen Kategorien, die man in der Schule vorgesetzt bekommt. Hier werden die Tiere unserer Welt in ganz eigenen und völlig neuen Kategorien vereint, die sich oft schmunzelnd und manchmal auch laut auflachend dem Betrachter sofort erschließen.

Schautafeln aus der Schule oder dem Kindergarten kann man bequem aus der Hand legen, denn nun gilt es, die „Ordnung der Tiere nach Adrienne Barman“ in sich aufzunehmen und sie einfach zu genießen. Wir finden Ordnungskriterien, wie:

  • Die Schneeweißen,
  • Die Himmelblauen,
  • Die Schlauen,
  • Die Schnellen,
  • Die Bergbewohner,
  • Die Nachtschwärmer,
  • Die Leisen,
  • Die Architekten,
  • Die Riesen
Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und so geht es lustig immer weiter. Mehr als 40 Kriterien bilden die Kategorien für die Neuordnung des Tierreichs. Dabei sind es eben sehr kindliche Faktoren, die hier als Kriterien verwendet werden und da liegt schon der besondere Zauber des Bilderbuchs. Ohne große Erklärungen werden die Tiere in vereinfachter, jedoch sehr ansprechender Weise dargestellt. Sie fügen sich, wie der sich am Kopf kratzende Schimpanse, in die Ordnungskriterien (hier: „schlau“) ein und blicken dem Betrachter mit wachen Augen sehr lebendig entgegen.

Erklärungen findet man nur dort, wo sie aus Sicht der Autorin zwingend erforderlich sind. Zum Beispiel, wenn es um die Länge der Zungen von Tieren der Kategorie „Die Langzungen“ geht. Leicht verständliche Begründungen werden dem Leser an die Hand gegeben, warum das jeweilige Tier genau an dieser Stelle zu finden ist.. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Dieser bewusste Verzicht auf Sprache oder langatmige Hinweise regt zum eigenständigen Entdecken und zum Begreifen an. Und dieses Begreifen führt zum eingangs erwähnten magischen Zündfunken im Buch.

Denn während wir staunen, betrachten und uns dieser ungewöhnlichen Neuordnung erfreuen und uns darüber wundern, wie offen und frei man Tiere „unter einen neuen Hut“ bringen kann, setzt bei den Kleinen etwas ganz Besonderes ein. Ich durfte diesen Zündfunken schon mehrmals live erleben, wenn nämlich ganz plötzlich die Aufforderung kommt, einem Bild doch noch ein Tier hinzuzufügen, weil es eben auch dazu passt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Oder, wenn schon während des Betrachtens über neue Kriterien nachgedacht wird, die hier scheinbar vergessen wurden. „Die Stinkenden sind gar nicht drin – und da fallen mir ganz viele ein, die so richtig stinken“. Diesen Satz werde ich so schnell nicht vergessen. Und schon liegt das Bilderbuch mittendrin im Zentrum eines kindlichen Gedankensturms, der über das passive Anschauen und bloße Berieseln hinausgeht.

Hier wird die Kreativität der Kinder herausgefordert und das Kategorisieren nach eigenen Vorstellungen gefördert. Bei Waldspaziergängen tauchen auch Wochen nach dem ersten fröhlichen Betrachten immer wieder Fragen auf, ob denn die entdeckten Tiere im Bilderbuch seien, oder ob man tatsächlich eine neue „Art“ entdeckt habe. Und voller Stolz werden dann zuhause „Die Zutraulichen“ oder „Die Verschmusten“ oder „Die Nie-Alleine-Flieger“ gemalt und ins Buch gelegt.

Walross, Spatz und Beutelteufel – Das große Sammelsurium der Tiere“ von Adrienne Barman, – 2015 erschienen im Aladin Verlag – ist eines der viralsten und nachhaltigsten Bilderbücher, das ich in freier Wildbahn beobachten durfte. Es lebt, lädt ein zum „Spinnen“ und ordnet dabei ganz spielerisch die Tierwelt neu. Was ich noch nicht beurteilen kann, sind die Auswirkungen dieses Denkens auf die Biologielehrer in der Zukunft. Ich muss schon jetzt herzhaft lachen, wenn ich nur daran denke, wenn ein Schüler behauptet, dass im aktuellen Biologiebuch einige wichtige Kategorien einfach fehlen:

„Die Gladiatoren“ zum Beispiel… „Die habe ich nämlich selbst gefunden… damals, als ich noch Bilderbücher las…“

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Ein Wort zu den erwachsenen Fans dieses Bilderbuches: Darwin war gestern, Barman ist heute. Im Biologie-Unterricht haben wir vieles gelernt. Artenvielfalt, Genetik, Gattung oder den Unterschied zwischen morphologischem und biologischem Artbegriff. Diese Kriterien sind wissenschaftlich fundiert, historisch untermauert, korrekt und sicher auch extrem hilfreich, um Paarhufer von Einzelhufern zu unterscheiden. Aber es macht keinen Spaß! Probieren Sie es einfach aus. Am besten nicht allein und lassen Sie sich von diesem Sammelsurium verzaubern. 

Editorial:

Ich danke Adrienne Barman für die Überlassung der enzückenden Autorenfotos, die so schön zu diesem Buch und dem Artikel passen. Ganz besonders danke ich auch für die Geduld, meine holprigen französischen Fragen in aller Seelenruhe und mehr als freundlich zu beantworten!

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„Bis heute“ – Für die Schönen und Geschundenen

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan - Astrolibrium

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Sein Name ist Shane Koyczan. Er bezeichnet sich selbst als „Spoken Word Poet“. Seine Kunstform ist die Lyrik und sein Medium ist das gesprochene Wort. Er trägt seine Gedichte in der ganzen Welt vor. Kleine Gedichte mit großen Inhalten. Er hat seine Stimme gefunden, weil er seiner Angst eine Stimme gegeben hat. Und Angst hatte er eine ganze Menge. In seiner Jugend.

Shane Koyczan eignete sich wohl sehr gut für die Rolle des Opfers. Aus Hänseleien wurde Schikanieren, aus Schikane wurde Mobbing. Die Grenzen verliefen fließend. Doch ebenso fließend, wie sie verliefen, waren sie in ihrem Grenzverlauf so präzise, dass sie zum Ausgrenzen taugten. Man machte sich über ihn lustig. Er hatte kaum Freunde. Er gehörte selbst zu den „Geschundenen“, die auf der anderen Seite der Grenze neidisch auf die „Schönen“ blickten.

Er begann zu schreiben. Lyrik. Kleine Texte mit großen Worten und er fand in diesen Texten Zuflucht in seiner Welt. „Bis heute“ trägt der Schmerz von damals. „Bis heute“ kann er nicht vergessen, aber sein Gedicht über die Anfänge und Auswirkungen seines eigenen Grenzgangs erzielte bei seinen Zuhörern Reaktionen, die er so nicht erwartet hatte. Er fand Menschen, denen es ebenso ging und aus einem kleinen Gedicht wurde ein Lied. Aus dem Lied wurde ein Video und aus dem Video wurde eine millionenfach angeklickte Botschaft an die „Schönen und Geschundenen“.

Das Besondere an diesem Weg: Shane Koyczan ist nicht mehr allein. Als hätte seine Botschaft wie ein Trompetensignal die Opfer vereint, fanden sich 86 Trickfilm-Zeichner und Videodesigner, die im Rahmen eines beispiellosen „Crowdsourcing“ diesen einzigartigen und vielfältigen Film entstehen ließen, der mit 14 Millionen Klicks auf YouTube die Welt eroberte. „Bis heute“.

Der Weg ist nicht an seinem Ende angelangt. Das Projekt hat sich verändert und erreicht auf vielen Wegen immer mehr Menschen, die selbst Opfer von Ausgrenzung wurden, oder diejenigen, die gerade erleben, was es für sie bedeutet. Und es erreicht Eltern und Freunde, also Menschen deren Antennen auf Empfang gestellt werden müssen, wenn sie die Sorgen ihrer Kinder verstehen sollen.

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen aus dem Aladin Verlag stellt die literarische Fortsetzung des Projekts dar. Was auf den allerersten Blick wie ein kleines buntes Bilderbuch für Kinder anmutet, verbirgt zwischen den gebundenen Buchdeckeln die wundervolle Botschaft des Gedichts von Shane Koyczan, das aber auch hier nicht für sich alleine steht. 30 Künstler aus aller Welt haben dazu beigetragen, dass die große Range des Videos nun auch in einem Buch zu spüren ist.

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Jedem dieser Künstler wurde ein Teil des Gedichts zugeteilt und sie waren völlig frei in der Gestaltung „ihrer“ Textstellen, ihnen ein ganz unverwechselbares Gesicht zu geben und dabei den eigenen Stil und die Individualität des Künstlers zu erhalten. Was dabei entstand ist grandios. So, wie wir Menschen Ausgrenzung, Gewalt und Mobbing sehr unterschiedlich empfinden, so folgen wir nun den mehr als tiefen Gedichtzeilen von Shane Koyczan in völlig verschiedene Wahrnehmungswelten von Illustratoren und Zeichnern.

Auf jeder Seite öffnet sich ein neuer Kosmos, in dem Wort und Bild sich zu einer tiefen gemeinsamen Symbiose vereinen und den Betrachter und Leser nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Individualität der Darstellungen entspricht der Individualität der Menschen, gleich welchen Geschlechts und Alters, die sich diesem Buch hingeben. Was dabei mit uns selbst geschieht ist unvergleichlich, denn unabhängig von der Tiefe der Botschaft des Gedichts erkennen wir, wie leicht es doch ist, einen eigenen Weg zu finden.

Einen klaren Weg, der Shane Koyczan dazu brachte, für sich selbst einzutreten. Und genau auf diesem Weg kann man ihm folgen. Es gilt nur, das geeignete Medium zu finden, das einem Menschen dabei hilft, sich selbst auszudrücken. Sich selbst eine Stimme zu verleihen. Musik, Tanz, Fotografie, Schreiben, Zeichnen – wer seine Stimme finden will, muss danach suchen. Und wenn man sie gefunden hat, dann wird  man sich wundern, wie viele Menschen dieser ganz eigenen Stimme lauschen. „Bis heute“ ist ein strahlendes Beispiel im Großen, was jeder im Kleinen für sich bewegen kann.

„Aber denkt immer daran, dass die Welt nie von euch erfährt, wenn ihr eure Stimme nicht erhebt!“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

„Bis heute“ erzählt nicht nur von Shane Koyczan und seinem Weg in die Welt der „Geschundenen“. Das Gedicht lebt nicht nur durch den gekonnten Perspektivwechsel in die Wahrnehmungswelt von Kindern, sondern besticht in besonderer Weise dadurch, dass es die Folgen der Ausgrenzung und Hänselei von einst in die Gegenwart spiegelt und verdeutlicht, welche Spätfolgen durch psychische Gewalt in Schulen verursacht werden.

Ein dummer Zufall, eine wirklich blöde Geschichte – ein Missverständnis, das sich an der ganzen Schule wie ein Lauffeuer verbreitet, führt dazu, dass der kleine Shane fortan als „Schweinerippchen“ bezeichnet wird. Nur ein kleines Schimpfwort, das den Jungen trifft wie ein Hammerschlag. Ein Schimpfwort, das ihn durch die ganze Schulzeit begleitet, ein Spitzname, der für ihn so spitz wie eine scharfe Klippe wird.

Im Gedicht fühlen wir, dass Knochenbrüche weniger Schmerzen, als Stiche ins Herz. Wir fühlen und sehen in eindringlichen Bildern, wie es sich anfühlt, wenn ein Wort in einen Menschen hineingebrüllt wird. Die Folge: Vereinsamung, Abschottung und ein Verlust an Selbstwertgefühl.

„Also wuchsen wir in dem Glauben heran, dass niemand sich je in uns verliebt.“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Shane Koyczan erzählt von einem kleinen Mädchen, das als eklig bezeichnet wurde und zeigt es heute in seiner verunsicherten Rolle als Ehefrau und Mutter. Er zeigt und erzählt uns von dem Gefühl, jeden „elenden Tag“ in Unterzahl verbringen zu müssen. Zeigt uns junge Menschen, deren einziger Ausweg in einem Leben aus Drogen zu bestehen scheint. Er nimmt uns mit auf den Weg zu ersten Selbstmordversuchen von Opfern und dem inneren Aufschrei voller Gewalt, der „Bis heute“ hält. Er lässt uns in diese tiefdunkle Welt von Depressionen eintauchen, aus der es fast kein Entrinnen gibt.

Doch an dieser Stelle hört sein Gedicht nicht auf. Sein Bogen ist „Bis heute“ gespannt und genau hier beginnt das Wunder des Gedichts und der Bilder zu wirken. Seine große Botschaft beginnt an einem Punkt zu wirken, an dem man die Flinte schon fast ins Korn werfen möchte. Denn, wenn man immer noch da ist, wenn man all das überstanden hat. Wenn alle behauptet haben, man würde nicht existieren und man doch noch lebt!

„Sie müssen falsch liegen – Warum sonst sind wir immer noch hier?“

„Bis heute“ gibt Antworten auf die Fragen der Geschundenen. Dieses Projekt gibt den Opfern eine Stimme und appelliert an die Welt der Schönen, doch mal genau hinzuschauen, was sie verursachen. Bis heute ist keinesfalls nur Hilfeschrei. Es zeigt einen Ausweg und reicht seinem Leser die Hand. Gemeinsam aus dem Dunkel der Einsamkeit herauszutreten und sich diesem Weckruf anzuschließen. Ob Geschunden oder Schön, der Weg ist ein gemeinsamer Weg. Ein großes Projekt. Ein gemeinsames Projekt. Ein großes und wichtiges Buch. Ein Fixstern an meinem Bücherhimmel. Gemeinsam lesen ist Programm. In Schulen, Familien und mit Freunden. Das sind wir unseren Mitmenschen schuldig. Ein Versuch ist es wert.

„Wir sind keine liegengebliebenen Autos, die verlassen am Straßenrand stehen. Und sollte das doch mal der Fall sein. Keine Sorge. Wir sind nur kurz weg und besorgen neues Benzin!“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Sehr hilfreich ist die Sammlung von Hilfsangeboten im Nachwort des Buches. Vom Kinder- und Jugendtelefon über die Anti-Mobbing-Seite für Eltern und Kinder bis hin zum Webportal Schüler-Mobbing. Ein gutes Angebot.

Dieses Buch ist eine Tankstelle für alle Liegengebliebenen. LESEN!

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„Der Pilot und der Kleine Prinz“ von Peter Sis

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Da bin ich natürlich ein schon wenig sprachlos, denn wer rechnet schon damit an einem eigentlich normalen Tag in seiner literarischen Sternwarte vom „Kleinen Prinzen“ persönlich besucht zu werden? Wie es dazu kam, könnt ihr bei Julia Groß auf Ruby`s Cinnamon Dreams nachlesen. Sie hat nicht nur ein ganz besonderes Blog-Projekt über Antoine de Saint Exupéry ins Leben gerufen, und in ihren ersten Artikeln viel über sein Leben erzählt, sondern sorgt auch noch dafür, dass seine berühmteste Figur eine Reise durch das Blog-Universum antritt, um auf anderen Buchplaneten mehr über ihren Vater zu erfahren.

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Nachdem ich also dem kleinen Prinzen seine ersten (zugegeben recht neugierigen) Fragen über meine persönliche Beziehung zu Antoine beantwortet hatte, entdeckte er das wohl einzigartigste und neueste Buch in meiner kleinen Saint Exupéry-Sammlung und bat mich, ein wenig darüber zu erzählen. Wir setzten uns in meine gemütliche Leseecke im Observatorium der Bücher, betrachteten die Buchsternenkarten, auf denen ich alle neuen buchigen Fixsterne verzeichne und vertieften uns dann gemeinsam in das großformatige Zauberkunstwerk.

Vielleicht mögt ihr uns ein wenig zuhören, was wir auf unserer gemeinsamen Reise durch das Kinderbuch Der Pilot und der Kleine Prinz – Das Leben von Antoine de Saint Exupéry“ von Peter Sis aus dem Aladin Verlag erlebt haben. Es ist schon ein ganz besonderer Moment, wenn der kleine Prinz persönlich einen neugierigen Blick in ein Familienalbum werfen kann, das er vorher noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Ich war gespannt.

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Das ist aber groß…

Ja, das ist es, aber es muss ja auch ein großes Leben rein und es ist auch deshalb so groß, weil große Kinderaugen sehr viel Platz brauchen in solchen Büchern, in denen man eine ganze Welt entdecken kann.

Wollen die Kinder das denn wirklich wissen… Ich meine das über meinen Papa?

Oh ja. Und nicht nur Kinder. Glaub mir das. Ich habe deine Geschichte einmal einem Kind vorgelesen und wir haben beide dabei viel gelernt. Wir haben uns zu dir geträumt, deinen Fuchs getroffen und erlebt, dass Erwachsene nicht immer alles so erzählen, dass Kinder sie verstehen. Und als wir auf der letzten Seite angekommen waren, stellte mir das Kind eine Frage.

Welche denn?

Es wollte wissen, wer der „Große König“ ist. Das hat mich berührt, denn es ist ja völlig klar, dass ein kleiner Prinz der Sohn eines großen Königs sein muss und schon waren wir ganz nah bei deinem Papa. Ich habe dem Kind dann erzählt, dass dieser König Antoine heißt und der Herrscher über das riesige Reich der Fantasie ist. Ich habe erzählt, was dieser König liebt und warum er wohl ein so großer König ist, der alle Menschen reicher machen möchte.

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Und das alles steht in diesem Buch?

Nein. Nein, kleiner Prinz, das steht da nicht. Das LEBT in diesem Buch, denn Peter Sis hat die große Welt deines Vaters gemalt und erklärt. Und das hat er so gemacht, dass jeder seinen eigenen Weg durch diese Welt finden kann. Du kannst die Bilder betrachten und saugst die Stimmung der Zeit auf, in der dein Vater lebte. Du siehst wie traurig er war, als er seinen Vater verlor und fühlst, was es ihm bedeutet hat sich vorzustellen, dass sein Vater vielleicht irgendwo auf einem Stern weiterlebt. Und du kannst viel darüber erfahren, was seine Familie und seine Leidenschaft betrifft.

Schau mal Flugzeuge – die hat er so geliebt…

Ja, kleiner Prinz. Ich denke, die hat er deshalb so besonders geliebt, weil er sich ganz frei fühlte, wenn er flog. Und weil er dann vielleicht ein wenig näher an den Sternen war, um an seinen Vater denken zu können. Und aus der Höhe betrachtet, sehen die Sorgen auf der Welt vielleicht ein bisschen kleiner aus. Findest du nicht auch?

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Ja… das Land lacht ihm sogar zu…schau mal…

So sehe ich das auch. Hier versteht man nur durch ein Bild, was dein Vater geschafft hat. Er hat dem Land über das er flog ein eigenes Gesicht gegeben. Er hat sehr viel über das Fliegen geschrieben, lange bevor du auf der Welt warst. Er hat vielen Menschen die Augen geöffnet für dieses große Abenteuer und für seine Liebe zu diesem großen Abenteuer.

Das kannst du auf den Bildern sehen und Peter Sis erklärt dabei auch noch ganz einfach, was zur gleichen Zeit auf der Erde los war. Was deinen Vater begleitet hat, denn ein guter großer König lebt nicht nur allein. Alles was um ihn herum passiert, bewegt und verändert ihn. Er lebt nicht nur in seiner Fantasie, aber er versucht vielleicht durch seine Gedanken alles besser zu machen.

Weil da unten immer Krieg war, oder?

Ja, kleiner Prinz. Ja. Weil da unten immer Krieg war und die Menschen wohl nicht lernen wollten. Und dein Vater wollte sein Land nicht einfach aufgeben. Er liebte Frankreich, weil seine ganze Familie dort gelebt hat und er wollte nicht, dass böse Menschen dieses schöne Land erobernn.

Deshalb ist er auch im Krieg geflogen. Er hat sein Land beobachtet. Von oben. Und dann hat er darüber berichtet, wie weit die bösen Menschen schon in Frankreich eingedrungen waren. Dadurch wollte er helfen, sein Land zu befreien.

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Hat er das geschafft? Denkst du dass er das geschafft hat?

Wenn du dir die Bilder von Peter Sis anschaust und alles liest, was er über deinen Vater schreibt, dann hat er mehr geschafft, als Frankreich zu retten. Du weißt, dass er aus Amerika zurückgekommen ist, um für Frankreich zu fliegen. In der Fremde hatte er das Gefühl weit weg zu sein. Wie auf einem fremden Planeten und er wollte so gerne erklären, wie leicht es ist, sich besser zu verstehen. Freunde zu haben und für sie einzustehen. Sich gegenseitig zuzuhören und aufeinander zuzugehen.

Diese schönen Gedanken… das bist du, kleiner Prinz. Du kamst in Amerika auf die Welt und dein Vater hat dich beschrieben und gemalt. Du bist sein schönster Gedanke und deshalb lebst du auch ewig. Das kannst du in diesem Buch so sehr erfühlen und erlesen, betrachten und spüren. Du warst der wertvollste Gedanke deines Vaters bevor er….

Starb?

Vielleicht… er kehrte in den Krieg zurück. Nicht jedoch nach Frankreich. Er konnte nur über sein Land fliegen, weil es den Krieg schon verloren hatte. Er hoffte so sehr, etwas tun zu können und kehrte von einem seiner Flüge nicht mehr zurück. Aber man hat ihn nie gefunden. Vielleicht ist er auf einem der Sterne – ganz nah bei seinem Vater und sieht uns heute auch zu. Er hat es vielleicht nicht geschafft, Frankreich zu retten. Das haben kurze Zeit später ganz viele andere gute Menschen getan. Aber er hat etwas anderes erreicht…

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Was denn?

Deine Geschichte erreichte alle Menschen, als der große Krieg beendet war. Und du hast vielleicht im Namen deines Vaters dafür gesorgt, dass die Menschen auf der Welt sich besser verstehen, weil sie alle deine Geschichte kennen. Der große König hat mehr gerettet, als nur ein einziges Land. Und wenn du dir das letzte Bild im Buch anschaust, dann siehst du wie er fliegt. Wie ein kleines Kind mit wehendem blonden Haar auf dem Fahrrad seiner Jugend, das an dem Flugzeug befestigt ist, mit dem er zum letzten Flug verschwand. Ist das nicht ein tolles Bild?

Hmmm… der Peter Sis muss meinen Papa ganz doll mögen, oder?

Ja, kleiner Prinz. Das ist ganz bestimmt so. Ansonsten hätte er diese große Geschichte nicht so wundervoll erzählen und malen können. Das ist auch deine Geschichte und du siehst, dass sie niemals endet. Auch jetzt nicht. Weil du die Gedanken deines Vaters in dir trägst – und weil du gerade bei Julia wohnst und einige Menschen besuchst, denen du wichtig bist.

Jetzt wird es aber Zeit für dich, oder?

Ja, aber nur wenn ich wiederkommen darf… versprochen?

Du bist immer hier… immer… hab` dich lieb kleiner Prinz und gute Reise…

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Hier geht es immer weiter - Antoine de Saint Exupéry

Hier geht es immer weiter – Antoine de Saint Exupéry