„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die Bücherschmuggler von Timbuktu von Charlie English

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Unterhaltung, Spannung, Bildung, bibliophile Leidenschaft oder die intellektuelle Auseinandersetzung mit weltbewegenden Themen, denen man literarisch kaum entrinnen kann. Tausend Bücher gilt es zu lesen, um alle Facetten aufzuspüren, die das Lesen so wichtig machen. Ganz selten passiert es jedoch, dass ein einzelnes Buch jeden dieser tausend Gründe abdeckt. Wenn dies geschieht, hat man einen wahrlich großen Fund im Büchermeer gemacht und sollte ihn ganz besonders bewahren und schätzen. Heute schreibe ich über ein Buch, das alles bietet, was man sich von einem perfekten Leseabenteuer erhofft. Heute stelle ich euch ein Buch vor, das sich liest wie ein Roman, das sich so anfühlt wie ein Sachbuch und das die Atmosphäre eines großen Expeditionsberichtes verbreitet. Ein Buch, in dem ich las, stöberte, träumte und mit dem ich recherchierte. Ein Buch, von dem man denkt, es stamme aus der geheimen Bibliothek einer versunkenen Stadt.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu„. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes von Charlie English. (Hoffmann und Campe)

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Afrika hat vor der Ankunft der Europäer praktisch keine Geschichte…, da die Geschichte erst dann beginnt, wenn der Mensch zu schreiben anfängt.“ 

Diesen Worten des britischen Historikers A.P. Newton verdanken wir noch heute ein Bild vom afrikanischen Kontinent, das jahrhundertelang Ausgang jeden Denkens war, wenn es um die Vormachtstellung des ach so wohlmeinenden Weißen ging. Afrika war ein unbekannter blinder Fleck, den es zu entdecken und zu erobern galt. Afrika war nicht mehr als eine Landmasse voller Bodenschätze, jener Sehnsuchtsort für Entdecker und ein wichtiger Wirtschaftsraum für das expandierende Europa. Eines war der dunkle Kontinent jedoch nicht. Lebensraum gleichberechtigter Menschen. Afrika ist Quelle der Sklaverei. Afrika ist Heimstatt für Rassismus. Afrika ist Synonym für Unterentwicklung und Rückständigkeit seiner Bewohner. Afrika ist das perfekte Opfer zur Ausbeutung.

Viele dieser Vorurteile haben die Zeit überdauert. Entwicklungsländer und „Dritte Welt“. Klingelt da nichts in unseren alltagsrassistischen Ohren?

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Was aber, wenn diese vorherrschende Meinung fehlender schriftlicher Zeugnisse erschüttert würde? Was, wenn sich in Afrika Manuskripte und Bücher finden würden, die der Möchtegern-Überlegenheit der weißen Kolonisatoren einen Riegel vorschieben könnten? Was, wenn man in Afrika nicht nur Reichtum, sondern Kultur finden würde? Was, wenn die legendäre Stadt Timbuktu nicht nur mit goldenen Dächern, sondern mit Bibliotheken aufwarten würde? Diesen Fragen widmeten sich ganze Generationen von Entdeckern. Die Geschichte dieser Forscher erzählt das vorliegende Buch. Es ist einer von zwei Perspektiv-Strängen, die uns Afrika und Timbuktu in neu erstrahlendem Licht erscheinen lassen. Es ist die Geschichte mutiger Männer und ihrer Expeditionen, die sie ins Herz von Afrika führten. Es ist die verlustreiche, tragische und meist tödliche Geschichte, die uns dieses Buch näherbringt.

Diese Geschichte ist wichtig für das Verständnis des zweiten Handlungsfadens derBücherschmuggler von Timbuktu“. Denn was man zwischen 1795 und 1855 in Afrika fand, war alles andere als purer Reichtum. Es waren schriftliche Quellen, deren Ursprung teilweise weit vor den ersten christlichen oder europäischen Aufzeichnungen datiert werden musste und die deutlich belegen, wessen Kultur hier fortgeschritten war!

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die lebendigen Expeditionsberichte entführen uns in eine längst vergangene Zeit und zeigen in der Aufarbeitung ihrer Ergebnisse durch die europäischen Zentren des Wissens, wie der Royal Geographic Society, dass sie letztlich doch nur dazu dienten, einen ganzen Kontinent zu unterjochen. Faszinierend beschrieben, mehr als schlüssig erklärt und unabdingbar für unser Verständnis des heutigen Afrikas. Parallel zu diesen Entdeckungen konfrontiert uns Charlie English mit den religiösen Abwegen, die sich nicht nur auf Afrika, sondern inzwischen auf die ganze Welt auswirken. Er erklärt die Kausalzusammenhänge zwischen Kolonisatoren und religiösem Fanatismus. Er bringt auf den Punkt, was heute in extreme Schieflage geraten ist. Er erzählt die Geschichte der Islamisten, denen nicht mal eigene schriftliche Überlieferungen, Manuskripte und Baudenkmäler heilig sind, wenn es darum geht ihre Macht auszudehnen. Er erzählt die Geschichte vom Krieg der Al-Quaida gegen die eigene Bevölkerung und er erzählt von Timbuktu und seinen Menschen, die sich mit aller Macht und unter Lebensgefahr gegen die Vernichtung ihrer überlieferten Geschichte wehren.

Diesen gefährlichen Weg mussten sie alleine gehen, denn die Hüter des Welterbes erklärten schlicht und ergreifend, dass Bücherschmuggel nicht zur Kernkompetenz der UNESCO gehören würde. So machten sich schließlich drei Männer und eine Frau auf den Weg, tausende Manuskripte und Bücher aus dem besetzten Timbuktu in Sicherheit zu bringen.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ ist nicht nur ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Timbuktu, das als Sehnsuchtsort wie ein magnetischer Pol wirkte. Es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist eine Ansammlung in sich geschlossener Kreise, die uns verstehen lässt, wo Fehlentwicklungen begonnen habe, was wir selbst verursacht haben und was der religiöse Wahn von Salafisten heute alles unter sich begräbt. Dies ist eine Geschichte, die man lesen sollte. Nicht nur wegen der Bücherschmuggler oder um Timbuktu besser zu verstehen. Es ist eine Geschichte, die in der Lage ist, uns vom hohen Ross zu holen, wenn es darum geht den Begriff „Dritte Welt“ zu verwenden und dabei das Gefühl von Überlegenheit zu empfinden. .

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Ich habe euch vielleicht nur 597 genannt. Ich gehe jede Wette ein, dass ihr die restlichen 403 selbst entdecken werdet. Selten habe ich in einem derart spannend erzählten Buch so vieles gelernt. Dinge, die ich zu kennen glaubte und von denen ich letztlich keine Ahnung hatte. Charlie English gibt sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden. Er geht in die Tiefe, erklärt, fabuliert und relativiert. Ihm zu folgen ist so leicht.

Kein wissenschaftliches Kunststück. Viel mehr ein absolutes Bravourstück… 

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Mehr Afrika in der Literatur: Ich hatte einen Blog in Afrika„. Meine Lesereise zum dunklen Kontinent… Vielschichtig, facettenreich, romantisch, politisch… Afrika.

Afrika und AstroLibrium eine interkontinentale Vrbindung

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Büchlein wechsel Dich – Manesse legt neu auf

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Stell Dir vor, Du hast Jahre damit verbracht, eine kleine feine Bibliothek im Reich Deines Lesens aufzubauen. Stell Dir vor, diese kleine Bibliothek sei einzigartig und so unverwechselbar, dass sie den Zeichen der Zeit widerstehen könnte. Ihr Design und die Inhalte wären so besonders, dass sie am Ende Deines Lesens auch gleichzeitig als ein Vermächtnis dienen könnte, das man seinen Liebsten gerne hinterlässt. Stell Dir vor, es wären ausschließlich Klassiker und sehr besondere Werke der Literatur, die sich hier in einheitlicher Größe und Gestaltung ihr Stelldichein geben würden. Und nun stell Dir vor, dass der Verlag, der für diese exquisite Auswahl mit seinem guten Namen steht, zu der Entscheidung gedrängt wird, all das über den Bücherhaufen zu werfen, was Dir so lieb und teuer erscheint.

Die Rede ist von der “Manesse-Bibliothek der Weltliteratur“. Der Verlag nimmt sich hierbei selbst in die Pflicht, indem er ein Ziel vorgibt, dem sich andere Verlage in dieser Deutlichkeit gar nicht mehr verschreiben in der heutigen Zeit. Es geht um

* Weltliteratur in attraktiver Ausstattung
* die ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Kultursprachen und Epochen
* Romane, Lyrik und Erzählungen in Erst- und Neuübersetzungen

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Um sich ein Bild vom Umfang dieser Weltbibliothek zu machen, muss man sich nur mal die Zahl der unterschiedlichen Werke vor Augen halten, die hier seit 1944 in einem weitgehend einheitlichen Design verlegt wurden. Es sind mehr als 600 unterschiedliche Werke von Moby Dick bis zu Jenseits von Afrika. Auch wenn es unmöglich erscheint, all diese Werke zu besitzen, so sind die „Kleinen Großen“ doch sicher in jeder privaten Bibliothek in einigen Exemplaren enthalten.

Und jetzt? Was sehen wir mit wachem Blick auf Buchmessen und im Buchhandel unseres Vertrauens? Das Design der Bücher hat sich verändert. Was vormals schon sehr bieder und uniform daherkam, wirkt jetzt poppig und bunt. Die Wesensmerkmale der althergebrachten Bibliothek der Weltliteratur sind nun auf dem Cover nicht mehr zu erkennen. Futsch ist sie, die geliebte Eintönigkeit der weißen Bücherarmee mit ihren so unterschiedlich gefärbten und im Cover fest eingedruckten Bauchbinden. So stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und vermitteln durch ihr Äußeres, dass man es hier in jeder Beziehung mit einer literarischen Elite zu tun hat. Keine Alltagsware. Mainstream, was ist das? Eigentlich ein Erfolgsrezept im schnelllebigen Büchermeer. Eigentlich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Wertigkeit und Inhalt. Eigentlich zeitlos…

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika (1986, 2014, 2017)

Und was haben wir draus gemacht! Ja, ich meine uns Leser! Wir finden die Bücher schön und lieben es, sie ein wenig zu sammeln. Wir staunen schon, wenn wir mehr als zehn von ihnen auf einem Fleck entdecken. Aber letztlich haben wir sie anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv eingekauft, dass es sich weiter lohnen würde, an ihnen festzuhalten. Die Wertschätzung dieser Bücher vollzog sich nur noch in immer kleineren Kreisen und die Kaufinteressen gerade jüngerer Leser ließen unsere kleinen Lieblinge links liegen. Und nun? Wundern wir uns und sammeln uns zum Protest?

Vereinzelt ja. Vereinzelt flammt Bestürzung auf. Man habe eine Lebenssammlung in Luft aufgelöst, weil die neuen Bände nicht mehr dazu passen würden. Doch was wäre, wenn Manesse diesen Paradigmenwechsel nicht eingeleitet, sondern einfach kapituliert hätte? Dann würde sich die Frage gar nicht mehr stellen, wie eine Klassiker-Sammlung fortgeführt werden kann. Der Buchhandel seinerseits sieht das neue Design als mutige und alternativlose Entscheidung, sind doch gerade die Büchertempel diejenigen, die in letzter Konsequenz den Einbruch der Verkaufszahlen unmittelbar zu spüren bekamen. Jetzt blickt man gemeinsam nach vorne, präsentiert die neuen Kleinen in eigenen und augenfälligen Displays oder lässt sie gemeinsam dekoriert für sich selbst sprechen. Ob wir Leser angesichts der spürbaren Konkurrenz durch kleinformatige Bücher zukünftig bereit sind, den wertigen Büchern der Manesse Bibliothek Wertschätzung entgegen zu bringen, das wird sich erst zeigen.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Wer nun allerdings denkt, wir hätten es hier nur mit einer rein optischen Zäsur zu tun, der sollte sich die neuen Werke auch inhaltlich genau anschauen. Die Bücher sind nicht nur einer äußerlich erkennbaren Schönheitsoperation unterzogen worden, es hat nicht nur ein paar neue Schutzumschläge gehagelt. Nein. Auch im Inneren der Bücher hat sich mit diesem programmatischen Wechsel einiges getan und man hat die Chance genutzt, Fehler zu beseitigen, die sich in der Vergangenheit eingeschlichen haben. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einfach mal „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen. Ich kann mich noch gut an meine lebhafte Diskussion mit den Verlagsverantwortlichen auf der Leipziger Buchmesse erinnern.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

Die Neuübersetzung aus dem Jahr 2014 hat mich verstört, weil hier schon mit den ersten Sätzen des Buches ein kleines Sakrileg begangen wurde. Aus dem bekannten und sowohl in den Altübersetzungen und in der Verfilmung verwendeten Original „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngongberge“ wurde nun ohne große Not die neue Einleitung „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Ngong Gebirges.“ Für viele Leser vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich jedoch ein großer literarischer Bruch, der mich sehr verunsicherte und mich des Vertrauens beraubte, ob diese Übersetzung dem Ursprungswerk noch gerecht würde, oder ob hier lediglich mit dem Dampfhammer gezeigt werden sollte, dass man den Text wirklich angepackt hatte. Die Begründung ist in der Art des Schreibens von Tania Blixen zu suchen. Sie schrieb ihre Bücher in einer ersten Fassung in englischer Sprache und übersetzte sie selbst ins Dänische.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Die Ngongberge sind in der englischen Fassung „Ngong Hills“ und im Dänischen die Bjerget Ngong. Auch wenn es weitere Fassungen von Tania Blixen gibt, nie sind diese, in europäischen Maßstäben flachen, Berge ein Gebirge. Für mich war dieser Cut in der Neuübersetzung einfach zu intensiv und vergriff sich an einem Zitat, das Leser in ihrem Herzen tragen, wenn sie an Tania Blixen denken. Und nun? In der Neuausgabe mit neuem Design? Hat sich was getan? Hat man die Chance genutzt? Ich kann meine Freude kaum in Worte fassen, aber aus dem Gebirge wurden wieder Berge. Afrika hat seine Ngongberge wieder und das Buch fühlt sich wieder so an, wie es sein soll. Mein Vertrauen ist wiederhergestellt, und das Buch selbst ist ein komplettes Kunstwerk voller Überraschungen.

Das Druckbild ist konturierter, dunkler und besser zu lesen. Das Vorsatzblatt passt hervorragend zum neuen Äußeren und die hohe Qualität in der Verarbeitung wird allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht. Hier wurde nicht nur (neudeutsch) getuned, hier sind viele Überlegungen eingeflossen, die dieses Buch mit modernem Grafik-Cover zu dem machen, was es jetzt für mich ist. Einem Lebensbegleiter, der sich an meine erste Blixen-Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 1986 anschmiegt. In einer Artikelserie bin ich mit vielen Büchern auf den dunklen Kontinent gereist. „Jenseits von Afrika“ ist hier der Startpunkt gewesen, die Mutter aller Bücher in der Reihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“.

„Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Ich werde mich einem weiteren Buch der Manesse Bilbliothek widmen, das ich mir aus gutem Grund auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausgesucht habe. “Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome liegt mir schon vor und 2018 wird dieses Werk in einer ungekürzten Hörbuchfassung bei Der Hörverlag mit der Stimme von Axel Milberg erscheinen. Dann werde ich mich ins Boot schwingen und die Themse lesend und hörend bereisen. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise… Kommt ihr mit?

Drei Mann in einem Boot – Lesen und hören… Bald…

„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

Heimkehren von Yaa Gyasi - AstroLibrium

Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Auch Anja ist in „Zwiebelchens Plauderecke“ inzwischen heimgekehrt. Lesen!

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von J.E. Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Rein literarisch gesehen habe ich eine sehr spezielle Theorie, welche Bücher man getrost vergessen darf. Es sind diejenigen Werke, die im Einerlei des oberflächlichen Erzählens weder durch Inhaltsreichtum, noch durch sprachliches Geschick bestechen. Dann wieder gibt es Bücher, die dem Leser in Erinnerung bleiben, weil zumindest eine dieser Komponenten im Text aufzuspüren war. Unvergessen brennen sich jedoch jene Romane in unser Lesegedächtnis ein, die mehr zu bieten haben, als man es gemeinhin erwarten darf.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von José Eduardo Agualusa reiht sich gleich aus mehreren Gründen in den Reigen brillant erzählter und außergewöhnlich gut konstruierter Romane ein, die ihre Spuren beim Lesen hinterlassen. Darüber hinaus ist der Schauplatz der Geschichte so ungewöhnlich, neu und fast unentdeckt, dass man in jedem Kapitel Neuland betritt. Mir zumindest ging es so, was die Revolution in Angola betrifft. Ich musste mich rückversichern, in welcher Zeit diese Handlung angesiedelt ist und in welchem politischen Kontext man den Revolutionsbegriff zu verstehen hat. Hier stieß ich auf eine große Lücke in meinem Wissen. Neuland. Ich mag diese literarischen Pionierleistungen sehr, weil ich mich dann wie ein Entdecker fühle.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wir befinden uns in Angola und ich bin damit lesend zurück in Afrika. Der dunkle Kontinent hat mich in meiner Artikelreihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“ schon häufig in eine für mich völlig fremde Welt entführt. Eines haben diese Bücher gemeinsam. Die tiefen Verletzungen einzelner afrikanischer Länder durch die Wunden, die europäische Kolonisatoren in das Land und die Menschen geschlagen haben, um hier Ausbeutung und Reichtum in Reinkultur zu zelebrieren. So auch in Angola. Zumindest bis zum Jahr 1974, als die Kolonialmacht nach der Nelkenrevolution im eigenen Land unversehens beschloss, allen Kolonien die Unabhängigkeit zu gewähren. Portugal zog sich zurück.

Und wie es uns die Geschichte lehrt folgt auf jede Revolution ein Vakuum, in dem die Neuverteilung der Macht hart umkämpft wird. So auch in Angola. Die Befreiung von den Kolonisatoren führte unmittelbar in einen Bürgerkrieg. Drei Parteien kämpften verbissen um die Vorherrschaft im eigenen Land und so brach 1975 das Chaos aus. In der Hauptstadt Luanda war niemand mehr seines Lebens sicher. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Motto, das seit der französischen Revolution zeitlos gültig blieb. Genau in diesen historischen Kontext platziert José Eduardo Agualusa seinen Roman, der in seinem Kern auf einer wahren Geschichte beruhen soll (auch wenn der Schriftsteller in aller Deutlichkeit die reine Fiktion der Handlung betont).

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Unkalkulierbare Gewalt, instabile Verhältnisse und keine Möglichkeit, Freund und Feind voneinander unterscheiden zu können. Das ist der Startpunkt der Geschichte. Ein Startpunkt, der die Portugiesin Ludovica Fernandes Mano dazu bringt, im Luanda des Bürgerkrieges unterzutauchen, bis die Luft rein ist. Nachdem sie den ersten Angriff auf ihre Wohnung abwehren konnte (mit einem tödlichen Blattschuss), zieht sie es vor, sich im obersten Stockwerk des Hochhauses, in dem sie lebt, einzumauern. Sie haben richtig gelesen. Ludovica zieht eine Mauer vor ihre Tür, beginnt die Dachterrasse in ein Biotop zu verwandeln, lebt von gefangenen Tauben und einer kleinen Hühnerzucht und verschwindet von der Bildfläche.

Den Bürgerkrieg beobachtet sie als Zaungast mit bester Aussicht. Verfolgung und Erschießungen sind an der Tagesordnung. Die Gewalt tobt in allen Straßen. Sicherheit findet Ludovica nur in ihren eigenen vier Wänden. Ein Zustand, an dem sie nichts mehr ändern möchte. Ihre Vergangenheit und die umkämpfte Gegenwart sorgen dafür, dass ihr selbst gewähltes Exil dreißig Jahre lang währt. Dreißig Jahre, die Ludos Dasein als Eremitin dauert. Eine Zeit, in der sie das Leben draußen nur in Radio-Ausschnitten und Gesprächsfetzen erlebt. Dreißig Jahre in denen sie Bücher verbrennt, um die Wohnung zu heizen. Jahrzehnte in der die reale Welt die klauen nicht mehr nach ihr ausstreckt.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Das hat etwas von Emma Donoghues „Raum“. Die Innenperspektive, die in beiden Fällen durch äußere Gewalt verursacht wird, lässt in der dramatischen Abkapslung von der realen Welt Parallelen erkennen, nur ist Ludo ihre eigene Gefangene im Gefängnis ihrer Wahl. Und doch vergleicht man beide Perspektiven, die Ängste und letztlich denkt man immer wieder an den Tag, an dem die Mauern fallen. Mit welcher Wucht bricht das Leben dann in den Stillstand ein? Wie kann man das verkraften. Ludovica beginnt ihre Wände wie ein Tagebuch zu beschreiben. Sehnsuchtstexte allesamt.

Der besondere Reiz dieses Romans liegt darin begründet, dass Ludovica die Welt verändert, ohne dies überhaupt zu bemerken. Sie tritt Ereignisse los, die unkontrollierte Folgen nach sich ziehen. Sie beobachtet passiv, ohne zu ahnen, dass sie in das Leben anderer Menschen in Luanda extrem eingreift. Hier fliegt uns diese Geschichte wie eine gebratene Taube in den Mund, da alles mit Tauben beginnt. Womit auch sonst, sind es doch die Ratten der Lüfte, die für Ludo überlebenswichtig sind. Wenn sie eine Taube in einer Falle fängt, dann genau die Brieftaube mit einer wichtigen Botschaft am Bein.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wenn sie eine Taube erfolglos anzulocken versucht, indem sie das Tier mit kleinen leuchtenden Steinen ködert, dann verwendet sie Diamanten. Einmal aufgepickt und in die Freiheit entschwunden, beschenkt diese Taube ahnungslose Menschen mit einem unermesslichen Reichtum. Und so werden wir in diesem Buch zu Zeugen einer Zeit, in der ein ganzes Land am Rad dreht. Opfer und Täter begegnen einander mehrfach und in ganz unterschiedlichen Rollen. Gefangene und Wärter werden angesichts der Gewalt fast zeitgleich miteinander verrückt. Polizisten leiden an der Angst, nicht vergessen zu werden. Identitäten werden gewechselt, Erschossene sterben mehrfach und das Haus der Bescheidenen, in dem Ludo lebt, ist das Auge im Orkan des Sturms der Zeit.

José Eduardo Agualusa fabuliert meisterlich. Nichts steht in dieser Geschichte nur für sich allein. Alle Handlungsfäden sind miteinander verwoben. Jede kleine Handlung ist in der Lage, eine Welle von Ereignissen loszutreten, die unkalkulierbare Folgen hat. Solche Geschichten schreibt nur das Leben, oder eben ein großartiger Autor. Am Ende fällt die Mauer. Am Ende des Lesens konfrontiert uns der Autor mit den Wahrheiten der Geschichte. Am Ende steht Ludovica den Menschen gegenüber, deren Leben sie ganz unbewusst verändert hat. „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ wird in diesem Schlussakkord zur Präambel eines Romans, den man nicht so schnell vergessen wird.

Nach Angola führt mich mein Weg nach Ghana….

„Sag nicht, dass du Angst hast“ – Eine wahre Geschichte

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Ich hatte einen Blog in Afrika. Unter dieser Überschrift startete vor einigen Monaten meine Lesereise in den Dunklen Kontinent, dessen Bilder noch heute vom kolonialen Wahnsinn geprägt sind, den wir Europäer im Wettstreit um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt verursacht haben. Der Kontrast zur romantisch verklärten Welt einer Tania Blixen oder ihrer Zeitgenossin Beryl Markham zu den Ureinwohnern von Kenia könnte schärfer nicht sein.

Eine gehörige Portion Alltagsrassismus schwingt mit, wenn wir zurückblicken und uns die Menschen vor Augen führen, um die es in den Büchern dieser beiden Frauen kaum, oder nur ganz am Rande ging. Der eigene Wohlstand, das eigene unbeschwerte Leben, Luxus und Safaris, sowie die eigenen Träume standen immer im Vordergrund. Dazu brauchte man „Personal“. Und erst wenn die Luft dünner wurde, war man geneigt, sich ein wenig für diese Menschen einzusetzen. Erst dann. Für sie:

Afrikaner. Menschen aus Eritrea, Somalia, Kenia, Simbabwe und Ghana, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen. deren Verarmung europäische Methode war, um einen ganzen Kontinent auszuschlachten. Menschen, die auch heute noch nicht ganz in ihrem Land zuhause sind. Geknechtet, missbraucht, versklavt und oft nur als touristische Dekoration wahrgenommen. Die Rassentrennung lässt immer noch grüßen. Mandela ist tot.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Die Dritte Welt ist schwarz. Auch heute noch. Eine Welt, in der wir unsere Kriege führten und die doch gefälligst dort bleiben soll, wo wir sie fein sauber zurückgelassen haben. Oder eben gar nicht fein sauber. Als globale Müllhalde dient sie noch immer, als Billig-Lohnland allemal und unsere solare Energie können wir auch noch dort gewinnen. Na, geht doch. Ausbeutung geht auch ohne selbst im Land zu sein. Kolonien 2.0.

Und wenn es die Menschen geschafft hatten, sich nach langen Konflikten von ihren weißen „Bwanas und Memsahibs“ zu befreien, dann traf sie auch schon die nächste Keule. Korrupteste Regierungen, Diktatoren mit unstillbarem Machthunger, fehlgeleitete Entwicklungshilfe, Naturkatastrophen oder zu guter Letzt radikal-islamistische Milizen auf dem brutalen Weg zur Festigung ihrer eigenen Absolutheitsansprüche entwickelten auf dem ganzen Kontinent einen Flächenbrand nach dem anderen.

Die Opfer? Zumeist namenlos. In den Medien nur als dunkle Masse zu erahnen. In der ewigen Todesspirale zwischen Armut und Krieg, zwischen religiöser Unterdrückung und Vertreibung gefangen. Und wenn sich genau diese Menschen dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen, werden sie unter der Überschrift „Wirtschaftsflüchtlinge“ genau in den Ländern gebrandmarkt, denen sie ihre Armut zu verdanken haben.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Reiche Wirtschaftsnationen, die ihren eigenen Wohlstand der Ausbeutung Afrikas zu verdanken haben, errichten hohe Mauern um ihren Reichtum. Die Geschichte treibt oft ihre eigenen Stilblüten. Von den Opfern wollen wir erst recht nichts wissen. Und vor der eigenen Haustür wollen wir sie schon gar nicht haben. Das wäre ja noch schöner. Und wenn es unbedingt sein muss, dann sollte es schon bitte das Problem derjenigen sein, die ganz nah dran wohnen. Italien, Lampedusa, Lesbos. Da ist es doch schön sicher.

Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Ein sehr gutes Mantra, solange die Flüchtlinge nicht ins eigene Land strömen. In der Masse erkennt man keine Gesichter. In den absoluten Zahlen gehen Schicksale unter und wenn diese verschwinden, ist es für Mitgefühl zu spät. Sinkende Flüchtlingsboote und ertrinkende Menschen lassen einen kalt. Solange, bis man beginnt, die Geschichten zu erzählen. Bis man diesen Menschen in die Augen schaut und ihnen zuhört. Zumindest denjenigen unter ihnen, die ihre Flucht überlebt haben.

Sag nicht, dass du Angst hast ist eine solche Geschichte. Sie ist wahr. Sie erhebt nicht den Anspruch, für alle Flüchtlinge sprechen zu wollen. Sie verallgemeinert nicht und schwimmt allein schon dadurch gegen den Strom der Pauschalisierung, der allen Flüchtlingen wie eine Welle aus Gift ins Gesicht spritzt. Giuseppe Catozzella hat eine solche Geschichte aufgearbeitet. Er hat in aller Tiefe recherchiert, Verwandte befragt und Spuren gesichtet. Er hat sich einem Mädchen genähert, das wir heute nicht mehr fragen können. Samia Yusuf Omar.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Samia kam 1991 in Somalia zur Welt. Ihr Vater war Gemüsehändler und die Familie lebte, besonders nach dem Tod des Vaters, in ärmsten Verhältnissen. Ausweglos und ohne Perspektive könnte man wohl sagen, nicht jedoch Samia, die über eine besondere Begabung verfügte. Sie konnte so schnell laufen, wie kein zweites junges Mädchen der Stadt. Genau hier sah sie ihre reale Fluchtmöglichkeit. Leichtathletin zu werden und für ihr Land zu laufen. Für die Frauen ihres Landes, denen doch so vieles nicht möglich ist.

Hartes Training, gute Freunde und Förderer ermöglichten ihr die Verwirklichung des Traums ihres Lebens. Den Start bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Alles schien wie ein Traum. Sie war Fahnenträgerin ihres Landes. Sie lief ihre Paradedistanz, die 200 Meter und wurde bejubelt. Allerdings nicht weil sie gewann. Sie war schneller als jemals zuvor und erreichte das Ziel doch nur weit abgeschlagen als Letzte ihres Vorlaufes. Dem Publikum war das nicht egal. Dabeisein ist alles… und dieser Kampf wurde mit Standing Ovations belohnt. (Hier das Video dieses Laufes)

Zu wenig für Samia. Sie wollte gewinnen. Sie wollte zeigen, zu was eine echte Somali in der Lage ist. Sie wollte erneut starten. 2012 – London – das war ihr Ziel. Doch das Land hatte sich sehr verändert. Laufende Frauen? Undenkbar unter dem aufziehenden Machteinfluss der radikal-islamistischen Miliz Al Shabaab. Es folgten Repressalien gegen Samia und ihre Familie. Es folgten vermummte Trainings unter der Burka. Und es wurde immer gefährlicher für eine junge Frau, die doch nur laufen wollte. Für sich selbst und ihr eigenes Land.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Es folgt die Flucht zu Verwandten nach Äthiopien. Es folgt das lange Warten, ob sie zumindest dort starten kann. London rückt näher. Sie muss zuschauen, wenn sich nicht schnell etwas tut. Ihr fehlen Papiere. Ihr fehlt alles. Verzweifelt entschließt sie sich, auf eigene Faust nach Europa zu kommen und vertraut sich Schleppern an. Samia wird zum Teil eines unendlichen Flüchtlingsstroms. Unterstützt nur noch von ihrer Familie und ihrer Schwester, die bereits in Skandinavien lebt. Als sich ihre Spur verliert, beginnt man zu recherchieren. Ihren Weg nachzuzeichnen. Einen Weg, der nicht nur ihrer ist. Es ist der Weg, den so viele Menschen nehmen, die dann völlig entkräftet an unseren Grenzen ankommen.

Giuseppe Catozzella hat diesen Weg in seinem Report „Sag nicht, dass du Angst hast“ nachgezeichnet. Man sollte hart im Nehmen sein, wenn man sich auf ihre Spur begibt. Man sollte leidensfähig sein, wenn man neben ihr auf dem offenen Jeep durch die Sahara fährt. Man sollte die Gefühle unterdrücken können, wenn man die ständigen Erpressungen der Schlepper erlebt. Und man sollte nicht zu nah am Wasser gebaut haben, wenn man vor Lampedusa ankommt. Einer Insel, die Samia niemals erreichte.

London 2012… Ihre Bahn blieb leer.

Nein. Dieses Buch ist kein Buch über alle Flüchtlinge dieser Welt. Nein. Nicht alle Flüchtlinge wollen zu Olympischen Spielen und nein, das ist nicht repräsentativ. Und es ist ja nur eine einzige Geschichte, werden einige sagen.

Verflucht nochmal JA. Es ist eine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Traums. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten, die für Träume stehen. Nicht für Flucht. Sie stehen für Ziele und Möglichkeiten, die uns offen stehen. Träume zeichnen uns aus.

Ich hatte einen Blog in Afrika - AstroLibrium

Ich hatte einen Blog in Afrika – AstroLibrium – Ein Klick führt zur Lesereise

Begleitet Samia nur ein stückweit auf ihrem Weg und blickt den Menschen in den Rettungsbooten in die Augen. Sie sind nicht alle Läufer – wahrlich nicht. Aber sie sind auf der Suche nach ihren Träumen und einem Leben in Sicherheit. Und wir sollten beides nicht verwehren.

Eine zweite literarische Begegnung mit Samia machte mich erneut sprachlos.Der Traum von Olympia, eine Graphic Novel von Reinhard Kleist, Carlsen Verlag, nähert sich ihrer Geschichte auf ganz besondere Art und Weise… Hier weiterlesen.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Diese Rezension steht gegen jede Form der Verallgemeinerung. Sie stellt nur den Versuch dar, ebenso wie das Buch, das Augenmerk auf ein einzelnes Schicksal zu werfen. Ebenso wenig sind das Buch oder mein Artikel intellektuelle Freibriefe für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen und die Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft missbrauchen.

Differenziert möchte ich das kontroverse Thema reflektieren. Nicht vorverurteilen, nicht pauschal freisprechen. Geben wir jenen eine Chance, die es auch ehrlich mit uns meinen. Das ist die Herausforderung für die Zukunft. Das muss eine moderne Gesellschaft leisten können. Wir sind Teil dieser Zukunft.

Schaut Euch doch einfach an, wie diese Zukunft gestaltet werden kann. Yvonne hat diesem Thema auf ihrem LiteraturBlog Lesende Samtpfote ein eigenes Projekt gewidmet.

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