Die AENEIS von Vergil [Hörspiel]

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie und Trauer mit der gefallenen Stadt Troja. Und doch wollte es mir lange nicht gelingen, mich dieser umkämpften Festung so zu nähern, wie es die alten Geschichtenschreiber so gerne gesehen hätten. Es dauerte lange, bis ich „Die Odyssee“ von Homer in mein Lesen einfließen ließ. Er erzählt von der Heimkehr der Eroberer und den ewig anmutenden Reisen und Abenteuern, bis es ihnen gelingt, die Heimat zu erreichen. Nur, um festzustellen, dass sie ebenso belagert ist, wie jenes Troja, das sie in Brand gesteckt hatten.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Ich näherte mich „Circe“ an, deren Geschichte mit der des Odysseus verwoben und verbunden ist, wie untrennbare Handlungsfäden einer epochalen Erzählung. Ich las die modernisierte Fassung der „Ilias“ aus der Feder von Alessandro Baricco, in der uns vor Augen geführt wurde, wie die Geschichte von Achill verlaufen wäre, hätte es keine Götter gegeben, die hier ihre Ränke schmieden konnten. Ob Homer die Anverwandlung seines Epos gemocht hätte? Man wird es nicht erfahren. So sprach Achill jedenfalls gelang, was den Klassikern der Mythologie kaum noch gelingt. Baricco las die gottlose Fassung auf großer Bühne und fesselte mehr als 10000 Leser. Was mir jetzt noch in meiner Bibliothek fehlte, war der andere Blick auf Troja. Die Perspektive der Verlierer, die ihre Heimat verließen, um in der Fremde eine neue Stadt aufzubauen. Vergil und sein Heldenepos des Aeneas fehlte mir noch. Die „Aeneis“

Als ich jedoch die ersten Seiten der Aeneis zu lesen begann, stellte ich fest, dass ich überfordert war. Ich fand zwar zu Beginn des zweiten Gesangs des Epos das Zitat, an das ich mich aus Tania Blixens Afrika-Abgesang so gut erinnerte. Aeneas berichtet vom Untergang Trojas, von jenem seltsamen hölzernen Pferd und von den griechischen Kämpfern, die in ihm verborgen waren und von den Mahnungen der Götter, er, Aeneas solle mit seinen Getreuen fliehen und die Götterbilder Trojas in Sicherheit bringen. Im Folgenden jedoch verlor ich mehr und mehr den Faden. Nicht mehr zeitgemäß erzählt und für mich nur noch schwer zugänglich. Dem Zitat jedoch wollte ich weiter folgen.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Königin, ach, du heißt mich unsäglichen
Schmerz zu erneuern“

Ich gab die Suche nicht auf und wurde für mein Warten belohnt. Die „Aeneis“ als Hörspielinszenierung des SWR auf drei CDs mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 21 Minuten von Der Audio Verlag weckte mein Interesse. Das klang nach authentischer und doch moderner Umsetzung auf der Grundlage des Originaltextes von Vergil. Das hörte sich an, wie ein zeitgemäßes und ganz für mich gemachtes Hörspiel mit großer Besetzung und akustischer Untermalung. Klassiker auf diese Weise wieder zugänglich zu machen, scheint eine Mission der Hörbuchschmiede zu sein. „Homers Odyssee“ klang ebenso ambitioniert und katapultierte seine Zuhörer mit voller Wucht in eine Welt der Helden, Mythen und Götter. Ich habe mir viel erhofft, setzte die Kopfhörer auf und floh mit Aeneas und den Seinen aus den brennenden Trümmern von Troja.

Es ist nicht nur das große Stimmorchester, das hier zu brillieren weiß. Es handelt sich bei dieser Produktion um eine wahrlich moderne Adaptierung des Vergil-Originals, jedoch so harmonisch in unser Sprachgefühl transferiert, dass man der Handlung blind folgen kann. Der Wiedererkennungsgrad der Stimmen sorgt für unverwechselbare und Gänsehaut erzeugende Hörerlebnisse. Besonders Joachim Nottke in seiner Rolle als Aeneas weiß zu überzeugen. Emotionalität und Karisma, Götterglaube, Heldenmut und Pathos verleihen seiner Stimme in jeder Nuance der Produktion die Authentizität, ohne die man einem Helden nicht Gefolgschaft schwören würde. Das gesamte Ensemble in dieser Inszenierung hält das von der Titelrolle vorgelebte Niveau und macht uns zu treu ergebenen Gefährten. Eine Odyssee ohne Heimathafen. Eine wahre Flucht beginnt im Sinne der Götter, die alles lenken und manipulieren. Eigener Spielraum? Fehlanzeige.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Dem Hörspiel gelingen viele Dinge gleichzeitig. Es saugt seine Zuhörer tief in einen Sog einer mythologisch basierten Legende ein, ohne diese zu überfrachten. Stimmen, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, erhalten eine unglaublich aktuelle Relevanz. Hier wird aus der Göttin des Gerüchts „Fama“ eine eigene Fakenews-Instanz. Was sie den Menschen einflüstert, ändert den Verlauf der Geschichte. Anfangs ist die Stimme klein, doch wenn sie sich rasend schnell fortbewegt, schwillt sie zu einer riesenhaften Größe an und füllt jeden Raum zwischen Himmel und Erde aus.  Die Reise der Getreuen führt nach Karthago und Sizilien, bevor das prophezeite Ziel der Götter erreicht wird. Rom ist die Stadt, die Aeneas gründet. Der Grundstein eines Weltreichs, das alle vernichtet, die ihm zuvor Zuflucht gewährt hatten. Karthago weiß ein Lied davon zu singen.

Die absoluten Höhepunkte dieser Produktion sind so gut geraten, dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Die Trojanischen Spiele, die Aeneas in Sizilien veranstaltet, um die Moral seiner Gefolgsleute zu heben, werden im Hörspiel in Szene gesetzt, wie in einem Livestream der Olympischen Spiele. Hier wird aus einem klassischen Mythos ein Sportevent. Spannender wurde kein Wimbledon-Endspiel übertragen. Ruderwettkämpfe und Reiterspiele, Bogenschießen und Faustkampf erinnern an Sportkommentatoren im Fernsehen. Grandios. Der Selbstmord der Königin von Karthago jedoch gehört zu den wohl emotionalsten Teilen des Epos. Dido, gesprochen von Christine Davis, kann den Geliebten Aeneas nicht halten und opfert sich auf dem Scheiterhaufen. Dass man sich im Reich des Todes erneut begegnen wird, scheint hier von den Göttern schon längst vorbestimmt zu sein. Tragisch schön… Schicksalhaft dramatisch.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Klassische Mythologie im neuen Gewand. Unverfälscht authentisch, unverkennbar im Stile des großen Vergil und doch so verständlich und modern präsentiert, dass sich die Tore der Erkenntnis schnell öffnen und offen bleiben. Erkenntnisreich war meine Reise an der Seite von Aeneas. Viele Kreise haben sich geschlossen. Ich verstehe jetzt umso mehr, warum sich Tania Blixen dem antiken Helden Aeneas so verbunden fühlte. Auch sie hatte man verraten, betrogen, aus der Wahlheimat Afrika vertrieben und verstoßen. Welche Stadt sie in Dänemark gründen sollte, war ihr ein großes Rätsel. Es gelang ihr mit ihren Büchern. „Jenseits von Afrika“ ist ihr Rom. Von hier aus eroberte Tania die Welt. Das ist kein Mythos… 

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel