Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote von Alex Beer - AstroLibrium

Der dunkle Bote von Alex Beer

Ich trage jetzt keine Hörbucheulen nach Athen, wenn ich betone, dass ich Bücher der österreichischen Schriftstellerin Alex Beer sehr gerne lese und auch höre! Es war und ist ein spannendes und atmosphärisches Vergnügen, ihr zu vertrauen und sich an ihrer Seite in Szenarien zu begeben, die nachhaltig faszinieren. Ich liebe Wien, wie sie es beschreibt. Ich liebe die Authentizität ihrer Romane im historischen Setting einer Zeitscheibe des vergangenen Jahrhunderts, die Österreich so sehr veränderte, wie nie zuvor oder danach. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr, wie es war. Kein Stein ist noch dort, wo er sich in der KuK-Monarchie befunden hat. Aus einem Kaiserreich ist ein kleines bedeutungsloses Ländchen geworden. Kriegsverlierer.

Alex Beer siedelt genau in dieser Epoche ihre Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich an. Zuletzt habe ich Die rote Frau, den zweiten Teil der Buchreihe vorgestellt. Genau das ist das Schöne, wenn man sich als Blogger über einen längeren Zeitraum mit einer Autorin und ihrem Werk auseinandersetzt. Ich muss nicht mehr weit ausholen, muss nicht mehr auf den facettenreichen Charakter ihres Protagonisten und die Menschen in seinem Umfeld eingehen. Ich darf, ebenso wie die Autorin, einiges als bekannt voraussetzen und kann gleich einsteigen. Wer liest schon eine Rezension über den dritten Band einer Krimiserie? Zumeist Leser, die sich schon zu den Weggefährten einer Autorin zählen. Ihnen sage ich hier herzlich willkommen zurück in Wien. Und falls sich jemand hierhin verirrt haben sollte, der noch nichts von August Emmerich gelesen oder gehört haben sollte… Es ist nie zu spät, in eine gute Story einzusteigen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nahtlos geht es weiter. Nahtlos schließt „Der dunkle Bote“ da an, wo uns Alex Beer im zweiten Teil ihrer Buchreihe zurückgelassen hat. Wir befinden uns in Wien. Wir sind im brutalen Winter des Jahres 1920 angelangt. Das ganze Land scheint im Vakuum zu versinken, das der verlorene Krieg erzeugt hat. Arbeitslosigkeit und Hunger haben tiefe Spuren hinterlassen. Kein Wunder, dass in diesen wirren Zeiten einzig die Kriminalität Hochkonjunktur feiert. Auch kein Wunder, dass die Wiener Polizei kaum in der Lage ist, den bestens organisierten Banden in der Hauptstadt etwas entgegenzusetzen. Wien ist ein wahres Feuchtbiotop für Kapitalverbrechen. Identitäten können gewechselt werden, wie die Unterwäsche, Spuren führen ins Nichts und die Mittel der Polizei sind begrenzt. Mit konventionellen Mitteln ist diese Welle nicht zu stoppen.

Außer man ist unkonventionell in der Wahl der Methoden. August Emmerich ist ein Synonym für unkonventionelle Ermittlungen. Er überschreitet Grenzen, wenn es gilt die Verbrecher dingfest zu machen, die keine Grenzen kennen. Emmerich kennt auch kein Pardon, wenn es um sich selbst geht. Recht und Gesetz ist alles unterzuordnen. Selbst die größten Probleme im eigenen Leben haben zurückzustehen. Und davon hat er eine große Portion im Gepäck. In genau diesem Nistkasten des Bösen siedelt Alex Beer die Verbrechen an, mit denen sie ihren Ermittler konfrontiert. Keine Schonkost. Es ist mehr als blutig und nervenaufreibend, was sie ihm vorsetzt. Auch in diesem Fall.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Leib und Leben“ (wir würden es Morddezernat nennen) stehen erneut im Mittelpunkt mehrerer Verbrechen, die auf dem Tisch von August Emmerich landen. Es ist nicht nur ein Mord, der die Stadt erschüttert, es sind die Rahmenbedingungen der Tat, die es in sich haben. Schrecklich zugerichtet und schockgefroren. So kann man den Zustand der Leiche beschreiben, die gleich mehrere Rätsel aufgibt. Dieser Mord entpuppt sich bald als erste Strippe einer ganzen Seilschaft von Verbrechen und Emmerich wirkt, als hätte er an einer chinesischen Losbude an allen Fäden zugleich gezogen. Freie Auswahl. Es treibt ihn in die Wiener Unterwelt, er begegnet seinen Informanten und alten Bekannten und sondiert im Treibsand des organisierten Verbrechens.

Die Spuren werden nicht wärmer. Er stochert im Dunkeln, bis ein Bekennerschreiben auftaucht, das diesen Mord zum Startpunkt einer beispiellosen Mordreihe macht. Beleg für die Echtheit des Schreibens ist ein Körperteil des Opfers, das am Tatort vergeblich gesucht wurde: Die Zunge. Was zunächst wie ein Racheakt an einem Einzelnen wirkt, entwickelt sich zu einem rasanten Wettlauf mit einem Serienmörder. Die Welt der Clans und Kriegsgewinnler gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen, doch August Emmerich wird das Gefühl nicht los, dass er völlig falsch liegt. Er sollte damit richtig liegen.

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Alex Beer bleibt ihrer Linie treu. Sie entwickelt ihren Protagonisten beharrlich weiter und macht es dabei sich selbst und ihm nicht leicht. Ihr Spiel mit Identitäten und Spuren ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau. Ihr Spielfeld ist dabei grandios gewählt. Was sie erzählt, kann nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort so geschehen sein. Lokalkolorit und Plausibilität gehen hier Hand in Hand. Die Wendungen ihrer Story sind dabei kaum vorhersehbar, aber im Rückblick ausgesprochen logisch. Nichts ist konstruiert. Hier hat alles Hand und Fuß. Detailverliebt verliert sie das große Ganze nicht aus dem Auge. In dieser Reihe bestechen nicht nur die Kriminalfälle. Sie sind „Der dunkle Bote“ für eine inhaltliche Klammer, die uns den Menschen Emmerich näherbringt. Eine Klammer, die  über der Buchreihe liegt und alles zusammenhält.

Alex Beer bringt uns soweit, dass wir die Morde lieber vernachlässigen würden, um ihrem Inspektor zu helfen. Sie bringt uns soweit, dass wir uns mehr Gedanken um ihn selbst machen, als um die Kriminalität in Wien. Sie bringt uns soweit, dass wir ihm eine Zuneigung entgegenbringen, die er von sich weisen würde. Emotionen sind nicht seine Welt. Aber in diesem Fall bringt Alex Beer ihren August Emmerich zum Weinen. Stark erzählt, atmosphärisch dicht und in den Nebenrollen oscarreif besetzt. Es ist kein Zufall, dass man den nächsten Band der Reihe herbeisehnt, weil sich die Autorin einen Cliffhanger gönnt, der uns die Wartezeit bis zum vierten Fall für Leib und Leben wie eine Ewigkeit vorkommen lässt.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Großes Kopf- und Ohrenkino. Gut und Böse verschwimmen, Sympathie mit einem Täter kann das Ergebnis des Lesens und Hörens sein. Ein Gefühl, das Alex Beer hier zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Bitte mehr davon.

PS: Wer in der Beschreibung der politischen Wirren im damaligen Wien Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt, der geht Alex Beer ganz direkt auf den Leim. Sie schreibt nicht nur Krimis. Sie spiegelt unsere Welt in einer Epoche, die wir für längst vergangen halten. Der Schuss sitzt. Volltreffer ins Leserhörergewissen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote – Alex Beer
Buch: Limes Verlag / 400 Seiten / Hardcover / 20 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzte Lesung mit Cornelius Obonya / 6 CDs / Laufzeit 7 Std. 37 Min. / 20 Euro

Bisher erschienen in der August-Emmerich-Reihe: Der zweite Reiter, Die rote Frau, Der dunkle Bote

WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

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WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

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WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

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WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

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WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

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WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

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WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis

Apollo 11 - 50 Jahre Mondlandung in der Literatur - AstroLibrium

Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Plötzlich war alles möglich. Es war der 21. Juli 1969 und Neil Armstrong stand als erster Mensch auf dem Mond. Ich hörte seine Worte „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit“ und blickte staunend in den Himmel. Die Welt aus dem All zu sehen, veränderte alles. 50 Jahre sind seitdem vergangen und heute blicken diejenigen, die es erlebt haben zurück und versuchen ihre Gefühle von einst weiterzugeben. Bücher helfen uns zu erklären, wo alles begann, was den Erfolg der Mission ermöglichte und wie uns der Wettlauf zum Mond veränderte. Ein ungewöhnliches Sachbuch veranschaulicht das gesamte Apollo-Programm und bietet dabei neben allen Fakten auch überraschende Einsichten. „Apollo – Der Wettlauf zum Mond“ von Zack Scott. Wir erfahren alles über die Missionen, die Astronauten und die technischen Quantensprünge, ohne die man es nicht zum Mond geschafft hätte.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Schautafeln, Grafiken und schematische Darstellungen vermitteln einen direkten Eindruck von der Herausforderung, die eine Reise zum Mond darstellt. Hier überwiegt nicht der Text. Es ist die Symbolik, die besticht und Leser jeden Alters auf Stand bringt. Komplexe Sachverhalte werden in einfach zugänglichen Darstellungen veranschaulicht. Eine grandiose Dokumentation, die keine Fragen offenlässt. Ich startete meine Mission genau hier, blicke aber auch auf Jules Verne zurück. Seine „Reise von der Erde zum Mond“ ist 150 Jahre alt, absolut visionär und die Mutter aller Science-Fiction-Romane. Wer aufmerksam liest, wird schnell erkennen, wie nah Jules Verne an der Realität war. Drei Raumfahrer in einer Hochgeschwindigkeitskapsel, fast korrekte Berechnungen zur Umlaufbahn und das Wunder der Schwerelosigkeit geben diesem Erzählraum Tiefgang. Meine illustrierte Ausgabe aus den 1970er Jahren ist ein steter Quell der Inspiration.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Vielleicht hat sich ja die NASA von Jules Verne verleiten lassen, den Mond in Angriff zu nehmen. Wer weiß. Es steht jedenfalls fest, dass der Wettlauf zum Mond damals die Welt in Atem hielt. Und da lassen es sich Verlage und Buchhandlungen nicht entgehen, diesen besonderen Tag bibliophil zu begehen. Unfassbare Neuerscheinungen sind auf dem Markt, die Auswahl ist groß und für jeden ist etwas dabei. Wenn ich also mal nicht im neuen Zack Scott oder im alten Jules Verne stecke dann bin ich in den Weiten eines literarischen Universums unterwegs, das zu diesem Anlass besonders viele Sterne am Firmament versammelt. Ich möchte euch hier ein paar Bücher empfehlen, die ihr lesen solltet, wenn ihr in die Jubiläums-Mondphase eintretet. Und es geht auf keinen Fall nur um Weltraumliteratur. 

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Wie wäre es mit Artemis von Andy Weir. Der Mond ist bewohnt, der Landeplatz von Apollo 11 ist ein Touristenmagnet und die Ausbeutung des Erdtrabanten löst eine Krise aus. Nachdem uns Andy Weir mit dem „Marsianer“ auf den roten Planeten geschossen hat, fokussiert er sich nun auf den Erdtrabanten. Was er jedoch hier anstellt und was er sich alles einfallen lässt, um der Sonderhandelszone Mond Schwerkraft zu verleihen ist beeindruckend. Wirtschafts-, Wissenschafts- und Weltraumthriller in einem Roman. Ich freue mich nach dem Buch und der Hörbuchadaption bereits auf die Verfilmung. Uhren mit Erdphasen-Anzeige wären auf jeden Fall perfekte Merchandising-Artikel.

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Auch Apollo11 von James Donovan ist empfehlenswert. Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission wird hier in Wort und Bild lebendig. Was Scott visualisiert, wird von Donovan multiperspektivisch erzählt. Es ist die menschliche Seite voller Zweifel und Wagemut, die er betont. Er versetzt sich in die Astronauten und Wissenschaftler hinein, reflektiert ihre Gedanken und Gefühle und verdeutlicht vor dem Hintergrund des technisch Machbaren die Erfolgsaussichten, die realistisch erschienen. Das Scheitern war wahrscheinlicher als der Erfolg. Pressemeldungen über den Tod der Astronauten waren vorbereitet, die Öffentlichkeit spielte eine große Rolle. Der Druck im Wettlauf mit Russland war enorm. Das fachlich fundierte Sachbuch hebt pünktlich zum Jubiläum ab und nimmt uns mit. In jeder Beziehung.

Alles zu sachlich? Alles zu realistisch und zu technisch? Na dann! Ich kann auch anders. Wer gerne träumt, der folge einfach Torben Kuhlmann in die Bilderbuchwelt von „Armstrong“. Hier war es eine Maus, die den Mond zuerst betrat. Kein Zweifel. Ein Missions-Patch im Buch belegt die wundervoll illustrierte Geschichte in der ganz neuen Jubiläumsausgabe.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Die Aufschrift Ein kleiner Schritt für eine Maus belegt darüber hinaus sogar das Plagiat, dessen sich ein gewisser Neil Armstrong bediente, als er die Mondoberfläche betrat. Nicht nur die technische Meisterleistung, auch das Zitat… alles geklaut. So sind die Menschen. Nichts kann man den Mäusen überlassen. Dabei sieht man auf diesem Jubiläumscover ganz deutlich, dass die Crew der Landefähre sehen konnte und wissen musste, dass sie kein Neuland betrat. Torben Kuhlmann hat dem Buch ein ganz neues Hintergrundkapitel zur Geschichte der Raumfahrt hinzugefügt. Man sollte sich die neue Sicht auf dieses besondere Kapitel der Eroberung des Weltalls nicht entgehen lassen. Spätestens, wenn unsere Augen am 21. Juli zum Mond blicken und weltweit Menschen diesen Tag zu ihrem Feiertag machen, sollte man das gestickte Abzeichen in die Hand nehmen und ganz kurz an Mäuse und ihre Geschichte der bemausten Weltraumfahrt denken.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Aber auch jenseits der Weltraummission hat der Mond Spuren in unserem Lesen hinterlassen. Romane rund um das Leben in bestimmte Mondphasen lassen unseren Erdtrabanten mal in weite Ferne rücken und manchmal ganz nah erscheinen. Romane, die Geschichten erzählen, in denen die Mondlandung als Metapher für die Annäherung von Menschen genutzt wird. Vom fulminanten Start in eine Umlaufbahn, den gewagten Touchdown bis zum Verlassen des innig geliebten Partners. Nicht jedoch ohne Ballast zurückzulassen. „Der Sommer meiner Mutter“ ist so konstruiert, erzählt und ist genau in der Zeit der Pionierleistung angesiedelt. Grandios. Meine kleine Mondleseliste hänge ich gerne an.

Der Mond und das Lesen bei AstroLibrium

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Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve
Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Ich feiere das Jubiläum nicht alleine. Thomas Calliebe geht ab wie eine Rakete und hat die erste Mondlandung in den Mittelpunkt seines Kundenmagazins – ErLesen II. Quartal gestellt. Hier ergänzen sich meine Empfehlungen mit seinen extrem wertvollen Tipps zu diesem Jubeltag. Ein besonderes Schaufenster zu diesem Thema sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Was die Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau mit der Buchhandlung Lesezeichen in Germering und der Buchhandlung Bräunling in Puchheim verbindet? Ganz einfach. Wir treten gemeinsam den Beweis an, dass es nicht der Mensch oder die Maus war, die den Mond zuerst betrat. Es waren die kleinen Büchereulen aus meinem Nest, die als wahre Pioniere in die Geschichte eingegangen sind. (Fuß- oder Krallenspuren haben sie natürlich nicht hinterlassen).

Der Beweis? Wir bleiben ihn nicht schuldig. In den drei Herzensbuchhandlungen findet man OSA-Büchereulen (Owl-Space-Agency) aus der kleinen literarischen Sternwarte und es liegt nur an Euch, ob es Euch gelingt, eine dieser Weltraumeulen mit Helm und Sauerstoff-Rucksack in Euren Kosmos zu entführen. Auch bei mir habt Ihr die Chance. Kommentiert diesen Beitrag und erklärt dem Mondlandewesen Euren Landeplatz. „The Owl Has Landed“ ersetzt dann bald den legendären Spruch vom Adler. Viel Glück und schwereloses Lesen.

Apollo 11 - 50 Jahre Mondlandung in der Literatur - AstroLibrium

Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Büchereulen / Hörbucheulen / Space-Eulen made by Tina Stroscher (Danke). Und hier geht´s zum Außenposten bei Mikka liest das Leben. Die Eule ist gelandet.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

Hier geht´s zu den Space Girls und den Gewinnerinnen unserer Mondeulen…

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Rück- und Ausblick

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

Ein neues Icon auf dem Smartphone? Ein rotes „E“, das plötzlich erscheint? War da nicht mal was? Kommt uns das ein wenig bekannt vor? Gab es nicht mal ein Spiel, das man am PC ganz exklusiv spielen konnte? Ein Spiel, über das man auf keinen Fall reden durfte, das keinen Fehler verzieh, das nicht mehr gestartet werden konnte, wenn man auch nur einen Fehler beging und das dem Spieler Aufgaben stellte, die im realen Leben bewältigt werden mussten? Na klar. Da war was. Vor fast 10 Jahren. „EREBOS“ von Ursula Poznanski war im Jahr 2010 ein literarischer Gassenhauer. In aller Munde und Gesprächsthema an jedem Bücherstammtisch.

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

Ihr erinnert Euch? Ihr habt EREBOS gelesen? Na dann seid Ihr hier genau richtig. Blicken wir gemeinsam zurück und dann nach vorne. Oh ja, es gibt ein Vorne. Was ich vor fast 10 Jahren zu „EREBOS“ schrieb, wird jetzt wieder wichtig. Denn es geht weiter mit diesem epochalen Jugendthriller. EREBOS is back. EREBOS 2 kommt. Zunächst ein Blick zurück:

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

„Es beginnt immer nachts. Nachts füttere ich meine Pläne mit Dunkelheit.
Wenn es etwas gibt, worüber ich im Übermaß verfüge, so ist es Dunkelheit.
Sie ist der Boden, auf dem gedeihen wird, was ich wachsen lassen möchte.“

So beginnt EREBOS von Ursula Poznanski. Mit diesen Worten zieht die Autorin ihre Leser in eine Geschichte hinein, die funktioniert, die begeistert und sich im Gedächtnis dauerhaft festkrallt. Woran liegt das? Was macht einen Roman aus, der aus der Masse vergleichbarer Bücher heraussticht und Leser aller Leserschichten nachhaltig fesselt?

Ursula Poznanski hat ein High-Script vorgelegt. Bestechend: Die grundlegend neue Idee eines dynamischen Computerspiels namens EREBOS, das auf beängstigende Art und Weise das reine Spiel mit der realen Welt kombiniert und verbindet. EREBOS wird gezielt in Umlauf gebracht, sein Inhalt bleibt jedoch für Außenseiter geheim. Und genau dieser Exklusivitäts-Mechanismus macht es in kurzer Zeit zum Spielestatussymbol. Hier spiegelt Ursula Poznanski ernsthafte Bedürfnisse von Jugendlichen wider:

– Zugehörigkeitsgefühl
– Abenteuerlust
– Individualität
– Privatsphäre
– Fluchtstreben aus dem tristen Alltag

Diese Ebenen werden von EREBOS bedient und die scheinbare Exklusivität der Spielwelt sorgt dafür, dass sich die EREBOS-Beteiligten im unsichtbaren Strudel des Geschehens verfangen und süchtig werden – süchtig nach Bestätigung und Erfolg. Die Grenzen verschwimmen, als das Computerprogramm Aufträge erteilt, die nicht mehr in der virtuellen Welt, sondern im realen Leben der Spieler ausgeführt werden müssen, in einer Welt, in der Computerspiele keine besondere Relevanz haben. Plötzlich sind alle Spieler gezwungen zu agieren, um einerseits das finale Ausscheiden zu verhindern und auf der anderen Seite den Zugang zum nächsten Level zu erhalten.

Doch welches Ziel verfolgt das Spiel? Wer steckt hinter EREBOS?

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

Die österreichische Autorin veröffentlicht diesen Roman in einer Zeit, [Anmerkung des Rezensenten: im Januar 2010] die dadurch gekennzeichnet ist, dass Jugendliche stundenlang vor ihren Computern sitzen, in die Tiefe virtueller Spielewelten eintauchen und ihre Eltern nicht nachvollziehen können, wieso es nicht möglich ist, den Ablauf des Spiels für eine kurze Essenspause zu unterbrechen. Sie schreibt es in einer Zeit, in der viele Erwachsene stundenlang vor dem Rechner sitzen und ihrer Umgebung nicht mehr erklären können, warum eine Teilnahme am sozialen Leben nicht möglich ist, weil man schließlich etwas verpassen könnte in der virtuellen Welt. Eine digitalisierte Dimension des Seins beginnt um sich zu greifen und das Verhalten der Eltern findet plötzlich seine Entsprechung im Spielverhalten von Kindern. Überraschend?

Ursula Poznanski spiegelt diesen problematischen Teil unserer Gesellschaft und siedelt in diesem Szenario eine spannungsgeladene Handlung an, die in ihrer Brisanz und Aktualität einfach nur als brillant zu bezeichnen ist. Also, Rechner aus und ran ans Buch. LESEN: Ihr Jugendlichen vor den PCs in denen Egoshooter das Leben regieren! LESEN: Ihr Erwachsenen in Euren virtuellen Umgebungen und LESEN: Ihr Liebhaber erstklassiger Romane! Und bitte nicht vergessen:

„Loslassen ist einfach, wenn man sich erst einmal dazu entschlossen hat.“

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

Das schrieb ich vor fast 10 Jahren, also lange bevor ich hier in den Tiefen meiner kleinen literarischen Sternwarte versank. Erebos war der Startpunkt meines Lesens an der Seite von Ursula Poznanski. Ich bezeichne sie noch heute als die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich wohl tausende Kilometer in schnellster Gangart zurücklegte, in der Hoffnung, ihren jeweiligen Thriller mit heiler Haut zu überstehen. Und jetzt, nach so langer Zeit überrascht uns Ursula Poznanski mit der Fortsetzung eines Thrillers, der für mich eigentlich abgeschlossen schien. Jetzt sorgt die Kunde von „EREBOS 2“ für eine Aufregung in der Fangemeinde, die man mit Händen greifen kann. Es knistert, flimmert und vibriert. Und ich? Heute gehöre ich zum sogenannten Inneren Kreis. Heute ist es mein Privileg, das Erscheinen von „EREBOS 2“ als „Afficionado“ zu begleiten. Doch vor der Fortsetzung gilt es sich an eine Zeit, die längst vergangen scheint, zu erinnern.

Ist EREBOS noch präsent in Eurem Langzeitgedächtnis? Was verbindet Ihr heute mit dieser Geschichte und was erwartet Ihr von der Fortsetzung? Ich bin sehr gespannt auf Eure Antworten und dann legen wir im August los, wenn EREBOS uns wiederfindet. In wenigen Wochen ist es soweit und solltet Ihr noch EREBOSLOS sein, die Zeit ist reif, eine Geschichte zu entdecken, die damals bahnbrechende Wirkung hatte und nichts an ihrer Relevanz eingebüßt hat. Greift zur Sonderausgabe (ein Schmuckstück) und dann hinein in eine Fortsetzung, auf die sich die Bücherwelt unglaublich freut.

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski - Rück- und Ausblick - AstroLibrium

Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

„EREBOS 2“ – Ich bin zurück und habe überlebt. DAS FAZIT:

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Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

Die Frage ob EREBOS 2 ein würdiger Nachfolger von EREBOS ist, hat sich mir nie gestellt. 10 Jahre nach der Deaktivierung eines Computerspiels auf Leben und Tod hat Ursula Poznanski einen Relaunch hingelegt, den man so nicht programmieren kann. EREBOS ist wieder aktiv. Das Programm hat dazugelernt und nichts von dem verloren, was es damals so gefährlich machte. Es zieht Menschen in seinen Bann und verwickelt sie in einen Dialog am Rechner und am Smartphone, dem sie sich nicht entziehen und verweigern können. Dazu ist das Bedrohungszenario, mit dem EREBOS aufwartet viel zu gefährlich. Auch Spieler von einst, die dieser Welt schon lange entsagt haben, sind wieder Teil des perfiden Spiels.

Nick verliert alle Fotos, die er gerade von einer Hochzeit gemacht hat. EREBOS hat sie beschlagnahmt und nur durch den erneuten Eintritt ins Spiel kann er sie Schritt für Schritt zurückgewinnen. Perfide. So oder so ähnlich geht es auch den neuen Spielern. Es geht um ihre Existenzen, wenn sie im Spiel gegeneinander antreten. Auch diesmal führen die Aufgaben in die reale Welt. Was Ursula Poznanski dann jedoch verursacht ist phänomenal. Hatte man in EREBOS noch den Konflikt zwischen Realität und Game zu verarbeiten, so kommt jetzt eine Ebene hinzu, die ich nicht erwartet hätte. Sind die Identitäten der Spieler auch im wahren Leben mit Vorsicht zu genießen? Hat sich das Spiel in eine Richtung entwickelt, die nicht nur Böses im Sinn hat? Wer hat EREBOS reaktiviert und mit welcher Absicht? Gut und Böse verschwimmen zu einem Nebel, der sich vollständig lichtet und seine Leser staunend zurücklässt. Das ist großes Kino!

„EREBOS 2“ ist ein literarisch fesselnder mehrdimensionaler Identitätskonflikt, in dessen Sog man untergeht und wie neugeboren wieder auftaucht. 

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Von EREBOS zu EREBOS 2 – Ursula Poznanski – Rück- und Ausblick

All das zu verlieren von Leïla Slimani

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Sie ist für mich keine Unbekannte. Leïla Slimani hat die Grundfesten meines Lesens mit ihrem ersten großen internationalen Erfolg und Prix-Goncourt-prämierten Roman „Dann schlaf auch du“ nachhaltig erschüttert. Ich kenne viele LeserInnen des Buches, die sich nicht mehr trauen, ihren Nachwuchs einem Kindermädchen anzuvertrauen. Zu drastisch hat sich das Bild einer Nanny eingeprägt, die eine Familie wie ein feindliches Territorium besetzte und sich bitterlich an ihr rächte, weil sich keine weiteren Geburten abzeichneten und das Kindermädchen überflüssig wurde. Grandios erzählt, emotional und empathisch zugleich. Und trotzdem saß man am Ende des Lesens gezeichnet vor einem Roman, der das Unvorstellbare erzählte.

Keine Frage, ich musste Leïla Slimani weiter folgen. Auch, wenn das aktuelle Buch vor „Dann schlaf auch du“ geschrieben wurde, wollte ich auf der Fährte der großartigen französischen Erzählerin mit marokkanischen Wurzeln bleiben. „All das zu verlieren“ hörte sich an, als würde es den melancholisch authentischen Stil der Schriftstellerin in einen Roman transportieren, der erneut von Verlustängsten charakterisiert ist. Ich war mehr als gespannt, gab nicht viel auf den Klappentext und die Werbeslogans, die mich auf die Fährte einer „neuen Madame Bovary“, die Zerrissenheit einer Gesellschaft und ein völlig ungewöhnliches Frauenbild geführt hätten. Nur gut, dass ich mich unbelastet ausgeliefert habe. Gut, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was mir passiert..

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Ich möchte vorausschicken, dass ich durch die seit zwei Jahren geführte MeToo-Debatte mehr als sensibilisiert bin. Ich hinterfrage offensiv, welche unbewussten und bewussten Fehler mir im Umgang mit Frauen unterlaufen sind. Was war anzüglich, was falsch zu verstehen und was sogar vielleicht verletzend. Sensibilisiert wurde ich für das Thema auch durch Bücher, die sich dieser aktuellen Thematik verschrieben hatten. Ich muss hier „Die Aussprache“ von Miriam Toews anführen, weil die Autorin hier explizit auf eine Mikro-Gesellschaft eingeht, in der Frauenfeindlichkeit in jeder Beziehung zum Status quo erhoben wird. Kurz gesagt, ich habe viel gelernt, versuche zu verstehen und mein Verhalten im Privatleben und im Beruf ständig kritisch im Auge zu behalten. Und genau hier wirft mir Leïla Slimani die Angst vor die Füße, „Das alles zu verlieren.“

Sie konfrontiert mich mit Adèle. Sie bringt mich zurück nach Paris. Sie zeigt mir eine Welt, die von außen betrachtet eine heile sein könnte. Eine kleine Familie, unabhängig. Der Ehemann Chirurg, der gemeinsame kleine Sohn eher unproblematisch und Adèle, die Mutter anerkannte Journalistin. Man lebt großzügig in einem feinen Viertel und alles könnte einfach schön und gediegen sein. Würde ich nicht Adèle bereits auf den ersten Seiten dieses Romans mit einer schier zahllosen Abfolge von Sexualpartnern ertappen. Würde mir diese Frau nicht in die Seele schreien, das Bedürfnis zu haben, benutzt und aufgerissen zu werden. Sie verzehrt sich danach, gebissen, geschlagen und gekniffen zu werden. Es ist eine Sucht, die sie mir schon zu Beginn des Romans offenbart.

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Ich schaudere und zucke zurück. Bin angewidert, weil ich sehe, dass diese Sucht im wahrsten Kern nicht durch Sex bedient wird. Ein Alkoholiker trinkt, ein Drogensüchtiger nimmt Kokain und in beiden Fällen wird die Sucht befriedigt. Bei Adèle sieht das anders aus. Der Weg zum Sex, schon die Vorstellung, wie sie ihre Partner auswählt, Bilder von Unterwerfung, Gewalt und Missbrauch in ihrem Kopf, das ist der wahre Kick. Liefere ich mich lesend und hörend einer Nymphomanin aus? Bin ich auf der Spur einer Frau, die im Kern ihres Wesens hypersexuell ist? Und was verflucht (sorry für diese Entgleisung) soll mir das vermitteln? Dass es Frauen gibt, die in der Partnerschaft nur als Parasiten existieren, Kinder nur in die Welt setzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Frauen, in denen nichts anderes tobt, als die nicht einzudämmende Lust an hartem, verletzendem und zerstörendem Sex?

Ich komme kaum zurecht mit diesem Buch. Ich lese und höre mich verwirrt durch die wilden Eskapaden und denke dabei an ein paar Rezensionssplitter, die mir auf meinem Weg begegneten. „…ohne dabei pornographisch zu werden.“ Das wurde Slimani im Stern und bei SR2 Kulturradio attestiert. Nun, ich musste mich sortieren. Textpassagen wie die folgende brachten mich zum Grübeln, ob meine Definitionen von Pornographie vielleicht überdenkenswert wären:

„… Seinen Penis im Rachen, kämpfte sie gegen den Brechreiz an und gegen den Drang zuzubeißen…“

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Ja, Leïla Slimani schreibt sehr direkt, hart, unverblümt und wird in ihrer Sprache der Sucht ihrer Protagonistin gerecht. Ich würde ihren Stil nicht verharmlosen. Es ist die Beschreibung einer Sucht ohne jede Schönfärberei. Brillant erzählt und aufgebaut, aber keinesfalls so, dass man sich (oder ich mich) in Adèle hineinversetzen kann. Hier geht es nicht um eine vom Leben enttäuschte Frau und Mutter, die endlich Zuneigung und Liebe erfahren möchte. Hier geht es keinesfalls um eine von einer überkommenen Gesellschaft in einem lebensfeindlichen Frauenbild gefangene lebenslustige Frau. Hier geht es um eine Kranke, die therapieresistent und menschenverachtend durch die Lust des Tages mäandert. Der Sohn wird abgegeben, wo es gerade passt. Der Ehemann in jeder Lebenslage betrogen und Mitarbeiter oder Bekannte dienen als Sexualpartner.

Leïla Slimani schreibt über Sucht. Ich kann und werde daraus kein neues Frauenbild ableiten. Ebenso wenig, wie ich ein Männerbild aus einem Roman über einen extremen Alkoholiker ableiten würde. Slimani gibt beiden Perspektiven Raum. Der schonungslos ehrlichen von Adèle, die nichts beschönigt und die ganze Welt belügt, um den Kick zu erleben. Und die Perspektive des Ehemanns, der erkennt, wer hier an seiner Seite im gemeinsamen Bett liegt. Es gibt keinen Zweifel. Er ist machtlos gegen Adèles Sucht. Er ist lediglich ihr Wirt, bei dem sie parasitär ihr Leben genießt. Und doch ist da die Angst, das alles zu verlieren. Adèles Angst. Wie diese Angst aussieht, wie Adèle dagegen zu kämpfen versucht und was das mit ihrer kleinen Familie macht, all diesen Fragen geht Leïla Slimani auf den Grund.

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Zu hoch gelobt. So empfinde ich diesen Roman. Man merkt, dass er am Beginn ihrer Schaffensphase geschrieben wurde. Einige Charaktere in der 218 Seiten starken Story sind wichtig, aber kaum mit Leben gefüllt. So tauchen ohne weitere Erklärung im Beruf und in der Familie Adèles gleich zwei Laurents und Clémences auf. Blass und doch so wichtig, weil sie das Leben zu dem Szenario machen, in dem die Schlacht von Adèle in jeder Sekunde tobt. Ich fand keine neue Madame Bovary in diesem Roman. Liebe und Sehnsucht nach Geborgenheit sind Adèle fremd. Verschmähte Liebe ist nicht Auslöser ihrer Sucht. Wenn sie in sich hineinschaut, spürt sie nur Schmerz, der durch Schmerz bekämpft werden kann. Ihre Work-Life-Sex-Balance steckt hier den Rahmen der Story ab, in der sich die Autorin nicht um Ursachen oder Auswege kümmert.  

Im Hörbuch brilliert Nora Waldstetten, der es gut gelingt, Adèle in der Distanziertheit gegenüber der eigenen Sucht für den Zuhörer nahbar zu machen. Es wird zum direkten Empfinden, zu hören, wie sich Adèle an sich selbst abarbeitet, um der Sucht gerecht zu werden. Nora Waldstetten entzieht der beschriebenen Sexualität jeden Lustfaktor. Das kommt für mich der inneren Stimme von Adèle sehr nah. Und doch bin ich für mich der Meinung, dass ich diese Nähe nicht gesucht hätte. Ich habe das Buch und das Hörbuch beendet. Wäre es das erste Werk von Leïla Slimani gewesen, ihm würde für mich kein zweites mehr folgen. Ich habe Mühe, jegliche Botschaft aus dem Roman zu verdrängen und auch nur einer einzigen Frau zu unterstellen, ihre Verweigerungshaltung in Bezug auf Sexualität liege in einem inneren Wunsch begründet, wie Adèle benutzt und zerstört zu werden. Kein Frauenbild für mich. Ein Roman über die obsessive Symptomatik einer Suchterkrankung.

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All das zu verlieren von Leila Slimani

„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani
Buch: Luchterhand Verlag / dt. von Amelie Thoma / gebunden / 218 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ungekürzte Lesung / Nora Waldstetten / 5 Std. / 22 Euro