Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wenn man sich für einen Roman entscheidet, der in Rumänien angesiedelt ist, sollte man immer im Bewusstsein lesen, dass man sich in ein von der Weltgeschichte mehrfach zerrissenes, aufgeteiltes und von grausamen Machthabern gegeißeltes Land begibt. Man sollte sich sehr bewusst machen, dass sich bis zum heutigen Tag zahllose Wunden durch ganze Familiengeschichten ziehen, ihre Traditionen belasten und sich wie kaum sichtbare Demarkationslinien durch die Stammbäume dahinschlängeln. Viele Romane, die sich mit dem heutigen Rumänien beschäftigen versuchen zu erklären und zu heilen, zu bewältigen und zu zeigen, was sich nicht wiederholen darf. Die wenigsten dieser Romane sind unpolitisch, weil sie es einfach nicht sein können. Die rumänische Geschichte war immer ein Spiegelbild der Weltpolitik. Einzig im Reich der Legenden war man sicher. Nur hier konnte die geschundene rumänische Seele Zuflucht finden. Nur hier durfte sie davon träumen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

In diesem Reich regiert noch heute der Fürst der Dunkelheit Graf Dracula, Vlad der Pfähler. Es sind Begriffe, wie Transsilvanien, Eichenpflock, Knoblauch, Blutsauger und ewiges Leben, die ihn nicht nur literarisch unsterblich gemacht haben. Auch, wenn dieser dunkle Graf heute für seine unbeschreibliche Grausamkeit bekannt ist, legendär ist er für seine Gerechtigkeit, die man ihm nachsagt. Ein ganzes Genre beherrscht die Lichtgestalt Transsilvaniens, die mit Tageslicht überhaupt nicht gut zurechtkommt. Viele Romanfiguren der Weltliteratur spiegeln sich in seinem Geist, wobei er doch eigentlich gar kein Spiegelbild erzeugt. Eines jedoch ist sicher. Wenn man sich mit Graf Dracula beschäftigt, befindet man sich literarisch in einem Fantasy-Roman. Eine Mischung aus sozialpolitischer Vergangenheitsbewältigung und transsilvanischer Legendenwelt wurde bisher nicht gewagt…. Ich sage bewusst: Bisher… Dana Grigorcea verändert alles.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wer sich für ihren Roman Die nicht sterben entscheidet, sollte im Bewusstsein lesen, hier nicht nur auf einen einzigen Blutsauger zu treffen. Wer sich für diesen Roman entscheidet, sollte sich gedanklich von klaren Genre-Trennlinien verabschieden und bereit sein, literarisches Neuland zu betreten. Wer zu diesem Buch greift, wird mit zunehmender Lesedauer merken, dass es sich um einen unsterblichen Roman handelt, in dem sich die Welten der Fantasy und der Gesellschaftspolitik vermischen. Wir haben hier ein Buch, das selbst kein Spiegelbild wirft, das nachts hyperaktiv ist und dem man mit Knoblauch und Eichenpflock nicht beikommt, wenn man erst einmal begonnen hat, es zu lesen. Hier prallen das Transsilvanien der Vampire und das postkommunistische Rumänien in einem Clash of Literature aufeinander, der alle Grenzen verschiebt. Hier erleben wir an den Nachwehen der Diktatur des Ceaușescu-Regimes, was ein echter Blutsauger seinem Volk angetan hat. Dagegen wirkt Dracula wie ein wahrer Volksheld…

Dana Grigorcea entführt uns in ein schauriges Spiegelkabinett, in dem wir selten glauben, was wir zu lesen denken. Da ist die Ich-Erzählerin, die in Bildern denkt und lebt. Die sich das Rumänien ihrer Kindheit in Erinnerung ruft, und in Flashbacks Bilder einer Zeit heraufbeschwört, in der ihre Großmutter Margot eine zentrale Rolle einnimmt. Skurrile Bilder entwickeln sich vor unsern Augen. Eine enteignete Villa in der Walachei und ein Tross, der sie in regelmäßigen Abständen vom Kommunistenkitsch befreit und dem großbürgerlichen Leben zu neuem Glanz verhilft. Natürlich streng geheim und vor den Augen und dem Zugriff der viel geheimeren Securitate verborgen. Jetzt, nach der Rückkehr der Erzählerin aus Paris herrscht Trostlosigkeit in ihrer einstigen Heimat. Es sind Betonbauten, die zum Flächenbrand werden und es ist die Perspektivlosigkeit der Menschen, die ihre Erinnerungen an einst mit einem Grauschleier überziehen.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Es ist die Zeit nach dem Schrecken der Diktatur, die bekannte Automatismen ans Tageslicht bringt. Der Blick geht zurück, das „Früher war nicht alles schlecht“ wird im Umfeld der Großmutter kultiviert. Nur die Player müssen ausgetauscht werden. Er wird wieder laut, der „Ruf nach dem starken Mann„, der frischen Wind ins Land bringt und gleichzeitig mit den korrupten Politikern aufräumt, die sich nach dem Machtwechsel im neuen Rumänien festgebissen haben. Hier driftet Dana Grigorcea in ein morbides und zunehmend gewalttätiges Szenario ab, überschreitet die Grenzen des Genres und lässt uns mit staunenden Augen in der Familiengruft der Erzählerin eine gepfählte Leiche im Schweiße des frisch geschändeten Körpers entdecken. Und nicht nur das. Findet man doch ausgerechnet hier beim Versuch, den Mord aufzuklären die letzte Ruhestätte von Vlad dem Pfähler. Hier in der uralten Familiengruft. Ist er ein Vorfahre der Erzählerin? Sind sie verwandt? Von jetzt an ist es vorbei mit der Ruhe in der Ruhestätte.

Hier beginnt es trefflich zu vampiren. Hier erlebt der Romantitel „Die nicht sterben“ eine wahre Renaissance in der engmaschig erzählten Geschichte. Hier beginnen die nächtlichen Begegnungen der Heimkehrerin mit einem geheimnisvollen Wesen, das ihr plötzlich nicht mehr fremd ist. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität in unserer Wahrnehmung und der fantastischen Wahrnehmung der Protagonistin. Genau hier überschreiten wir freudig gespannt alle Grenzen des Erzählens, und folgen bis zu den magischen Worten der Schattengestalt an seine plötzlich aufgetauchte Nachfahrin:

„Wir sîn gelîchen Bluotes.“

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wirkt das abgedreht? Zu unrealistisch? Zu skurril? Oh nein, ganz im Gegenteil. Hier impft uns die brillante Erzählerin ihr Serum mitten in die Blutbahn. Es betäubt den Wahrheitssinn, lässt uns wundervoll fantasieren und entwickelt Nebenwirkungen, die in der Literatur durchaus erwünscht sind, aber leider allzu selten vorkommen. Wir driften ins Reich der Zwischenwelt und genießen die Anspielungen der Autorin auf das Reale, das uns so sehr einengt. Warum nicht? Warum sollte nicht eine Legende auferstehen und richten, was man in der jüngsten Vergangenheit vermasselt hat? Und, wenn schon richten, dann richtig. Das Motto der Nacht lautet.: Pfählen…

„Ich bin ein ewig lebender Vampir vom Blut des Fürsten Dracula,
ich bin die ewige Rache der Gerechten.“

So schallt es durch die nächtliche „Walachei“. Doch Vorsicht: wo gepfählt wird, da fallen Späne. Dana Grigorcea scheut nicht davor zurück, uns zurückscheuen zu lassen. Sie erspart uns keine Details, wenn es darum geht, das martialische Ritual vor Augen zu führen. Es ist, als würde sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Hier erreicht die Geschichte ein Level, das fernab aller literarischen Erzählformen liegt. In der Glorifizierung eines Blutsaugers als Rächer für jenen kommunistischen Blutsauger zeigen sich die ambivalenten Wechselwirkungen von Macht und Machtmissbrauch. In Wirklichkeit saugt jeder gerade seinem Nächsten das Blut aus. Die Machtverhältnisse verändern sich kaum. Der kleine Mann bleibt der kleine Mann. Hier malt die aus Paris zurückgekehrte Kunststudentin ein apokalyptisches Bild an die Wand und den Teufel gleich mit dazu.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Das literarische Impfserum von Dana Grigorcea ist hochwirksam. Ich habe noch kein geeignetes Gegenmittel gefunden und spüre die Nachwirkungen deutlich. Ich bin immunisiert gegen oberflächliche, eindimensional angelegte Literatur. Ich suche nach mehr. Ich bin extrem süchtig nach guten Erzählungen, deren Deutungshoheit nicht in Händen der Autoren oder Autorinnen liegt. Dana Grigorcea hat mich in ihrem Roman von der kurzen Leine gelassen, sie hat mir einen Nachtflug über ihr Rumänien gewährt, das ich so nicht kannte. Meine gelachten Tränen halten sich mit den geweinten die Waage. Wenn ihr Roman auch höchsten literarischen Ansprüchen gerecht wird, wenn wir ihn auch als erzählerisches Meisterwerk empfinden, in besonderer Weise – denke ich – wird er der rumänischen Seele gerecht, die nach Erlösung schreit.

Hier geht es zu meiner Rumänien-Bibliothek. Von Iris Wolff bis zu Catalin Dorian Florescu… Ein erlesenes Land lädt zum Verweilen ein… 

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

PS: Die Widmung im Buch verrät, dass hier ein Autorenehepaar am literarischen Werk ist. Nicht uninteressant für mich, habe ich doch Perikles Monioudis und seinen wundervollen Roman „Frederick“ ausführlich vorgestellt.

Die GlockenbachWelle – Eine Premiere

GlockenbachWelle - Astrolibrium - Glockenbachbuchhandlung

GlockenbachWelle

Herzlich willkommen zu einem besonderen literarischen Stapellauf. Nach langer und intensiver Vorbereitung laden wir euch ein, unserem neuen Interview-Format zu folgen. Wir, das sind die Glockenbachbuchhandlung in München, Literatur Radio Hörbahn und meine Wenigkeit. Wir wollen gemeinsam neue Akzente setzen, einen Impuls geben und in einer Symbiose aus Buchhandel, Radio und Literaturblog auf interessante Bücher und ihre Schöpfer*Innen aufmerksam machen. Dabei kommt es uns darauf an, nicht mehr das reine Interview in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist mehr als wichtig für dieses Projekt, die Location und ihr Umfeld nicht nur zur Kulisse dieses Formats zu machen. Nein, hier tanzt der literarische Bär, hier spielt sich das Leben im Kontext der Bücher ab, die in einer inhabergeführten Buchhandlung liebevoll unter die Leute gebracht werden.

Und genau hier sind wir. Im Münchner Glockenbachviertel, einem der Stadtviertel mit großer Tradition. Hier wurde seit 1476 in einem Gießhaus in Form gegossen, was für das aufstrebende München so wichtig war. Der kleine Bach trägt schon seit 1575 den wohlklingenden Namen Glockenbach. Große und kleine Geschichten machen das Viertel zu einem Herzstück Münchens. Eine Tuchfabrik, ein alter Pestfriedhof und ein paar Bezeichnungen, die zur Recherche veranlassen, prägen dieses Viertel. Wer weiß heute schon noch, was ein Brechhaus ist oder was man unter dem Wort Pechwinkel versteht. Es dauerte schon seine Zeit, bis die fortschreitende Urbanisierung Münchens aus der Ansiedlung der Pechsieder ein Viertel mit neobarocken Häusern für die besser betuchten Bürger werden ließ. Und doch blieb es tief im Herzen ein Viertel der kleinen Leute, in dem sich München von einer anderen Seite zeigte. Ein bunter Ort für große und kleine Begegnungen, weltoffen und geprägt von Toleranz und Lebensfreude. Hier schlagen Freigeister ihre Zelte auf. Hier finden wir die Glockenbachbuchhandlung, die sich der Tradition des Viertels verschrieben hat.

GlockenbachWelle - Astrolibrium - Glockenbachbuchhandlung

GlockenbachWelle

Wo sonst, wenn nicht hier könnten wir eine bessere literarische Welle erzeugen, auf der es sich gut reiten lässt? Wo sonst ließen sich Autoren und Autorinnen finden, die in der Nachbarschaft der Glockenbuchhandlung leben, hier schreiben und grübeln, in welche Bücherwelt sie uns bald entführen werden? Genau hier setzen wir an und am 19.03. feiert unser Format Premiere. Das erste Interview wird aufgezeichnet und kurze Zeit später auf der Plattform von Literatur Radio Hörbahn als PodCast verfügbar sein. Aber das reicht uns nicht aus. Wir möchten euch gerne in die Situation der Interviews mitnehmen, euch fühlen und sehen lassen, in welcher Atmosphäre sich die Gespräche abspielen. Wir werden auf unseren Facebook- und Instagram-Kanälen Impressionen, Videos und Outtakes veröffentlichen, die euch nicht nur zu Zuhörern unserer PodCasts machen.

Worauf ihr euch freuen könnt sind Interviews, in denen Schriftsteller*Innen nicht nur über ihre Werke Auskunft geben. Wir haben ein paar Eckpunkte im Format, mit denen sich unsere Gesprächspartner auseinandersetzen müssen:

  • Welche Bücher aus dem Bestand der Buchhandlung würden sie empfehlen?
  • Welchen Bezug haben sie zum Glockenbachviertel und zu München?
  • Wie reagieren die Kulturschaffenden auf unvermutete Fragen?
  • Und dann… Ja dann sprechen wir über das aktuelle Buch des Gastes!

Am Ende des Gesprächs kommt das reale Leben einer echten Buchhändlerin ins Spiel. Hier runden wir das Interview ab und lassen die Fachleute zu Wort kommen. In aller Tiefe widmen sich die Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz und ihre Mitarbeiterin Pamela Scholz genau den Fragen, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Wenn Kunden das Buch gelesen haben, das wir aktuell vorstellen, welche Bücher sollte man dann lesen, wenn man vom inhaltlichen Fieber gepackt ist? Bücherketten im direkten Austausch mit Büchermenschen zu knüpfen gehört zu den Kernkompetenzen guter Buchhändler*Innen. Hier kommen sie zu Wort. Hier sprechen sie Empfehlungen aus, die sich sehen und lesen lassen können. Und auch das ist noch nicht alles!

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GlockenbachWelle – Die Premiere – Am Götterbaum

In der Glockenbachbuchhandlung wird das jeweils aktuelle „GlockenbachWelle“- Buch natürlich entsprechend präsentiert und signierte Autogrammkarten der Autoren oder Autorinnen liegen für die Kundschaft bereit. So versuchen wir, einige Kreise aus der digitalen Welt in das reale Leben zu schließen. Impulse zu geben, das ist es wovon wir träumen. Und, wenn wir schon mal träumen, dann darf es auch erlaubt sein, davon zu träumen, wie sich unser Format nach einer Pandemie entwickeln kann. Auch, wenn wir sicherlich gerade in dieser Zeit adäquate Antworten auf Social Distancing suchen, wollen wir in der Zukunft diese Interviews auch gerne vor Zuhörern führen. Wir hoffen, dass dies keine reine Zukunftsmusik bleibt.

Ja, und womit fangen wir an? Die GlockenbachWelle erreicht „Am Götterbaum von Hans Pleschinski, erschienen im C.h. Beck Verlag. Ein Roman, der sich durch eine große Affinität zu München auszeichnet. Ein Stadtspaziergang durch die Weltstadt mit Herz, der nur einem Ziel dient: Einem längst vergessenen Literaturnobelpreisträger ein bleibendes Denkmal zu setzen. Denn genau das ist in München nicht gelungen. Es ist die Paul-Heyse-Unterführung am Hauptbahnhof, die an den großen Schriftsteller erinnert. Hat er das verdient? Gibt es keine andere Alternative? Könnte man aus seiner ehemaligen Münchner Villa nicht ein großes Kulturzentrum entstehen lassen? Fragen, mit denen sich drei engagierte Frauen beschäftigen, die vom Rathaus zum Königsplatz spazieren, um sich vor Ort vom Zustand dieser Villa zu überzeugen. Lokalkolorit trifft auf Literaturgeschichte. Unter dieser Überschrift wird sich Hans Pleschinski unseren Fragen stellen. Der Autor wohnt nahe bei der Glockenbachbuchhandlung und ist somit wahrlich der beste Premierengast, den man sich wünschen kann.

Werdet „GlockenbachWellen-Reiter“ – Schaut euch am Freitag auf den Kanälen der Glockenbachbuchhandlung oder von AstroLibrium die ersten Impressionen an. Danke fürs Lesen und Hören.

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
Glockenbachbuchhandlung und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn

Und hier geht´s ohne Umwege zum ersten PodCast. „Am Götterbaum“
Den aktuellen Hintergrundartikel zum PodCast findet ihr hier

GlockenbachWelle - Astrolibrium - Glockenbachbuchhandlung

GlockenbachWelle

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich wollte ihren Leben begegnen. Im ersten Schritt sollten mir drei Bücher dabei helfen, eine Frau zu verstehen, die oft unverstanden blieb:

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Hannnah arendt Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Die drei Leben der Hannah Arendt – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975 Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Hannah Arendt

Drei Literaturwege, die für mich in einen Königsweg zur Annäherung an Hannah Arendt mündeten. Und doch fühlte sich dieses Lesen nicht ganz vollständig an, weil in den drei oben genannten Werken vieles verborgen blieb. Die polarisierende Diva hatte es erfolgreich verstanden, ihre private Seite zu verbergen, wenige Einblicke in die Welt ihrer Emotionen zu gewähren und ausschließlich ihre politisch-literarischen Ambitionen in den Vordergrund zu stellen. „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller verspricht diese Lücke zu schließen. Ein Lebensroman über eine Frau, die nun in allen Facetten ihres Seins erlesbar sein würde. Als Tochter, Geliebte, Ehefrau, Professorin, Freundin und Witwe. Als vertriebene Getriebene und Opfer ihrer Standhaftigkeit. In der Fiktion liegt oftmals die große Chance, sich einem Menschen zu nähern und ihm dabei Raum zu lassen, der bisher unbeschrieben, unerzählt und unausgesprochen war.

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Hannnah arendt Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Es ist ein Wagnis, einen Roman über das Leben und Schaffen einer umstrittenen historischen Person zu schreiben, da immer die Gefahr besteht, dass die damaligen Kontroversen um Hannah Arendt wiederbelebt werden und sich negav auf den Roman auswirken. Wer jemals ein Interview mit ihr gesehen hat, wird mir vielleicht  zustimmen, dass sie hier teilweise arrogant, distanziert, herb und wenig sympathisch wirkt. Könnte ein Roman jene bewusst erzeugten Bilder korrigieren, uns neugierig auf den Menschen hinter der Fassade der intellektuellen Kämpferin machen? Ich war gespannt darauf, zu erlesen, wie sich Hildegard E. Keller an die schillernde Hannah Arendt heranwagt, um sie für eine breite Leserschaft greifbar zu machen. Man merkt ihrer Geschichte schnell an, dass sie nicht das Ziel verfolgt, einer abstrakten Figur näherzukommen.

Schon im ersten Kapitel fühlte sich mein Lesen wie eine literarische Reanimation an. Als sei ich Augenzeuge, wie die Schriftstellerin mit ihrem Autorinnen-Defibrillator Kontakt zur Vergangenheit aufnimmt, zwei Elektroden aufsetzt und mit dem Ruf „Weg vom Tisch“ einen Impuls aussendet, der zum Wiedererwachen der Frau führt, die zu den umstrittensten Charakteren ihrer Zeit gehörte. Und schon verfliegt jedes Rauschen des bisher Gelesenen, Gehörten und Gesehenen. Wir begegnen der Totgeglaubten in einem Zugabteil und vernehmen ihre Gedanken, ihren inneren Monolog und fühlen die Träume, die sie begleiten. Hier beginnt eine Reise an der Seite von Hannah Arendt in immer wiederkehrenden Zeitschleifen, Rückblenden und Aufzügen. Hier, im Jahr 1975 beginnt meine persönliche Begegnung mit ihr. Und die erste Erkenntnis trifft mich wie ein leuchtender Blitz. Sie wirkt nahbar, natürlich und alles andere als unsympathisch.

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Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Dies ist der Technik und der Erzählkunst von Hildegard E. Keller zu verdanken. Sie tritt Hannah Arendt nicht zu nah, lässt sie nicht als Ich-Erzählerin ihres eigenen Lebens auftreten, sondern bedient sich der personalen Erzählform, um aus der kurzen Distanz sehr tiefe Einblicke gewähren zu können. Die Autorin sagte kürzlich in einem Zoom-Meeting dazu: „Hannah will keinen Thron, sie will keinen Klappstuhl, sie will mit uns am Tisch sitzen.“ Man spürt, dass es ihr augenscheinlich darum geht, einen Menschen zu erzählen. Ihn von den Zwängen der Faktenlage zu befreien, und in einem Roman mit neuem Leben und einer Individualität zu versehen, die authentisch aber frei von formalen Vorschriften ist. Endlich, dachte ich mir. Endlich fallen die Schleier, die Hannah Arendt selbst blickdicht gewebt hatte. Nach aller Theorie endlich ein Treffen in der fiktionalen Realität eines Romans, der Hannah Arendt schon auf den ersten Seiten gerecht wird.

Hier packt mich die pure Neugier, endlich aus erster Literatur-Hand zu erfahren, wie Hannah Arendt ihr Leben sah. Wie sie zu den Menschen stand, die ihre Wege säumten, begleiteten und ihr dabei auch im Weg standen. Namen tauchen auf, die nur in ihren Erinnerungen so plastisch erscheinen können. Namen von Menschen, die sich im Arendt-Universum um sie drehten, wie die Planeten um die Sonne. Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger, Kurt Blumenfeld, Heinrich Blücher, Theodor W. Adorno, Günther Stern, Mary McCarthy und viele andere werden im Verlauf dieser Geschichte zu realen und fühlbaren Weggefährten eines facettenreichen Lebens. Wir erleben die Fluchten der Hannah Arendt, ihre Ängste und den inneren Kampf gegen die Nazis des Dritten Reichs. Die Kapitel wandern im Rhythmus eines Zuges zurück in der Zeit und kehren immer wieder zum letzten Fluchtpunkt im letzten Lebensjahr 1975 zurück.

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Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Jeder interessierte Lesende wird einen eigenen Weg durch diesen Roman finden. Jeder findet seine Ankerpunkte, die faszinieren und inspirieren. Ich war natürlich mehr als interessiert am Aspekt „Adolf Eichmann„. Für Hannah Arendt blieb er der Mann im Glaskasten. Für sie blieb er der Administrator des Holocaust, über den sie oft berichtet und geschrieben hatte. Seinen Prozess in Israel hatte sie beobachtet und die Welt fast in Aufruhr versetzt, als sie darüber schrieb, dass Eichmann nur ein blasser Buchhalter sei, nicht aber das monströse Monster, das man weltweit erwartet hatte. „Die Banalität des Bösen“ nannte sie ihn. Diese Begegnung prägte sie, dieser Eindruck ließ Hannah Arendt nicht mehr los und jahrzehntelang stand sie für die scheinbare „Verharmlosung“ eines Täters im Kreuzfeuer. Die Israel-Kapitel dieses Romans sind für mich plausibel und unfassbar dicht in ihrer erzählerischen Wucht. Der Wendepunkt im Leben dieser Kämpferin gegen Unterdrückung und Rassismus wurde für mich nie zuvor im Kontext der Realität so grandios beschrieben.

„Was wir scheinen“ rückt Hannah Arendt und ihr Leben in ein neues Licht. Jener abstrakten Diva einer längst vergangenen Zeit eine so intensive Vitalität einzuhauchen, ist eine herausragende literarische Leistung. Ich entdeckte völlig unbekannte Seiten an der Frau, über die ich schon einiges zu wissen glaubte. Die Lyrikerin Arendt wurde mir zum ersten Mal so intensiv, poetisch und feinfühlig nähergebracht. Bereichernd und im Zusammenhang mit dem erneut erwachenden rechtsradikalen Gedankengut in unseren Tagen, ist dieser Roman in jeder Hinsicht als besonders lesenswert zu betrachten. Hier liest man sich nicht in eine biografische Welt voller Fakten und Daten hinein. Wir sind im Herzen einer empathischen Lebensgeschichte gefangen, die nicht nur Aficionados von Hannah Arendt begeistern wird. Mir scheint, „Was wir scheinen“ ist ein größerer Wurf im literarischen Kalender dieses Jahres und stellt einen diametralen Gegensatz zu Hannahs Sicht auf ihr eigenes Leben dar.

„Was wir sind und scheinen,
ach wen geht es an.
Was wir tun und meinen,
Niemand stoß` sich dran.“

Hannah Arendt saß weder auf einem Thron noch auf einem Klappstuhl, sondern mit mir am Tisch, während ich mit ihr ein Leben durchschritt, das zuvor aus drei Leben bestand. Dieses vierte Leben, Was wir scheinen, gehört nun zu meinem Königsweg des Lesens und Hörens dazu.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Oftmals ist das eigene Leid so unerträglich, dass man Jahre braucht, um es zu bewältigen. Manchmal wiegen eigene Verluste so schwer, dass man einfach für sich alleine Wege finden muss, um neuen Lebensmut zu fassen. Manchmal jedoch werden die dunklen Gefühle eines Schicksalsschlags wie mit einem Blitzlicht erhellt, wenn man im direkten Vergleich erleben muss, wie es anderen Menschen ergeht, die ein Leben ohne Trauer und Depression führen dürfen. Eine solche psychologische Ungleichung hat Kristina Hauff zum Schmelzkern ihres Romans „Unter Wasser Nacht“ gemacht. Ein Familiendrama in der malerisch einsamen Landschaft der Elbauen, ein Drama im Wendland, eine fulminante Geschichte über Trauer, Verlust, Liebe, Geheimnisse und Neid, die mich auf ihren knapp 300 Seiten nicht mehr loslassen wollte. Im Titel „Unter Wasser Nacht“ findet der gesamte Roman seine epische Entsprechung.

Alles könnte so schön sein auf dem gemeinsamen Hof zweier Paare im Wendland. Viele gemeinsame Jahre (darunter auch wilde und revolutionäre) lagen hinter ihnen, als sie auf einem kleinen Fleckchen Erde sesshaft wurden und ihre Familien gründeten. In ständiger Reichweite voneinander hatte sich ein Idyll Raum verschafft, das die beiden Paare in Sicherheit wog. Das Gemeinsame stellte die Grundmauern dar, und doch gab es ausreichend große Rückzugsorte, um sein eigenes Leben zu führen. Kinder kamen zur Welt und im Rückblick auf diese Zeit muss dieser Ort wie ein Biotop gewirkt haben. Als wir Sophie und Thies, sowie Inga und Bodo kennenlernen, ist von ihrer einstigen Harmonie kaum noch etwas übrig. Dafür wiegt das Drama zu schwer, dass sich vor 13 Monaten genau hier abgespielt hatte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter ungeklärten Umständen ertrank der elfjährige Sohn von Sophie und Thies. Seitdem ist das Leben auf dem Hof in zwei Welten zerbrochen. Eine trauernde, in der sich die Eltern endlose Fragen über den Tod ihres Sohnes Aaron stellen. Und die heile Welt von gegenüber. Inga und Bodo, vom Glück gesegnet. Eltern von zwei gesunden Kindern, die den trauernden Nachbarn immer vor Augen halten, wie schön das Leben sein könnte. Aus diesen täglichen Vergleichen entsteht die Welle von Neid, Einsamkeit und eine Atmosphäre der gegenseitigen Abschottung. Als wäre jener Hof ein Minenfeld emotionaler Blindgänger. Während Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse den Alltag voller Optimismus leben, versinken im gegenüber liegenden Haus Sophie in ihrer Verbitterung und Thies in einem rastlosen Fluchtverhalten. Auch ihre Beziehung hängt inzwischen am seidenen Faden. Die Trauer ist hier der Scheideweg, an dem im Endeffekt das ganze Leben scheitern kann. Liebe und Freundschaft eingeschlossen.

Kristina Hauff erweist sich als echte literarische Meisterin, wenn es darum geht, die beiden Gefühlslagen der zerrissenen Hofgemeinschaft zu beschreiben. Man fühlt sich „Unter Wasser Nacht„. Wir trauern und leiden mit, beneiden die Menschen auf der Sonnenseite des Hofes und andererseits erkennen wir auch bei ihnen Muster der Rücksichtnahme und des Mittrauerns, allerdings ohne je eine Chance zu haben, etwas gegen den Verlust ihrer Freunde tun zu können. Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Elbauen. Man beäugt sich, man meidet den Kontakt und lebt so vor sich hin. Allein aus dieser Konstellation hätte die Autorin ein menschliches Drama formen können, in dem sich diese Konflikte im Laufe der Zeit zu einer Flutwelle vereint hätten. Aber damit nicht genug. Kristina Hauff erweitert ihren Erzählraum und dreht uns Lesenden mit der gekonnten Bewegung einer Spannungsbogenarchitektin die Daumenschrauben enger.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

In multiperspektivisch erzählten, sich überlappenden Szenen blicken wir mit Sophie neidisch aus dem Fenster und beobachten Inga und die Kinder, während wir schon im nächsten Moment mit Inga das Haus verlassen und Sophie am Fenster entdecken. Die Methode der schnellen Schnittfolgen bewirkt, dass wir uns extrem gut in die agierenden Charaktere hineinversetzen können. Jeder kommt zu Wort, niemand bleibt außen vor und es entsteht eine komplexe psychologische Atmosphäre, die nicht nur zermürbend ist, sondern ebenso plausibel wirkt. Als dann auch noch mit Mara eine Fremde diesen Schauplatz der geschundenen Gefühle betritt, wird aus einem Familiendrama eine tief angelegte und noch komplexere Geschichte eines Lebens in unmittelbarer Nähe eines Flusses, der den Lauf der Dinge zu definieren scheint: Die Elbe.

Spätestens von diesem Moment an ist man nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen. Spätestens hier befinden wir uns in einem Mix aus Gefühlskino und kriminalistischer Ermittlung eines Cold Cases. Der Tod des Jungen wird mehr und mehr ins Zentrum gerückt. Was war hier passiert? Warum geht ein erst Elfjähriger aus freien Stücken vollständig bekleidet in die Elbe? Wo waren die Eltern, wo die anderen Bewohner des Hofes? Welches Geheimnis liegt hier verborgen? In atemlosem Tempo werden wir durch die Elbauen gejagt, werden zu Zeugen von Ausfallerscheinungen der direkt Beteiligten und kommen der Ursache für Aarons Tod immer mehr auf die Spur. Kein Hinweis erweist sich als banal, keine Fährte ist kalt, kein Verdacht unbegründet und doch führt nur ein Weg zur Lösung dieses Todesfalles. Mara. Auch, wenn sie alles durcheinanderbringt, sie wirkt wie Ariadne, die den roten Faden in der Hand hält. In ihr liegen Hoffnungen, Leid, Neid, Eifersucht, Verheißung und Zuversicht verborgen. Hier durchbricht die scheinbar Außenstehende alle inneren Widerstände.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Es sind die zahllosen inhaltlichen Facetten, mit denen Kristina Hauff überzeugt. Es sind sich verändernde Freundschaften, unüberbrückbare Gräben und tiefe Wunden in einer ehemals heilen Welt, über die sie uns geleitet. Es ist die raue Elbe, die mit ihrer Gewalt Land und Menschen zu formen vermag. Es sind die Kontraste, die uns hier zu staunenden Betrachtern machen. Es ist das konservativ idyllische Wendland, es ist die exotische dänische Freistadt Christiania, deren Flair Mara mit sich trägt. Und es sind die vielfältigen Aspekte der verschachtelten Handlung in Verbindung mit den Akteuren dieses Romans, die eine Einordnung in eine literarische Schublade erfreulich schwer machen. Es ist ein Krimi und doch ist es keiner. Es ist ein psychologischer Roman im Schatten eines dramatischen Verlustes und doch ist es viel mehr. Es ist ein Drama, in dem aus Freunden, sich gegenseitig beäugende Kontrahenten und Wettbewerber um das wahre Glück im Leben werden und doch ist es kein reines Familiendrama. Und es ist in Teilen ein Roman der falschen Gefühle, weil man Aaron sehr ambivalent erlebt.

Die Autorin scheint es zu genießen, nicht in einem Genre gefangen zu sein. Man erwartet keinen kriminalistisch perfekten Fall, der lückenlos aufgeklärt wird. Man sucht nicht nach zusätzlichen Beweisen, muss mit Lügen leben, die nicht geradegerückt und aufgedeckt werden. Ja, wir müssen sogar Fragezeichen akzeptieren, weil wir hier ein Stück Leben präsentiert bekommen, das in seinen offenen Fragen sehr authentisch ist. Ich würde „Unter Wasser Nacht“ nicht in eine literarische Schublade stecken. Aber ich bin natürlich bereit, diesen Roman in eine Schublade meiner kleinen literarischen Sternwarte einzusortieren: „Lesenswerte Lektüre, die mich in einem unglaublichen  Sog nicht mehr loslassen wollte.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff – Das Hörbuch

Kurz vor Toresschluss erreichte mich die Hörbuchfassung zum Roman „Unter Wasser Nacht„, und so kann ich den Erzählraum um den Hörraum der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag erweitern. Acht Stunden und zwanzig Minuten der ungekürzten Lesung geben hier den Rahmen vor, in dem wir uns zuhörend bewegen. Die Schauspielerin und Sprecherin Julia Nachtmann liest sich tief in das Setting aus Wendland, Verlust, Elbe und Gefühl hinein. Sie führt uns erfreulich unaufgeregt durch einen Plot, der sein ganz eigenes Tempo aufnimmt. Das Problem der Multiperspektive löst sie brillant, indem sie sich in den Dialogen aus den Sichtweisen der Protagonisten befreit und den Stimmen der Akteure Leben einhaucht. Ihrer Stimme zu folgen ist hier sehr angenehm, weil sie unsere sprunghafte Neugier zügelt und ein Tempo vorgibt, in dem man wie die Elbe durch das Wendland treibt, in dem wir sonst haltlos untergehen würden. Sehr hörenswert.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Ein Nachtrag: Ich hatte das Gefühl, unfair zu „Unter Wasser Nacht“ gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dem Buch von Kristina Hauff nach den Romanen von T.C. Boyle und Benedict Wells zu kritisch zu begegnen, weil mich die Neuerscheinungen begeistert und bewegt hatten. Nach Boyle und Wells gelesen zu werden, ist wohl einer der undankbarsten Startplätze, den man sich nur vorstellen kann. Und dann saß ich vor diesem Roman und wusste schon nach 50 Seiten, dass meine Bedenken unbegründet waren. Die Autorin hat mich in einem Gefühl tiefer Lese-Melancholie aus „Hard Land“ abgeholt und mich an der Elbe aufgefangen. Es gab keinen Grund mehr zu denken, es sei nicht fair gewesen. Es gab tausend Gründe mich zu bedanken, dass ich in solchen Höhen weiterfliegen durfte. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Lesenden…

Die emotionale Ungleichung von Kristina Hauff ist mathematisch betrachtet, eine mit vielen Unbekannten, Variablen und Ableitungen. Aber sie geht auf! Bleibt am Ende des Tages nur noch eine Frage offen, über die man trefflich diskutieren kann. Dies hier zu tun, würde zu sehr spoilern, aber im Off bin ich natürlich dazu bereit. Ihr wisst ja, wo man mich findet!

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Da bin ich mal wieder mit den weltbewegenden Fragen, die uns philosophisch an den Rand der Verzweiflung treiben können. Es geht diesmal nicht darum, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder, wie wir unser Leben vor dem Tod in eine Richtung zu lenken in der Lage sind, die uns glücklich macht. Nein, es geht um eine Zwischenwelt, in der wir vielleicht die einmalige Chance erhalten, das Leben anders zu führen. Es sind unsere Entscheidungen, die uns Wege einschlagen lassen, von denen wir vorher nicht wissen, ob sie richtig sind, ob sie uns glücklich machen und ob wir am Ende der Wege nicht bereuen, sie gewählt zu haben. Das kennen wir wohl alle. Im wahren Leben heißt das „Augen zu und durch“. Unumkehrbar versuchen wir vor Enttäuschungen zu fliehen und dem Sinn unseres Lebens hinterherzujagen. Der Erfolg? Mal so und mal so. Wir sind die Getriebenen unserer Erwartungen. Was wäre aber, wenn es eine Möglichkeit gäbe, an bestimmten Kreuzungen unseres Lebensweges anders zu entscheiden?

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig beschreibt eine solche Alternative. Es ist nicht gerade der Wunschtraum jedes Menschen, den er hier in den Mittelpunkt eines Romans stellt, der ebenso philosophisch wie utopisch daherkommt. Aber es ist ein mehr als interessantes Gedankenspiel, zu dem er uns einlädt. Folgen wir doch seinen Thesen und spielen wir sein Spiel mit. Frei nach dem Motto: „Wir werden schon sehen, was wir davon haben!“ Zwischen dem Leben und dem Tod liegt eine Bibliothek. Sie besteht aus zahllosen Regalen, in denen sich die Bücher deines Lebens befinden. Jedes von ihnen erzählt eine Geschichte, die du nicht gelebt hast, weil du dich anders entschieden hast. Greif einfach zu und schau dir an, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn…! Ich vergaß zu erwähnen, dass man zuvor gestorben sein muss, um „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten zu dürfen. Dann jedoch hat man die freie Auswahl zwischen all den Chancen und Möglichkeiten, gegen die man sich zu Lebzeiten entschieden hat. Und, wenn man dabei ganz zufällig auf ein Leben stößt, dass einen glücklich gemacht hätte, dann darf man es behalten.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Nun sind wir auch schon bei unserer Protagonistin Nora Seed angekommen. Wir lernen sie im finalen Countdown ihres Lebens kennen. Es sind die letzten Stunden, die hier erbarmungslos verrinnen, bevor sie Selbstmord begeht. Alles hat sich gegen Nora verschworen, nichts will gelingen und am Ende der Perspektivlosigkeit bleibt ihr nur der verzweifelte letzte Ausweg. Was hätte sie alles werden können? Was hätte sie erreicht, wenn sie anders entschieden hätte? Welche Träume hätte sie sich erfüllten können? In letzter Konsequenz jedoch steht sie mit leeren Händen da. Wenige Freunde, arbeitslos, Karrieren als Weltklasseschwimmerin oder professionelle Musikerin schon früh an den Nagel gehängt, vor einer Ehe geflüchtet, Träume niemals realisiert und Hoffnungen im Nichts versenkt. Auf ganzer Linie gescheitert. Depressionen, Drogen, fehlender Halt in Situationen, in denen sie hätte gehalten werden müssen. Das Finale: Suizid.

Statt jedoch zu sterben, wird ihr der Zugang zur Mitternachtsbibliothek gewährt. Hier wird sie von der Bibliothekarin mit den Regeln vertraut gemacht und dann geht sie los, die Jagd nach dem perfekten Leben. Die Zeit steht still, sie darf sich ein Buch aus dem Regal nehmen, in dem ein Leben beschrieben ist, das sie nicht geführt hat. Hinein ins Wunderland der Alternativen. Es liest sich humorvoll, und beinhaltet ebenso skurrile wie lustige Momente, in denen sich Nora immer wieder neu orientieren muss. Was ihr nämlich fehlt, sind Erinnerungen an diese ungelebten Leben. Wer sind die Menschen, denen sie nun begegnet, was hat sie zuletzt getan, wo lebt sie und mit wem? Und nicht zuletzt immer wieder die zentrale Frage: Bin ich hier glücklich und will ich bleiben? Ich hatte viel Spaß beim Lesen dieser Lebensvarianten, wäre da eben nicht jene Nora Seed gewesen, die sich hier wie in einem Lebens-Casting nur nach den Vorteilen der jeweiligen ungelebten Variante umschaut. Aus philosophischer Sicht eine egoistische Rosinenpickerin.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Matt Haig lässt viel Spielraum für philosophische Betrachtungsweisen. Wir finden Thesen über bestehende Paralleluniversen und das Theorem von Schrödingers Katze ebenso wieder, wie die Schlüsselthesen von Henry David Thoreau, den Nora als ihren Leib-und Magen-Philosophen verehrt. So froh ich über die Anspielungen auf „Walden“ war, so wenig wurde ich mit Nora Seed warm. Sie realisiert, dass die unterschiedlichen Leben, die sie nun ausprobieren darf, immer einen kleinen Haken haben. Nichts ist so perfekt, wie es bitte zu sein hat. Eine Bereitschaft, für sein Glück zu kämpfen, ist nicht erforderlich, denn wenn ein Leben nicht passt, kann sie zurück in ihre Bibliothek und sich ein neues aussuchen. Lebensträume von der Stange. So erleben wir sie als eine erfolgreiche Schwimmerin, als legendäre Musikerin, als Gletscherforscherin und auch als die Ehefrau, die sie nicht sein wollte. In ihrem Buch des Bereuens scheinen sich die falschen Entscheidungen nur so zu stapeln.

Matt Haig skizziert an Noras Beispiel das Nullsummenspiel der Entscheidungen. Was sie in einem Leben als Zugewinn verzeichnet, fehlt ihr auf der anderen Seite. Ein Leben mit sportlichem Erfolg ist eines ohne philosophischen Tiefgang. Ein Leben voller Erfolg als Musikerin ist ein Leben ohne bestimmte Menschen, auf die sie nie verzichten würde. Man kann nicht alles haben. So lautet die unsichtbare Überschrift über Kapiteln und Büchern, in denen Nora ihr Glück sucht. Matt Haig fühlt sich hier manchmal an, als hätte ihm Paulo Coelho beim Schreiben über die Schulter geschaut. Der Selbstmörder in uns weiß gar nicht, wohin mit all den Allgemeinplätzen zum wahren Glück im Leben. Und letztlich, warum sollte sich Nora Seed nur für ein einziges Leben entscheiden, wo sie doch eine ganze Bibliothek zur Auswahl hat? Greift Matt Haig in diesem Roman ins literarische Nichts, wenn er uns mit einer solchen Utopie konfrontiert? Mitnichten.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Seine Geschichte erreicht uns außerhalb des Buches mit erheblicher Wucht. Wo sind meine Kreuzungen, wann habe ich mich vielleicht falsch entschieden, wie wäre es wohl gelaufen, wenn ich intensiver für meine Träume gekämpft hätte und gibt es dieses Leben, das ich lieber leben würde? Man darf diese Spiegelung des Romans auf seinen eigenen Lebensweg nicht unterschätzen. Allein hierfür lohnt es sich sehr, dieses Buch zu lesen. Es ist facettenreich in den Situationen, unnachgiebig in seinen Points of no Return und hilfreich, wenn man sich selbst hinterfragt. Gedankenspiele und Kopfkino sind hier garantierte Nebenwirkungen einer Geschichte, deren Protagonistin den Weg zum eigenen Glück nur langsam findet. „Die Mitternachtsbibliothek“ hält viele Twists auf Lager. Man sollte sich nie zu sicher fühlen in diesem Buch. Man hat oftmals einen Hauch einer Idee, wie es enden könnte und doch liegt man falsch.

Matt Haig greift ein literarisches Muster auf, das ich liebgewonnen habe. Er lässt die Zeit nicht mehr vergehen. Im Stillstand der Sekundenzeiger läuft sie trotzdem weiter und schlägt genau in dem Moment zu, in dem wir es nicht erwarten. „Wie man die Zeit anhält“ spielte bereits mit der Zeitlosigkeit seines Ideenreichtums. Was diese Romane vereint ist die Tatsache, dass der Mensch immer wieder neu improvisieren muss. Ihm fehlt das Wissen, um in neuen Situationen bestehen zu können. Hieraus bezieht Haig den Treibstoff für unwiderstehliche Plots von der Zeitreise bis zum Lebens-Casting. Es ist unterhaltsam, ihm zu folgen. Es weist Tiefgang auf, aber es bleiben auch Fragen im Kontext seiner Beschreibung, die man sich selbst beantworten muss. Insgesamt sicher eine inspirierende Geschichte, die lange nachhallt. Eine Story, die Mut machen kann, deren Botschaft sich dem gesunden Menschenverstand jedoch schon vor dem Lesen täglich offenbart. Du kannst nicht alles haben. Man kann es aber versuchen. Und im Leben zählt, wie beim Schachspiel, nicht nur der nächste Zug. Sonst ist man MATT. (Sagt auch Herr Haig – MATT Haig).

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

„Ich glaube nicht, dass dein Problem Lampenfieber war, Auftrittsangst. Oder Hochzeitsangst. Ich glaube, dein Problem war Lebensangst.“

Dieses Zitat beschreibt für mich genau, warum man „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten sollte. Wer Lust auf gedanklich-philosophische Experimente hat; wer keine Angst davor hat, seine Lebenswege selbst zu hinterfragen und wer sich gemütlich und ein wenig ängstlich zurücklehnen mag, um sich vorzustellen, welche Titel die „Bücher der eigenen ungelebten Leben“ wohl tragen, der wird diesen Roman sicher nicht mit Ablauf der Leihfrist zurückgeben wollen. Und doch hätte ich mit Nora Seed so manche Hühnchen zu rupfen, würde sie mir in einem ihrer Leben begegnen…

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