Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

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