Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Es gibt Kriminalromane, in denen die Protagonisten tausend Tode sterben. Dann  gibt es solche, die ihr Personal einem Sudden Death zum Opfer fallen lassen, ohne zu realisieren, was eigentlich passiert. Oder das Sterben vollzieht sich als Folge konkreter Drohungen und letztlich gar nicht überraschend. Eins ist diesen Romanen gemeinsam. Es gibt ein Opfer, eine Tote, einen Toten, oder einen arg in Mitleidenschaft gezogenen Menschen, der komatös auf die Aufklärung eines Verbrechens wartet. Spannend, was dieses vielschichtige Genre zu bieten hat, und gleichzeitig überraschend, auf welchen neuen Wegen Autoren und Autorinnen sich hier in unser Lesen schleichen. Was, wenn das eigentliche Opfer gar nicht ermordet wird? Was, wenn sich ein Racheakt nur eher mittelbar auf das Leben der eigentlich Zielperson auswirkt? Was, wenn es das Umfeld dieses Menschen ist, das hier gezielt einer Mordserie ausgeliefert ist? Und was, wenn genau auf diese Weise dessen schleichender psychischer Tod verursacht wird?

Der langsame Tod der Luciana B.“ von Guillermo Martínez wartet genau mit einer solchen Ausgangssituation auf, die neugierig macht, Spannung verspricht und sich im Auge des geneigten Klappentext-Lesers festsetzt. Das klingt neu. Das klingt mal nach etwas Anderem und letztlich klingt es so, als könne man kaum widerstehen. Für mich klang es nach einem perfekten Unterhaltungsroman, einem Übergangsbuch, das sich zwischen die eher literarischen Titel meines Lesens schieben sollte, um sozusagen als Puffer für eine gewisse Ablenkung zu sorgen. Ich war schon sehr neugierig, ging aber ohne große Erwartungen an diesen Kriminalroman heran. Letztlich war es die kuriose Ausgangssituation, die mich zum willfährigen Opfer des argentinischen Schriftstellers Guillermo Martínez machte. Was ich in „Der langsame Tod der Luciana B.“ erlebte, unterschied sich deutlich von meinen Erwartungen, von bekannten Krimi-Mustern und nicht zuletzt auch von den Klischees, die diesem Genre anhaften…

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Und schon sind wir mittendrin in einem Szenario, das die Tür zu einem dramatisch anmutenden Kammerspiel für drei Akteure öffnet, die um Glaubwürdigkeit und um ihre Existenz kämpfen. Da ist die junge Studentin Luciana B., die sich als Sekretärin eines der bekanntesten und zugleich mysteriösesten Krimi-Autors Argentiniens über Wasser hält. Er diktiert ihr seine Romane, sie folgt seinen Lippen und befreit ihn vom Formalen des Schreibprozesses. Als sich der Autor der jungen Frau in sexueller Absicht nähert, platzt die literarische Blase. Sie wehrt ihn ab, lässt ihn, den großen „Kloster“ auflaufen und macht den Skandal des sexuellen Übergriffs sofort publik. So lautet jedenfalls ihre Geschichte, als sie beim Erzähler unseres Romans auftaucht, dem sie vor genau zehn Jahren ebenfalls als Sekretärin zur Hand ging. Alles hat hier seine klare Vorgeschichte. Nichts beginnt aus dem Stegreif oder aus der hohlen Hand heraus. Jeder Seite dieser Geschichte sind zwei Seiten abzugewinnen. Zumindest zwei…

Unser Erzähler hört erstmal zu und staunt. Er, der leidlich erfolgreiche Krimi-Autor, für den die Episode mit Luciana längst vergangen scheint, wird einerseits an die Zeit erinnert, in der er ihr sein Schreiben anvertraute. Andererseits erkennt er in ihr kaum noch die junge strahlende Schönheit von einst. Hier beginnt, was sich zum Duell der beiden Schriftsteller selbst in literarische Höhen schraubt. Luciana öffnet sich und in aller Deutlichkeit entsteht das Bild eines Rachefeldzuges, dem man sich kaum noch entziehen kann. Nachdem sie Klosters sexuellen Übergriff öffentlich gemacht hatte, zerbricht dessen Ehe und vieles, was er sich zeitlebens aufgebaut hat. Doch statt an Luciana Rache zu nehmen, beginnt das Sterben in ihrem Umfeld. Ihr Freund ertrinkt, ihre Eltern sterben an Gift und ihr Bruder wird bei einem Überfall getötet. Und all diese Taten scheinen Klosters Handschrift zu tragen. Alles ähnelt dem Intelligenzmuster, das seinen Krimis innewohnt. Kann ein virtuoser Krimi-Schriftsteller zugleich ein perfekter Mörder sein? Diese Frage kann nur jemand beantworten, der Luciana B. kennt, der ihr selbst diktiert hat, und dem sie zutraut, es mit Kloster aufzunehmen…

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Schon bei der ersten Begegnung der beiden Schriftsteller wird klar, dass sich die Geschichte schnell zum literarischen Showdown zweier Meister entwickelt, die sich mit Argusaugen beäugen, gegenseitig analysieren, in Fallen locken und Schlussfolgerung um Schlussfolgerung aus ihren brillanten Hirnen abfeuern. Ist die Todesserie die Folge einer gezielten und hochintelligenten Racheaktion? Wird das Sterben weitergehen und wer ist jetzt in Gefahr? Oder entspringt alles der fatalen Fantasie einer Frau, die sich in unmittelbarer Nähe der geistigen Schöpfer eines mörderischen Genres in eine abstrus anmutende Idee vom literarischen Rächer hineinsteigert? Ein Spiel auf hohem Niveau mit enormer Fallhöhe für alle Beteiligten. Wir versuchen, lesend immer auf Augenhöhe zu bleiben, sammeln Indizien und Argumente, interpretieren und wägen ab. Doch trotz aller schlauen Gedanken bleiben die grundlegenden Motivationen der Akteure weit im Verborgenen. Geht das langsame Sterben weiter? Nähert es sich dem langsamen Tod?

Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist die literarische Brillanz, mit der die beiden Schriftsteller aufeinandertreffen. Wir erfahren viel über die Art und Weise, wie in ihren Köpfen Geschichten geschrieben werden, wie man falsche Fährten legt, wie man es schaffen kann, unentdeckt zu bleiben und zugleich werden wir Zeugen des Wandels unseres Erzählers. Hier steht nun plötzlich die Frage im Raum, ob ein Krimi-Autor auch in die Rolle des leitenden Ermittlers schlüpfen kann, um den Hauptverdächtigen in aller Konsequenz überführen zu können. Ich musste oft daran denken, wie sich dieses Spiel anfühlen würde, wenn sich Sebastian Fitzek als Verdächtiger von Jussi Adler-Olsen in die kriminalistische Mangel nehmen lassen müsste. In der Umsetzung der Story hat sich der Argentinier Guillermo Martínez aus meiner Sicht selbst übertroffen. Nichts ist vorausschaubar und jeder Protagonist ist in der Lage, uns mit starken Argumenten zu überzeugen.

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Neben diesem literarischen Duell bleibt es „Der langsame Tod der Luciana B.“, der uns nachhaltig beschäftigt. Ihre Charakterzeichnung ist grandios gelungen, ihr folgt man in ihre Ängste, ihre Visionen und die Spekulationen, die sie vorzeitig altern lassen. In ihr versammeln sich alle Bilder und Gefühle von Schuld und Verlust. Waren es ihre Fehler, die alles ausgelöst haben? Oder hätte sie schweigen sollen? Wie weit muss man sich als Frau zurücknehmen, um dem Establishment nicht in den Weg zu kommen? Aktuelle Fragen einer #MeToo-Epoche, in der toxische Männlichkeit nichts mehr mit einem Kavaliersdelikt zu tun hat. Guillermo Martínez spart diese Themen in keiner Weise aus. Er sensibilisiert und zeigt die dramatischen Konsequenzen auf, die mit grenzüberschreitendem Verhalten einhergehen. Doch sollte man sich davor hüten, sich vorschnell auf die ein oder andere Seite zu schlagen. Hier spielt immer noch ein Faktor des Schreibens von Kriminalromanen eine Rolle, den man nicht vernachlässigen darf:

Es ist Klosters „Hypothese des Zufalls“, der wir hier begegnen und die dafür sorgt, dass wir nicht nur diese Geschichte anders lesen, als wir das gedacht hätten. Ich bin inzwischen davon überzeugt, hier kein Übergangsbuch gelesen zu haben. Das kommt vor, wenn man sich ohne große Erwartungen und unbefangen annähert. Insofern war es durchaus überraschend, wie literarisch tiefgründig der Aufbau dieser Geschichte in ihrer gesamten Dynamik ist. Wer gerne verwirrt wird, wer sich gerne verwirren lässt in seinem Lesen, wer gerne starken Charakteren in die existenzielle Schlacht folgt, ist in „Der langsame Tod der Luciana B.“ sehr gut aufgehoben. Ein blitzgescheiter Roman für Liebhaber guter Kriminalromane. Eine Verfilmung des Stoffes würde sich anbieten, weil das Buch so viel Kopfkino auslöst, dass man gar nicht genügend Popcorn kaufen kann, um die Nerven im Zaum zu halten. Das ist kein Puffer-Buch. Das ist ein Krimi von Format mit Format.

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