Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Nun endet er schon wieder, der diesjährige Giro d`Italia. Der legendäre Radsport-Klassiker, dessen Spitzenreiter traditionell im rosafarbenen Trikot durch die italienische Landschaft rast, sich durch Bergetappen quält und im Einzelzeitfahren beweisen muss, was in ihm steckt. Nichts ist zu sehen von den Trainingsqualen, von den Schmerzen an den Zielorten. Kaum jemand kann nachempfinden, was es bedeutet, diese Rundfahrt im Kollektiv eines Profi-Teams zu bewältigen, bis man das begehrte Maglia Rosa behalten darf. Kaum jemand kann sich noch vorstellen, dass diese Anstrengungen ohne Doping überhaupt möglich sind. Ein Sport-Großereignis unter dem Vorbehalt des Zweifels. Ein großes Thema für die Literatur. Sicherlich. Gerade der Giro hat seine eigenen Dramen geschrieben, seit die Gazetta dello Sport, die auf rosafarbenem Papier erscheinende Sportzeitung, das Rennen 1909 ins Leben rief. Und erst seit 1988 wird das Rennen als Giro d`Italia Femminile von Frauen absolviert.

Wie wäre es also, eine solche Geschichte zu erzählen? Die Geschichte der ersten Frau, die am Giro d`Italia teilnahm und selbst Geschichte schrieb. 1988? Weit gefehlt. Vor fast 100 Jahren wagte sich die junge Italienerin namens Alfonsina Strada in diese reine Männerdomäne vor und bewältigte die komplette Rundfahrt. 3613 Kilometer in 12 Etappen, die kürzeste davon 230 Kilometer lang, die längste 415 Kilometer. Nach jeder Etappe gab es einen Ruhetag. Man saß neun bis siebzehn Stunden täglich auf seinem Rennrad. Bergauf, bergab. Keine Mannschaften. Jeder, ganz besonders Alfonsina, auf sich selbst gestellt. 108 Fahrer, eine einzige Fahrerin. Auf dem Rücken hatten sie ihren Proviantbeutel, dessen Inhalt ausgereicht hätte, eine ganze Familie eine Woche lang zu ernähren. Begleitfahrzeuge selten. Betreuer Fehlanzeige. Die mediale Aufmerksamkeit jedoch gewaltig. Und mittendrin sie: Die von allen als Verrückte, als Mannweib und Irre bezeichnete. Alfonsina Strada.

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Wie sie das geschafft hat? Das ist eine Geschichte, die uns Simona Baldelli erzählt. Ihr biografischer Roman Die Rebellion der Alfonsina Strada (Eichborn) stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt, die mit ihrem Fahrrad ein überholtes Frauenbild auf dem Radweg der Geschichte überrollte, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur Italien im Griff hatte. Einfache Frauen gehörten an den Herd, hatten ihre Pflichten als Mutter und Ehefrau zu erfüllen. Wenn sie arbeiteten, dann waren es Berufe, die im soziopolitischen Umfeld als schicklich galten. In diese patriarchisch geprägte Welt wird Alfonsina im Jahr 1891 hineingeboren. So wird sie sozialisiert. Damit hat sie sich auch in ihrer Familie abzufinden. Spielraum – Fehlanzeige. Eigene Träume? Die gibt es. Als eines von vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen träumt sie von ihrer Flucht in eine eigene Welt. Das Fahrrad ihres Vaters ist das prädestinierte Fluchtfahrzeug eines Mädchens, das 1901 im Alter von zehn Jahren erstmals ihrem eigenen Willen folgt.

„Durch das Fahrrad lernte Alfonsina den Ungehorsam.“

Mit dem Fortbewegungsmittel des Vaters will sich die kleine Alfonsina von ihrer Familie fortbewegen. Was folgt, ist das Erleben der Unabhängigkeit auf zwei Reifen. Es folgt das Gefühl, etwas zu können, was andere Frauen nicht konnten. Und in den folgenden Jahren kommt zum angeborenen Talent der Fleiß hinzu, der das Mädchen schnell in die Lage versetzte, sich auf einer Rennbahn im Training auch mit Männern messen zu können. Wir folgen Alfonsina durch die sich verändernde Atmosphäre im Heimatland. Der Erste Weltkrieg hinterlässt deutliche Spuren, die Zeit danach ähnelt eher einem Stillstand, als einer befreienden Stimmung. Mussolinis Zeit beginnt und in ihrem Gefolge wird die Rolle der italienischen Frau ein weiteres Mal degradiert. Doch Alfonsina kämpft mit und gegen sich selbst, gegen die Ablehnung im Land und gegen die Vorbehalte der Frauen, die ihren Sport und ihr Dress als skandalös ansehen. Sie geht ihren Weg und macht von sich Reden. Gegen jeden Widerstand:

„Die Einstellung, dass Frauen nichts wert waren, einte sie alle:
Faschisten, Sozialisten, Kommunisten und Geistliche.“

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Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Und dann bietet sich im Jahr 1924 die einmalige Chance für sie, am Giro d`Italia teilzunehmen. Nicht als Mann verkleidet, nicht undercover inoffiziell, sondern gerade, weil sie eine Frau ist. Der Giro sucht nach Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Die soll Alfonsina liefern. Die Verrückte, die man inzwischen hinter vorgehaltener Hand schon „Die Königin der Tretkurbel“ nennt, macht sich auf ihren Weg, „die Unerreichbare“ zu werden. Wer hier eine reine Radsport-Story erwartet, der sieht sich getäuscht. Wem eine typische Emanzipations-Geschichte in den Sinn kommt, der wird sich verwundert die Augen reiben, weil Simona Baldelli den Bogen ihrer Geschichte viel weiter spannt. Es ist die facettenreiche Konstruktion dieses Gesellschaftsromans, die von der ersten Seite an zu überzeugen weiß. Es sind drei Erzählebenen, die uns erlauben, Alfonsina durch ihre Kindheit und die Radsportkarriere zu begleiten, sie aber auch am Ende zu erleben, als der Ruhm vergangener Tage fast erloschen ist. Und es ist eine dritte sehr gut durchdachte Sichtweise, die bis in unsere Zeit reicht und die Leistung der jungen Radrennfahrerin in den Kontext der Geschichte der Gleichberechtigung stellt.

„Du hast dich für wer weiß was gehalten, dich auf eine Stufe mit den Männern gestellt, aber du bist eine traurige Träumerin, eine Verrückte, Niete, Flittchen, Nutte. Sie erschauerte. Auf dem Fahrrad würde nicht nur Alfonsina sitzen, sondern all das mit ihr. Es war eine enorme Verantwortung. Wollte sie die wirklich übernehmen?“

Der Giro d`Italia mutiert zur Metapher für jeden Traum einer Frau, in dem sie sich von den Vorurteilen und Rollenbildern freistrampeln kann, die ihren Lebensweg in sehr eindimensionale Bahnen lenken. „Die Rebellion der Alfonsina Strada“ ist ein rasanter biografischer Roman voller Esprit, Freiheitsdrang, Emotion und Tiefgang. Das ist keine stereotype Streitschrift, in der nach Quoten gerufen wird. Der Roman setzt der mutigen Frau auch kein bleibendes Denkmal. Das wäre viel zu einfach. Das wäre auch Simona Baldelli zu einfach gewesen. Sie erinnert an einen Menschen, der kämpfen musste, in Konfliktsituationen über sich hinauswuchs und am Ende doch erkennen musste, dass Ruhm stets vergänglich ist. Die Lebensleistung bleibt. Das Vorbild bleibt. Die Sportlerin bleibt.

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Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Wenn das Rosa Trikot ins Ziel kommt und die rosafarbene Zeitung den Champion bejubelt, dann sollte man Die Rebellion der Alfonsina Strada zur Hand haben. Die Romanbiografie eines bewegten Frauenlebens aus der Feder von Simona Baldelli trägt seinen rosafarbenen Buchrücken völlig zurecht. Das Buch steht für die Ideale und den Mut einer jungen Frau, für den Lebenswillen einer ganzen Generation und für das Herz einer Sportlerin. Der Roman ist Gipfelstürmer und Vorreiter zugleich. Er lässt sich nicht abhängen, überzeugt in seinen Berg- und Talfahrten und folgt seinem Weg unbeirrbar, sogar, wenn der Lenker bricht. Und ganz nebenbei gelingt der Autorin eine sprachlich raffinierte Pointe, wenn sie das Reglement des Giros von 1924 auf den Prüfstand einer Gender-gerechten Sprache stellt. Ein herrlicher Brückenschlag in unsere Zeit. Brillant.

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6 Gedanken zu „Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

  1. Diese Rezension ist beeindruckend und erschütternd zugleich. Gerade der Verweis auf das vernichtende Frauenbild diverser Gruppierungen und Parteien. Hat sich im 2021 etwas zum positiven verändert? Nein liegt mir auf der Zunge. Täglich gibt es immer noch diese „obwohl“ Sätze. Obwohl sie eine Frau ist…obwohl sie eine schwarze Frau ist…obwohl sie… unselige Sätze. Immer wieder herabsetzend und beleidigend. Sport war mir schon immer egal. Aber hier geht es um viel mehr. Darum werde ich mir dieses Buch kaufen. Natürlich Lesen und schauen wie ich es im Alltag umsetzen kann.

    • Es sind diese Gründe, die mich zu diesem Buch brachten. Nein. Viel weiter sind wir nicht. Ein kompliziertes Feld, weil gerade auch viele Frauen scheinbar lieber alten Bildern entsprechen. Auch Alfonsina musste extrem gegen weibliche Anfeindungen kämpfen. Und keine Sorge, das ist wahrlich kein Sportbuch. Es ist so viel mehr.

      • Leider erlebe ich das auch so. Gerade die Generation der 30 bis 40 jährigen Frauen ist wieder in den alten Rollenbildern zu Hause. Es gibt eine traurig schöne Doku. Da geht es um das Frauenbild der späten 60er Jahre. Ein Mann…von keinerlei Demokratiegedanken entstellt.. spricht in die Kamera….eine Frau gehört am (wirklich am) Kochtopf. Und dann regen wir uns über die Herdprämie auf. Ab 13:00 Uhr bin ich im Hauptberuf Vater. Der beste Beruf der Welt. Habe so eben auch Kontakt zu den Müttern gehabt. Spielbesuch. Gerne bei uns. Da muss ich erst meinen Mann fragen. Bei schwarzen…in Deutschland geborenen Frauen…sie sprechen aber gut Deutsch. Für eine schwarze. Und so weiter. Aber…dieses Land hat weibliche “ Führungspersonen“ wie Frau von der Leyen. Wo soll es also herkommen? Und so weiter….

      • Dieses und so weiter… ja, das nervt. Gerade DFB-Pokalendspiel der Frauen gesehen. Der Kommentator nach der roten Karte für eine Torhüterin… „So mögen die Zwillinge ihre Mama aber nicht gerne sehen“… Hört man beim Herrenfußball selten… „Da hat der Papa aber…“

        Man hängt fest. Da spielt eine Mama Fußball. Da ist kein Fußballprofi auf dem Platz… endlos fortzusetzen…

        Deshalb positioniere ich mich hier auch als Mann.

  2. Ich würde jetzt so gerne antworten. Der Hund will aber raus. Sport…mir ohnehin egal. Das ist aber auch wieder egal. Das Kernproblem haben wir in allen Bereichen der Gesellschaft. Aktuelles Beispiel…Homeoffice. Bis bald.

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