Bibliomanie – Bücherkrankheiten im Wandel der Zeit

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert – Bücherkrankheiten

Er war gerade einmal fünfzehn Jahre alt, der gute Gustave Flaubert, als im Jahr 1836 sein Aufsehen erregendes Debüt entstand. In Bibliomanie erzählt uns dieser junge aufstrebende französische Romancier von der alles verzehrenden Passion eines Mönchs, der sein ganzes Leben dem Besitz von  Büchern verschrieben hat. Nicht dem Lesen wohlgemerkt. Das beherrscht er nur schleppend. Nein, es ist die Sucht, seltene Werke in seiner Bibliothek zu horten und sie somit dem Zugriff anderer Menschen zu entziehen. Der Inhalt ist völlig nebensächlich. Es ist der unstillbare Bücherwahn eines Büchernarren, mit dem uns Gustave Flaubert in seinem psychologisch tiefgründig und erschreckend realistisch erzählten Szenario konfrontiert. Und das in diesem Alter. Wir begleiten Giacomo auf seinen Streifzügen durch Barcelona und werden zu Komplizen seiner düsteren Machenschaften. Er ist zu allem bereit, wenn es darum geht, ein von ihm begehrtes Buch in seinen Besitz zu bekommen.

War es reine Fiktion, die Flaubert dazu trieb, von der Obsession des vom Wahnsinn getriebenen Büchernarren zu schreiben, oder folgte er schon in frühen Jahren seiner Vision, was aus dem wertvollen Kulturgut Buch werden würde, wenn es für jedermann zugänglich wäre. Eine dunkle Geschichte voller Geheimnisse und Fallstricke für einen Mönch, der alles aufs Spiel setzt, um seine Bibliothek zu erweitern. Eine wundervolle Neuausgabe aus dem Insel Verlag beschenkt uns nicht nur mit dem wuchtigen Text, das schmale Büchlein der Insel-Bücherei ist reichhaltig illustriert, fesselt schon beim Anblick des in Fesseln liegenden Covers und ist das perfekte Geschenk für bibliophil veranlagte Menschen, die jeden Verdacht einer Bücherkrankheit von sich weisen und behaupten, ganz normale Leser zu sein. Aber sind wir das? Blicken wir doch einfach in den Spiegel, den uns Gustave Flaubert vorhält und seien wir ehrlich. So schwer es auch fallen mag….

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Als leidenschaftliche Leser möchten wir uns gerne bezeichnen, als Freunde und Liebhaber der Literatur – und doch stellen wir selbst in den tiefen Abgründen unserer buchigen Seele Veränderungen an uns fest, die man als Außenstehender durchaus als krankhaft bezeichnen könnte. Alles Humbug und Firlefanz, denkt Ihr sicherlich, oder ist doch ein Körnchen Wahrheit an der Sichtweise unbeteiligter Dritter?

Ist es Euch noch nie passiert, und ich frage wirklich: noch nie, dass Ihr zum „Herr der Ringe-Wesen“ Gollum mutiert, wenn jemand ganz freundlich fragt: „Uii, schönes Buch, leihst Du mir das mal aus?“ Habt Ihr Euch jemals selbst im Spiegel betrachtet, wie sich Eure Mimik bei dieser Frage verzerrt, sich Euer Puls rapide beschleunigt, Ihr das Buch krampfhaft hinter dem Rücken versteckt und leicht sabbernd zur Antwort gebt „Meiiiiiin Schatz…“? Noch nie? Dann seid Ihr fein raus und könnt jetzt ganz unbeteiligt weiterlesen. Es betrifft Euch ja nicht. Nicht im Geringsten! Und solltet Ihr doch noch auf Begriffe oder Symptome stoßen, die Euch ein wenig nachdenklich machen – gar kein Problem… echt nicht… alles nicht so schlimm!

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie und ihre Varianten

Unter diesem harmlos daherkommenden Begriff verstehen wir die übersteigerte Leidenschaft für Bücher, die durchaus Symptome einer Sucht aufweist. Meistens beginnt es mit dem Sammeln. Erst geordnet nach Interessen und Autoren, dann immer zielloser und ohne Bezug zu realen Umgebungsparametern, wie Wohnungsgröße oder verfügbare Regalmeter. Auch die vielleicht noch vorhandene Familie wird zusehends in den Hintergrund gedrängt. So fängt es meistens an. Ganz harmlos…

Galt das reine Sammeln von Büchern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch als verwerflich, so wandelte sich das Bild und die Bibliophilie hielt als schöne Tugend Einzug in die aufgeklärten Gesellschaften. In der idyllischen Wohlstandsumgebung des Bildungsbürgertums wurden Bücher zusehends zum erschwinglichen Allgemeingut und die ersten großen Privatbibliotheken schossen aus dem Boden. Bibliophilie vollzieht sich nicht ungezielt und verständnislos – sie ist DAS Stilmittel der schönen und reinen Seite der Faszination für Literatur.  Wo das Schöne sich ausbreitet, da geht es jedoch meist Hand in Hand mit der dunklen Seite der Büchermacht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hält die Bibliomanie mit all ihren denk- und undenkbaren Varianten Einzug in Europa. Zum ersten Mal werden kriminelle Auswüchse der Bücherleidenschaft bekannt und mit besonderer Schärfe bestraft.

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Johann Georg Tinius zum Beispiel veruntreute Kirchengelder und beging Raubmorde, um seine ziellose Sammelleidenschaft zu finanzieren. 1823 wurde er zu 12 Jahren Haft ohne jede Chance auf Bewährung verurteilt. Der Comte de Lignerolles zog sich 1848 vollständig aus der Gesellschaft zurück, um sich seiner Geheim-Bibliothek zu widmen. In einer abgeschotteten Pariser Wohnung hortete er all seine Schätze, leugnete deren Existenz, behielt alle durchs Lesen erlangten Kenntnisse für sich und entzog somit der Gesellschaft in beträchtlichem Umfang den Anspruch auf Literatur und Bildung. Diese krankhaften Varianten der Bibliomanie finden danach auch Einzug in die einschlägige Fachliteratur. Hier entdecken wir folgende Begrifflichkeiten für Literatursucht:

  • Biblioklast: Menschen, die besessen davon sind, Bücher zu zerstören
  • Bibliopath: Jemand, den Bücher krank machen
  • Bibliophag: Menschen, die Bücher verschlingen
  • Bibliophobie: Die Angst vor Büchern
  • Biblioskop: Jemand, der Bücher nur durchblättert ohne sie zu lesen
  • Bibliotaph: Menschen, die ihre Bücher zwanghaft verstecken
  • Biblioverser: Jemand der Bücher zweckentfremdet nutzt

Zu dieser Zeit entstand auch das geflügelte Wort: „Wer nach Büchern giert, der mordet auch!“

Ich hoffe, Ihr konntet diesem recht theoretischen Teil unbeteiligt folgen und habt nicht einen Begriff gefunden, der Euch innerlich zusammenzucken lässt. Das würde mich sehr freuen. Es unterscheidet Euch aber von mir (ein wenig …denn phag bin ich ja schon)… Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

All diese Spielarten der Bibliomanie haben sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet. Leicht abgewandelt, aber mehr als ernstzunehmen. Und es sind neuere Mutationen der krankhaften Sucht nach Büchern hinzugekommen. Vielleicht habt Ihr von den Begriffen und Symptomen bereits gehört? Aber nur vielleicht…

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie – Auswüchse / Mutationen des 21. Jahrhunderts

Bücher-Messi
Bücher und Verlagskataloge breiten sich in rasender Geschwindigkeit in der Wohnung aus und verdrängen alle biologischen Lebensformen. Von Ordnung keine Rede mehr – der Besitzer fühlt sich jedoch wie in einer lebensfernen Symbiose zu seiner Umgebung.

Schutzumschlag-Bügler
Neurotische Hobbyrestauratoren, die jedem minimal beschädigten Schutzumschlag mit einem Dampfbügeleisen zu Leibe Rücken, Eselsohren plätten oder mit Sekundenkleber die Buchbindekunst revolutionieren.

Bücher-Zapper
Parallel-Leser, Gleichzeitig-Verschlinger, Überblick-Verlierer, die sich auf allen Ebenen einer Zeitachse durch mehrere Romane fressen. Ständige Auf- und Zuklappgeräusche pflastern ihren Leseweg und am Ende bleibt ein rudimentärer inhaltlicher Überblick bei gleichzeitigem automatisiertem Vergessen der Titel und Autoren.

SUB-Diabetiker
Menschen, die in einen Zuckerschock fallen, wenn ihr Stapel der Ungelesenen Bücher eine Maßzahl von 100 unterschreitet. Medikamentös nicht behandelbar und zu Risiken und Nebenwirkungen können nur Blogger und der nächste Buchhändler des absoluten Vertrauens Auskunft geben.

Signier-Junkies
Bibliotaphe Leser, die ihre Bücher wie ihren Augapfel hüten, sie keinesfalls an Freunde verleihen, sie niemals aus der Hand geben und doch jedem dahergelaufenen Autor mit tintetriefendem Füllfederhalter erlauben, das Titelblatt unleserlich zu verschmieren.

Book Diver
Menschen, die so massiv in die Handlung eines Romans eintauchen, dass die im Buch beschriebenen Gefühle aus dem Buch ans Tageslicht treten und Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, oder Lust (worauf auch immer) erzeugen. Selbst Szenarien werden so tief verinnerlicht, dass ein harmloses Freibad zur Arena von Panem mutiert. Vorsicht – diese Menschen sind beim Auftauchen meist ungenießbar, realitätsfremd und brechen am Ende eines Buches aus unerfindlichen Gründen und an den absolut unpassenden Orten in Tränen oder Gelächter aus.

Die literarische Heuschreckenplage
Ehemaliges Messephänomen auf Großevents, das seit 2020 in Frankfurt und Leipzig in Vergessenheit geraten ist. Ein Virus hat dieser Plage ein Ende bereitet. Verlagsstände wurden als herrenlose Maisfelder betrachtet und von mehreren bibliophagen Menschen schier leergefressen, geplündert und bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Beliebt war dieser literarische Flash-Mob am letzten Tag einer Buchmesse (beliebte Ausrede: Es muss ja doch alles abgebaut werden). Häufige Nebenerscheinung jener Plage war das Auftreten biblioklaster Neigungen. („Besser kaputt als in der Hand eines Anderen“).

Leseexemplar-Kollektor
Unersättlicher Leser, der mehr Rezensionsexemplare hortet, als er in den nächsten 25 Jahren bewältigen, geschweige denn besprechen kann, dabei aber schon den Blick in die Neuerscheinungskataloge der nächsten Saison wirft, um immer aktuell zu sein. Auf dem besten Weg zum Biblioskop….

Bücherflüsterer
Menschen, denen das Talent in die Wiege gelegt wurde, JEDES (aber wirklich jedes) Thema sofort und ohne Umwege auf die literarische Ebene zu heben. Egal, wie sehr das Gegenüber versucht ein Gespräch einzuleiten – sinnlos – zwecklos – bereits der erste offensive Konter „Das kenn ich, darüber hab ich grad ein Buch gelesen, hör mal zu, ich erzähle schnell worum es da ging“ führt dazu, jeden Gesprächspartner mundtot zu machen.

Literatur-Muezzin
Leser, der mit allen multimedialen Mitteln den gesamten Erdkreis darüber informieren muss, in welches Buch er gerade seine Nase steckt. Instagram, Facebook oder Apple-Anwendungen und Twitter ersetzen hierbei Gebetstürme und Lautsprecheranlagen. Das Ergebnis bleibt gleich. Europa weiß ohne Zeitverzug, was Lieselotte Müller gerade liest. Und Europa dankt auf Knien für diese inhaltsreiche Information.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Schier endlos sind die heutigen Ausprägungen der Bibliomanie. Uns betreffen sie gottlob nicht.. Wir sind weit entfernt von diesen Abarten des Missbrauchs von Literatur und des ungezügelten Buchkonsums. Nein! Wir doch nicht. Und sollten wir doch eines Tages erste Symptome an uns erkennen, die als Alarmsignal zu werten sind, sollten wir uns eines vor Augen führen: Eines jedoch haben all diese Auswüchse gemeinsam. Sie sind in der Lage, das nicht so lesebegeisterte Umfeld eines Büchermenschen in einen Zustand der Bibliophobie zu versetzen. Ein schmaler Grat – und das meine ich ernst!

Wer weitere Krankheits-Mutationen der Bücherkrankheit kennenlernen möchte, dem möchte ich „Das Papierhaus“ von Carlos Maria Dominguez ans Herz legen. Private Bibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht und bibliophiler Kontrollverlust sind hier die Parameter, in denen sich das Leben eines Mannes bewegt, der plötzlich mit seinen Büchern verschwindet. Ein erhellend erschreckendes Buch einer Obsession.

Bibliomanie – Gustave Flaubert und Das Papierhaus von Dominguez

5 Gedanken zu „Bibliomanie – Bücherkrankheiten im Wandel der Zeit

  1. Du bist gemein. Wieso finde ich mich in deiner Liste manisch Bibliophiler wieder? – Ich verbinde ab morgen früh um 0800 den Franzosen mit einem Italiener, den Gustave mit Umberto. Wie durch die Blume angekündigt.

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