Reden wir über Simon Stålenhag (3) Things from the Flood

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Mit den folgenden Worten begann im Juni 2020 meine Artikelserie zu den Büchern eines schwedischen Künstlers, die ich heute fortsetzen darf. So hat alles angefangen:

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten… JETZT IST ES SO WEIT!

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Ich habe den Stålenhag-Kosmos des Loops nie verlassen. Hier hatte mir der Autor neben der dystopischen Geschichte eines Teilchenbeschleunigers namens Loop auch einen Fantasiebeschleuniger in meinen Leseorganismus gepflanzt. Der Loop zog seine Kreise in meinem Geist. Unerklärliche Anomalien in Raum-Zeit-Kontinuum verloren den Schrecken und der Blick hinter die Kulissen des Rationalen machte neugierig, wie sich Verschiebungen von Zeitebenen wohl auf mein eigenes Leben auswirken würden. Doch war der erste Band „Tales from the Loop“ als eigenständiges Werk nur zu verstehen, wenn man die gleichnamige Amazon-TV-Serie gesehen hatte. Diese Mediensymbiose war absolut einzigartig und betrat in Format und Inhalt absolutes Neuland. Ein Blick auf eine der großformatigen Stålenhag-Illustrationen reichte mir aus, erneut in seiner Welt zu versinken, die es so niemals gegeben hatte… Oder doch?

Jetzt bin ich wieder hier. Lange Zeit, nachdem der mysteriöse Teilchenbeschleuniger stillgelegt wurde. Hier setzt Simon Stålenhag an, auf den Ruinen der stummen Zeugen der Vergangenheit, mit einem wehmütigen Blick auf die verrotteten Maschinen, die sich über die Landschaft verteilen. Hier beginnt der Erzählraum sich langsam mit Wasser zu füllen. Die Pegel steigen. In der Region der unterirdischen und versiegelten Anlage sind die steigenden Wasserstände Teil der Anomalien, die darauf schließen lassen, dass in der Tiefe etwas vor sich geht, was man nicht berücksichtigt hatte. Die Flut kommt und in ihrem Gefolge tauchen Roboter und Wesen auf, die einer neuen Geschichte in Stålenhags Fantasie Auftrieb verleihen. Sie sind da:

Things from the Flood“ – Dinge aus der Flut…

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Schon mit den ersten Zeilen und auf den ersten Bildern wird klar, dass Stålenhag nahtlos an der Story aus Tales from the Loop anknüpft. Wir kennen die Szenerie und wissen, was unter der Erde verborgen liegt. Wir erkennen die Relikte der Forscher, die über die Landschaft verteilt auf die Vergangenheit hinweisen. Und wir sind Zeugen einer neuen Zeit. Das Digitale ersetzt das Analoge der frühen Forschungsstation. Eine neue Zeit, die auch die Menschen der Gegend verändert. Nein, dies hier ist kein Add-On zu einem bestehenden TV-Format. Hier erzählt und zeichnet Stålenhag ein neues Bild von der Region, in der nichts so war, wie es scheint. Hier zeigt er sein Talent, das er in „The Electric State“ schon unter Beweis gestellt hatte, erneut. Diese Geschichte ist auserzählt, komplex konstruiert und lässt keine Fragen offen, die man im Fernsehen beantworten muss. Ein weiterer großer Wurf des schwedischen Illusionisten, der mich in der Prachtausgabe zu fesseln wusste.

Und ganz nebenbei gelingt Simon Stålenhag ein grandioser Coming-of-Age-Plot, indem er seine letzten Kindheitstage so sehr verfremdet und fiktionalisiert, dass bei all den mysteriösen äußeren Veränderungen auch das Innere einem Wandel unterzogen wird. Das Buch liest sich wie ein Tagebuch des Erwachsenwerdens auf den Trümmern des Loops. Die dunkle Bedrohung aus der Tiefe, der erzwungene Zwangsumzug seiner Familie, die Trennung der Eltern und das dystopische Setting ergeben hier ein Ganzes, dem man kaum entrinnen kann. Wenn man dann mit seinen eigenen Augen die Wesen erkennt, die durch die Landschaft vagabundieren, verliert man die Angst vor dem, was aus der Flut ans Tageslicht kommt. Es sind die nicht mehr benötigten Roboter aus der Vergangenheit, die nach einer neuen Heimat suchen. Es ist mitreißend, wie Stålenhag das Fremde in ein melancholisches Normales verwandet. Es ist brillant, wie er mit uns und mit seinen Figuren spielt. Es ist famos, welche Bilder er in unseren Gedanken zu verankern weiß. Das ist Fantasy, das ist Dystopie, das ist Urban Mystery und das ist ein illustrierter Roman, der die Grenzen sprengt.

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Was in reinen Coming-of-Age-Romanen als der letzte große Sommer, oder als der magische Erweckungsmoment beschrieben wird, der den Protagonisten die Grenze zur Welt der Erwachsenen überschreiten lässt, erlebt hier eine völlig neue Deutung. Gefahr und Ängste, die eine Kindheit stets geprägt hatten, verlieren ihren Schrecken. Es fühlt sich an, „als wären alle Naturgesetze neu geschrieben worden„. Selten habe ich in einem reinen Fantasy-Setting so viele Ansatzpunkte zur Auseinandersetzung mit dieser Angst gefunden, die man als Kind empfand. Plötzlich fühlte man sich unsterblich, nicht mehr verwundbar und wie neu geboren. Und doch war da im Hintergrund das Gefühl, ganz tief unter der Erde könnte etwas lauern und nur auf die Gelegenheit warten, sich ans Tageslicht zu begeben. Für mich sind es verdrängte Erinnerungen. Bei Stålenhag ist es der Loop, der nur zu ruhen scheint.

„Hätten wir uns eine Weile dort aufhalten können… hätten wir ihn vielleicht gehört – den nervösen Herzschlag dessen, was darin eingesperrt war und unruhig schlief.“

Ich hoffe auf eine Verfilmung von „Things from the Flood“ – ich freue mich auf eine Fortsetzung dieser magischen Geschichte und ich folge konstant dem Instagram-Profil von Simon Stålenhag, weil er hier Impressionen seines Schaffens veröffentlicht, deren Wucht so gewaltig ist und die so sehr inspirieren, wie seine Buchkunstwerke. Vielleicht darf ich bald einen weiteren Artikel schreiben  Reden wir über Simon Stålenhag (4), es wäre mir ein riesiges literarisches Vergnügen…

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

2 Gedanken zu „Reden wir über Simon Stålenhag (3) Things from the Flood

  1. Pingback: Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State | AstroLibrium

  2. Pingback: Reden wir über Simon Stålenhag (1) Tales from the Loop | AstroLibrium

Kommentar verfassen - Sie müssen keine EMail-Adresse oder Namen hinterlassen. Beachten Sie dazu meine Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.