Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Als Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium habe ich mich der Beobachtung des Bücherhimmels verschrieben, um buchige Fixsterne zu entdecken, die nicht nur schön aussehen, sondern als Orientierungshilfe in der unendlichen Weite wie ein literarisch-ethischer Kompass dienen können. Sternschnuppen fallen hier von Haus aus weg, weil sie nur einen temporären Knalleffekt liefern, bevor sie endgültig von der Bildfläche verschwinden. Kometen tauchen zwar mit einem prächtigen Schweif im Gefolge in regelmäßigen Abständen am Firmament auf, haben jedoch nichts Neues auf Lager. Einzig Fixsterne verfügen über eine ganz eigene Strahlkraft, müssen also nicht von Sonnen anderer Systeme angestrahlt werden, halten ihre Positionen dauerhaft und haben zeitlos Bestand. Ja, Bücher sind wie Sterne. Und, wenn Bücher von Menschen erzählen, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, den Sternenhimmel wissenschaftlich zu beobachten, dann sind sie sozusagen Ehrengäste meiner literarischen Sternwarte.

AstroLibrium - Die kleine literarische Sternwarte

AstroLibrium – Die kleine literarische Sternwarte

Begrüßen wir also Olli Jalonen, einen der bedeutendsten Autoren in Finnland, als „Special Guest of Honour“ in meinem Bücher-Observatorium. „Die Himmelskugel“ aus dem Mareverlag ist geradezu prädestiniert, einen besonderen Platz im Bücherregal der Himmelsstürmer einzunehmen, vereint dieser Roman doch alle Erzähl-Elemente, die für mich von besonderer Relevanz sind, wenn es um gute Literatur geht. Wissenschaftlich fundiert, fiktional perfekt ausbalanciert und gespickt mit Protagonisten, die aus der Zeit gefallen erscheinen. „Die Himmelskugel“ kann man drehen und wenden, wie man will, man findet keine Schattenseiten, entdeckt immer wieder neues und wird im Universum des brillanten Erzählers Jalonen schnell heimisch. Das liegt ganz besonders an seiner Hauptfigur, die er uns unaufdringlich und doch unwiderstehlich ins Leserherz schreibt.

Wir befinden uns auf der Insel St. Helena und schreiben das Jahr 1679. Es ist der achtjährige Angus, den wir bei einer mehr als merkwürdigen Beschäftigung antreffen. Er sitzt in der Astgabel eines Baumes und beobachtet den Himmel. Er erzählt, was ihm dabei ins Auge fällt, und dabei fallen uns ein paar Dinge ins Auge, die dieser Situation einen ebenso skurrilen, wie unglaublichen Charakter verleihen. Sein Kopf ist am Baum fixiert. Nachts beobachtet er die Sterne und markiert ihre Postionen mit einem Stich in ein dünn geschnittenes Aloe-Blatt. Diese Lochmarkierungen überträgt er dann zuhause mit Tinte auf ein Stück Papier und ergänzt seine Beobachtungen durch das Datum aus seinem Kalender. Angus bezeichnet sich als Himmelsspäher und geht seiner Ausgabe akribisch nach. Nacht für Nacht und Tag für Tag, wobei er tagsüber die Vögel zählt und unterscheidet, die sein Beobachtungsloch durchfliegen. Ungewöhnlich für ein Kind und doch lässt Angus von der Totholzebene keine Frage offen, wenn er erklärt, warum er dieser oftmals eintönigen Mission im Baum schon seit Jahren folgt…

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Er beobachtet den Himmel im Auftrag des großen Forschers Edmond Halley. Ja, genau der Edmond Halley, der später den Kometen entdeckte, der seither gleichnamig alle 75,3 Jahre wieder an unserem Firmament erscheint. Er war auf St. Helena. Er hat in Angus einen Forscher-Samen gesät und dafür gesorgt, dass sich dieser kleine Kerl in ein lebendiges Observatorium verwandelte. Hier beginnt ein Abenteuerroman, der an die ganz großen Erzählungen anknüpft, die uns an der Seite von kindlichen Helden im tiefsten Kern unserer Leserseele berühren. Von Jim Hawkins und der „Schatzinsel“ bis zum Waisenjungen Bartholomäus und dem Museum der Weltreicht die Skala der oftmals naiv wirkenden und doch so altklug agierenden Jungs, denen man einfach durch ihre Abenteuer folgen muss.

Hier konstruiert Olli Jalonen eine literarische Brücke, die auf einem extrem soliden Fundament ruht und doch ständig in Schwingungen versetzt wird. Die Welt von Angus ist keinesfalls so paradiesisch, wie man es auf St. Helena vermuten dürfte. Nein. Ganz im Gegenteil. Alles ist im Aufruhr. Ohne Vater aufgewachsen erkennt der Junge, dass seine Tätigkeit im Auftrag des großen britischen Forschers die einzige Chance für ihn ist, die Insel jemals verlassen zu können. Ein ungerechter Gouverneur, religiöser Zwist und die grausamen Lebensumstände, denen seine Mutter und Schwester auf der Insel dauerhaft ausgesetzt sind, scheinen nur eine Flucht als Ausweg erscheinen zu lassen. Das ferne England ist für Angus der Rettungsanker. Er weiß, dass er noch viel lernen muss, um seinem Idol zu folgen, ihm seine Aufzeichnungen vorzulegen und schließlich als sein Gehilfe arbeiten zu können. Edmond Halley ist der Komet, der nur ein Mal für den Jungen erschienen ist und ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nur Wunschdenken?

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Jalonen brilliert in der Art und Weise, wie er Angus als Ich-Erzähler des Romans etabliert. Wir wachsen mit ihm auf, erleben, wie er lesen und schreiben lernt und sich immer mehr dem Idealbild eines wissenschaftlichen Assistenten nähert. Angus erzählt zu Beginn der Geschichte kindlich naiv und grammatikalisch äußerst einfach. Als ihm der Pastor von St. Helena das Lesen beibringt, verändert sich auch sein Erzählen. Ein Entwicklungsroman, der es wirklich in sich hat. Absolut bestechend sind die Passagen, in denen Angus über seine neuen Fähigkeiten sinniert. Hier kann man sich jedes Zitat auf der Zunge zergehen lassen und seine immer weiser werdenden Worte genießen:

„Lesen ist Sehen, aber auch Hören. Schreiben ist kurzes Zeichnen.“

„Einen Brief schreiben ist Zeichnen, aber auch Sprechen. Wenn man lesen lernt, lernt man lautloses Sprechen zu hören. Wenn man schreiben kann, kann man sprechen ohne dass man etwas sagt.“

„Das vierte Lesen ist dann, dass man im Kopf noch einmal liest, was man gelesen hat. Das hilft sehr, wenn man erzählen muss, was ist und was man gelernt hat.“  

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Olli Jalonen legt mit seiner „Himmelskugel“ einen ungewöhnlichen Roman voller kolonisatorischem und wissenschaftlichem Flair vor, der seinen weiten Bogen von St. Helena bis ins ferne London schlägt. Wir erleben Angus auf seiner Insel, auf hoher See und zuletzt im Kapitol des großen Imperiums. Wir werden mit ihm zu einem Brief, den seine verzweifelten Weggefährten zu Edmond Halley schicken, um einen Aufruhr auf St. Helena zu beenden. Wir erleben Wellenberge, Zivilitationsschocks und die tiefe Verunsicherung dieses Heranwachsenden beim Erreichen seines Zieles. Dabei ist die Erzählweise Olli Jalonens nicht durch schnelle Szenenwechsel oder große Dynamik in den Abläufen gekennzeichnet. Er ist ein finnischer Autor, wurde mit dem renommierten Finlandia-Preis ausgezeichnet und wird der skandinavischen Tradition gerecht, seine Erzählung langsam zu entwickeln, ihr Raum zu geben und den Protagonisten nicht im Mahlstrom der Hektik untergehen zu lassen.

Erneut ein ganz großes Abenteuer aus dem Mareverlag, bei dem man mehr als 530 Seiten lang unglaublich gespannt darauf ist, ob Angus sein Ziel erreicht. Wer für Sterne schwärmt, Edmond Halley einmal gerne begegnet wäre, St. Helena im 17. Jahrhundert erleben mag, und gemeinsam mit unserem Himmelsspäher Angus seine ersten Schritte auf Londoner Boden gehen will, ist gut beraten, Die Himmelskugel zu lesen. Man wird auf keiner Seite enttäuscht, denn:

„Der Himmel beginnt in den Augen. Angus hat die Augen des tiefen Himmels.“

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Constanze Matthes schreibt dazu auf Zeichen & Zeiten:

„Sein neuestes Werk ist eine großartige, wunderbar zu lesende Parabel über die Möglichkeiten mit Ehrgeiz, Offenheit und Neugierde die Welt zu entdecken und seine Träume und Ziele zu erreichen –
auch wenn diese auf den ersten Blick sehr fern erscheinen.“

Ein Gedanke zu „Die Himmelskugel von Olli Jalonen

  1. Pingback: Olli Jalonen – „Die Himmelskugel“ – ZEICHEN & ZEITEN

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