SEESUCHT von Marlies van der Wel

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Seesuchtsvoll habe ich nach einem Zoom-Meeting mit dem Mixtvision Verlag auf dieses Buch gewartet. Seesüchtig freute ich mich auf den Moment des Eintauchens in einem besonderen Bilderbuch. Inzwischen hat dieses Kunstwerk hohe Wellen in der kleinen literarischen Sternwarte geschlagen. „Seesucht“ von Marlies van der Wel hat mich eingesaugt, meine Wahrnehmung verändert und mich bereichert wieder an Land abgesetzt, wo ich jetzt – festen Boden unter den Füßen – darüber schreiben kann, was ich in diesem Buch erlebt habe. Doch Vorsicht, es kann sein, dass ich zwischendurch immer wieder mal abtauchen muss, um unter Wasser Luft zu holen, damit ich mir hier keine nassen Füße bei der Rezension einfange. Die Seesucht ist einfach zu groß.

Schon beim Lesen des Buchtitels verspürte ich schon tiefe Dankbarkeit. Ich bin literarisch oft „draußen auf See“. Ich bin fasziniert von diesem tiefblauen Element, das unser Leben bestimmt. Zahllose Bücher zu den Themen Meer und Wasser bevölkern meine kleine Bibliothek und vermitteln das Gefühl, eine kleine Aquanautik-Abteilung zu führen. Was ich bisher nicht in Worte fassen konnte, gelingt Marlies van der Wel mit dem Titel ihres Bilderbuchs. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „seesüchtig„. Jetzt gibt es endlich ein Wort für die Sehnsucht nach dem Meer. Ein Wort für die tiefe Lust, in die Wellen zu laufen, mich schwerelos zu fühlen, treiben zu lassen, und in der Tiefe nach allem zu suchen, was sich dort verbirgt. Es ist die ungestillte Seesucht, die mich immer wieder in Bücher, an Strände und an Bord von Schiffen treibt.

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SEESUCHT von Marlies van der Wel

Da darf man sich nicht wundern, dass ich in literarische Schnappatmung verfiel, als ich auf diese Neuerscheinung aufmerksam gemacht wurde. Ich jedoch durfte mich wundern, in welche Tiefen mich dieses Buch entführen konnte. In bewegenden Bildern mit minimalistisch erscheinenden, jedoch vielsagenden Texten, erzählt uns die Autorin und Illustratorin die Geschichte von Jonas. Wir lernen ihn im Kinderwagen am Strand kennen, sehen seine ersten, magisch vom Meer angezogenen, Schritte zum Meer und das erste Eintauchen in dem fremden Element. Den großen Augen sieht man die tiefe Begeisterung an, die Schwerelosigkeit umfasst das Kleinkind, doch atmen funktioniert nicht. Im letzten Moment rettet die Mutter ihren kleinen Sohn. Was niemand ahnt. hier beginnt die „Seesucht“ des kleinen Jonas.

In interessanten Zeitscheiben dürfen wir ihm weiter auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens folgen. Ob als Acht- oder Achtzehnjähriger, man spürt  dass seine Faszination für das Meer kein Ende findet. Nur sein Ideenreichtum nimmt zu. Es sind Zufallsfunde, die ihm nun dabei helfen, seine Aufenthalte im Meer zu verlängern. Hier erlangt auch der Begriff „Strandgut“ eine neue Bedeutung. Letztlich jedoch scheitern seine Versuche immer wieder. Der dreißigjährige Jonas experimentiert mit einem U-Boot und endlich gelingt ihm eine Tauchfahrt auf Augenhöhe mit den Fischen. Seine Konstruktion ist gewagt und nur ein dummer Zufall beendet das Abenteuer. Die Jahre ziehen vorüber und Jonas sammelt beharrlich Strandgut. Er lässt sich treiben, es sind die Zufälle, die ihn mit neuen Fundstücken versorgen. Die Liebe zum Meer bleibt. Bis wir ihn zuletzt mit achtzig Jahren sehen. Bilder, die wir kaum glauben können. Bilder, die belegen, dass lebenslang geträumte Träume und Visionen real werden können. Wir versinken in großzügigen 78 Seiten eines kleinen Wunders.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Marlies van der Wel erzählt mit ihren facettenreichen Mitteln die Geschichte einer wahrhaftigen Bestimmung. Sie erzählt von nicht enden wollender Ausdauer und einer Beharrlichkeit, die ein ganzes Leben bestimmt. Sie malt uns ein Bild des Scheiterns ins Herz und zeigt zugleich, dass Aufgeben für Jonas niemals in Frage kommt. Sie erzählt in Wort und Bild, dass man Lebensziele nicht immer auf direktem Weg erreicht, und in vielen Fragen des Lebens geduldig sein muss. Das Meer steht hier als Sinnbild für das Glück, nach dem wir alle streben. Wenn wir die Flinte ins Korn werfen (oder den Anker über Bord), dann kommen wir keinen Schritt weiter. Und genau hier wird das Buch für Eltern und Kinder oder sogar für Großeltern und das gemeinsame Lesen interessant. Auch wir hatten und haben unsere Träume, auch wir haben ihnen hinterhergejagt, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Wenn wir Werte an unsere Kleinen weitergeben möchten, dann sind dies eben gerade Beharrlichkeit und der Wille, nicht aufzugeben.

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du? Was bist Du bereit für Deinen Traum zu investieren, und hast Du die Geduld, es auch auf Umwegen zu schaffen? Die Themen gehen uns nicht mehr aus. Versprochen. Und wenn man es bis hierhin geschafft hat, dann kan man das Strandgut suchen und definieren, was uns helfen kann, Lebensträume zu verwirklichen. „Seesucht“ ist ein Traumbuch. Es sind in erster Linie die faszinierenden und großformatigen Bilder, die uns bestechen. Es sind die Details, die wir in ihnen entdecken. Es ist aber auch ein Muster, das jedem einzeln geträumten Wunschtraum zugrunde liegt, das wir hier auf unser Leben übertragen.

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SEESUCHT von Marlies van der Wel – Mit einem Klick zum Film auf Vimeo

„Seesucht“ ist nicht zuletzt auch der Beharrlichkeit von Marlies van der Wel zu verdanken. Was mit einem Kurzfilm begann, an dem sie viele Jahre gearbeitet hat, ist nun zu einem Buch geworden. Aus „Zeezucht“ oder „Jonas und das Meer“ wird jetzt ein Bilderbuch, das wir jederzeit wieder hervorholen können, wenn uns die Sehnsucht mal wieder packt. Es ist das Strandgut des Lebens, das uns die Autorin überreicht. In der Geschichte finden wir das Muster der Gegenstände, die ans Ufer gespült wurden. Auch wir haben unser Strandgut immer in unserer Nähe. Auch, wenn wir denken, es sei nutzlos und wenig wert, weil es anderen verloren ging. Einen wahren Nutzen zeigt unser Strandgut nur, wenn wir ihn erkennen wollen. Dieses Buch hilft uns dabei.

Das Meer und das Wasser bei AstroLibrium. Dies ist mein Strandgut, das ich mehr als gerne mit euch teilen möchte: Es sind die Bücher, die ich fand.

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SEESUCHT von Marlies van der Wel

Ich habe die Suche niemals aufgegeben, und vielleicht schreibe ich mit 80 Jahren mein erstes Buch. Träumen wird man ja wohl noch dürfen. Das ist der Jonas in mir.

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Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Es sind auffällige Brüche in der Novelle „Ich will kein Hund sein„, die sie wertvoll machen. Es sind die Widersprüche, die sie greifbar und ergreifend machen und es ist der skurrile Einfall einer hoffnungslos Liebenden, der uns die Geschichte einer Frau in lebhafter Erinnerung bleiben lässt, die wegen ihrer gescheiterten Beziehung eine fatale Entscheidung trifft. Alma Mathijsen betritt in vielfacher Hinsicht Neuland, weil sie ihrer Sehnsucht nach der großen Liebe die Utopie einer Transformation gegenüberstellt. Der Titel des Buches konterkariert seinen Inhalt. Ein Bruch, der dieses Werk zu einem sehr lesenswerten Ereignis werden lässt. „Ich will kein Hund sein“ steht für das wahre Ich der Ich-Erzählerin. Die Entscheidung, die sie jedoch trifft, steht ihrem selbstbewussten Ich diametral gegenüber. So ist es wohl, wenn die Liebe endet und die verlassene Frau alles, ganz besonders sich selbst infrage stellt und zu allem bereit ist, um den brutalen Bruch zu kitten. Liebe bis zur Selbstaufgabe. Das zentrale Thema dieser Geschichte.

Und schon sind wir mittendrin in einem stereotyp wirkenden, aber alles andere als stereotyp erzählten Liebes-Verlustszenario. Es sind unterschiedliche Sprachen und die nicht mehr geteilten Emotionen, die unserer Ich-Erzählerin verdeutlichen, dass sich die Liebe ihres Lebens in Schall und Rauch aufgelöst hat. Es ist die Einsamkeit danach, in der sie versinkt. Es ist die Unsicherheit sich selbst gegenüber, versagt zu haben und es ist der Wunsch, alles rückgängig zu machen, nur um die Liebe ihres Lebens nicht zu verlieren, der sie in Endlosschleifen immer tiefer trudeln lässt. Es ist die Selbstaufgabe, der sie langsam verfällt, als sie vor Eifersucht auf mögliche neue Partnerinnen ihres so sehr vergötterten Gegenübers in depressiver Trostlosigkeit versinkt. Sie löscht ihr Profil auf Instagram, nur um nicht sehen zu müssen, wie er seine neue Freiheit genießt. Ein Schritt, der zugleich andeutet, dass sie ihr reales Profil zu löschen bereit ist. Wie weit darf man gehen, um im hoffnungslosen Kampf um die Liebe nicht selbst unterzugehen?

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein.“ Ein Eingangsstatement, das schnell an Relevanz verliert, da genau hier der einzige Ausweg zu liegen scheint, den unsere verlassene Liebende zu finden scheint. Eine Anlaufstelle für gebrochen Herzen. Ein Rettungsanker für all jene, die eine desillusionierende und erfolglose Paartherapie abgebrochen haben, weil sich der entliebte Partner nicht aufraffen will, um die gemeinsame Zukunft zu kämpfen. Am Ende der Liebe bleibt nur noch der Untergang oder die Flucht nach vorne. Hier könnte eine Annonce helfen. Hier könnte die Selbstaufgabe in Vollendung die einzige Lösung sein. Hier trifft sie eine Entscheidung, weil es einfach zu verlockend klingt.

Wir bieten einen Ausweg
Für alle Menschen mit einem weinendem Herzen
Für alle gebrochenen Menschen
Fühlen Sie sich verlassen?
Ist Ihr Herz anderswo?
An einem Ort, der unerreichbar geworden ist?…
Dann warten Sie nicht länger, sondern beginnen Sie… mit der Transformation.

Ich will _ein Hund sein. Dieser Gedanke manifestiert sich in ihr. Hier beginnt eine Utopie, die nach dem letzten Allheilmittel klingt. Die verlassene Frau mutiert zum Hund und wird dann genau an den Mann vermittelt, der sie verlassen hat. So kann sie künftig in seiner Nähe sein, Teil seines Lebens werden, alles mit ihm teilen, Weggefährtin und alles andere sein, wovon sie verzweifelt und hoffnungslos träumt. „Eine Agentur“ erfüllt ihr den ultimativen Wunsch.

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Alma Mathijsen beschreibt nicht nur das Ende einer Liebe, sie macht nun auch den Weg frei für die unumkehrbare Hundwerdung einer verzweifelten Frau. Es beginnt eine Transformation, die in literarischer Hinsicht betrachtet brillant erzählt und lustig anmutet. Die Veränderung der Wahrnehmungen, zunehmende Verhaltensmuster eines Tieres und nicht mehr steuerbare Triebe werden zu Wegmarken des Prozesses. Das liest sich flüssig und ist unglaublich unterhaltsam. Man stelle sich nur vor, das sei tatsächlich möglich. Man stelle sich nur einmal vor, man könne diesen Weg tatsächlich gehen. Und schon vergeht einem das Lachen. Schon steckt man in der Hundefalle, in die uns Alma Mathijsen gelockt hat. Hier vergeht einem das Lachen und jeder Sinn für die Skurrilität der Utopie pulverisiert sich von Seite zu Seite. Sitz, Platz, Bleib. Sind es diese Kommandos, die am Ende stehen?

Dieser Transformationsprozess in einen treuen Hund ist eine Metapher für etwas, das sich täglich vor unseren Augen vollzieht. Wer dies nicht registriert, der ist mit emotionaler Blindheit geschlagen. Ist es nicht ein wahrhaftiger Automatismus am Ende einer Liebe, dass sich gerade die verlassene Frau in ihrer Situation nicht zurechtfindet, sich hinterfragt, sich die Schuld gibt und zu vielen denkbaren Zugeständnissen bereit ist, nur um den Mann fürs Leben nicht zu verlieren? Ist es nicht auch so, dass sie mit dieser toxischen männlichen Gefühlskälte nicht mehr zurechtkommt und verzweifelt? Und am Ende wartet keine Agentur mit ein paar Pillen und Infusionen. Am Ende steht nicht die Vision vom treuen Gefährten mit den sanften Augen und dem struppigen Fell. Diese Novelle ist die knallharte Abrechnung mit dem Fluchtverhalten von Menschen, die einer Beziehung keine Chance mehr geben wollen und sich nicht darum scheren, was sie im Verlassenen auslösen.

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Wir sollten den Titel dieses Buches ernst nehmen und den Text so lesen, wie er bereits auf dem Cover unter Vorbehalt gestellt wird. „Ich will kein Hund sein“. Dieses Recht sollten wir jedem zubilligen, mit dem wir einen Teil unseres Liebes-/Lebensweges gegangen sind. Daran sollten wir denken, wenn wir erkennen, wenn sich Menschen in unserem Umfeld nach dem Ende einer Beziehung plötzlich kleiner machen, unsichtbar werden oder von Selbstzweifeln geplagt werden. Diese Novelle ist ein heilsamer Schuss vors Kontor all jener, die sich erhoffen, durch Selbstaufgabe weiterzukommen. Hier ist klar, was am Ende dieses irreversiblen Prozesses steht. Die Auslöschung der eigenen Persönlichkeit. Ein Leben an der langen Leine eines Herrchens ist keine Alternative in einer modernen Gesellschaft. Therapeutisch kann dieses Buch vieles bewirken.

Und doch ist gerade das Scheitern einer Beziehung die große Triggerwarnung in diesem Buch. Wir kennen das. Das falsche Buch zur falschen Zeit kann fatale Folgen haben. Ich denke „Ich will kein Hund sein“ ist für ein frisch gebrochenes Herz schwer zu verkraften. Wenn all die Gedanken und Gefühle frisch sind, dann können die Worte aus der Feder von Alma Mathijsen sehr schmerzen. Denn, wie sie schreibt und wie sie uns an den Gefühlswelten einer Frau teilhaben lässt, das ist ganz großes literarisches Kino. Gerade die Kapitel über das Scheitern einer Beziehung und das Versagen jeder Form von Empathie bewegen unglaublich. Ein mehr als lesenswertes Buch, ein Ausflug in eine Utopie, die sich oftmals im Geiste einer Verlassenen realisiert. Unumkehrbar.

Passt auf euch auf!

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Betrogene Frauen scheinen dem Beck Verlag im Frühjahrsprogramm 2021 sehr am Herzen zu liegen. Es sind gleich zwei Romane, in deren Mittelpunkt es um Frauen geht, die sich urplötzlich in einer Situation wiederfinden, die kaum zu bewältigen ist. Es sind Frauen, die nur einen Ausweg sehen: Transformation. „Ich will kein Hund sein“ von Alma Mathijsen und „Die Harpyie“ von Megan Hunter stehen sich diametral wie Nord- und Südpol gegenüber. Hier geht´s zur Rezension der „Harpyie“.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter