Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Da bin ich mal wieder mit den weltbewegenden Fragen, die uns philosophisch an den Rand der Verzweiflung treiben können. Es geht diesmal nicht darum, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder, wie wir unser Leben vor dem Tod in eine Richtung zu lenken in der Lage sind, die uns glücklich macht. Nein, es geht um eine Zwischenwelt, in der wir vielleicht die einmalige Chance erhalten, das Leben anders zu führen. Es sind unsere Entscheidungen, die uns Wege einschlagen lassen, von denen wir vorher nicht wissen, ob sie richtig sind, ob sie uns glücklich machen und ob wir am Ende der Wege nicht bereuen, sie gewählt zu haben. Das kennen wir wohl alle. Im wahren Leben heißt das „Augen zu und durch“. Unumkehrbar versuchen wir vor Enttäuschungen zu fliehen und dem Sinn unseres Lebens hinterherzujagen. Der Erfolg? Mal so und mal so. Wir sind die Getriebenen unserer Erwartungen. Was wäre aber, wenn es eine Möglichkeit gäbe, an bestimmten Kreuzungen unseres Lebensweges anders zu entscheiden?

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig beschreibt eine solche Alternative. Es ist nicht gerade der Wunschtraum jedes Menschen, den er hier in den Mittelpunkt eines Romans stellt, der ebenso philosophisch wie utopisch daherkommt. Aber es ist ein mehr als interessantes Gedankenspiel, zu dem er uns einlädt. Folgen wir doch seinen Thesen und spielen wir sein Spiel mit. Frei nach dem Motto: „Wir werden schon sehen, was wir davon haben!“ Zwischen dem Leben und dem Tod liegt eine Bibliothek. Sie besteht aus zahllosen Regalen, in denen sich die Bücher deines Lebens befinden. Jedes von ihnen erzählt eine Geschichte, die du nicht gelebt hast, weil du dich anders entschieden hast. Greif einfach zu und schau dir an, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn…! Ich vergaß zu erwähnen, dass man zuvor gestorben sein muss, um „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten zu dürfen. Dann jedoch hat man die freie Auswahl zwischen all den Chancen und Möglichkeiten, gegen die man sich zu Lebzeiten entschieden hat. Und, wenn man dabei ganz zufällig auf ein Leben stößt, dass einen glücklich gemacht hätte, dann darf man es behalten.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Nun sind wir auch schon bei unserer Protagonistin Nora Seed angekommen. Wir lernen sie im finalen Countdown ihres Lebens kennen. Es sind die letzten Stunden, die hier erbarmungslos verrinnen, bevor sie Selbstmord begeht. Alles hat sich gegen Nora verschworen, nichts will gelingen und am Ende der Perspektivlosigkeit bleibt ihr nur der verzweifelte letzte Ausweg. Was hätte sie alles werden können? Was hätte sie erreicht, wenn sie anders entschieden hätte? Welche Träume hätte sie sich erfüllten können? In letzter Konsequenz jedoch steht sie mit leeren Händen da. Wenige Freunde, arbeitslos, Karrieren als Weltklasseschwimmerin oder professionelle Musikerin schon früh an den Nagel gehängt, vor einer Ehe geflüchtet, Träume niemals realisiert und Hoffnungen im Nichts versenkt. Auf ganzer Linie gescheitert. Depressionen, Drogen, fehlender Halt in Situationen, in denen sie hätte gehalten werden müssen. Das Finale: Suizid.

Statt jedoch zu sterben, wird ihr der Zugang zur Mitternachtsbibliothek gewährt. Hier wird sie von der Bibliothekarin mit den Regeln vertraut gemacht und dann geht sie los, die Jagd nach dem perfekten Leben. Die Zeit steht still, sie darf sich ein Buch aus dem Regal nehmen, in dem ein Leben beschrieben ist, das sie nicht geführt hat. Hinein ins Wunderland der Alternativen. Es liest sich humorvoll, und beinhaltet ebenso skurrile wie lustige Momente, in denen sich Nora immer wieder neu orientieren muss. Was ihr nämlich fehlt, sind Erinnerungen an diese ungelebten Leben. Wer sind die Menschen, denen sie nun begegnet, was hat sie zuletzt getan, wo lebt sie und mit wem? Und nicht zuletzt immer wieder die zentrale Frage: Bin ich hier glücklich und will ich bleiben? Ich hatte viel Spaß beim Lesen dieser Lebensvarianten, wäre da eben nicht jene Nora Seed gewesen, die sich hier wie in einem Lebens-Casting nur nach den Vorteilen der jeweiligen ungelebten Variante umschaut. Aus philosophischer Sicht eine egoistische Rosinenpickerin.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Matt Haig lässt viel Spielraum für philosophische Betrachtungsweisen. Wir finden Thesen über bestehende Paralleluniversen und das Theorem von Schrödingers Katze ebenso wieder, wie die Schlüsselthesen von Henry David Thoreau, den Nora als ihren Leib-und Magen-Philosophen verehrt. So froh ich über die Anspielungen auf „Walden“ war, so wenig wurde ich mit Nora Seed warm. Sie realisiert, dass die unterschiedlichen Leben, die sie nun ausprobieren darf, immer einen kleinen Haken haben. Nichts ist so perfekt, wie es bitte zu sein hat. Eine Bereitschaft, für sein Glück zu kämpfen, ist nicht erforderlich, denn wenn ein Leben nicht passt, kann sie zurück in ihre Bibliothek und sich ein neues aussuchen. Lebensträume von der Stange. So erleben wir sie als eine erfolgreiche Schwimmerin, als legendäre Musikerin, als Gletscherforscherin und auch als die Ehefrau, die sie nicht sein wollte. In ihrem Buch des Bereuens scheinen sich die falschen Entscheidungen nur so zu stapeln.

Matt Haig skizziert an Noras Beispiel das Nullsummenspiel der Entscheidungen. Was sie in einem Leben als Zugewinn verzeichnet, fehlt ihr auf der anderen Seite. Ein Leben mit sportlichem Erfolg ist eines ohne philosophischen Tiefgang. Ein Leben voller Erfolg als Musikerin ist ein Leben ohne bestimmte Menschen, auf die sie nie verzichten würde. Man kann nicht alles haben. So lautet die unsichtbare Überschrift über Kapiteln und Büchern, in denen Nora ihr Glück sucht. Matt Haig fühlt sich hier manchmal an, als hätte ihm Paulo Coelho beim Schreiben über die Schulter geschaut. Der Selbstmörder in uns weiß gar nicht, wohin mit all den Allgemeinplätzen zum wahren Glück im Leben. Und letztlich, warum sollte sich Nora Seed nur für ein einziges Leben entscheiden, wo sie doch eine ganze Bibliothek zur Auswahl hat? Greift Matt Haig in diesem Roman ins literarische Nichts, wenn er uns mit einer solchen Utopie konfrontiert? Mitnichten.

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Seine Geschichte erreicht uns außerhalb des Buches mit erheblicher Wucht. Wo sind meine Kreuzungen, wann habe ich mich vielleicht falsch entschieden, wie wäre es wohl gelaufen, wenn ich intensiver für meine Träume gekämpft hätte und gibt es dieses Leben, das ich lieber leben würde? Man darf diese Spiegelung des Romans auf seinen eigenen Lebensweg nicht unterschätzen. Allein hierfür lohnt es sich sehr, dieses Buch zu lesen. Es ist facettenreich in den Situationen, unnachgiebig in seinen Points of no Return und hilfreich, wenn man sich selbst hinterfragt. Gedankenspiele und Kopfkino sind hier garantierte Nebenwirkungen einer Geschichte, deren Protagonistin den Weg zum eigenen Glück nur langsam findet. „Die Mitternachtsbibliothek“ hält viele Twists auf Lager. Man sollte sich nie zu sicher fühlen in diesem Buch. Man hat oftmals einen Hauch einer Idee, wie es enden könnte und doch liegt man falsch.

Matt Haig greift ein literarisches Muster auf, das ich liebgewonnen habe. Er lässt die Zeit nicht mehr vergehen. Im Stillstand der Sekundenzeiger läuft sie trotzdem weiter und schlägt genau in dem Moment zu, in dem wir es nicht erwarten. „Wie man die Zeit anhält“ spielte bereits mit der Zeitlosigkeit seines Ideenreichtums. Was diese Romane vereint ist die Tatsache, dass der Mensch immer wieder neu improvisieren muss. Ihm fehlt das Wissen, um in neuen Situationen bestehen zu können. Hieraus bezieht Haig den Treibstoff für unwiderstehliche Plots von der Zeitreise bis zum Lebens-Casting. Es ist unterhaltsam, ihm zu folgen. Es weist Tiefgang auf, aber es bleiben auch Fragen im Kontext seiner Beschreibung, die man sich selbst beantworten muss. Insgesamt sicher eine inspirierende Geschichte, die lange nachhallt. Eine Story, die Mut machen kann, deren Botschaft sich dem gesunden Menschenverstand jedoch schon vor dem Lesen täglich offenbart. Du kannst nicht alles haben. Man kann es aber versuchen. Und im Leben zählt, wie beim Schachspiel, nicht nur der nächste Zug. Sonst ist man MATT. (Sagt auch Herr Haig – MATT Haig).

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„Ich glaube nicht, dass dein Problem Lampenfieber war, Auftrittsangst. Oder Hochzeitsangst. Ich glaube, dein Problem war Lebensangst.“

Dieses Zitat beschreibt für mich genau, warum man „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten sollte. Wer Lust auf gedanklich-philosophische Experimente hat; wer keine Angst davor hat, seine Lebenswege selbst zu hinterfragen und wer sich gemütlich und ein wenig ängstlich zurücklehnen mag, um sich vorzustellen, welche Titel die „Bücher der eigenen ungelebten Leben“ wohl tragen, der wird diesen Roman sicher nicht mit Ablauf der Leihfrist zurückgeben wollen. Und doch hätte ich mit Nora Seed so manche Hühnchen zu rupfen, würde sie mir in einem ihrer Leben begegnen…

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Ein Gedanke zu „Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

  1. Pingback: „Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch] | AstroLibrium

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