Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett – Astrolibrium

Kaum einen fiktiven historischen Ort kennen wir besser als Kingsbridge. In dem idyllischen kleinen Städtchen in England hat Ken Follett eine Trilogie angesiedelt, die seit 1990 die Liebhaber historischer Romane in Atem hält. Dabei handelt es sich nicht um einen Dreiteiler im herkömmlichen Sinn, da der britische Autor lediglich Motive aus seinen Büchern miteinander verbindet, nicht jedoch die handelnden Personen. Das hat den Vorteil, dass man jedes Buch der sogenannten Kingsbridge-Reihe ohne Kenntnis des Vorgängers oder Nachfolgers lesen kann. Einzig der erfundene Ort ist konstant. In Kingsbridge und der Grafschaft Shiring werden wir zu Zeugen historischer Ereignisse der jeweiligen Zeitscheiben und erleben im Fortgang der Saga einen Querschnitt durch die Geschichte Englands vom 12. bis zum 16. Jahrhundert. Es handelt sich hierbei um ein erstaunliches literarisches Projekt, dem ich vom ersten Tag an treu geblieben bin.

Ich wurde inspiriert, nach England zu reisen, um mir die Vorbilder für das Setting dieser Reihe anzusehen. Ich wandelte im Grundriss der Kathedrale von Salisbury und bestaunte das an anderer Stelle erneut aufgebaute Gotteshaus. Die Ruine des Klosters von Glastonbury verzauberte mich und die Kathedrale von Canterbury faszinierte mich, weil es einfach unvorstellbar ist, wie es den Baumeistern im Mittelalter gelingen konnte, Kirchen in solchen Dimensionen zu konstruieren und in den Himmel zu ziehen. Es war nur Ken Follett zu verdanken, dass ich auf den Spuren einer Kathedrale wandelte, die nur in seinen Romanen existierte. Unvergessliche Reisen. Überall scheint man hier auf Spuren zu stoßen, die Ken Follett beschrieb, jeder einzelne Stein kam mir bekannt vor. Ich begegnete Kingsbridge zuerst als Randnotiz einer prosperierenden Region, erlebte den Bau einer Kathedrale und den Aufstieg des aufstrebenden Marktfleckens zu einem bedeutenden geistigen und wirtschaftlichen Zentrum Englands. Und immer sah ich die Menschen vor Augen, die hier ihre Spuren hinterlassen hatten. Tom Builder hatte sich unsterblich gemacht.

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

Und so durchschritt ich die Zeit. Von Roman zu Roman. Von Buch zu Buch.

„Die Säulen der Erde“ wurden im 12. Jahrhundert errichtet,
„Die Tore der Welt“ öffneten sich im 14. Jahrhundert und
„Das Fundament der Ewigkeit“ wurde im 16.Jahrhundert gelegt.

Die Handlung wurde, angelehnt an die ereignisreiche Geschichte des englischen Königreichs, immer komplexer und fächerte sich schließlich über die ganze Welt aus. Ich schrieb vor zwei Jahren über die Globalisierung einer Trilogie, die sich immer weiter von Kingsbridge zu entfernen drohte. Am Ende des Fundaments spekulierte ich schon darüber, dass diese Geschichte in ihrer historischen Dimension jeden Rahmen sprengen würde, der von Kingsbridge vorgegeben war. Ich schrieb:

„…Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower. Mehr sage ich hier nicht. Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…“

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Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

Nichts davon sollte zutreffen. Ich lag falsch. Als ich den Titel der Fortsetzung dieser Reihe zum ersten Mal las, dachte ich noch, wir würden weiter in die Zukunft katapultiert. „Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit“ jedoch ist eher das, was wir in unseren Kreisen als „Throwback Thursday“ bezeichnen. Er wirft uns in der Zeit zurück. Follett entführt uns in das dunkle Zeitalter der englischen Geschichte. Er setzt 126 Jahre vor dem ersten Band seiner Saga an. Aus einer Trilogie wird nun einen Tetralogie, die im Jahr 997 beginnt. In einem Jahr, in dem nichts global ist in Shiring. Kleinteilig ist diese Grafschaft, das tägliche Überleben steht im Zentrum des Interesses der Menschen und die Adeligen sind um den Erhalt ihres Reichtums bemüht. Das einzig Globale, das sich immer mehr Raum verschafft, sind die ungezügelten Überfälle von Wikingern, die sich fast ungehindert über die Küstenregionen des Königreichs ergießen.

Was wir aus den anderen Büchern wissen, ist nun Makulatur. Wir fühlen uns wie Zeitreisende, denen vieles bekannt vorkommt, die jedoch kaum etwas so vorfinden, wie sie es aus späteren Zeiten so gut kennen. Kingsbridge existiert noch nicht. Ein kleiner Weiler namens Dreng´s Ferry befindet sich genau dort, wo wir vor unserem geistigen Auge später eine Kathedrale sehen. Einzig „Leper Island„, die Lepra-Insel, kommt uns mit dem kleinen Nonnen-Konvent bekannt vor. Der Rest dieses Fleckchens ist ein völlig unbeschriebenes Blatt, das nun von Ken Follett mit Leben erfüllt wird. Hierhin verschlägt es den jungen Bootsbauer Edgar, der nach einem Raubzug der Wikinger nicht nur die Liebe seines Lebens, sondern auch seinen Vater und die kleine Werft verloren hat, die zum Lebensunterhalt gerade mal ausgereicht hat. Mit seiner Mutter und seinen Brüdern beginnt er hier ein neues bescheidenes Leben.

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

In bester Follett-Manier werden wir nun in eine Welt katapultiert, die sich in diese Reihe einfügt, als hätten wir nur darauf gewartet. Wie wurde aus Dreng´s Ferry später der legendäre Bischofssitz Kingsbridge mit seiner Kathedrale? Wie hatte man sich das Marktrecht erkämpft? Was hatte dazu geführt, dass aus dem abgelegenen Kloster eine Priorei entstehen konnte, von der aus die Geschicke der Welt gelenkt wurden? Fragen, die hier beantwortet werden. Ken Follett verwickelt uns in ein historisches Spektakel, in dem keine Wünsche an einen historischen Roman unerfüllt bleiben. Das Machtgefüge aus weltlicher und kirchlicher Autorität bildet die Klammer um einen Roman, in dem wir an der Seite des jungen Bootsbauers erleben, wie schwer es ist, seine Bestimmung zu finden. Alle Talente dieser Welt sind in ihm vereint. Er kann Schiffe und Häuser bauen, man vertraut ihm, er hat Visionen und wir erkennen früh, dass wir hier auf den Urvater der späteren Baumeister-Generationen treffen.

Die Ankunft einer normannischen Prinzessin verändert alles. Ragna heiratet in die Familie der Herrscher über die Geschicke Shirings ein und wird die Ehefrau Wilwulfs, des Aldermanns der Grafschaft und des Bruders des Bischofs. Schon Schnell nach der Hochzeit prallen Welten aufeinander. Die feinfühlige Normannin stößt auf ungehobelte Sitten und Gebräuche. Treue ist ihrem Ehemann fremd. Und Bischof Wynstan sieht in der charismatischen Ausstrahlung der jungen Frau ein Problem für die eigene Autorität. Es entsteht ein wildes Ränkespiel um Macht, Liebe, Erbfolge und Reichtum, in das der junge Edgar immer weiter verwickelt wird. Seine Zuneigung zu Ragna ist aufrichtig und doch von der Unerfüllbarkeit dieser unmöglichen Liebe überschattet. Und doch wird er für sie zum Ratgeber, Rettungsanker und Fluchtpunkt eines Lebens im goldenen Käfig.

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

Es ist ein wahres Vergnügen, diesen historischen Roman zu genießen. Er ist frei von allen dynastischen Stammbäumen und internationalen Ränkespielen. Er ist in sich ein regional begrenztes authentisch erzähltes Kaleidoskop einer besonderen Zeit, der Menschen im Aufbruch und zugleich ein Sittengemälde voller amüsanter Details. Jede kleine Entwicklung stößt etwas Großes in der Zukunft an, aber das wissen nur wir. Ein jeder Stein, der zum Bau einer neuen Kirche transportiert wird, jeder Holzstamm, den man für die erste Brücke fällt und jede List eines tapferen Mönches, der den Standort seines Klosters zu einem wichtigen Punkt im religiösen Gefüge Englands machen will, führen zu einer Geschichte, die wir nur zu gut kennen. Aus Dreng´s Ferry wird eine freie Stadt. Kings Bridge. Die königliche Brücke gibt ihr den Namen. Hier beginnt, was für uns später „Die Säulen der Erde“ werden.

Man kann hierhin zurückkehren, wenn man die anderen Bücher gelesen hat. Man kann hier beginnen, ohne je zuvor etwas von Kingsbridge gehört zu haben. Man muss sich hierher begeben, wenn man brillante und fesselnde historische Romane liebt. Ich habe die Zeit in Kingsbridge erneut sehr genossen. Die bewegende Liebesgeschichte im tiefsten Kern dieser Geschichte ist die perfekte Wurzel all dessen, was zukünftig in dieser Stadt in den Himmel wächst. Welche Hindernisse dabei aus dem Weg geräumt und welche Opfer gebracht werden mussten, das erzählt dieser Roman. Bevor jedoch „Der Morgen einer neuen Zeit“ anbricht, sollten eintausend Seiten aufmerksam nach den Anzeichen einer Zeit durchforstet werden, die hier eingeläutet wird. Lesenswert.

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

Dank der Münchner Bücherschau durfte ich den Roman in einer von Ken Follett signierten Fassung lesen. Ein unglaubliches Geschenk, für das ich dankbar bin. 

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Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett

7 Gedanken zu „Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit

  1. Pingback: Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen | AstroLibrium

    • Ich liebe manchmal verlässliche Muster in dieser Qualität. Diesmal jedoch befreit von Stammbäumen und der großen Historie. Wir sehen uns auf der Mayflower… jede Wette.

      Dir auch ein tolles gesundes Jahr…

  2. Ich habe die Bücher jetzt schon unzählige Male in Buchhandlungen oder den Händen vertiefter LeserInnen gesehen – jetzt hast du es geschafft, mich für die Reihe zu begeistern. Ich bin noch kein eingeschworener Fan historischer Romane, aber in den ersten Band werde ich wohl mal hineinschauen. Auch, wenn Hilary Mantel auch noch auf der Liste steht.

  3. Lieber Arndt,
    ich habe das Buch noch letztes Jahr gehört, weil ich es als Print niemals in mein Lesen hätte integrieren können, aber ein Hörbuch geht immer und überall! 😀 Ich wollte nicht ewig warten, um nach Kingsbridge zurückzukommen bzw. an den Ort, der er vorher mal war. Auch mich konnte Ken Follett mit seinem neuen Wälzer überzeugen, denn es ist schön zu wissen, dass, wenn Ken Follett drauf steht, auch Ken Follett drin ist. Womit ich diesmal etwas gehadert hatte war der sprachliche Stil. Ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung lag aber manchmal passte das „Du“ nicht, wenn es um höhere Geschlechter ging, ebensowenig mochte ich das eine oder andere zu derbe Wort. Aber gut, es gibt Schlimmeres.
    Meine Zeit reichte bisher noch nicht, um eine Rezension zu schreiben. Doch deine zu lesen, habe ich genossen.
    GlG, monerl

    • Hi Monerl. Ich habe das Du gegenüber Adeligen als eher zeittypische Besonderheit gesehen, die mich wenig störte. Hier waren höfische Sitten noch fremd. Die Übersetzung fand ich erfreulich flüssig. Und ja, wo Follett draufsteht, ist Follett drin. Das hat Bestand und ich war gerne in Kingsbridge. Hoffe, dass ich erneut hinreisen darf. Liebe Grüße, Arndt

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