Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribati - Eine Inselwelt versinkt im Meer - Astrolibrium

Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Oft war ich im vergangenen Jahr an Bord der Polarstern. Expeditionen in die Welt der Arktis haben mich ins Epizentrum des Klimawandels geführt und mir gezeigt, dass die Konsequenzen der weltweiten Klimaerwärmung dramatisch sind. Und doch fühlt es sich noch immer so an, als wäre das alles weit entfernt. Was kümmert es uns, wenn in der Polarregion das ewige Eis langsam zu schmelzen beginnt? Was kümmert es denn uns, wenn dort der Meeresspiegel zu steigen beginnt und ist es nicht beruhigend, sich die Menschen anzuhören, die den Klimawandel beharrlich leugnen? Es ist eine extrem trügerische Sicherheit, in der wir uns wiegen. Es ist unsere Ignoranz, die uns erlaubt, Menschen, die für den Klimaschutz eintreten, als Aktivisten zu bezeichnen. Es ist das eigene Versagen im Denken und Handeln, das uns einfach weitermachen lässt. Haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden, oder wollen wir sie nicht verstehen? Fragen, die mich bewegen, seit ich die Polarstern verlassen habe.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Immerhin ist die Arktis doch weitgehend unbewohnt und wir haben doch sicher im Moment Wichtigeres zu tun, als uns auch noch um den Rest der Welt zu kümmern. Es gibt da doch auch gerade eine weltweite Pandemie, die uns beschäftigt. Aber auch die lässt sich trefflich leugnen. So sind wir. So ist der Mensch. Solange es uns nicht direkt betrifft, sind wir die großen Zweifler. Wehe aber, das Wasser steht uns selbst bis zum Hals. Dann rufen wir nach dem Staat und verlangen nach Hilfe. Ein bekanntes Muster, das gerade in diesen Tagen häufig zutage tritt. Was also hat die Arktis mit uns zu tun? Ich wollte der Polarregion den Rücken kehren und mich in der Welt umhören. Wo hat der Klimawandel schon begonnen, das Leben der Menschen zu beeinflussen? Haben wir uns deren Perspektive mal zu eigen gemacht und sind wir in der Lage uns in ihre Lage zu versetzen? Können wir den Versuch wagen, uns vorzustellen, wie wir denken würden, wenn wir selbst betroffen wären?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Folgt mir doch einfach mal nach Kiribati. Wohin bitte, werdet ihr fragen? Was hat jetzt ein „unbedeutender“ Inselstaat in Mikronesien inmitten des Pazifiks mit uns zu tun? Das ist ja noch weiter weg als der Nordpol. Mag sein. Aber hier, ungefähr genau in der Mitte zwischen Australien und Hawaii, treffen wir auf eine Bevölkerung, die bereits jetzt vom Klimawandel und der Erhöhung des Meeresspiegels unmittelbar betroffen ist. Hier leben, vereilt auf 32 Atolle mehr als 100 000 Menschen, denen das Wasser wahrhaftig bis zum Halse steht. Zeit, ein besonderes Buch zu Rate zu ziehen, um uns mal genau anzuschauen, was sich gerade dort ereignet und welche Kultur hier im Begriff ist, im tiefen Blau des Pazifiks zu versinken, „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ von Alice Piciocchi und Andrea Angeli, erschienen im Sieveking Verlag, ist viel mehr als ein Reiseführer in eine weitgehend unbekannte Welt. Dies ist ein illustrierter Abgesang auf ein Paradies, das den Anfang machen wird, wenn sich die Welt wie wir sie kennen für die nächsten Generationen dramatisch und irreversibel verändert.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribatis Inselwelt machte in den vergangenen Jahren immer mehr Schlagzeilen. Die unmittelbare Bedrohung der einzelnen Inselgruppen durch steigende Wasserpegel veranlassten die Regierung dazu, ein 20 Quadratkilometer großes Stück Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen, um die Bewohner Kiribatis umzusiedeln. Als die Autoren des Buches davon hörten, beschlossen sie, das untergehende Inselparadies zu besuchen, um zu dokumentieren, welche Welt hier vom Untergang bedroht war. So entstand ein Reiseführer der besonderen Art. Liebevoll illustriert hält er dauerhaft fest, was bewahrt werden sollte. Man traf nicht auf verzweifelte Bewohner, die schon auf ihren gepackten Koffern saßen. Vielmehr begegneten die Autoren Menschen, die ihre Kultur zelebriert haben, wie sie es von ihren Urvätern und -müttern gelernt hatten. Sie gewährten ihnen einen tiefen Einblick in das Sozialgefüge, Riten und Bräuche, Religion, die Bedeutung ihrer Sprache, das besondere Frauenbild und die Perspektiven für die Zukunft.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieses bibliophile Meisterwerk zeigt eindringlich, was geschieht, wenn Menschen, die im Einklang mit der Natur aufgewachsen sind, von dieser Natur verlassen werden. Was geschieht, wenn Fischer ihre Balance zwischen Ebbe und Flut verlieren, und sich nun auch noch damit abfinden müssen, dass immer begehrlichere internationale Blicke auf die frei werdenden Fischfanggebiete gerichtet werden? Wie leben Schulkinder im Paradies, wenn sie im Unterricht erfahren, dass die Geschichte der Arche Noah bald für sie zum Greifen nah sein könnte? Was nimmt man mit? Was gibt man auf? Welche Traditionen sind verschiffbar und welches Lebensgefühl ist unmittelbar mit dem Grund und Boden verbunden, auf dem man noch lebt? Der Reisebericht ist facettenreich und tiefgründig. Durch die Einfachheit der Illustrationen ist er auch hervorragend geeignet, um ihn mit Kindern zu erforschen. Das Staunen gehört zum Programm, wenn man die Seiten durchforstet. Wie lebt man auf Kiribati? Wie lacht, tanzt, angelt, singt und leidet man dort? Und wie, Himmels Willen, soll man das alles in Umzugskartons packen?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieser Kultur- und Lebensalmanach ist ein Gesamtkunstwerk, das sich einer Welt verschrieben hat, die existenziell bedroht ist. Das Buch erzählt keine lineare Geschichte. Es ist kreisförmig um Themenbereiche angeordnet, die sich der Neugier der Leser von selbst erschließen. Ein umfangreiches Glossar, eine historische Zeitleiste und brillante Illustrationen runden das Leseerlebnis ab. „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ kann auch als Sinnbild einer einsetzenden Völkerwanderung verstanden werden. Wir treffen eines Tages auf Menschen, deren kollektives Gedächtnis sich auf einige Koffer verteilt. Wir sollten ihnen nicht ahnungslos begegnen. Der Untergang ihrer Welt hat viel damit zu tun, wie wir unsere Welt verstanden haben. Werden wir Teil ihrer Erinnerung und lesen wir uns in eine Kultur, die scheinbar verloren ist… Wären da nicht die Leute von Kiribati, die in ihrem Inneren bewahren, was zurückgelassen werden muss.

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