Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Fürst Lahovary von Georges Manolescu - Astrolibrium

Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wer möchte der Nachwelt schon als Glücksspieler, Hoteldieb, Heiratsschwindler und Hochstapler in Erinnerung bleiben? Wer schreibt freiwillig seine Memoiren, um seinen Ruf als notorischer Krimineller zu untermauern und wer geht gar so weit, sich in seinen Lebenserinnerungen für verrückt zu erklären? Wer schreibt schon gerne, er sei auf fast allen Kontinenten der Erde in Haftanstalten gewesen, habe bei Zwangsarbeit in unwürdigsten Lebensumständen endlos am Rad gedreht und sei in Einzelhaft vom Rest der Welt isoliert worden, um diese vor ihm und seinen betrügerischen Machenschaften zu schützen? Sicher nur ein Mann, dem am Ende eines facettenreichen Schaffens nur dieser Weg bleibt, um seinen weltweiten Ruf als „König der Diebe“ zu untermauern und aus dieser Situation erneut Profit zu schlagen.

Die Rede ist hier von Georges Manolescu, der die Welt von 1890 bis 1908 in Atem hielt. Man kann ihn mit gutem Gewissen als Archetyp des Hochstaplers bezeichnen, als Blaupause für spätere reale und literarische Nachfolger, die eines gemeinsam zu haben scheinen: Mehr scheinen als sein. Das war die Devise, mit der sich Devisen beschaffen ließen. Das war die Maxime für maximalen Erfolg bei eigener Mittellosigkeit. Das ist das Motto, unter dem sich als Lebemann leben ließ, solange man Opfer fand, die sich in die Rolle fügten. Und wer sich dann am Ende seiner fragwürdigen Karriere, erneut mittellos nach Alternativen umschaut, der beginnt zu schreiben. Georges Manolescu entschloss sich 1905 zu diesem Schritt und sein Roman, der eigentlich alles war, nur das nicht, hat unter dem Titel „Der König der Diebe“ dafür gesorgt, dass es kurzzeitig mit ihm wieder aufwärts ging. Unter der Überschrift „Gescheitert“ folgte schon bald seine Fortsetzung, in der er öffentlich mit seinem Seelenleben kokettierte.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Der Manesse Verlag hat nun beide Bücher in einem Prachtband vereint. Erstmals originalgetreu wiedergegeben erleben wir nun seit mehr als hundert Jahren einen mehr als tiefen Einblick in die Psychologie eines Kriminellen, der die Adelsgläubikeit der Zeit zu seinem wichtigsten Instrument machte. Dabei könnte das Buch Fürst Lahovary – Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler so viele andere Titel haben. Allesamt vom Betrüger selbst verwendete Titel aus frei erfundenen Adelshäusern. Marchese da Passano, Herzog von Otranto, Prinz von Padua oder Graf Festetisch. Namen, die sich wie leuchtende Spuren durch die Kriminalgeschichte Europas zogen. Und Namen, die verzweifelte getäuschte Möchtegern-Ehefrauen, Juweliere, Bankiers, Beraubte und Betrogene die Nerven und ihr Vermögen verlieren ließen. Aus dem Nichts einer kleinen rumänischen Provinz erhob sich Fürst Lahovary zu einem Society-Schreckgespenst seiner Zeit.

Standesgemäß kommt auch das Buch daher. Noblesse obliege, könnte man sagen. In edlem schwarz-goldenen Tönen strahlt das Cover aristokratische Würde aus. Sogar eine Krone irgendeines erfundenen Adelsgeschlechts ziert das Äußere und vermittelt in aller Deutlichkeit das royale Metier, in dem hier agiert wird. Damit nicht genug. Hat man den Schutzumschlag entfernt, liegt ein echter Goldjunge von Buch in den Händen der Leserschaft. Schnell jedoch wird klar, dass sich hier das Motto des Hochstaplers „mehr Schein als Sein“ auf keinen Fall widerspiegelt. Dieser Roman in der heutigen Fassung ist sicher kein Hochstapler oder Angeber. Er ist lesenswert und mit gehörigem Abstand zur Zeit seiner Entstehung extrem aufschlussreich, weil sich die Muster eines Handelns bis weit in unsere Gegenwart wiedererkennen lassen.

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Wenn man jenem Georges Manolescu eine gewisse Methodenkompetenz für den Berufszweig der Hochstapler zubilligt und ihn als Vorreiter eines kriminellen Metiers anerkennt, dann kommt man nicht umhin, seine Spuren auch in der Weltliteratur sehen und fühlen zu können. „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann muss man als literaturhistorisches Denkmal betrachten, weil Manolescu nicht nur Inspirationsquelle, sondern greifbares Vorbild einer Jahrhunderterzählung war. So weit hat es der Hochstapler also geschafft. Immerhin. Was jedoch macht seinen Originaltext heute noch lesenswert? Es sind viele Aspekte, die mich durch diese Geschichte jagten, wie auf einem Parforceritt an der Seite eines sympathischen Betrügers, dessen Leben selbst einem Husarenritt glich.

Manolescu schreibt dabei authentisch und eher schlicht. Nur so gelingt es ihm, in seiner Geschichte einen Sog entstehen zu lassen, der uns dazu zwingt, ihm von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent zu folgen. Es ist rasant zu erlesen, wie leicht es ihm fiel, Fremde zu überzeugen, Lügengeschichten aufzutischen und immer wieder durch Diebstahl und Betrug zu Geld zu kommen. Ebenso rasant ist sein Totalverlust, wenn er mal wieder irgendwo von der Polizei aufgegriffen, in flagranti erwischt und verurteilt wird. Zwangsarbeit, Isolationshaft und harte Bestrafungen härten ihn dabei jedoch nur für die Zukunft ab und lassen Pläne entstehen, die ihn zeitlebens vor erneuten Strafen beschützen sollen. Aus dem Nichts zum Besitzer von Gestüt und Fuhrpark, vom armen Jungen zum Arbeitgeber von Pagen und Bediensteten, ein Weg, der schon ein wenig Respekt einflößt. Man darf sich nur nicht die Opfer anschauen.

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Der Mitgiftjäger mutiert zum Getriebenen der Gesellschaft. Aufenthaltsorte müssen ständig wechseln, Beziehungen sind nicht auf Dauer angelegt, und wenn doch, dann ist es die regionale Justiz, die dem Treiben ein Ende bereitet. Kaltblütigkeit beim Raub und Hartherzigkeit in Herzensdingen zeichnen ihn aus. All dies erzählt er von sich selbst, all dies gesteht er in seinen Memoiren ein und angesichts dieses Lebensgeständnisses ist es doch möglich, das gewiefte Schlitzohr zu mögen. Seine Hochstapelei ist Lebenslüge und Fluchtpunkt zugleich. Das Psychogramm dieses Täters könnte nicht auffälliger und eindeutiger ausfallen. Was bringt uns das Lesen dieses Buches heute? Wer sich noch schnell auf die Suche nach ein paar Hochstaplertricks macht, der sei gewarnt. Hier ist methodisch nichts mehr auf unsere Zeit anzuwenden. Ausweispapiere, Reisepässe im Zeitalter international vernetzter Polizeien machen die Vorgehensweise obsolet.

Psychologisch offenbart uns Manolescu jedoch Verhaltensmuster, die auch heute noch Bestand haben, wenn es um die großen Betrugsfälle geht. Der Schein heiligt die Mittel. War immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Kleider machen Leute und wer auf großem Fuß, dem nimmt man seine Leichtfüßigkeit ab. Blenden gehört hier zu einem fatalen Handwerk, das immer noch goldenen Boden hat. Das kritische Nachwort von Thomas Sprecher ordnet diesen Text sehr gut in die Zeit und die Kulturgeschichte ein. Von Thomas Mann bis zu kriminellen Nachahmern reicht der Bogen, den er spannt und einer klaren Bewertung unterzieht. Es gelingt ihm, der Kunstform des Hochstapelns den Charme des Bagatelldelikts zu nehmen. Ebenso vermag er, die Bedeutung dieses Stoffes als literarisches Sujet herauszustellen. So Lesenswert, wie das gesamte Buch.

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Das Leben von Georges Manolescu wurde verfilmt, in vielen Büchern zitiert und in den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod im Jahre 1908 zunehmend glorifiziert. Man kann sich im Buch „Fürst Lahovary„, das für den Autor selbst mehr Dokument, denn ein Roman sein sollte, selbst ein Urteil über den Menschen machen, der hier eigentlich keine Lebensbeichte ablegt. Sein dramatischer Niedergang vom König der Diebe bis hin zum Gescheiterten ist schillernd, aufreibend und abenteuerlich. Es sind aber die Phasen in den Gefängnissen, die Monate und Jahre der Haft, die dem Lesenden noch lange im Gedächtnis bleiben, weil sie zeigen, wie allmächtig die Lebenslüge sein kann.

Ich kann euch dieses Buch wärmstens empfehlen. Es ist alles dabei, was das Herz begehrt. Und nicht zuletzt handelt es sich um ein Schmuckstück, das einer Bibliothek mehr als gut zu Gesicht steht. Es ist mein „Goldenes Buch“ – wehe, jemand versucht, sich darin einzutragen.

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