Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Demokratie - Eine deutsche Affäre - Hedwig Richter - Astrolibrium

Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Gibt es einen besseren Zeitpunkt, sich mit einem Sachbuch über Politik auseinanderzusetzen, wenn die übliche Politikverdrossenheit im Verschwinden begriffen ist, und die Bürger eines Landes deutlich erkennen, dass ihre als selbstverständlich empfundene Demokratie alles ist, nur nicht selbstverständlich? In diesen Tagen müssen wir nur den Blick über unsere Grenzen schweifen lassen, um zu erkennen, wie leichtfertig mit dem hart erkämpften Gut dieser Demokratie umgegangen wird. Und genau da, wo sie ihre Selbstverständlichkeit verliert, da, wo der Mensch aus der Komfortzone herausgerissen wird, entsteht urplötzlich ein Interesse für Politik, weil die Angst steigt, etwas verlieren zu können, für das man selbst nie gekämpft hatte. Das Recht auf Teilhabe an politischen Entscheidungen, das Recht auf Mitbestimmung und damit letztlich all das, was wir Freiheit nennen.

Plötzlich entsteht der Wunsch, die Demokratie vor Unrecht zu bewahren. Wohin man auch schaut, sie steht auf tönernen Füßen. Ob im US-amerikanischen Wahlkampf, wo sie vom derzeitigen Amtsinhaber nicht nur in diesen Tagen mit Füßen getreten wird, oder in pseudo-demokratischen Staaten, in denen Demonstrierende von Machthabern auf offener Straße verschleppt und inhaftiert werden, nur um an der Macht zu bleiben, jeder Blick zeigt in aller Klarheit, wie der Demokratiebegriff in Deutschland gelebt wird. Und dann sieht man gerade hier Menschen auf den Straßen, die ihre Meinung äußern dürfen, ohne Angst vor staatlichen Repressalien zu haben, die diktatorische Zustände beklagen. Man versteht es kaum. Man mag es nicht fassen. Es ist an der Zeit, sich mit diesem abstrakten Begriff auseinanderzusetzen, der gerade jetzt das Abstrakte verliert und wieder zu dem wird, was er eigentlich einmal war. Die Demokratie – Ein Gefühl.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Hier erscheint Demokratie – Eine deutsche Affäre – Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Hedwig Richter genau zum richtigen Zeitpunkt. Ihr geht es nicht um eine weitere Theoretisierung oder begriffsgeschichtliche Abhandlung, sondern um das Projekt der Demokratie, das für Hedwig Richter untrennbar mit Menschenwürde in unterschiedlichen Epochen verbunden ist. Nein, das ist keine reine Politikwissenschaft, der man nur nach einem abgeschlossenen Studium folgen kann. Das ist etwas zutiefst persönlich Ausformuliertes, das den Nerv der heutigen Zeit trifft. Demokratie als Affäre zu bezeichnen, ist schon der ausschlaggebende Impuls eines Buches, dem man sich nur neugierig und wissbegierig öffnen kann. Leidenschaft, Empathie und Mitgefühl im gesellschaftlichen Miteinander sind Stellgrößen, an denen sich die Autorin durch eine Geschichte bewegt, die von Haus aus nicht für Demokraten geschaffen schien.

Schnell wird klar, dass die deutsche Affäre keine deutsche Angelegenheit ist. Es sind die in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgesäten zarten Pflanzen, die in der Unabhängigkeitserklärung zu keimen begannen. Es ist eine Französische Revolution, in der das Volk die Monarchie und den herrschenden Adel in puren Gewaltorgien kopflos machte. Es sind die großen Vordenker, die zu Paper brachten, was es bedeutet, einer Philosophie zu folgen, die besagt, dass alle Menschen gleich sind. Hedwig Richter hat die Begabung, diese Ausgangssituationen so leichtfüßig zu beschreiben, dass man nie ins Stocken kommt. So kann, so muss Politik erzählt werden. Nur so wird aus der, von der Autorin so trefflich benannten Staatsaffäre wieder ein Demokratieverständnis, das uns bewegt und motiviert. Dieses Buch liefert Erklärungen und ist ein Frühwarnsystem für Menschen, die mit offenen Augen die Welt der Nachrichten und Medien betrachten.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Hedwig Richter arbeitet sich anhand von vier Thesen durch die zweihundertjährige Demokratiegeschichte unseres Landes. Ihre Betrachtungsschwerpunkte sind dabei so überraschend, wie neu. Demokratie als Geschichte des Körpers zu beschreiben, wird nicht nur gewachsenen Demokraten die Augen öffnen. Vom Leibeigenen, versklavten und misshandelten Menschen bis hin zu jenem Individuum, dessen Würde unantastbar ist, war es ein weiter Weg voller Missverständnisse und Irrungen. Bis diese Freiheiten auch für Frauen galten, war es ein ebenso weiter Weg. Demokratie als Körperlichkeit bietet überraschende Einsichten, die dem ständigen Wandel unterworfen sind. Mitleid hatte Konjunktur. Mitgefühl sorgte für eine Meinungsänderung. Der Mensch war nicht mehr nur zu züchtigen, sondern zu beteiligen, da nur die Identifikation mit dem Staat dafür sorgt, dass er sich für ihn engagiert. Richter geht allen relevanten Fragen nach. Ist Demokratie das „Geschenk von Eliten“ und Theoretikern oder musste sie immer mit hohem Blutzoll erkämpft werden? Ist Demokratiegeschichte auch immer gleichzeitig die Geschichte der Einschränkungen der Freiheitsrechte, die man ertragen muss, um die Rechte aller sicherzustellen? Und nicht zuletzt stellt sie sich der Frage, ob Demokratie nur national funktionieren kann, oder ob sie verlässliche Partner braucht, die sich dem gleichen Wertevorrat verschrieben haben.

Hedwig Richter beschreibt eine lebendige Demokratiegeschichte, die fortdauert. Die Gefahren sind und bleiben augenscheinlich. Der „Zivilisationsbruch“ Holocaust hat es gezeigt. Sich selbst ad absurdum führende Demokratien wie die Weimarer Republik waren Steigbügelhalter der Autokraten. Empathie hat eine überschaubare Halbwertzeit, wenn man nicht täglich für sie kämpft. Demokratien leben in Dauerkrisen, müssen sich täglich beweisen und haben vieles zu ertragen, um ihren Status quo zu wahren. Einzig der Gewalt von unten hätte die Autorin mehr Bedeutung zumessen können. Skizziert sie doch andererseits einleuchtend, wie sehr das Gewaltmonopol der Exekutive für die antizivilisatorischen Exzesse im Dritten Reich verantwortlich war. Widerstand ist oftmals die Triebfeder für dauerhafte Veränderungen. Ebenso, wie Terrorismus von innen im demokratischen Prozess eine entscheidende Rolle bei der Destabilisierung spielt. Eine Demokratie ist keine gewaltfreie und in Schongängen zu erreichende Utopie.

Insgesamt jedoch legt die Historikerin der Bundeswehr-Universität München eine schlüssige, in einigen Aspekten gar „revolutionäre“ Demokratiegeschichte in die Hände der interessierten Leserschaft. Ein lautes Statement gegen Politikverdrossenheit und die Sichtweise: Ich allein kann eh nichts ändern. Ein Ende dieser Demokratiegeschichte ist nicht in Sicht. Wie hoffnungsvoll wir in die Zukunft gehen, liegt an uns. Und an einer gehörigen Portion Glück, was die Autorin selbst einräumt. Meine persönliche Affäre mit der Demokratie basiert auf den Werten, die ich in diesem Buch fand. Bemerkenswert.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Richters Demokratie. Eine deutsche Affäre ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, habe ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass Hedwig Richters Demokratie-Werk Potenzial hat, diesen Preis zu gewinnen? Weil Jo Biden vor wenigen Tagen sagte „Demokratie ist manchmal kompliziert und chaotisch“. Weil die Demokratie Gefahr läuft, verloren zu gehen, weil man sich ihrer nicht mehr bewusst ist. Es sind Hedwig Richters Thesen, an denen sich eine Demokratie künftig messen lassen muss. Es sind ihre Thesen, die uns als Richtschnur und Maßstab dienen, um Missbrauch zu erkennen. Die Würde dieses Buches ist unantastbar!

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2 Gedanken zu „Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

  1. Pingback: Gegenwartsbewältigung von Max Czollek | AstroLibrium

  2. Pingback: Joe Biden – Versprich es mir – Bricks Books and Hope [2] | AstroLibrium

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