Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Da lag er nun also vor mir, der dicke Schinken, an den ich mich heranwagen wollte. Mit seinen 1000 Textseiten und dem hundertseitigen Anhang ein schon ungewöhnlicher Vertreter seiner Art, wenn man den Buchmarkt aufmerksam beobachtet. Eine Biografie in solch epischen Ausmaßen findet man nicht allzu häufig. Autoren haben sich wohl mit der langsam schwindenden Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden abzufinden und bei neu erscheinenden Monografien die unsichtbare Grenze von 400 – 500 Seiten nicht zu überschreiten. Und nun dies! Ein flapsig als „Fat Book“ zu bezeichnendes Sachbuch, das auch noch auf der Nominierungsliste des Bayerischen Buchpreises steht, der in wenigen Tagen in München verliehen wird, muss etwas ganz Besonderes sein. Und so saß ich als Buchblogger, der diesen Literaturpreis begleitet, vor einem Mammutwerk.

Karl Kraus – Der Widersprecher“ von Jens Malte Fischer sollte mein Lesen für ein paar Tage in seinen Bann ziehen und mich gleichzeitig zum Eremiten mutieren lassen, weil ich in dieser Zeit allen anderen Büchern entsagen musste. Hat es sich gelohnt? Ist die Auseinandersetzung mit dem Begründer der Fackel und Kritiker Karl Kraus in der heutigen Zeit zwingend erforderlich? Ist er noch relevant, oder richtet sich dieses Buch vornehmlich an die sogenannten „Aficionados“ des großen Wieners, der fast schon in Vergessenheit geraten ist? Ich habe zuvor wenig von ihm gehört, nichts von oder über ihn gelesen und war ein unbeschriebenes Blatt, auf dem sich nach dem Lesen Notizen und Zitate gesammelt hatten, die ich hier zusammenfassen möchte. Vorab. Es hat sich gelohnt. Ich hatte nie den Wunsch, das Lesen abzubrechen und fühle mich bereichert und für meine eigenen künftigen Widersprüche besser gerüstet.

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Jens Malte Fischer beginnt sein Opus Magnum äußerst ungewöhnlich. Er lädt uns zu einer Wohnungsbesichtigung bei Karl Kraus ein. Alles ist unverändert, Kraus war erst vor wenigen Tagen verstorben und wir erhalten einen intimen und sehr persönlichen Zugang zu den Räumen, in denen er bis kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Bilder an der Wand, Manuskripte auf dem übervollen Schreibtisch und seine Ottomane für die kurzen Pausen zwischendurch. So sah es 1936 aus. Sein Nachlass, der Bände sprach, füllt nun diesen Band. Hier beginnt die Reise zu jenem „Widersprecher„, der mehr als vier Jahrzehnte lang gegen jeden Missbrauch der Sprache kämpfte, der leere Phrasen in Politik und Kultur anprangerte und sich dadurch viele Feinde gemacht hatte. Es sind diese Räume, durch die wir in unserer Vorstellungskraft geführt werden, damit wir nicht nur einer Theorie, sondern einem Menschen begegnen. Ein gelungener Einstieg.

Jens Malte Fischer holt weit aus, und das ist angebracht, wenn man das Leben von Karl Kraus verstehen möchte. Seine jüdische Herkunft, das Elternhaus, seine Versuche, als Schauspieler Fuß zu fassen und seine frühe Begabung, mit einzigartiger Stimme als Vorleser zu überzeugen, sind Teile eines Mosaiks, das sich langsam zusammenfügt. Es ist das Wien der Nachkriegsjahre, das ihn prägt und verändert. Er beginnt, sich mit den intellektuellen Größen seiner Zeit anzulegen, stellt den Missbrauch der Sprache an den Pranger und macht die Presse für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich. Aus dem konservativen Denker wird ein überzeugter Pazifist. Aus dem Juden wird ein konvertierter Katholik. Aus dem Vorkriegsmitläufer wird der Chefankläger der Sprache, die einen Krieg erst möglich machte. Aus seiner Zeitschrift wird eine Kampfschrift. Die Fackel wird zum gefürchteten Medium, in dem er sich mutig gegen alle Wellen wirft..

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Was erst nur als Kampfschrift gegen Langeweile und Gedankenlosigkeit gedacht war, nimmt mit den Kraus´schen Stilmitteln Satire und Polemik einen Zeitgeist auf die Schippe, der in Apathie zu versinken drohte. Wien wurde wach. Seine Paukenschläge waren nicht zu überhören. Er schrieb gegen den Fortschrittswahn und den Glauben an die Technik. Der Untergang der Titanic war für ihn Sinnbild des Irrglaubens. Der Erste Weltkrieg Bestätigung für seine Vermutung, den Menschen der Technik zu opfern. Er kämpfte gegen ein vorherrschendes Frauenbild an, das die Frauen als Opfer sexueller Gewalt selbst an den Pranger stellte. Und er vertrat liberale Thesen zur Homosexualität. Einen Querdenker würden wir ihn heute nennen. Widersprecher nennt ihn Jens Malte Fischer. Wie auch immer, er wird uns von Seite zu Seite sympathischer. Mainstream war nicht seine Welt. Kultur, Politik und die Presse standen stets im Fokus der Worte, die er so treffend formulierte.

Jens Malte Fischer zieht Karl Kraus aus dem Schatten, der ihn heute verbirgt. Er beschreibt jeden Konflikt, der ihn charakterisiert, jede Zerrissenheit, an der er litt. Seine Haltung zu jener Religion, die er hinter sich ließ, ist bis heute umstritten. Karl Kraus gab den Juden eine große Mitschuld am Antisemitismus. Assimilation sah er als das einzig wahre Mittel, den Hass auf die jüdische Bevölkerung zu verhindern. Immer dann, wenn wir ein Fazit von Fischer erwarten, scheint er sich zu verweigern. Weder zur Frage des Antisemitismus, noch zur Relevanz des Widersprechers für unsere Zeit lässt sich Jens Malte Fischer dazu hinreißen, Urteile zu fällen oder Empfehlungen zu geben. Er fordert den aktiven Leser heraus, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei liefert er harte und weiche Fakten aus den Ansichten eines stets bedrohten Denkers, die uns zeigen, wie wichtig seine Haltung auch heute noch sein kann. Vom Feuilleton bis hin zur politisch motivierten Rede, seine Botschaft lautet bis heute „Augen auf. Findet die Phrasen und zieht eure eigenen Schlüsse.“ Jens Malte Fischer legt seine Finger in jede Wunde, in der Karl Kraus schon gewühlt hat. Liest man dieses Buch und wirft dann einen wachen Blick auf z.B. den amerikanischen Wahlkampf, alle Automatismen werden sichtbar und Donald Trump hätte heute in Karl Kraus einen erbitterten Widersprecher gefunden.

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Die Fackel begann ab 1934 langsam zu erlöschen. Man sollte sich ihrer erinnern, wenn in heutigen Demokratien oder in der Literatur die leuchtenden Fackeln erlöschen und eine Sprache kultiviert wird, die nur Hass zur Folge hat. Dieses Buch ist ein Werk, in dem man sich verlieren kann. Durch seine klare Struktur vermeidet der Autor jedoch, dass wir selbst auf den gewagtesten Exkursionen den roten Faden verlieren. Sicherlich ein Standardwerk für alle Lesenden, die Karl Kraus schon kannten und verehren. Aber auch ein lesenswerter Weg für Interessierte. Täglich finde ich in den Medien Aussagen, die mich fortan an Karl Kraus erinnern. Worthülsen, denen geglaubt wird. Phrasen, in denen nichts steckt außer egozentrischer Populismus. Kraus nannte sie:

„Zur Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierungen von falschem Bewusstsein.“ 

Das Lebenswerk von Karl Kraus wird überdauern. Seine Bücher Die letzten Tage der Menschheit und Die dritte Walpurgisnacht sprechen weiter für ihn. Jens Malte Fischer hat mit dem Widersprecher nun ein Werk der Sekundärliteratur hinzugefügt, das für Lesende mit Goldgräbernatur einen Claim absteckt, der bisher im Verborgenen lag. Man sollte sich die Schürfrechte sichern. Der Phrasenkiller ist aktueller denn je.

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Jens Malte Fischers Biografie zu Karl Kraus ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, war es ein Muss, diesen dicken Schinken zu lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass die Biografie zu „Karl Kraus“ von Jens Malte Fischer echte Gewinnchancen hat? Weil ich mich auch als Widersprecher empfinde und den heutigen Populisten aufs Maul schaue. Ich fand grandiose Ansätze, dies in der Zukunft, untermauert durch die leuchtende Fackel des großen Kritikers, noch fundierter angehen zu können. Ein zeitlos nachdenklich machendes Opus Magnum…

UPDATE 19.11.2020 – Der Gewinner des Bayerischen Buchpreises – Sachbuch

Bayerischer Buchpreis 2020 - Sachbuch - Gewinner - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Sachbuch – Gewinner

2 Gedanken zu „Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

  1. Pingback: Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter | AstroLibrium

  2. Pingback: Gegenwartsbewältigung von Max Czollek | AstroLibrium

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