Long Bright River von Liz Moore

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Vielleicht sollten Sie sich „Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen anhören, während Sie diese Rezension lesen. Jedenfalls war der Song meine Nummer 1 auf der Playlist zum Roman „Long Bright River“ von Liz Moore. Das liegt nicht daran, dass er am Delaware spielt, der sich mitten durch die amerikanische Metropole schlängelt. Hier ist es die zutiefst melancholische Atmosphäre, die zur Grundstimmung dieses brillanten Romans passt, der wie ein Film an unserem geistigen Auge vorbeifliegt. Es ist ein mehr als tristes Szenario, in das uns Liz Moore entführt, es ist die ehemals aufstrebende und pulsierende Industriestadt Philadelphia, die uns gefangen nimmt. Es sind Straßenzüge, die sich in unser Gedächtnis brennen und es sind die Menschen dieser Stadt, die einen einsamen Kampf gegen Armut, Drogenabhängigkeit und Prostitution führen.

Perspektive wird zur Mangelware im dahinsiechenden Philly. Ein brillantes Setting für einen Kriminalroman, der einerseits Sittengemälde einer modernen Gesellschaft ist, andererseits aber genau aus den hier angesiedelten Konflikten den Zündstoff für seine Handlung bezieht, die hochexplosiv ist. Wir gehen mit Michaela, genannt „Mickey“ auf Streife im neuralgischsten Viertel der Stadt. Es ist das alte Kensington und es sind die heruntergekommenen Avenues, auf denen sich das wahre Leben zwischen Kriminalität und Überleben abspielt. Hier patrouilliert die Streifenpolizistin tagein tagaus, nicht aber im Kampf gegen das allgegenwärtige Verbrechen. Sie passt auf ihre Schwester auf.

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Long Bright River von Liz Moore

Fünf Jahre lang haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie leben. Kacey, die drogenabhängige Prostituierte, schafft hier auf den Straßen von Philadelphia an, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Und all dies unter den wachsamen Augen ihrer Schwester Mickey, die ihrer Mission mit der stillen Akribie einer Maschine folgt. Dass sie dabei oft an ihre Grenzen stößt, sie sogar überschreitet und im Dienst unzuverlässig erscheint, nimmt die Mutter eines 5-jährigen Sohnes in Kauf, solange sie für ihre Schwester den Schutzengel spielen kann. Dies ist eine mehr als spannende Ausgangslage für einen atmosphärischen Krimi, mit der sich die Autorin natürlich nur anfänglich zufriedengibt.

Liz Moore lässt es dunkel werden. Im Strahl ihrer Taschenlampe sehen wir nur erste Fragmente von Bildern, die sich zu einem Mosaik zusammenfügen, in dem wesentliche Steine fehlen. Eine Prostituierte wird ermordet aufgefunden, die Polizei steht vor einem Rätsel; Mickey bemerkt, dass sie ihre Schwester Kacey schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hat; das Drogen- und Prostituiertenmilieu ist aufgeschreckt und als sich andeutet, dass ein Serienmörder umgeht, schrillen sowohl bei der Polizei, als auch bei Mickey alle Alarmglocken. Liz Moore entwirft in ihrem Roman Parallelwelten, in denen wir tief versinken müssen, um alle Zusammenhänge zu erkennen.

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Long Bright River von Liz Moore

Es ist Mickeys Welt, in der die Work-Life-Balance schon längst gekippt ist. Sorge um ihren Sohn Thomas, die unzuverlässige Nanny, die schrullige Vermieterin und ein neuer Partner im Streifenwagen engen ihren Aktionsradius deutlich ein. Die Angst um ihre Schwester macht aus der Straßenpolizistin einen Rachenengel, der zu allem bereit zu sein scheint. Auf eigene Faust nimmt sie die Ermittlungen auf und als man ihr steckt, ein Cop könnte der Killer sein, verliert sie jedes Vertrauen zu ihren Kollegen. Parallelen Welten gilt es fortan lesend zu folgen. Rückblicke auf die Kindheit der beiden Mädchen, ihre unterschiedliche Entwicklung, den familiären Rahmen und falsche Freunde geben Aufschluss über die Wurzeln ihres heutigen Konfliktes. Mickey und Kacey werden uns von Kapitel zu Kapitel vertrauter. Die Sorge wächst.

Liz Moore hat in ihrem Buch Long Bright River den legendären Fluss Delaware als Strukturelement verewigt. Träge fließt er durch die Stadt, seichte Flussarme und schnelle Passagen wechseln sich ab. Schmutzig ist das Wasser. Im Trüben muss man fischen, wenn man an den Grund gelangen will. Und der Fluss hat schon viel bessere Zeiten gesehen. Wenn Liz Moore in den Flow kommt, kann man sich ihrem Schreiben nicht mehr entziehen. Mosaikstein um Mosaikstein findet an seinen richtigen Ort. Allein ein Gesamtbild verweigert sich uns. Aus Nebenfiguren werden relevante Charaktere, in klaren Bildern und Vorurteilen sehen wir uns getäuscht. Unterstützung kommt fast nur von vorher nicht erwarteter Seite. So streifen wir durch die Straßen einer Stadt, die nie zu schlafen scheint. Wir vermuten täglich, auf Kaceys Leiche zu stoßen und hoffen, uns werde noch mehr Zeit gegeben, sie zu finden.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Liz Moore gelingt nicht nur die perfekte Charakterzeichnung ihrer Protagonisten. Wenn man ihren Cast mit der Besetzungsliste eines Films vergleichen würde, hätte sie den Oscar für einige wichtige Nebenrollen verdient. Ein verletzter Ex-Kollege, der sich trotz Handicap privat in die Ermittlungen einschaltet – eine grandiose Figur. Ebenso die alte Vermieterin von Mickey, die eine Wandlung durchlebt, die sie fast zur Hauptperson des Romans werden lässt. Polizisten, die sich einfach schäbig verhalten und Dealer, in denen man sich so lange getäuscht hatte. Ein Sittenbild voller Verwerfungen und ohne jede Vorhersehbarkeit.

Dass es Liz Moore gelingt, uns lange an der Nase herumzuführen, ist einfach nur der großartigen Struktur ihres Romans zu verdanken. Wir liegen oft falsch, weil wir einfach nicht bereit sind, die Wahrheiten zu erkennen, die direkt vor unseren Augen zu liegen scheinen. Wir sind ebenso blind für das große Ganze, wie es die Gesellschaft in Philadelphia für die Ausgegrenzten und Ermordeten ist. Der ganz große Aha-Effekt im Roman macht aus einem Krimi eine tiefe Beziehungsstudie. Freundschaften können im wahren Leben auf die Probe gestellt werden. Schwesternliebe nicht. Sie bleibt auch im tiefsten Konflikt latent bestehen und bricht in den Momenten aus, in der sie in der Lage ist, Leben zu retten. Blut ist dicker als Wasser – das gilt auch für diesen Roman.

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Long Bright River von Liz Moore

Neben der brillant erzählten Handlung ist es die Sprache, die mich überzeugt hat. Sie schmiegt sich an den Song von Springsteen an, sie trägt uns melancholisch durch eine Geschichte voller Verlustangst und Traumata. Es ist eine Sprache, die uns zeigt, was mit Schwestern geschieht, die durch das Leben voneinander getrennt werden. Ich möchte Euch mein Lieblingszitat mit auf den Weg geben, bevor ihr dem „Long Bright River“ folgt und in den Straßen von Philadelphia nach Kacey sucht:

„Wir lebten uns immer mehr auseinander. Ohne sie wurde meine Einsamkeit monströs, ein leises Summen, ein zusätzlicher Körperteil, eine Blechdose,
die ich hinter mir herzog, wohin ich auch ging. Ich vermisste Kacey.“

Ich gehe jede Wette ein, dass Sie diese Blechdose hören werdet, wenn Sie diesen Roman lesen. Passen Sie auf sich auf.

PS: Constanzes Sicht auf Zeichen & Zeiten ist ein Plädoyer für diesen Roman.

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3 Gedanken zu „Long Bright River von Liz Moore

  1. Guten Morgen! 🙂
    Ich habe deinen Rat befolgt und mir Bruce Springsteen dazu angehört und fand den Song schon allein bei deiner Rezension äußerst passend. Da bekommt man gleich Lust, sich in dieses atmosphärisch klingende Abenteuer zu stürzen.Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Gabriela

  2. Pingback: Liz Moore – „Long Bright River“ – ZEICHEN & ZEITEN

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