Barracoon von Zora Neale Hurston [Sklaverei]

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Sklaverei ist ein Zustand, in dem Menschen zumeist lebenslang als Handelsware oder Eigentum anderer behandelt werden. Besonders gut dokumentiert ist die Form der Leibeigenschaft im Fall der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die formale Abschaffung führte jedoch in den seltensten Fällen zu einer gesellschaftlichen Gleichstellung der befreiten Sklaven. Die Auswirkungen sind bis in unsere heutige Zeit zu spüren. Die Literatur hat einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Entrechtung der Afroamerikaner geleistet. Und doch ist noch viel zu erzählen. Es ist viel zu tun und es bleiben Fragen. Ich habe diesem Thema einen großen Schwerpunkt eingeräumt.

Zuletzt stelle ich Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates vor. Meine Rezension endete mit den folgenden Worten:

Man findet viele Bücher zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium. Gerade in Zeiten eines im Wachstum befindlichen Rassismus, ein literarisches und soziopolitisches Feld, dem ich mich intensiv widme. Zum weiteren Verständnis lege ich Ihnen auch gerne den Artikel „Warum ich kein Rassist bin“ ans Herz. Mein Erbe lässt keine andere Position zu. Wenn ich ein Referenzbuch zu „Der Wassertänzer“ benennen müsste, dann wäre dies „Barracoon“ von Zora Neale Hurston. Der Erlebnisbericht des letzten Sklaven, der aus Afrika in die Vereinigten Staaten verschleppt wurde, lag 90 Jahre im Giftschrank, bevor er auch in den USA veröffentlicht wurde. Was bei Coates fiktional ist, hat in der Geschichte von Cudjo Lewis die literarische Qualität eines Augenzeugenberichts. Die Wurzeln der Sklaverei reichen tiefer, als wir glauben und sie reichen weiter, als es uns lieb sein kann. Die Buchvorstellung zu „Barracoon“ (Penguin Verlag) folgt bald…

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Jetzt ist es soweit. „Der Wassertänzer“ liegt neben mir, und ich sehe noch immer die Bilder vor mir, die mir Ta-Nehisi Coates nachhaltig ins Gewissen geschrieben hat. Getrennte Familien, zerrissende Stammbäume, Traumatisierungen und Erniedrigungen. Ich fühlte mich lesend selbst, als wäre ich selbst ein Gegenstand. Besitz, Statussymbol, ein Tier. Man durfte seinen Hass an mir auslassen, mich vergewaltigen oder einfach so verkaufen. Was dies alles mit der menschlichen Seele machte, war egal. Auswege gab es kaum. Erst der Amerikanische Bürgerkrieg beendete die Sklaverei, ohne ihr wirklich Einhalt zu gebieten. Wer könnte besser davon erzählen, als ein Augenzeuge? Wer ist authentischer und wahrhaftiger, als ein Betroffener?

Mit „Barracoon“ von Zora Neale Hurston liegt jetzt ein Augenzeugenbericht vor, der einen dieser Sklaven zu Wort kommen lässt, der sowohl die Deportation aus Afrika, die Versklavung auf einer Südstaaten-Plantage, als auch die Befreiung erlebt hatte. Es ist Cudjo Lewis, dem die Autorin Gehör schenkte und für den sie zugleich zur Stimme wurde, indem sie seine Erzählung niederschrieb. Er selbst hätte seine Geschichte wohl nur an seine Nachkommen weitergeben können. Sein Lebensbericht hätte es auf diese Weise jedoch nicht bis zu uns geschafft. Und gerade wir sollten ihn lesen. Er ist zeitlos und relevant. Und er ist die beste Referenz zur Überprüfung fiktionaler Stoffe auf ihren Authentizitätsgehalt. Eine wichtige Funktion, da dieses Buch eine Romantisierung jeder Form von Sklaverei verhindert und ihr eine deutliche Abfuhr erteilt.

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Trauen Sie sich und begegnen Sie dem letzten amerikanischen Sklaven, der noch von seiner Verschleppung aus der afrikanischen Heimat erzählen konnte. Lassen Sie sich auf Cudjo Lewis ein, der nicht nur vom amerikanischen Süden erzählt. Seine Geschichte beginnt, als er 1841 in Bante (Dahomey, heutiges Benin) zur Welt kommt. 1860 wurde er mit weiteren 115 Sklaven illegal nach Mobile, Alabama verschleppt. 1865 endete sein Dasein als Sklave und er lebte bis 1935 als freier Bürger in Africatown in Mobile. 1927 besuchte die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston den letzten Zeugen der Verschleppung und befragte den inzwischen 86-jährigen zu seinem Leben. Sie legte immer Wert darauf, dass nicht sie diese Geschichte erzählte. Es seien seine eigenen Worte, die sie bei ihren Begegnungen festgehalten habe. Sie habe nur immer wieder versucht, bei den einzelnen Treffen den Faden dieser Erzählung aufzunehmen und so eine Chronologie eines Lebensweges entstehen zu lassen.

Das fühlt man, wenn man sich in den Text fallenlässt. Sie moderiert ihre Gespräche mit dem ehemaligen Sklaven, sie gibt ihm Raum und unterbricht dann auch nicht mehr, wenn seine Erzählung Fahrt aufgenommen hat. Sein Tonfall und seine Sprache sind in der Originalausgabe unverkennbar, in der Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring wird jedoch aus Cudjos Originalstimme eine gut verständliche deutsche Fassung, in der nie der Eindruck entsteht, es mit einem ungebildeten Mann zu tun zu haben. Diese Gefahr hätte jedoch bestanden, wenn der Übersetzer in eine Form von eingedeutschtem Slang verfallen wäre. Dankenswerterweise hat Hans-Ulrich Möhring diese sprachliche Klippe brillant umschifft.

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Cudjo erzählt von lebenslangem Schmerz und Verlust. Er erzählt von der Sehnsucht nach seinem Afrika, aber auch davon, dass erst afrikanische Herrscher die Sklaverei in der freien Welt ermöglicht haben. Sie haben ihre Feinde gefangen, auf Sklavenmärkten angeboten und von weißen Sklavenhändlern außer Landes bringen lassen. Cudjo macht vor der Anklage gegen sein eigenes Volk nicht Halt. Er berichtet vom „Barracoon„, der Baracke, in der die Versklavten warten mussten, bis sie eingeschifft wurden. Hier geht auch für ihn die Reise los. Ohne Rückfahrtschein. Er wird Afrika nicht wiedersehen. Er landet auf einer Plantage, versucht das Beste aus seiner Situation zu machen, gründet in der Gefangenschaft eine Familie und lebt unter dem ständigen Vorbehalt der Willkür der weißen Besitzer. Es ist der Schmerz, den man fühlt, wenn er am Ende der eigenen Geschichte mit leeren Händen dasteht und nur Verluste beklagen kann.

Diesen Text kann man kaum noch vergessen. Er relativiert jede Sicht vom Anspruch heutiger Rassisten auf eine führende Rolle gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Freiheit ist ein relatives Gut. Es muss erkämpft und verteidigt werden. Hier ist die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten noch heute weitgehend auf sich gestellt. Die Initiative Black Lives Matter beweist das eindringlich. Als hätten wir nichts gelernt, sind wir immer noch bereit, andere Menschen in Schubladen zu stecken, dem Alltagsrassismus Raum zu geben und Minderwertigkeit zur Tradition zu erheben. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird es leichter sein, seine Haltung zu überdenken. Ein wahrhaftiger Zeitzeuge hat ein Schweigen gebrochen, das er nie verursacht hat.

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Warum ich das betone? Seit seiner Entstehung bis jetzt lag das Buch im Giftschrank. Der Autorin warf man eine falsche Vorgehensweise vor, beschuldigte sie des Plagiats, schaffte es immer wieder, die Veröffentlichung zu verhindern. Später passte der Inhalt nicht mehr zu einem Amerika der Rassentrennung. Man ließ die Finger davon, um sie sich nicht zu verbrennen. Dass „Barracoon“ gerade jetzt erscheint und hohe Wellen schlägt, zeigt mir, dass jedes Buch seine Zeit hat. Cudjo Lewis würde sicher amüsiert sein, wenn er wüsste, welchem amerikanischen Präsidenten ein solches Werk gerade um die Ohren fliegt. Ta-Nehisi Coates und Cudjo Lewis haben eine neue Frontlinie aufgemacht. Es wird schwer, sie zu überschreiten.

Ein Kritikpunkt am Buch bleibt. Es wirkt mit seinen 220 Seiten recht umfangreich und ich war im Vorfeld sehr gespannt auf des Leben von Cudjo Lewis. Mir ist auch klar, dass ein solches Buch durch die gezielte Einleitung und Kommentierung in den Kontext unserer Zeit gestellt werden muss. Dass jedoch abzüglich von Vorwort, Einleitung und Glossar mit Danksagungen, Anmerkungen und Quellen gerade einmal 86 Seiten für die eigentliche Geschichte bleiben, fand ich persönlich zu unausgewogen. Man kann ja vorblättern, sollte allerdings nicht erwarten, dass Cudjo Lewis dieses Buch füllt. Ich bin der festen Überzeugung, dass seine Geschichte eine klaffende Lücke im Narrativ der Sklaverei schließt. Ein relevantes Buch. Sie wollen Cudjo sehen? Es sind seltene und absolut einzigartige Aufnahmen aus der Zeit, in der das Buch entstand:

Die Bibliothek zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium.

Eine lesenswerte Rezension findet ihr bei Jana im „Wissenstagebuch„…

Sklaverei - Astrolibrium

Sklaverei -Die Bibliothek bei AstroLibrium

2 Gedanken zu „Barracoon von Zora Neale Hurston [Sklaverei]

  1. Pingback: Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates | AstroLibrium

  2. Pingback: Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Lebensgeschichte des Oluale Kossola

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