Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktis – Julien Blanc-Gras

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Hier sind es besonders die Polarregionen, die mich immer wieder faszinieren. Ob nun Antarktis und der Südpol oder die Arktis und das Nordpolarmeer, ob Pinguine oder Eisbären, eigentlich egal. Ich leide an der Seite der Pioniere, die sich in die feindlichen Gefilde der Eisberge, Polkappen und Packeiswelten begaben, um das Unerforschte zu entdecken. Erebus, Terror und Endurance. Expeditionsschiffe, die Synonyme für jene großen Entdeckungsfahrten wurden. Heimat von Besatzungen, die ihre Heimathäfen in England nie wieder oder nur nach aufwendigen Rettungseinsätzen erreichten. Zugleich jedoch auch Träger wichtiger Informationen über Landschaften und Menschen. Hier ist gerade die Franklin-Expedition mit der Erebus hervorzuheben. Ohne die Inuit und ihre mündlichen Überlieferungen hätte man das Rätsel der Expedition nie gelöst. Doch was wurde aus den Urvölkern von einst, nachdem ihre unberührte Heimat entdeckt wurde?

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Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wie sieht es heute dort aus? Was wurde aus Grönland, aus den Eskimos (wie wir die Inuit eigentlich immer noch fälschlich bezeichnen)? Wie sieht die Welt der Ureinwohner heute aus? Was haben die Globalisierung, der Klimawandel und der Tourismus hier im Lauf der Zeit angerichtet? Stimmen unsere Klischees? Bleibt der romantisch verbrämte Blick auf die Vergangenheit bestehen oder erwarten wir auf einer solchen Insel nur das Museum einer längst vergangenen sozialen Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen, Riten und Traditionen. Mit eigener Sprache, Kultur und einem Lebensraum, den man sich im Nordpolarmeer zunutze gemacht hatte. Oder sind es nur noch die Nordlichter, die uns faszinieren, wenn wir an Grönland denken? 

Julien Blanc-Gras wirft einen aktuellen Blick auf diesen Sehnsuchtsort ganz nah am Nordpol. „Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktisist nicht nur in der Lage, unsere Wahrnehmung für Land und Leute zu schärfen. Dieser Reisebericht wird neuen und sehr relevanten Diskussionen um unsere Verantwortung im Umgang mit der Kultur der Inuit neuen Aufschwung verleihen. Blanc-Gras geht an Bord der „ATKA“, einem für die Nordpolarregion perfekt ausgerüsteten Segelschiff mit allen technischen Finessen. Dieses Schiff ist nicht nur in der Lage, das Eis im wahrsten Wortsinn zu brechen, es ist auch in der Lage das Eis zwischen den Besuchern Grönlands und den Inuit zu brechen, die als seefahrendes Kajak-Volk an diesem modernen Schiff extrem interessiert sind. In jeder Beziehung ein Reisebericht, der auf den Expeditionen von einst beruht, sich weit von den touristischen Pfaden entfernt und speziell dem Land seine Aufmerksamkeit zu widmen weiß.

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Wenn Julien Blanc-Gras an seine schriftstellerischen Grenzen kommt, dann hat er uns schon mehr über die Faszination kalbender Eisberge erzählt, als wir es vielleicht je selbst erleben könnten. Und doch streikt auch seine Vorstellungskraft, weil er sich nicht mehr in der Lage sieht, „die Erhabenheit des Eises in Worte zu fassen“. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau, da seine Beschreibung der Eisberge in ihrer Schönheit uns zu einem Besatzungsmitglied der „ATKA“ werden lässt. Der Autor nimmt sich und seine Mitfahrer deutlich zurück. Sie sind für das Buch nicht von wesentlichem Interesse und bleiben anonym. Der Kapitän, der erste Offizier, ein Maler und ein Schriftsteller. Im Nachwort erst nennt er ihre Namen. Relevanz hat Grönland. Relevant sind Menschen und ihre Lebensumstände. Hier liegen der Fokus und gleichzeitig die größte Schwäche dieses Reiseberichts in den Beobachtungsschwerpunkten des Autors.

Die Zivilisation hat die Inuit alles gekostet, was sie als Urvolk ausgezeichnet hat. Aus selbstbestimmten Jägern hat man wirtschaftlich abhängige Fischer gemacht. Ihre Traditionen wurden auf dem Altar der Globalisierung und des Tourismus geopfert. Die ferne dänische Regierung ging mit Grönland so um, wie man es aus den USA und dem „fürsorglichen Umgang“ mit Sioux, Apachen und Navajo kennt. Schulsystem, Währung, Prägung und Infrastruktur. In jedem einzelnen Punkt erfolgte die Abschaffung einer der überlebenstauglichsten Kulturen unserer Erde.

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Dem trägt nun auch der Reisebericht Rechnung. Wenn Julien Blanc-Gras nun über den Untergang der Inuit schreibt, dann muss er mit Grönländern sprechen, die hier nur zu den Zugezogenen zählen. Westeuropäer oder Skandinavier, die sich in dem Biotop ihrer Fantasie niedergelassen haben und eine Gratwanderung zwischen Aktivismus zur Rettung der Urbevölkerung und Bewahrung traditioneller Bilder unternehmen. Die Inuit selbst? Schwer zu fassen. Sie entziehen sich. Sie bleiben zögerlich und indifferent. Es scheint dem Autor nicht gelungen zu sein, über seinen Menschenbild-Schatten und die eigenen Ressentiments springen zu können. Er ist sicherer im Umgang mit Dänen und Franzosen, die ihm „ihr“ Grönland beschreiben. Sprachliche Barrieren und so mancher oberflächliche Konflikt erschweren die Kontaktaufnahme. Inuit heißt Mensch. Das ist eigentlich die Überschrift über den Beschreibungen, die sich widerspiegeln sollte. Dass ihm dann doch Begriffe wie „Artgenossen“ und „örtliches Gesindel“ rausrutschen, ist der Distanz zu schulden, die er nicht zu überbrücken vermag.

Seine Naturbeschreibungen sind grandios. Es ist kein Wunschbild, das Blanc-Gras hier zeichnet. Es ist eine lebensgefährliche Umwelt, die er uns zu Füßen legt. An Bord der ATKA verlieren wir das Gefühl für unsere Zeit und befinden uns fast wieder auf der EREBUS. Es bleibt abenteuerlich und ein Eisberg kann jederzeit das Ende der Reise in dieser Region bedeuten. Was erfahren wir insgesamt, wenn das Eis gebrochen ist? Wo lässt uns der Autor zurück? Welche Botschaften ragen heraus? Grönland und die Inuit sind kein „Völkerkundemuseum“. Kreuzfahrt-Touristen suchen nach dem traditionellen Klischee und werden oft enttäuscht. Inuit tragen keine Pelzmäntel mehr, sie haben ihre Schlittenhunde gegen Schneemobile getauscht und das Kajak gehört zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit.

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Die grönländische Jugend beginnt, die Stimme zu erheben, eine eigene Kultur zu entwickeln, unabhängig zu werden und sich Freiraum zu erobern. Julien Blanc-Gras nennt Autorinnen und ihre Projekte, geht auf die Signalwirkung ihrer neuen Stimmen in einer aufmerksamen Kulturwelt ein. Er legt viele Finger in viele Wunden und doch wirkt er oft doch eher als erwartungsvoller Tourist, denn als Journalist. Ich bereue die Reise auf der ATKA keinesfalls. Ich habe viel über das heutige Grönland gelernt. Ich bin jetzt neugierig auf neue Reisen. Denn, ob ich viel über die Menschen gelernt habe, die sich beharrlich hinter einem begründeten Schutzschild verbergen, das glaube ich nicht. Der französische Autor scheint mir mehr ein Landschaftsjäger und -fänger zu sein. Die Inuit sind ihm nicht ins Netz gegangen. Fast bin ich froh darüber. Sie verbergen ihre Seelen.

Ein Nachtrag: Das Magazin „mare – Die Zeitschrift der Meere“ wird bald zu einem echten Schwerpunkt bei AstroLibrum. Dabei sind es nicht nur viele Reportagen und Reiseberichte, die mich interessieren. Es sind die Ausblicke auf die neuen Bücher des Verlages, die hier schon im Vorfeld von lesenswerten Artikeln begleitet werden. Ich bin schon sehr gespannt auf das literarische Eigenleben meiner Magazin-Kategorie

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4 Gedanken zu „Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktis – Julien Blanc-Gras

  1. Du schreibst mir aus der Seele. Wenn Blanc-Gras einen Zugang zu den Menschen findet, dann zu „Aussteigern“, die sich dort niedergelassen haben. Die Inuit bleiben ihm verborgen. Ein wichtiger Apekt in einem starken Buch. Man kann nicht alles einfangen und Eisberge halten wenigstens still. Bleib gesund, Grüße, Felsi

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