Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom - Astrolibrium

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Sie bleibt seltsam anonym. Fast namenlos, obwohl sie sich zeitlebens mit einem Titel schmückte, der in Finnland berühmt und berüchtigt zugleich war. „Die Frau des Obersts“. Wenn Rosa Liksom ihre Geschichte erzählt, dann ist dies sicher ein Roman. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nicht die Lebensgeschichte von Annikki Kariniemi. Die hat sie in ihrer Autobiografie „Die Anatomie einer Ehe“ schon längst selbst erzählt. Wenn Rosa Liksom erzählt, dann innerhalb eines Rahmens, der bekannt erscheint, es aber doch nicht ist, weil ihre wahre Stärke in der Fiktion verborgen ist…

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So könnte diese Rezension beginnen…

Eine Frau lässt in einem finnischen Dorf ihre vier Leben Revue passieren. Es sind Leben voller Gewalt und Vorbestimmung. Leben unter der Überschrift eines Titels, mit dem sie sich schmückt, weil er sie lebenslang begleiten sollte. „Die Frau des Obersts“ blickt zurück auf den Alltag im strengen Elternhaus, das Leben an der Seite eines alten Obersts, ein Leben danach mit einem jüngeren Ehemann und ganz zum Ende auf eine letzte Etappe eines langen Lebensweges. Es ist zugleich ein Rückblick auf die Historie ihrer Heimat, den ideologischen Sittenverfall Finnlands unter den Nazis und ihre eigene Rolle im Konzert des Hasses.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Auch so könnte sie beginnen.

Dieser Roman ist eine Zerreißprobe für den gesunden Menschenverstand. Zweifel an der Plausibilität der erzählten Geschichte kommen nicht auf, was sie nur schlimmer macht. Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Finnin, die einer Ideologie und ihrer Liebe zu gleichen Teilen verfällt. Machthungrig, selbstvergessen bis zur Selbstaufgabe und leidensfähig bis zum Ende. Die Hauptsache, sie behält ihren Ehrentitel. „Die Frau des Obersts“ lässt sich durch die Geschichte ihres Lebens prügeln, vergewaltigen und erniedrigen, sie lässt sich das ungeborene Kind aus dem Bauch schlagen. Sie geht den dornenreichen Weg einer Gewaltbeziehung, um selbst über andere erhaben zu sein.

So möchte ich beginnen, weil mich das so sehr beschäftigt hat, dass ich den Roman von Rosa Liksom mehrfach unterbrechen musste, weil mir die Gewaltorgien einfach zu sehr auf dem Magen lagen. Selten zuvor hatte ich so sehr mit einem Buch zu kämpfen. Einerseits öffnete mir die finnische Autorin das Tor zum Verständnis der ideologischen Verwerfungen in ihrem Heimatland vor und während des Zweiten Weltkrieges. Alliierte der Nationalsozialisten, Feinde der Russen, bereitwillig am Rassenhass der Nazis und an der Ausgrenzung von Juden beteiligt, später im Zweifrontenkrieg aufgerieben und in seine Elementarteilchen zerlegt. Ein ganzes Land, das systematisch zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein schien. Und mittendrin ein kleines Mädchen, dessen strenges Elternhaus und die nationalistischen Ansichten des Vaters einen Weg vorgaben, der im Chaos enden musste.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Schon im Alter von vier Jahren wird das Mädchen mit jenem Oberst konfrontiert, der ständig bei ihrem Vater zu Besuch ist. Achtundzwanzig Jahre älter als sie und mit einem scharfen Blick auf die Heranwachsende, wird schon hier ihr Schicksal besiegelt. Nicht gegen ihren Willen wird sie später und über Umwege seine Ehefrau. Endlich am Ziel angelangt, als „Frau des Obersts“ und glühende Nationalsozialistin zum Teil des Machtapparats zu gehören. Gewalt richtet sich gegen Unterprivilegierte. Hass hat eine Zielrichtung. Doch als der Krieg verloren ist, wird sie zum Ziel der wilden Aggressionen ihres Ehemanns. Was im Elternhaus begann, setzt sich nun in der häuslichen Gewalt in der Ehe fort.

Es ist die Sicht der geprügelten Ehefrau, die uns hier erschreckt. Bereitwillig und in untertäniger Ehrfurcht vergießt sie Blut und Tränen, verliert ihr Kind und wird durch das eigene Haus geprügelt, wie ein rohes Stück Fleisch. Erst als sie kapiert, dass sie ihren Titel auch führen darf, wenn sie ihren Peiniger verlässt, befreit sie sich. Ein junger und liebevoller Mann begleitet sie in ihr drittes Leben. Hier schreibt sie sich frei. Es ist eine Abrechnung mit ihrer Vergangenheit, die entsteht und sie erneut vereinsamen lässt, da sie auch ihre Rolle reflektiert. Am Ende bleibt sie allein zurück. Mit einem Buch, das im ganzen Land seine Wellen schlägt. Ihr bleibt nicht nur der Titel, ihr bleibt auch der Ruf einer glühenden Nationalsozialistin, die jeden Pakt mit jedem Teufel eingegangen wäre um sich „Die Frau des Obersts“ nennen zu dürfen.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Der Roman ist verstörend. Das jedoch kann er nur sein, weil er so grandios erzählt ist und weil seine Bilder eine Gedankenflut auslösen, die auf der letzten Seite nicht abebbt. Rosa Liksom verarbeitet die wahre Geschichte einer Annikki Kariniemi literarisch und schonungslos. „Everestinna“ ist der Originaltitel des Romans. Er schlug hohe Wellen in Finnland, weil sich Rosa Liksom ein besonderes sprachliches Mittel wählte. Bis auf den Anfang und das Ende des Romans schreibt sie im Dialekt des Tornion-Tals, der Meän-Sprache. Die Verwendung des Dialekts ist sinnvoll, da der Roman der Monolog seiner Protagonistin ist. In einer Nacht durchlebt Everstinna ihre vier Leben von ihrer Kindheit über den Oberst bis zur zweiten Ehe und letztlich zum Schlusspunkt der Geschichte.

Wenn ich auch ständig das Gefühl hatte, der Geschichte einer Frau zu folgen, so weiß ich am Ende des Buches, dass Rosa Liksom im eigentlichen Sinn über jede Form des Faschismus geschrieben hat. Die Handlung kann nur in den Rahmenbedingungen eines ideologisch auf Linie getrimmten Landes funktionieren. Wir werden Zeugen eines Lebensweges, in dem Internierungslager und Liquidierungen zum Alltag gehörten. Was jedoch geschieht, wenn das ideologische Gebilde im Vakuum implodiert, liest sich wie der Albtraum von einer Wahnvorstellung. Loyalität und Karrieresucht korrumpieren den Menschen. Das ist eine der korruptesten Geschichten meines Lebens. Selbstaufgabe hat einen Titel: „Die Frau des Obersts“. Die hochrangigste Neuerscheinung, die mich an die Grenzen des Erträglichen geführt hat. Vorsicht vor diesem Buch. Es ist gewaltig.

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6 Gedanken zu „Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

  1. Bitte unbedingt den Roman „Wasserscheiden“ von Alfred DeMichele rezensieren! Das ultimative Buch zur Coronakrise und deren Folgen.

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