Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki

Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki - Astrolibrium

Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki

Da willst du einfach nur mal alleine sein und mit dir ins Reine kommen. Da wartest du mehr als 25 Jahre darauf, eine Reise zu beenden, die du in einem früheren Leben unter tragischen Umständen abbrechen musstest. Da willst du der vergangenen großen Liebe deines Lebens zugleich hinterher weinen, ein Denkmal setzen und dich von den Albträumen befreien, die dich seitdem heimsuchen. Da willst du im fernen Afrika zu dir selbst finden und den Reset-Knopf drücken. Da willst du auf dem Gipfel des höchsten Berges des dunklen Kontinents um all das trauern, was dir auf dem Herzen liegt. Und dann das. Du bist nicht allein.

Gut, es war davon auszugehen, dass du nicht der einzige Mensch sein wirst, der es wagt, den Kilimandscharo zu besteigen. Eine Übernachtung jedoch in der Höhe von fast 6000 Metern am Rande des Reusch Kraters, die sollte doch bitte exklusiv nur dir vorbehalten sein. Das war der Plan. Alles schien perfekt bis Hans einen roten Punkt in der Gegend des Kraters entdeckte. Und nicht nur das. Zelte, Träger und Ausrüstung gehörten zu dem wild rumhüpfenden Punkt, der sich als waschechter Urbayer namens Tscharlie vorstellt. Mit einem fröhlichen „Lecko mio“ zerreißt er die Stille am Krater in tausend Teile und macht die Trauma-Verarbeitungspläne von Hans zunichte.

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Nun gut, man könnte auf Distanz gehen. Könnte, wäre da nicht ein Schneesturm der über dem Dach von Afrika ausbricht und den weltoffenen, höflichen Hanseaten mit dem bärbeißigen, sarkastischen Bayern ohne Anstand und Respekt zusammenschweißt. Es klingt nach dem stereotypen Zusammenprall der Kulturen in einem fremden Kulturraum. Klingt jedenfalls nicht nach dem Titel des Romans „Das kann uns keiner nehmen“ von Matthias Politycki, in dem die Geschichte von Hans und Tscharlie erzählt wird. Es klingt nach lustigen landsmannschaftlichen Verwerfungen, nach spaßigem Konfliktpotenzial in schwindelerregender Höhe. Preuße und Bayer in Lebensgefahr und in einer Seilschaft des Grauens an- und miteinander verbunden. Klingt so. Ist es aber ganz und gar nicht.

Matthias Politycki gelingt mit seinem aktuellen Roman etwas, das man dem Buch weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick zutrauen würde. Er bringt seine Protagonisten in auswegloser Situation zusammen, reibt die beiden Charaktere intensiv aneinander, bis sie ihre äußeren Schalen verlieren und den Kern ihrer Wesen in einem Umfeld offenlegen, das ihnen scheinbar feindlich gesonnen ist. Ein polyglotter und sehr empathischer Roman, in dem Politycki literarisch verarbeitet, was er selbst in Afrika am eigenen Leib erfahren hat. Dass wir es im weitesten Sinne mit Verarbeitungsliteratur zu tun haben, wird von Seite zu Seite klarer. Was in lustigen Scharmützeln zwischen zwei ungleichen Menschen beginnt, gewinnt in zunehmendem Maß an Tiefgang. Und genau dieser Tiefgang führt auf Umwegen zum Romantitel „Das kann uns keiner nehmen.“

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Dabei gelingt Politycki mit seiner Figur des Tscharlie eine absolute Skurrilität in der Literaturlandschaft. Die scheinbar rassistische und menschenverachtende Haltung, die er den Menschen des Landes gegenüber zur Schau trägt, entpuppt sich als einzig wahrer Zugang zu ihren Herzen. Das muss man selbst erlesen haben, um es begreifen zu können. Tscharlie ist die Verkörperung des lockeren in den Tag Hineinlebens. Er ist kein Tourist, kein Erbe der Kolonisatoren, er begegnet allen Menschen gleichermaßen und gewinnt ihre Zuneigung im Sturm. Seine Sprache, seine persönliche Direktheit und sein Humor sind die Zeltstangen unter denen man sich beruhigt hinlegen kann. Hans ist verwundert, und scheitert hanseatisch kühl mit seiner Herangehensweise. Tscharlie ist ein wahres Gottesgeschenk in den Ländern, durch sie sie nun gemeinsam reisen. Von Tansania bis Sansibar ziehen sie ihre Spuren. Und das aus guten Gründen.

Beide haben Geheimnisse voreinander. Beweggründe hier zu sein. Motive für ihre Reise auf den Kontinent, der immer mehr zum Sehnsuchtsort mutiert. Es wird zu dem Afrika, das ich von Tania Blixen kenne. Es wird zu dem Kontinent, in dem Menschen füreinander einstehen und es ist doch ein zerrissenes Universum der Armut. Politycki gibt dem Kontinent Raum, sich in unserer Wahrnehmung zu entfalten. Er zeigt Gründe für Flucht auf und thematisiert die verheerenden Bürgerkriege, die in Ruanda um sich griffen. Es ist kein Zerrbild von Afrika, in das wir uns hineinlesen. Es ist literarisch ein ganz großer Wurf. Besonders in dem Moment, in dem das gesamte Buch zu kippen beginnt. In dem Moment, in dem Tscharlie und Hans ihre Geheimnisse lüften. Es wird Zeit, sich auf den Tiefgang vorzubereiten, für den der lustige Auftakt den roten Teppich ausgelegt hat…

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„Das kann uns keiner nehmen“ wird zu einem anderen Buch, nachdem Hans und Tscharlie die Hosen heruntergelassen haben. Mit jeder Faser des Herzens schlägt man sich als Leser auf ihre Seite, man folgt atemlos ihren Erzählungen aus einem früheren Leben und man kann keine Pausen mehr einlegen im Lesen. Es sind Geschichten von Verlust, Trauer, Trennung, Krankheit und es sind tiefe Einschnitte, die offene Wunden in den Herzen der beiden Männer hinterlassen haben. Diese gemeinsamen Erlebnisse sind Wegbereiter einer großen Entwicklungsgeschichte, die dazu führt, dass aus zwei ungleichen Menschen ein Team wird. Matthias Politycki lässt an der Plausibilität seiner Erzählung keinen Zweifel aufkommen. Wer sich mit seiner Vita beschäftigt wird Muster dieses Romans in seinem Leben finden. Und doch gelingt ihm sein Schreiben wohl nur in der literarischen Distanzierung durch die Fiktionalisierung seines Stoffes.

Tscharlies flotte Sprüche erhalten vor diesem Hintergrund eine neue Bedeutung und wir verstehen ihn gut, wenn er sagt, dass „die Sehnsucht eine Hure ist“. Beide Männer vereint ein berührendes Frauenbild. Sie sind Heilige und doch vom anderen Stern. Sie sind jedes Opfer wert, auch wenn es die Selbstaufgabe bedeutet. Sie rücken tief ins Zentrum dieses Romans vor. Es sind zwei Frauen, denen wir in Erzählungen der beiden Männer begegnen. Es ist die Zeit der großen Beichten, der offenen Fragen und es ist die Zeit für Schlussstriche, die irgendwann gezogen werden müssen. Hier bleibt kein Auge trocken. Hier gelingt Matthias Politycki ein Twist, der uns auf Umwegen tief ins Herz trifft. Der Traum vom einfach SO-SEIN trägt durch diesen Roman. Wir ahnen, dass dieser Traum ein Traum bleiben musste. Emotionaler geht es nicht.

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Viele schöne Zitate begleiten mich nach dem Lesen in mein Leben. Zitate, die nicht nur für diesen Roman, sondern auch für das Leben selbst stehen. Wohldosiert hat der Autor sie in seinen Text gemischt. Und doch strahlen sie deutlich heraus. Wenn wir Kiki und Mara im Buch begegnen, dann immer mittelbar und indirekt. Und trotzdem gibt es eine Stelle im Text, die uns auf sie vorbereitet:

„Wenn man eine Frau wahrnimmt, muß es eine Distanz gegeben haben!“

Wahrnehmen im Sinne von für wahr nehmen. Das funktioniert in diesem Roman. Ich bin fasziniert und nach dem gemeinsamen Lesen mit einem wichtigen Menschen fällt es mir nicht schwer, den Romantitel über dieses nachhaltige Erlebnis zu stellen: Das kann uns keiner nehmen!

Mehr Afrika auf AstroLibrium: „Ich hatte einen Blog in Afrika„…

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