Marianengraben von Jasmin Schreiber

Marianengraben von Jasmin Schreiber - AstroLibrium

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Normalerweise taucht man in eine Geschichte ein. Man lehnt sich gemütlich zurück, betrachtet die Oberfläche eines literarischen Sees, erkennt leichte Wellenbewegungen und wird neugierig. Mit leichten Schwimmbewegungen entfernt man sich vom Ufer und atmet ein letztes Mal tief ein, bevor man sich in die Tiefe begibt. Je größer der Tiefgang einer Erzählung ist, desto intensiver ist die Auftauchphase. Umgekehrt vorzugehen ist schwer vorstellbar. Außer man traut sich und lässt sich auf den „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber ein. Schon im ersten Kapitel befinden wir uns in elf Kilometern Tiefe. 11000 Meter unter der Oberfläche. Der symbolische Tiefpunkt scheint erreicht und von der ersten Seite an steigen wir sukzessive auf. Eine emotionale Tauchfahrt des Lesens beginnt in tiefster Dunkelheit. Am Grund des Marianengrabens.

Dieser metaphorische Einstieg öffnet die Tür zu einer ungewöhnlichen Erzählung. Wir begegnen zwei Menschen, die tatsächlich ganz unten angekommen sind und durch die besondere Konstruktion im Aufbau der Geschichte vermittelt uns Jasmin Schreiber, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann. Sie, Paula, wagt sich nach dem Unfalltod ihres Bruders und mitten in der Trauertherapie erstmals an sein Grab. Er, Helmut, folgt einem Plan, als er mit Spaten am Urnengrab seiner Exfrau ankommt. Sie, Biologin und mitten im Leben stehend, kann den Verlust ihres jüngeren Bruders nicht verkraften und zermartert ihr schlechtes Gewissen, weil sie nicht da war, als er ertrank. Er, 83-jähriger Hinterbliebener, ist einen Schritt weiter. Die Urne von Helga zu stehlen. Dafür ist er hier. Mitten in der Nacht. Der einzige Zeitpunkt, der für Paula denkbar ist, um unbeobachtet Tim zu besuchen. Wir sind ganz unten angekommen. 11000 Meter tief. Tiefer geht es nicht mehr. Tauchen wir auf?

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber macht viel aus der Ausgangssituation ihres Romans. Es ist die Zufälligkeit des Augenblicks und es ist die Parallelität der erlebten Verluste, die hier als Sprungbrett in eine Geschichte voller Verlust, Sehnsucht, Selbstvorwürfen und Trauer dienen. Da wir jedoch schon ganz unten angekommen sind, tauchen wir nicht in purem Selbstmitleid. Paula nimmt uns mit in liebevolle und farbige Erinnerungen an Tim. Hier wird schnell deutlich, wie sie zueinander standen und wie sehr der kleine Kerl auf seine große Schwester baute, als er den großen Geheimnissen auf die Spur kommen wollte. Jasmin Schreiber beschreibt eine junge Frau, deren Trauerbewältigung gerade erst im Anfangsstadium steckt. Melancholie, Tristesse und Hilflosigkeit sind ihre Wegbegleiter. 

Ganz anders der 83-jährige Urnendieb Helmut, der alles genau geplant hat. Helga ausbuddeln, ab mit ihr ins neu gekaufte Wohnmobil und los geht die Fahrt mit Sack und Pack (also eher mit Urne und Hund Judy). Der letzte gemeinsame Roadtrip an den Ort der wirklich letzten Ruhe für Helga. Auch ihn zeichnet Jasmin Schreiber konturiert und greifbar. Literarische Abziehbilder sind nicht die Sache der jungen Autorin. Empathisch öffnet sie uns die Tür zu einem fast gelebten Leben. Mürrisch, abweisend und doch im tiefsten Inneren verletzlich erleben wir Helmut bei der ersten Begegnung. Was ihn und Paula miteinander verbindet reicht aus, um zwei Lebenswege miteinander zu verbinden und gemeinsam ein Wagnis einzugehen. Skurril mag es vielleicht erscheinen, was sich auf der Friedhofsmauer abspielt. Helgas Asche und Paula. Auch eine Verbindung. Hier beginnt das Unausweichliche. Die gemeinsame Fahrt in die Zukunft, egal wie sie auch aussehen mag. Wir tauchen mit Paula und Helmut auf.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Einige der zentralen Elemente aus dem „Marianengraben“ sind nicht neu. Trauer und Verlust sind zentrale Themen in der Literatur und selbst der Raub einer Urne stellt keine einzigartige Situation dar. Zuletzt folgte ich „Levi“ von Carmen Buttjer, der sich die Urne seiner Mutter noch während der Beerdigung schnappte und untertauchte. Hier spielen die letzte panische Verlustangst, sowie die Unzufriedenheit mit den rituellen und gesellschaftlich akzeptierten Abläufen eine zentrale Rolle. Die Fragen nach dem Leben nach dem Tod tauchen ebenso auf, wie die Selbstvorwürfe, mit denen sich Trauernde ein Leben lang herumschlagen. Viele der Romanelemente sind uns fragmentarisch im Lesen begegnet. Jasmin Schreiber gelingt jedoch durch die Verbindung von Paula und Helmut die Gestaltung eines literarischen Niemandslandes, in dem Trauer verschieden interpretiert wird. Hier geschieht während der Fahrt ein kleines Wunder:

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal
jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur
mit einem anderen Dialekt.“

Es ist diese gemeinsame Sprache, die Jasmin Schreiber zelebriert. Sie vermeidet die Beliebigkeit der Begriffe. Sie definiert den empathischen Weg, der Alt und Jung zu verbinden scheint. Verständnis und der Blick hinter die geschlossenen Vorhänge sind Schlüssel für Hoffnung und Perspektive. Dem Gegenüber Raum lassen für die eigenen Trauerrituale, nicht noch mehr Schmerz verursachen und dann, im richtigen Moment in den Arm nehmen und nehmen lassen, dies sind zentrale Wegweiser an die Oberfläche. Wir tauchen auf.

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Es ist die Ehrlichkeit, die Helmut auszeichnet. Schroff wie ein Fels und doch so sehr gezeichnet, weil sich die Flutwellen des Lebens an ihm abgearbeitet haben. Es ist die Verzagtheit einer Paula, die sie uns in die Arme treibt. Die ehrliche Verzagtheit könnte ein gemeinsamer Weg sein, den sie unterwegs entdecken. Geheimnisse verlieren ihren Schrecken, Offenheit öffnet Herzen und ein Trauerweg wird zur Route des Erkennens. Diese Erzählung überstrahlt keine atemlose Melancholie. Es ist hier eher das Gefühl, in der Rückschau auf das Leben die richtigen Erinnerungen zu konservieren, das hier alle anderen Gedanken überstrahlt. Hier finden Lesende ihre Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann. Die junge unvorbereitete Frau oder den uralten Mann, der sich mit dem Ballast seines Lebens umgibt, um die Reise anzutreten.

Jasmin Schreiber ist nicht nur Kommunikationsexpertin und Autorin, sie ist auch ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie das Wort Trauer in den Raum stellt. Es ist im literarischen Sinne ein oftmals leerer Raum, den man nur mit oberflächlichen Erinnerungen ausschmückt. Ihr Trauerraum ist kein trauriger Raum. Er ist nicht trist oder dunkel. Er ist voller Bilder, die das Leben ausmachen. Es ist eher ein Trostraum, in dem man sich – auch wenn es sich komisch anhört – wohlfühlen und einfach gut fühlen darf. In dem Moment, in dem man lesend die Oberfläche erreicht, ist es gut, Wasser um sich zu haben, um die feuchten Stellen in den Augen zu erklären. In jeder Hinsicht eine lesenswerte Geschichte, die viele Facetten beleuchtet und jeglichen Stereotypen die Tür vor der Nase zuschlägt.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Der Marianengraben als Tiefen-Metapher trägt durch den Roman. Dass ich jedoch im Verlauf der Geschichte auch mit der Nordwestpassage und der Expedition von Sir John Franklin konfrontiert werde, macht mich sprachlos. Die Fahrten von Erebus und Terror als metaphorische Ableitungen für Wagnis, Verlust, Trauer und die ewige Suche nach der Wahrheit in die Geschichte einzubauen, ist mehr als gelungen. Gerade selbst von Bord der „Erebus“ entkommen, habe ich erneut festgestellt, dass es keine Zufälle gibt in der Literatur. Auch das ist Jasmin Schreiber wirklich gut gelungen. Ich bin jetzt auf 0 Metern angelangt. Eine brillante Tauchfahrt. Ich hätte noch Luft genug für einen weiteren Roman aus ihrer Feder. Ich brauche eine Druckkammer, um mich wieder an die Luft hier oben zu gewöhnen. Druckausgleich am Ende des Romans ist sehr wichtig.

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Ein Gedanke zu „Marianengraben von Jasmin Schreiber

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