Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

„Klara vergessen“ von Isabelle Autissier

Murmansk. Nördlich des Polarkreises. Schauplatz einer Generationengeschichte aus der Feder der französischen Autorin Isabelle Autissier und regionales Epizentrum einer epischen Erzählung, die zwar nach Russland schmeckt, klingt und sich so anfühlt, jedoch weit größere Kreise zieht, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es ist die vielbeschworene russische Seele, die den politischen Wechselbädern einer Nation zugrunde liegt, die hier heraufbeschworen wird. Es ist die Mentalität der Menschen, die ihre Heimat unter immer neuen ideologischen Rahmenbedingungen verehren. Isabelle Autissier erzählt eine Geschichte von Identität, Prägung und Vorbestimmung. Es ist die Geschichte einer Familie, die an einem bestimmten Tag durch Verrat in ein Davor und ein Danach zerschnitten wird. Aus der Heimat wird ein Niemandsland. Aus der Familie wird ein Fragment und aus der Zukunft der folgenden Generationen wird ein Vorbehalt, unter dem das Leben anders verläuft, als man es sich gewünscht hätte…

Juri kommt erstmals wieder nach Hause. Das Murmansk seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang augenscheinlich verändert. Der Begriff Heimat kommt ihm jedoch nur schwer über die Lippen. Der Ornithologe, der inzwischen in Nordamerika lebt kehrt nur zurück, weil ihn die Nachricht vom baldigen Ableben seines Vaters Rubin erreicht hat. Unversöhnlich war ihr Abschied. Unversöhnlich sind die Erinnerungen an den brutalen und oftmals betrunkenen Kapitän eines Fischtrawlers und unüberwindlich hoch sind die Mauern, die sich zwischen ihnen aufgetürmt haben. Schikane, Leibesertüchtigung und der Wille des Vaters, sein Sohn möge in seine Fußstapfen treten haben Juris Kindheit und Jugend zu einem Martyrium ungeahnten Ausmaßes gemacht. Jetzt, am Sterbebett seines Vaters, erfährt er vom Familiengeheimnis, das alles in neuem Licht erscheinen lässt.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Die Zeit läuft. Rubin schickt seinen Sohn auf eine Reise in die Vergangenheit. Ihr Ziel trägt einen Namen: „Klara“. Juris Großmutter und Rubins Mutter. Die aufstrebende Wissenschaftlerin wurde vor über siebzig Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Ihr Verschwinden stellt die feste Größe im Narrativ der Familie dar. Der Grund und ihr Verbleib, ihr Schicksal und die genauen Zusammenhänge sind bis heute ungeklärt. Es ist nun Juris Mission, seinem sterbenden Vater die Fragen zu beantworten, die er sich zeitlebens nicht zu stellen gewagt hat. Viel Zeit bleibt Juri nicht. Ansatzpunkte liegen im Verborgenen. Und doch findet er in einer Anlaufstelle zur Klärung von Vermisstenfällen in der Stalin-Ära erste Ansatzpunkte, denen er folgen kann. Verrat, Haft, Deportation und Gulag. Horrorbegriffe für die tief verletzte russische Seele. 

Isabelle Autissier verknüpft drei Generationen mit diesem Ereignis. Sie erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Rubin, Juri und ergänzt sie durch die Fragmente der Recherchen zu einer längst vergangenen Zeit. Juri setzt das Mosaik durch eigene Erinnerungen, Gespräche mit seinem Vater, alten Freunden der Familie und auf Basis gefundener Unterlagen zu einem verstörenden Bild zusammen. Hierbei ist es sicherlich interessant, diesen Spuren zu folgen und sie in die Ursache-Wirkung-Beziehung setzen zu können. Viel interessanter jedoch ist die Erkenntnis, wie sehr sich die Ereignisse von einst unmittelbar auf das Leben des heutigen Ornithologen ausgewirkt haben.

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Kein Stein bleibt auf dem anderen. Kein loser Faden eines Lebens bleibt unverknüpft und kein Teil seiner eigenen Vita entzieht sich des Zusammenhangs mit der Verhaftung seiner Großmutter. Hier spannt Isabelle Autissier einen Bogen über die Zeitscheiben in denen Lebensgeschichten von politischen Systemen geprägt, beeinflusst und verändert werden. Hier verdichtet sie einen Erzählraum, der in Ithaka, Nordamerika, verankert ist und den wahrheitssuchenden Juri über seine Geburtsstadt Murmansk hinaus tief in die Polarregionen der einstigen UdSSR führt. Sie kehrt Homers Odyssee um und lässt den Sohn im sicheren Ithaka aufbrechen, um nach dem Rest der Familie zu suchen. Dabei schreibt sie sich in ihren, die Landschaft und ihre Bewohner beschreibenden Kapiteln in eine literarische Hochform eines Leo Tolstoi hinein. Hier atmet die russische Seele und doch trägt sie schwer am Verrat, der ihr durch das eigene Land aufgebürdet wurde.

Was ändert sich im Leben einer Familie, wenn die eigene Mutter und Ehefrau als Verräterin festgenommen wird? Welche Stellschrauben werden hier justiert und sind für die Zukunft als unveränderbar hinzunehmen? Wie verändern sich Einstellungen und Gefühle der Zurückbleibenden? Was wäre anders verlaufen, wenn Klara nicht gewesen wäre. Wessen Schuld ist es, dass sie verraten wurde? Was hat sie verbrochen? Hat sie mit dem Glück ihrer Familie „russisch Roulette“ gespielt? Der Leser weiß nicht mehr, als die Protagonisten des aufwühlenden Romans. Die Spurensuche droht oft im Nichts zu versanden. Dabei bleibt kein einzelner Handlungsfaden ohne Bedeutung und ohne Zusammenhang. Wie wurde aus Rubin der augenscheinlich brutale Vater? Warum nur flieht Juri in eine Welt, in der die Vogelkunde für Freiheit steht? Was steckt hinter den großen Metaphern dieses Romans?

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier lässt keine Frage offen. Wir bereisen an ihrer Seite die Barentsee, um auf dem Fischtrawler 305 die Netze einzuholen. Wir dienen unter dem Kommando von Juris Vater um aus Juris Sicht zu erkennen, warum der Versuch einer Nachfolge in dieser Fischereiflotte zum Scheitern verurteilt war. Wir begleiten sowohl Vater, als auch den Sohn in ihre jeweilige Kindheit und Jugend und erkennen bewegende Muster. Wir erleben aus Juris Sicht eine unglaublich empathisch und zart erzählte Episode, die uns seine Liebe zu einem anderen Jungen verstehen lässt. Wir begegnen der Homophobie des heutigen Russlands mit den Augen des Ornithologen, der sein Leben in Ithaka als alternativlos bezeichnet. Und wir reisen auf der Grundlage gefundener Dokumente an die Orte, die nur Klara mit ihren Augen gesehen hat.

Klara vergessen. Das sollten sie wohl alle. Ihr Verschwinden war Staatsdoktrin. Doch kein Geheimnis währt ewig. Wie Isabelle Autissier die Lebenswege von Klara, Rubin und Juri miteinander verbindet, habe ich als literarisch herausragend und authentisch empfunden. Hier ist nichts konstruiert. Hier basiert das Erlesene auf den Erkenntnissen der heutigen Zeit über den Gulag. Kaum eine russische Familie hat im stalinistischen System keine Opfer zu beklagen gehabt. Selten tauchten Unterlagen wieder auf. Lager bis tief ins vereiste Sibirien schluckten Millionen von Menschen, die dem Regime in die Quere kamen. Oder den Anschein erweckten… Die Geschichte Klaras muss man sich selbst erlesen. Isabelle Autissier wirft mit Klara einen einzigen Stein in einen See und zeigt mit den sich kreisförmig ausdehnenden Wellen, was in der verschleppten Mutter und Ehefrau seinen Ursprung findet.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier fesselt in ihrem Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Sie erzählt uns vom unbekannten Russland. Dem Leben auf hoher See, dem Leben in der Tundra, im Eis und in Murmansk. Sie konfrontiert uns mit der Urbevölkerung im Umfeld des Machtbereichs der Diktatur und zeigt uns die Randgruppen einer Gesellschaft, die doch eigentlich für Gleichheit eintreten wollte. Sie demaskiert Diktatur und Mitläufer in gleichem Maße. Und sie macht vor nichts Halt. Ein wahrhaft großer Roman, der seinen Leser mit den Fragen konfrontiert, die er zuvor nur interessiert aufgenommen hat. Wer hat mein Leben beeinflusst? Wo wurden unsere Weichen gestellt und was würden wir heute herausfinden, wenn wir unseren Blick auf die Vergangenheit richten würden und nach Zusammenhängen suchen wollten? Ein Roman wie ein Echolot. Wir reflektieren seine Signale und finden die Metaphern unseres Lebens.

Es gibt Bücher, die für mich eine tiefe Verbindung zu Klara vergessen eingehen. Ich hatte sie alle in der Hand, als ich durch Murmansk reiste. Keines dieser Bücher hat mich unberührt zurückgelassen. Eine Lesereise durch die russische Seele kann sich in eine Odyssee verwandeln, der man nur gewachsen ist, wenn man sich auf dieses Land und seine Menschen einlässt. Erlesnisreisen mit AstroLibrium… Folgt mir…

Ich war nicht allein bei Klara in Murmansk. Danke Kathleen für Deine inspirierenden Metaphern und einen wärmenden Gedankenaustausch zum Buch in eisiger Umgebung.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier – Mare Verlag. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig – OT: „Oublier Klara“ – gebunden – 304 Seiten – 24 Euro

Ein Gedanke zu „Klara vergessen von Isabelle Autissier

  1. Pingback: Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja | AstroLibrium

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