Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich möchte ihren drei Leben begegnen. Ich will ihr durch Deutschland, Frankreich und die USA folgen. Mein Weg stellt eine Kreuzung dar, die drei Werke miteinander verbindet, die mir helfen sollen, eine Frau zu verstehen, die stets auf Unverständnis stieß.

Die drei Leben der Hannah Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975“ Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, Hannah Arendt

Drei Wege, die für mich zu einem Königsweg im Verständnis wurden. Wege, die in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen Türen und Augen öffneten. Wege, die ich trotz der zu vermutenden Komplexität auf ein paar einfache Nenner bringen möchte, die meine Sichtweise zum Holocaust stark beeinflusst haben. Wege, die bis in die heutige Zeit reichen, weil eine Wiederholung der Geschichte nur dann erfolgen kann, wenn die Automatismen von einst wieder zu greifen beginnen. Hannah Arendt ist Grenzgängerin und Chefanklägerin der Humanität. Man sollte ihr sehr gut zuhören…

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Die drei Leben der Hanna Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein

Was kann eine Graphic Novel bewegen? Wie kann sie sich einem Thema annähern, das augenscheinlich nicht für dieses literarische Gerne geeignet erscheint? Ich bin der Meinung, dass gerade dieser Widerspruch Neugierde weckt. Wer greift heute noch zur ausschweifenden Biografie? Wer taucht noch gerne in Sekundärliteratur voller Quellen- und Rechercheangaben ein? Kann man nicht einen Weg wählen, der plakativ und doch inhaltlich ausgewogen eine breitere Leserschicht anspricht? Ken Krimstein hat sich für diese ganz individuelle Herangehensweise entschieden. Ich möchte mich hier gerne als Maßstab dafür bezeichnen, warum das Experiment mehr als gelungen ist. Nein. Ich bin Hannah Arendt bisher literarisch nicht begegnet. Nein. Ich las bisher keine Zeile von ihr und hielt eine Auseinandersetzung mit ihr für wenig erfolgversprechend. Sie schien mir zu „elitär“, um ihren Gedanken folgen zu können. Die Hemmschwelle war zu groß. 

Und doch. Ich tauchte tief in den Illustrationen und Texten von Ken Krimstein ein. Ich hatte schon auf den ersten Seiten dieser Graphic Novel das Gefühl, dass Krimstein alle meine Bedenken kennen würde und schon in seiner Einleitung die Hemmschwellen auf mein Bodenlevel absenken konnte. Er setzt nicht voraus, dass man Hannah Arendt in- und auswendig kennt, bevor man sich seinem Buch widmet. Er ermöglichte mir eine unbefangene Annäherung. Krimstein akzeptiert mein Unwissen. Was er jedoch von mir erwartet, darauf darf er mit Fug und Recht bauen. Interesse und unvoreingenommenes Denken. Dafür bin ich zu haben. Er knüpft hier an so viele Schicksale an, die mir schon begegnet sind, wie die von Charlotte Salomon und Irène Némirovsky. Künstlerinnen, die von Nazis verfolgt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ermordet wurden.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Was Hannah Arendt von ihnen unterscheidet, ist ihre Flucht nach Frankreich. Ihr erstes Leben in der deutschen Heimat endete 1933 mit der Machtübernahme der Nazis und führte sie als Emigrantin zuerst nach Paris dann in die USA. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass auch Paris kein sicheres Refugium war. So wie Charlotte Salomon Ihre Bilder in einem Koffer bei sich trug und sagte „C´est toute ma vie“ hatte auch ihre Leidensgefährtin Irène alles Wertvolle bei sich, als sie floh. „Trennt euch niemals von diesem Koffer, denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“ Und auch Hannah ist gedanklich bei einem Koffer, als sie nach dem Schicksal von Walter Benjamin gefragt wird. Sie erinnert sich daran „Wie er die schweren Koffer mit dem Passagen-Projekt die Berge hochgeschleppt hat… Wie er sagte, dass diese Dokumente ihm teurer seien als sein eigenes Leben.“ Nur, wer dies erlebt hat, weiß was Verfolgung heißt.

Doppelte Vertreibung, doppelte Entwurzelung, die Veränderung ihres Umfelds und der Menschen, die ihr nahestehen, der ideologische Sieg der braunen Kultur auch über die Liebe ihres Lebens, Martin Heidegger, all dies wird sie nicht mehr los. All dies wird sie verfolgen. Egal, wo sie ist. Die Wahrheit finden, für sie ein ekstatischer Genuss. Ihr Lebenscocktail besteht aus Leidenschaft, Liebe, Lügen und Philosophie. Sie bleibt eine Getriebene, die keine Opfer scheut, um das Licht der Erkenntnis zu erblicken. Grenzen gibt es für sie nicht. Als sie 1961 als Prozessbeobachterin in Israel weilt und Eichmann als bürokratisches und unauffälliges kleines Licht erlebt, erkennt sie die Banalität des Bösen. Weltweit hagelt es Kritik, weil sie zu verharmlosen scheint. Dabei gelingt ihr ein Bravourstück erster Güteklasse. Sie zeigt die Täter in ihrer lächerlichen Normalität und nicht als Übermenschen. Jeder kann schuldig sein. Auch der harmloseste Kleingeist.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Als Hannah Arendt sich auch mit der internationalen jüdischen Gesellschaft anlegt und hinterfragt, warum sie die europäischen Juden im Stich ließ, verliert sie an Boden. Zu gewagt sind ihre Thesen. Zu früh kommen sie für eine Welt im Wandel, die sich nur zu gerne vor einer Mitschuld verstecken möchte. Wenige Freunde begleiten sie bis zum Ende. Mary McCarthy ist eine von ihnen. Eine Herzensbeziehung zweier Frauen, über alle Grenzen hinweg. Ken Krimstein gelingt mit seiner Graphic Novel ein Meisterwerk. Die Illustrationen skizzieren drei Leben. Seine Worte beschreiben sie. Gemeinsam sind sie in ihrer symbiotischen Wirkung ein Wegweiser zu Hannah Arendt, der animiert, sich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist gelungen. Ich muss mehr erfahren. Ich muss die Bilder des Buches „Die drei Leben der Hannah Arendt“ mit eigenen Bildern anreichern. Ich muss mir jetzt ein eigenes Bild von ihr machen. Es fühlt sich so an, als würde mich Ken Krimstein dazu einladen, seine Skizzen auszumalen. Ein bewegendes Gefühl.

Die Relevanz dieses Buches liegt in Schlüsselsätzen, wie diesem: „Wie Feuer sich aus Sauerstoff speist, tut dies der Totalitarismus aus der Unwahrheit.“ Zeitlos und bedeutend ist die Botschaft, die uns Hannah Arendt hinterlässt. Eine Botschaft, die wir ernstnehmen sollten, weil sich ansonsten wiederholt, was man nicht wiedergutmachen kann – auch nicht in drei Leben. Diese Graphic Biography ist ein Muss, wenn man sich mit Hannah Arendt auseinandersetzen will, wenn man Vergangenes verstehen möchte, Gegenwärtiges mitprägen will, um das Zukünftige zu verändern. Am Ende des Lesens pausierte ich nur kurz. Ich wollte hören, was Hannah zu erzählen hatte. Ich wollte dem Briefgeheimnis zum Trotz hören, was sie ihrer Freundin anvertraute. Ich griff zu:

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Im Vertrauen – Briefe

Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975“. Hannah Arendt und Mary McCarthy. Ein Hörbuch wie eine Offenbarung. Briefe aus ihrem dritten Leben, dem in den USA, um im Rahmen von Ken Krimstein zu bleiben. Was wir hier hören dürfen, ist einer der brillantesten und bewegendsten Briefwechsel, den man sich nur vorstellen kann. Zwei kluge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es waren Welten, die hier aufeinandertrafen. Eine Jüdin und eine Katholikin. Eine der deutschen Universitätstradition verhaftete Gelehrte und eine Frau aus dem Umfeld amerikanischer Elitecolleges. Eine verfolgte Heimatlose und eine sicher verwöhnte Aufstrebende. Schreibende waren beide. Künstlerinnen und Intellektuelle von Format. Der Beginn der Freundschaft, ein Missverständnis. Als dieses ausgeräumt war, begannen die Worte zu sprudeln. Hannah spürt man Vergangenes an, Mary das Künftige. Suchend sind sie beide. Intimes wird ausgetauscht. Liebe und Leid verbinden sie.  

Für Mary McCarthy war Hannah Arendt der einzige Mensch, dem sie beim Denken zuschaut. Hier werden Bilder von Ken Krimstein lebendig. Wo man bei den Briefen oft ohne Hintergrund fragend zögert, erhellen sie sich im Licht der Graphic Novel. Hörend bricht man in sich zusammen, wenn sich die Briefe dem Ende zuneigen. Man wünschte sich, Hannah hätte geahnt, an welcher Stelle der Tod die beiden Frauen trennen würde. Hörend lauscht man auf die endlichen Worte. Findet Wehmut, Hoffnung und Zuneigung. Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. Zuletzt lese ich sie selbst.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eichmann in Jerusalem

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Hannah Arendt in Israel. Sie beobachtet den Prozess gegen den Designer der Endlösung. Sie schreibt über das Szenario, das weltweite Aufsehen, dass Adolf Eichmanns Entführung erregte. Sie wandert auf der Grenze zwischen Schauprozess und Gerechtigkeit, sie prangert zu Beginn des Berichts die schlechte Dolmetscherleistung an, die es dem Angeklagten im Verlauf des Prozesses erschwerte, der Anklage zu folgen. Sie klagt die ganze jüdische Welt an, gewusst und nichts unternommen zu haben. Sie erkennt einen Bürokraten, im eigentlichen Sinn ein kleines Rädchen. Banal. Er könnte jeder sein. Das polarisiert. Die Welt hatte einen Bösewicht erhofft. Und jetzt? Ein blasser Buchhalter des Todes. Und Hannah Arendt geht weiter. Sie beklagt den klaglosen Opfergang der Juden. Sie kann sich nicht mit dem Bild „wehrlos zur Schlachtbank geführt zu werden“ abfinden. Worte, die die Welt aufrütteln, bewegen, verletzen. Worte, die zu früh kommen, verstörend und maßlos wirken. Und doch eben Gedanken, ohne die eine künftige Welt nicht existieren könnte.

Dieses Buch aus der Feder des Großgeistes Hannah Arendt ist eine Offenbarung und eine Verpflichtung zugleich. Hier schließt sich der Kreis. Drei Leben lebte sie im vergangenen Jahrhundert. Drei Jahrhunderleben. Jedes Leben wäre ohne das andere nicht denkbar. Wir sollten uns bemühen, diese Leben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wäre fatal für unsere Gegenwart. Es wäre fatal für die Zukunft.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eine neue Bücherkette

Ein viertes Leben erschien gerade als Roman:

Was wir scheinen“ rückt Hannah Arendt und ihr Leben in ein neues Licht. Jener abstrakten Diva einer längst vergangenen Zeit eine so intensive Vitalität einzuhauchen, ist eine herausragende literarische Leistung. Ich entdeckte völlig unbekannte Seiten an der Frau, über die ich schon einiges zu wissen glaubte.

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller – Astrolibrium

Hier geht´s zum neuen Briefwechsel-Projekt von Sandra Quadflieg:

Und schon sind wir mittendrin in der Vorstellung der Hörbuch-Produktion: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt – Der Briefwechsel„. Die Schauspielerin und Sprecherin Sandra Quadflieg wagt sich in ihrem neuesten Projekt erneut an zwei große Frauen heran, die ihre Spuren in der Literatur hinterlassen haben. Christa Wolf und Sarah Kirsch. Weiterlesen

Briefwechsel - Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt - sarah kirsch - christa wolf - astrolibrium

Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

4 Gedanken zu „Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

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