Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Man könnte es für eine wildromantische Ausgangssituation eines guten Romans halten. Die Frau, die nicht alterte“. Allein der Titel lässt so manche Leserin vor Neid erblassen und Männerherzen höherschlagen. Klingt das nicht wie ein Traum? Alterslos zu sein in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn unterliegt? Klingt es nicht grandios, mit einer Frau zusammen zu sein, die die ewige Jugend für sich gepachtet hat? Ist das nicht die Erfüllung aller Träume, die sich hier in einem Romantitel manifestiert? Könnte sein. Wenn dieses Buch nicht ausgerechnet von Grégoire Delacourt verfasst worden wäre. Jenem französischen Schriftsteller, der aus vermeintlich verlockenden Positionen heraus Parabeln entstehen ließ, die eher nachdenklich als euphorisch stimmten.

Wer hätte nicht gerne den „Dichter der Familie“ in seinen Reihen gewusst? Auch das klang oberflächlich betrachtet eher wie ein wundervolles Prädikat. Was sich jedoch hinter den Kulissen über dem ewigen Schreibtalent zusammenbraute, taugte eher zum Albtraum, als zur hoffnungsvollen Prognose. Positiv und Negativ einer Fotografie liegen bei Grégoire Delacourt immer nah beieinander. Man muss beide Seiten betrachten, um sich ein ganz eigenes Bild machen zu können. Ich war also gewarnt, bevor ich mich mit einer Frau verabredete, die augenscheinlich nicht älter werden wollte. Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem auf sie, denn unter uns: Wann hat man das schon mal?

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Was geht dem geneigten Leser zuerst durch den Kopf, wenn er einen solchen Titel liest? Natürlich erinnert man sich an so manche Geschichte über die Unsterblichen und ewig jung Gebliebenen aus dem eigenen Lesen. Und hier begegnen sie uns oft. Ob es „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford ist, der unter der Tatsache leidet, dass er einfach nicht älter wird. Oder ob wir an Matt Haig denken, den die Frage „Wie man die Zeit anhält“ dazu veranlasste, seinen nur ganz langsam alternden Protagonisten durch die Weltgeschichte mäandern zu lassen. Und neben der Literatur bleiben ja auch noch gute Filme, in denen das Thema immer wieder auftaucht. Von „Benjamin Button“ oder den unsterblich jugendlichen Vampiren der Biss-Saga nicht zu reden. Und immer noch klingt uns der Song „Who wants to live forever“ aus dem Film-Epos „Highlander“ im Ohr, wenn wir daran denken, wie der ewig jugendliche Held seine alternde Geliebte auf der Strecke bleiben sieht. Hach. Tragisch.

Delacourt betritt also kein literarisches Neuland! Und doch gibt es zahlreiche gute Gründe, seinen neuesten Roman „Die Frau, die nicht alterte“ zu lesen. Er betritt hier keine ausgetretenen Pfade, bedient keine bekannten Klischees und erzählt nichts, was uns aus anderen Geschichten bekannt vorkommen könnte. Er gestaltet den Plot, der in sich schlüssig und geschlossen ist. Er spielt mit dem Thema „ewige Jugend“, ohne es mit dem Stigma der Unsterblichkeit zu belasten. Die Frau in seinem Roman verharrt ab dem ungefähr 30. Lebensjahr in dem äußerlich attraktiven Zustand, während der Rest ihres Körpers innerlich dem normalen Alterungsprozess unterliegt. Klingt verzwickt, ist aber in der Konstruktion des Romans so plausibel hergeleitet, dass man geneigt ist, ihn als authentisch zu akzeptieren. Ja, gute Schriftsteller schaffen das.

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Er stellt uns seine Protagonistin in aller Ausführlichkeit vor. Wir begleiten Betty in wohlstrukturierten Kapiteln durch die ersten 30 Lebensjahre. Erleben an ihrer Seite die Kindheit aus ihren Augen, verlieren an ihrer Seite früh die geliebte Mutter, sehen sie mit dem traumatisierten und kriegsbehinderten Vater aufwachsen. Sie vertraut uns geheim gehaltene Träume über ihre Zukunft an. Wir erleben ihre Hochzeit, werden mit ihr und ihrem Mann zu glücklichen Eltern und haben das Gefühl, alles könnte so bleiben. Es ist ein allzu perfektes Leben, das auch festgehalten wird. Eine Fotoserie von Betty soll uns und ihren Liebsten zeigen, wie sie sich verändert. Jedes Jahr ein Foto. Gute Tradition.

Bis sich die Bilder nicht mehr verändern. Bis sie ab dem 30. Lebensjahr immer eine Betty zeigen, die zeitlos schön ist. Kein Fältchen, kein Makel, nichts. Hier dreht sich der Roman in eine Richtung, die uns fesselt, weil wir jeden Gedanken von Betty im Voraus zu kennen scheinen. Wir kennen sie ja von Kindesbeinen an. Stolz schwingt mit. Jung auszusehen, was für ein Traum. Doch mit zunehmendem Alter und gleichbleibendem Äußeren zieht sie nicht nur bewundernde Blicke auf sich. Neid, Missgunst und Zweifel werden zu ihren Wegbegleitern. Delacourt schöpft hier aus dem Vollen seiner Fantasie und konfrontiert seine jugendliche Heldin mit allen denkbaren Konflikten, die aus dieser Situation entstehen können.

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Wie fühlt sich eine Mutter, deren Sohn bald älter wirkt als sie selbst? Wie geht ihr Mann mit ihr um, als sie sich äußerlich immer weiter von ihm entfernt? Wie reagiert ihr Umfeld im Beruf und im Freundeskreis? Und was macht das alles mit Betty selbst? Im Kontext dieser Probleme widmet sich Delacourt der zentralen Frage seines Romans, in der es darum geht, was Alter wirklich wert ist. Er nimmt uns die Angst vor Falten, zieht uns auf seine Seite und erzählt eine Geschichte, die wehmütig beklagt, dass zwei sich Liebende nicht gemeinsam (zumindest optisch) altern. Es schmerzt, Betty zu folgen, zu wissen, dass auch sie innerlich verfällt und sie doch mit ihrem Äußeren nicht Schritt zu halten vermag.

Grégoire Delacourt schrieb einen liebenswerten Roman über einen gemeinsamen Traum vieler Ehepaare. Er schreibt gegen den Jugendwahn und Schönheitschirurgie und verdeutlicht, dass man sich zu seinem Alter bekennen sollte. Nur hilft all das nicht unserer Protagonistin, die zusehends vereinsamt. Sie droht in Schönheit zu versinken und in Zeitlosigkeit unterzugehen. Delacourt jedoch schreibt seine Romane nicht ohne Ziel und Ausweg. Er kennt einen Ausweg für Betty. Allein dafür lohnt es sich „Die Frau, die nicht alterte“ kennenzulernen. Ein feinfühlig erzählter, sprachlich feiner Roman, in dem sich Mann oder Frau gleichermaßen wiederfinden.

Keine Sorge. Der Blick in den Spiegel wird durch diese Geschichte nicht getrübt. Ganz im Gegenteil!

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Die Frau, die nicht alterte“ von Grégoire Delacourt / Atlantik Verlag / 176 Seiten / aus dem Französischen von Katrin Segerer / 20 Euro

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Ein Gedanke zu „Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

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