Ich bin Circe von Madeline Miller

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Ich war nie ein großer Freund der griechischen Mythologie. Und doch ließ ich mich im letzten Jahr dazu verführen, der „Odyssee“ von Homer meine Aufmerksamkeit zu schenken. Nie hätte ich gedacht, dass ich so tief eintauchen würde. Mir war schon klar, dass Homer einen großen Einfluss auf die Literatur unserer Zeit hat, dass mir aber mit seinem Epos gleich mehrere Bücher in die Hand fallen würden, die auf ihn verweisen, hat mich dann doch mehr als überrascht. „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn traf mich dabei nicht überraschend. Ebenso wenig wie die von allen Göttern befreite Troja-Adaption von Alessandro Baricco. „Also sprach Achill“ musste zwangsläufig auf Homers Ilias und die folgende Odyssee verweisen.

Dass ich jedoch auch im neuen Roman von Markus ZusakNichts weniger als ein WunderSpurenelemente des großen Homer finden würde, konnte kein Zufall mehr sein. Die Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Blitz. Bücher haben Schicksale und Leser werden zu ihren schicksalhaften Begleitern. Seitdem verstehe ich die „Odyssee“ als komplexe Vater-Sohn-Geschichte, die als Urmutter aller Entwicklungsromane dient. In ihr sind alle Konflikte verwoben, eingebettet und verborgen, die (Götter hin oder her) den Urknall des Beziehungs-Sprengstoffes in sich tragen. Odysseus und Telemachos sind die literarischen Prototypen für ein ewiges Versteckspiel, das sich in der Literatur tausendfach wiederholt hat. Dem heldenhaften Vorbild nacheifern, an seiner Strahlkraft verzweifeln, die eigene Rolle im Leben suchen, auf Anerkennung und Respekt hoffen. Alles Parameter, die heute noch für Telemachos im Schatten eines Übervaters stehen.

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Und doch fehlte mir etwas. Abseits der Heldenverehrung des Odysseus, jenseits der Wege, die ihn nach dem Trojanischen Krieg auf Umwegen zurück nach Ithaka führten. Ich war auf der Suche nach einer Perspektive, die ihn mir zugänglicher machen würde. Mich interessierte nicht mehr der Trojanische Krieg und auch die Stationen der Irrfahrt bis nach Ithaka waren mir vertraut. Mir fehlte ein Mosaikstein, eine tiefere Spur, die mir den Menschen hinter den Legenden näherbringen konnte. Als ich den Roman „Ich bin Circe“ von Madeline Miller entdeckte, hatte ich die Hoffnung, dieses Steinchen bei ihr zu finden. Und bei Zeus, ich wurde nicht enttäuscht. Ich entschied mich für das Hören. Ich wollte mich im wahrsten Sinne des Wortes „becircen“ lassen.

Hier hatte Odysseus auf seiner Heimreise Halt gemacht. Bei ihr verlor er sich. Hier blieb er wesentlich länger, als es seinen Gefolgsleuten nach dem langen Trojanischen Krieg lieb sein konnte. Hier wurden seine Soldaten von der gottgleichen Hexe Circe in Schweine verwandelt. Hier zweigt die Mythologie in unterschiedliche Verästelungen ab und es entstehen Geschichten, die einen anderen Odysseus erahnen lassen. Aiaia, die Insel der Circe mutiert zum schicksalhaften Sehnsuchtsort, von dem es kein Entrinnen gibt. Und wenn man es schafft, bleibt man lebenslang gezeichnet. Ich ging mit großen Erwartungen auf die Reise. Ich wollte so viel wie möglich erfahren, ohne in die Untiefen der fast undurchschaubaren Mythologie einzutauchen. Bei Zeus, ich fand, wonach ich suchte.

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Frei nach dem Motto „Götter sind auch nur Menschen“ entführte mich Madeline Miller in eine Welt, die von Eifersucht, Neid und Missgunst geprägt ist. Ich werde mit Haut und Haaren vom Ränkespiel der Götter aufgesaugt. Ich bin ein Mensch und sehe mich als Marionette in einem göttlichen Wettstreit, in Konflikte verwickelt, die das Mädchen Circe an den Rand der göttlichen Gesellschaft katapultieren. Verbannung als Strafe. Einsamkeit als Therapie und Entsagung von allem Vergnügen sieht ihr Vater für sie vor. Aiaia. Die einsame Insel wird zum Gefängnis einer verwöhnten Göttertochter. Madeline Miller erzählt rasant, modern und spannend. Sie nimmt uns mit in ihre Welt der Götter, die sie wie Götterspeise für ihre Leser und Hörer zubereitet.

Die aufmüpfige Tochter, der Sonnengott-Vater und die Streitereien um die Gunst des Gottvaters Zeus. Alles Gründe für ihre Verbannung. Auf sich und ihre Fähigkeiten gestellt, gelingt es Circe, sich mit der Verbannung zu arrangieren. Eine starke Frau, die sich ihrer Haut erwehren muss. Ihre Gabe, pflanzliche Tränke zu brauen, die Zauber in sich tragen, rettet sie. Männer, die sie vergewaltigen wollen, werden zu Schweinen. Sie ist alles, nur kein Opfer. Die Autorin füllt eine mystifizierte Person mit Leben. Sie zeigt Circe als manipulative, verletzte und ewig suchende Göttin, die uns menschlicher und nahbarer erscheint, als in der Urfassung der Epen. Die Aura der Göttin wird immer und immer wieder von außen durchstoßen. Der äußere Schein trügt. Tief im Herzen ist sie eine Frau, in die man sich verlieben kann.

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Als Odysseus die Insel Aiaia betritt, schwingt sich die Erzählung zu einer greifbaren Romanze in die höchsten Höhen einer schicksalhaften Liebesgeschichte hinauf. Hier erlebe ich den Odysseus hinter den Kulissen. Hier wird er zu dem Charakter, der sich bisher in den Legenden gut verbergen konnte. Er wird zum Vater von Telegonos, dem Sohn, den Circe zur Welt bringt, als Odysseus auf dem Heimweg zu seiner Familie ist. Aus der verlassenen Göttin wird der Prototyp einer Rasenmähermutter. Alle Konflikte, die ihrem Sohn drohen, werden von ihr weggezaubert. Nichts überlässt sie dem Zufall. Als Telegonos sich jedoch auf die Suche nach seinem Vater macht, ist auch Circe am Ende ihrer Kunst angelangt.

Madeline Miller lässt die Geschichte mehrfach eskalieren. Die einsame Insel Aiaia mutiert zum Hotspot für Götterreisen. Hier findet ein Stelldichein des Who-Is-Who der Götter statt. Man reibt sich erstaunt die Augen, wer hier anlandet. Als jedoch Penelope, die Frau von Odysseus mit Telemachos und Telegonos auftaucht, wird aus dem Epos ein gewaltiges und dramatisches Szenario der Götterdämmerung. Alle Elemente einer guten Story finden hier zusammen und wir erkennen viele Muster wieder, die später im Herzen der Literatur eine wichtige Rolle spielen. Wie verhält man sich, wenn man sich als Unsterbliche in einen Sterblichen verliebt? Hier grüßen Circe und Telemachos den Rest der Bücherwelt. Kommt uns das nicht bekannt vor? Aragorn und Arwen. Beren und Lúthien. Tolkien konnte nicht widerstehen und so mancher Vampirroman nimmt dieses Muster auf. Nicht zu sprechen vom Highlander, an dessen Seite man sich mit dem Song „Who wants to live forever?“ über Wasser halten musste.

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Auch meine Entscheidung für die Hörbuchfassung war goldrichtig. Ich hätte mich lesend nicht so leicht in Circe hineinversetzen können. Aber ihr zuzuhören, ja, das war ein Erlebnis. Ann Vielhaben hat mich gute 12 Stunden lang in der gekürzten Lesung becirct und betört. Sie hat gezetert und gebrüllt, mir gottgleiche Befehle erteilt und mich verzaubert. Sie hat jede einzelne Facette des widersprüchlichen Charakters mit Leben gefüllt und lautstark, leise, verhalten oder vehement dafür gesorgt, dass man Circe vor sich sehen kann. Diese Stimme kann zickig, verliebt, herrisch und verletzt sein. Sie hat alle Stimmfarben um mit Fug und Recht sagen zu können „Ich bin Circe“. Und doch ist eine kleine Kritik erlaubt. Manchmal werden Worte am Ende eines Satzes ausgehaucht, und verschwinden unbetont im Nichts. Es gab Passagen, die ich erneut hören musste, um das Ende zu verstehen. Hier kommt es auf die Hörsituation an. Zuhause eher kein Problem. Unterwegs schon eher. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau. Aktives Hören ist eben mit einer ruhigen Umgebung verbunden.

Am göttlichen Hörgenuss ändert das nichts. Besonders das Ende des Hörbuchs ist unvergleichlich gut erzählt. Gänsehaut.

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Ein Gedanke zu „Ich bin Circe von Madeline Miller

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