Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Es ist das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust, das für mich im Mittelpunkt steht. Es ist das wohl zentralste Thema meines Blogs und im Laufe der Zeit haben sich zahllose Bücher in die Kette des Erinnerns eingereiht. Einige von ihnen verdienen ein besonderes Prädikat, weil sie in ihrer Perspektive und Struktur einzigartig sind. „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich dieser auf Tatsachen beruhende Roman in die Phalanx jener Bücher schieben würde, die mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehen sind. Dies erschließt sich tatsächlich auf den zweiten Blick und natürlich beim Lesen.

Es ist der Originaltitel, der mich nachdenklich machte. Frei aus dem Norwegischen übersetzt lautet er: „Das Lexikon von Licht und Dunkelheit“. Hier erschließen sich in seinem Kontext sowohl die Struktur des Buches als auch sein Inhalt. Denn während ich mich beim deutschen Titel „Vergesst unsere Namen nicht“ direkt von einem der Opfer angesprochen fühle und den Appell an das Erinnern fast wörtlich spüre, lenkt mich der Originaltitel in eine andere Richtung. Er fühlt sich nicht an, wie ein Opferroman-Titel. Er wirkt facettenreicher und dunkler und möchte gerne beim Wort genommen werden. Ich halte diesen Titel für den eigentlichen Türöffner zu diesem Roman, weil er inhaltlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte steht, die Simon Stranger erzählt.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Wann liest man schon mal ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich, das die Psychologie des Täters in den Vordergrund stellt? Wann kann man eintauchen in Denkwelten von Menschen, die sich schuldig gemacht haben und wo findet man die nachhaltigen Motiv-Spuren der Täter? „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell stellt bis heute eine absolute Ausnahme dar. Bis zur Veröffentlichung dieses Romans. Es ist der norwegische Autor Simon Stranger, der sich auf Spurensuche in seiner Familie im besetzten Norwegen des Zweiten Weltkriegs begibt. Es ist historisch verbrieft, wessen Spuren er folgt. Es sind die Verwandten seiner Ehefrau, denen er mit seiner Recherche einen Platz in der Familie zurückgibt, den die Nazis ihnen gestohlen haben. 

Es sind die jüdischen Vorfahren seiner eigenen Ehefrau, die direkt und indirekt zu Opfern wurden. Verraten, liquidiert, traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Es ist die verstörende Geschichte von Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren und für sie nimmt dieses Buch die Rolle eines Stolpersteins ein, der uns heute dazu anhalten soll, diese Menschen nicht zu vergessen. Er erzählt die Geschichte des Urgroßvaters seiner Frau. Hirsch Kommissar, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion der Nazis inhaftiert und erschossen wurde. Er nimmt sich die Zeit, nicht nur ihre Familie in ihrer lebensbedrohlichen Lebenssituation zu beschreiben. Er geht weiter und gliedert sein Buch nach den Buchstaben des Alphabets. 26 Kapitel. Von A bis Z. Ein Lexikon von Licht und Dunkelheit, in dem die Dunkelheit überwiegt….  

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Hier wird aus einem Opferroman ein Täterroman. Simon Stranger kann nicht anders, als einen der Hauptverantwortlichen der Verfolgung zu sezieren und bis auf die Fasern seines Charakters zu zerlegen. Es handelt sich um Henry Oliver Rinnan, den Agenten der Gestapo, der mit seinen Opfern ein perfides Spiel spielte. Sein Hauptquartier lag in Trondheim und ist auch heute noch als Bandenkloster bekannt. Hier ließ er verhören, foltern und morden. Hier spielten sich die brutalsten Schrecken ab. Verborgen vor den Augen der Welt. Simon Stranger gibt sich nicht damit zufrieden, über diese Untaten zu schreiben. Ihm gelingt mit seinem Psychogramm eines Täters ein Literatur-Meilenstein zum Verständnis der damaligen Zeit.

Von A bis Z durchleuchtet er das Leben des künftigen Täters, zeigt ihn als wenig akzeptierten jungen Mann, der um Anerkennung buhlt. Er beschreibt einen Underdog, dem es in seiner Heimat unter Seinesgleichen nie gelingen würde sozial aufzusteigen. Hier kommen ihm die Nazis gerade recht. Hier wittert der Mitläufer seine Chance und beginnt in Diensten der Gestapo ein Doppelagentenspiel. Er erschleicht sich Vertrauen auf der Seite des Widerstands, lässt sich Verstecke jüdischer Flüchtlinge zeigen und ist dann der unersetzliche Faktor im ideologischen Vernichtungskrieg, wenn er alles verrät, was ihm eigentlich heilig sein sollte. Diese Macht korrumpiert ihn und macht ihn selbst zum Folterer und Mörder.

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Simon Stranger legt den Finger in alle Wunden. Er zeigt die Charakterlosigkeit eines Menschen, der die Haltung wechseln kann, wie eine Fahne im Wind. Erschreckend ist hierbei, dass klar wird, dass genau dieser Henry Oliver Rinnan auf der richtigen Seite in Reihen des norwegischen Widerstands gekämpft hätte, wäre er dort wertgeschätzt worden. Eine typische Täter-Karriere. Ein Stereotyp des Mitläufers, der sich bereitwillig schuldig macht. Das Ego siegt über das Gewissen. Als ausgerechnet die Familie des ermordeten Hirsch Kommissar nach Ende des Krieges im Bandenkloster unterkommt, weil das Haus zum Verkauf steht, reißen die geschichtsträchtigen Wände die Wunden wieder auf. Ein Haus des Schreckens, das fortan in der Familie Angst und Schrecken verbreitet.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen und noch weniger leicht zu verkraften. Wenn man die Perspektive der Opfer eingenommen hat, wird man urplötzlich mit einem Täter konfrontiert, der sich dominant in den Vordergrund drängt. Das jedoch ist die wichtigste und größte Leistung dieses Buches. Es beschreibt historisch präzise und wird nur dort fiktional, wo die tatsächlichen Aufzeichnungen Interpretationsspielraum für Dialoge und Gefühle lassen. Simon Stranger bewegt sich auf perfekt recherchiertem Terrain. Jeder, der von sich behauptet, er würde sich niemals von Macht korrumpieren lassen, müsste dieses Buch lesen. Jeder, dem es an Vorstellungskraft fehlt, wie leicht man Täter wird, sollte dieses Buch lesen.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Und jeder, der denkt, man könne nichts gegen heutige Populisten unternehmen, der sollte nie vergessen, dass man einen Henry Oliver Rinnan lange genug in seinem Umfeld hätte auffangen und wahrnehmen können, anstatt ihn auszugrenzen, der sollte sich überlegen, ob man Rechtsradikale von heute lieber an den Rand drängt oder sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen und reden sollte. Eins der wohl wichtigsten und nachhaltigsten Bücher gegen das Vergessen, weil die Automatismen dieser Täterschaft ebenso beschrieben werden, wie die lebenslange Traumatisierung der Opfer. Hier liegt ein literarischer Stolperstein in unseren Händen.

Ein letztes Wort gilt der Übersetzung dieses Romans. Wenn es einem Übersetzer gelingt, ein Buch aus dem Norwegischen ins Deutsche zu transferieren, das nach den Buchstaben des Alphabets gegliedert ist, 26 norwegische Begriffe über die jeweiligen Kapitel stellt und diese in den Kontext des Gesamttextes einbettet, dann ist ihm Großes gelungen. Nicht viele der originalen Begriffe finden im Deutschen ihre Entsprechung. In vielen Überschriften musste das passende deutsche Wort aus dem Zusammenhang im folgenden Text gefunden werden. Dass die deutschen Leser nicht ins Stocken kommen und keine Plausibilitätslücken finden adelt Thorsten Alms. Hier kann man mit Fug und Recht behaupten, dass durch seine Übersetzung ein eigenständiges literarisches Werk entstanden ist. Chapeau…

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Vergesst unsere Namen Nicht von Simon Stranger / Eichborn Verlag / 350 Seiten / aus dem Norwegischen von Thorsten Alms / gebunden / 22 Euro – Hier finden Sie mehr Literaturempfehlungen „Gegen das Vergessen“ bei AstroLibrium…

2 Gedanken zu „Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

  1. Schön, dass Du dieses wundervolle wie wichtige Buch vorstellst. Ich denke, dass beide Titel – der originale und der nunmehr deutsche – sehr gut passen. Für mich bemerkenswert, wie Stranger Geschichte und Gegenwart verknüpft und dass die Lebensspur von Hirsch Kommissar nach Mitteldeutschland führte. Bleib bitte an deinem Blog-Schwerpunkt weiter dran. Viele Grüße

    • Liebe Constanze. Ich bleibe dran und ja, beide Titel haben etwas Eigenes. Und doch legt Stranger viel Wert auf die Psychologie des Täters. Das findet man selten so gut beschrieben. Es zeigt, wie leicht JEDER verführt werden kann und anfällig wird. Es geht nicht um einen Unmenschen. Eine fatale Erkenntnis.

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