Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Ich weine nicht unter meinem Niveau. Besonders dann nicht, wenn es um Literatur geht. Ein Roman muss mich schon im Mark treffen, meine Gefühlswelten bewegen und am Ende schlichtweg überzeugen, um meine Tränenkanäle in Aktion zu versetzen. Es sind nicht immer die groß angelegten Dramen oder Geschichten, deren Hauptziel darin besteht, auf die Tränendrüse zu drücken, die mich zum Weinen bringen. Es sind meist die ganz kleinen Erzählungen, deren Protagonisten mich nachhaltig aufwühlen, die das Potenzial mitbringen, deutliche Spuren zu hinterlassen. Eine Träne muss man sich als Autor schon redlich verdienen. Zumindest bei mir. Ich kann die Tränenbücher an einer Hand abzählen. Bücher, die mich in diesem Jahr berührt haben. Seltenheitswert.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich nie geglaubt hätte, dass mich eine Islandsaga aus dem Jahr 1909 dazu bringen würde, heute eine Rezension zu schreiben, die mich als literarische Heulsuse outet. Und doch ist genau das passiert. Ein Stoff, der wohl nur deshalb veröffentlicht und gelesen wird, weil Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse firmiert. So dachte ich. Ansonsten holt man mit „Viga-Ljot und Vigdis“ im Leben keine Leser hinter dem Ofen hervor. So glaubte ich zu wissen. Sicher verstaubt und antiquiert in Stil und Ausdrucksweise. Nicht mehr zeitgemäß und (mit Verlaub) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so spannend und zeitgemäß, wie Bücher über die abenteuerliche Weinlese zur Zeit der französischen Renaissance. Zumindest hätte der Hoffmann und Campe Verlag einen Norwegen-Titel im Sortiment und damit auch schon genug getan, um dem Gastland zu huldigen. Vermutete ich… Zu Unrecht.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Beim gezielten Blick hinter die Fassade von „Viga-Ljot und Vigdis“ aus der Feder von Sigrid Undset erkennt man, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, dieses Buch auch heutigen Lesern erneut zugänglich zu machen. Dabei ist die Gastland-Rolle einer Literatur-Nobelpreisträgerin aus dem Jahr 1928 als nebensächlich zu bewerten. Sigrid Undset war gerade einmal 27 Jahre alt, als ihre Islandsaga erschien. Im Vorwort zum Roman erläutert Kristof Magnusson die Besonderheiten dieser Geschichte und ordnet sie gleichzeitig im Genre historischer Roman ein, nicht ohne die Brüche zu erklären, die das Buch von genau diesem Sujet abheben. Sigrid Undset blieb sprachlich der Zeit, die sie in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verbunden. Mittelalterlich, traditionell, mehr als alle anderen Geschichten auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen, den doch eher kleinen Leuten gewidmet. So, wie sie schrieb, konnte man sich die Saga auch an den Lagerfeuern des Mittelalters erzählt haben.

Der rein inhaltlichen Brisanz des Werks ist es zu verdanken, dass in der aktuellen Übersetzung von Gabriele Haefs zeitlose Töne angeschlagen werden, die in der Lage sind, einerseits dieser Geschichte einen modernen Anstrich zu verleihen und doch dem Charme der Saga nicht den Boden entziehen. Das klingt nicht verstaubt oder ungelenk. Es liest sich flüssig und elegant, was sich uns auf 180 Seiten offenbart. Und doch bleibt die Schönheit der Formulierungen von Sigrid Undset erhalten. Ein gelungener Weg, ein Buch zu reanimieren, das man einfach gelesen haben muss. Ohne es zu datieren und ohne jegliche Hintergrundinformationen zur Autorin könnte man das Gefühl bekommen, es hier mit einer Geschichte zu tun zu haben, die die Schlagworte #MeToo und Victim Blaming in die Vergangenheit transportiert, um sie aus dieser verfremdeten Umgebung in unsere heutige Zeit zu projizieren. Weit gefehlt. Diese Headlines sind älter, als wir es gerne wahrhaben möchten.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Archaische Gesellschaften sind grundsätzlich frauenfeindlich organisiert, obwohl sie auf Gedeih und Verderb von ihnen abhängig sind. Die Entrechtung der Frau und die Zuweisung klarer Rollenbilder entstammen wohl immer jenen Zeiten, in denen die Welt nur für Männer absolut in Ordnung war. Mit nichts anderem assoziieren wir auch heute noch Romane, in denen Wikinger und ihre Volksstämme eine Rolle spielen. Frauen als Haushälterinnen, Geliebte, Mütter und Tauschobjekte auf dem Heiratsmarkt. Mehr darf man nicht erwarten. Also zumindest nicht als Frau. Weitere Rollen wurden ihnen auch literarisch kaum zugewiesen. Bescheidenheit war angesagt. Patriarchat in Reinform. 

So lernen wir auch die junge Vigdis kennen. Als Tochter des wohlhabenden Bauern Gunnar begegnet sie dem jungen Isländer Viga-Ljot auf dem Hof ihres Vaters. Aus der ersten leichten Faszination entsteht bald eine Romanze, die auf eine glückliche Zeit als Paar hindeutet. Gunnar gestattet seiner Tochter das Privileg, eine Ehe einzugehen, die nicht arrangiert wurde. Sie ist also frei in ihrer Entscheidung und Viga-Ljot würde gut in die Familie passen. Wäre da nicht der jung verliebte Wikinger selbst, mit dem der Gaul gleich mehrmals durchgeht. Die vornehme Schüchternheit von Vigdis schiebt er rabiat zur Seite und nimmt sich mit Gewalt, was er schon zu besitzen glaubt. Aus dem brutal geraubten Kuss und der folgenden Vergewaltigung entsteht die größte Schande, die er dem jungen Mädchen jemals hätte antun können. Ein Kind! Einen Sohn. Ulvar.

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Diese Schande stürzt die gesamte Familie von Vigdis ins Chaos. Denn nicht sie ist im traditionellen Sinn als Opfer anzusehen. Die Vergewaltigung stellt ihren und den Ruf ihres Vaters in Frage. Während Viga-Ljot das Weite sucht, versinkt Vigdis in der Scham und erlebt am eigenen Körper mit, was es bedeutet, durch die sozialen Raster der Zeit zu fallen. Entrechtet, entwurzelt und ganz auf sich gestellt zieht sie das ungewollte Kind groß und sinnt auf Rache an jenem Mann, der ihr Leben gewaltsam verändert hat. Wir folgen beiden auf den verschlungenen Wegen der Saga. Zwei Erzählstränge, die sich nur noch in gemeinsamen Träumen und Trugbildern begegnen. Zwei Wege, auf denen Sigrid Undset die eingetretenen Pfade von Schuld und Sühne verlässt, um differenziert zu betrachten, was ihren Protagonisten widerfährt.

Hier zeichnet sie kein einfaches Bild. Sie verlässt den schmalen Grat der klaren und eindeutigen Schuldzuweisung und vermittelt ein differenziertes Bild zweier gepeinigter Seelen. Vigdis als Opfer schmiedet einen Plan, der sie zur Täterin werden lässt. Ulvar wird in die Rolle des Werkzeugs ihrer Rache gedrängt. Versöhnung oder Vergebung ist von ihr nicht zu erwarten. Viga-Ljot hingegen findet kaum mehr Ruhe. Der Täter wird in ein Leben gedrängt, in dem er keinen Frieden mit sich selbst schließen kann. So brutal seine Tat auch war, Sigrid Undset verdammt ihn nicht und beschreibt einen geläuterten Mann, der zu sehr geliebt und begehrt hat. Der Preis für dieses Verlangen war zu hoch. Den Preis bezahlen beide. Nicht jedoch zu gleichen Teilen. Das ist ihm klar. Und doch wächst er dem Leser ans Herz. Voller Zweifel zwar, aber er bleibt nicht der Täter, dem man nur verachtungsvoll hinterherblickt.

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Das Finale des Romans zerreißt alle Herzen. Es bewegt und verstört zugleich. Es ist konsequent und passt in die Zeit. Aber wir bleiben lesend auf der Strecke, weil es so viele Auswege gegeben hätte. Kleine Schritte hätten genügt. Von beiden Seiten. So bleiben „Viga-Ljot und Vigdis“ als tragisches Liebespaar in Erinnerung. So bleibt diese Geschichte in Erinnerung und strahlt bis in unsere Zeit aus. Opfer und Täter werden in unserer Gesellschaft immer noch in ihren Rollen vertauscht. Vergewaltigungsopfer sind dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien selbst verantwortlich. Täter führen Strafmilderndes ins Gefecht. So auch hier. Das eigentliche Opfer steht am Rand einer Gesellschaft, die ausgrenzt, was nicht standesgemäß ist. Der Täter lebt unbescholten weiter. Hier finden wir Botschaften, die auch heute noch bohrende Fragen aufwerfen. Was für eine starke Geschichte.

Wenn ich an ihrem Ende weinte, dann, weil die Beziehung von Viga-Ljot und Vigdis so viel Potenzial gehabt hätte, um glücklich zu enden. Wenn ich Tränen vergoss, dann nicht wegen eines klassischen Opfers im klassischen Sinn, sondern vielleicht habe ich um einen geläuterten Täter geweint, weil Sigrid Undset in ihrem Farbmalkasten für das große Islandgemälde keinen Platz für schwarz oder weiß hatte. Eine Leseempfehlung ohne jede Einschränkung.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset – Bald geht es im Norden weiter…

Viga-Ljot und Vigdis“ von Sigrid Undset / Hoffmann und Campe / 190 Seiten / dt. von Gabriele Haefs / Vorwort von Kristof Magnusson / 24 Euro

Ein Gedanke zu „Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

  1. Pingback: Norwegische Literatur Neuerscheinungen in Deutschland 2019

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