Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

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Space Girls von Maiken Nielsen

„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

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Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

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Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.

11 Gedanken zu „Space Girls von Maiken Nielsen

  1. Pingback: 50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis | AstroLibrium

  2. Das klingt wirklich toll. Könnte eigentlich auch als Unterrichtsstoff in Schulen dienen! Girlpower!!!

    Glückwunsch den beiden neuen Mondeulenbesitzern…obwohl das echt doof klingt… ich muss meine drei jetzt trösten… 😉

  3. Das ist interessant: An den ersten Affen Affen erinnere ich mich gar nicht, an Laika schon, aber Walentina Tereschkowa ist mir genauso erinnerlich wie Juri Gagarin und die Nr. 2, German Titow. Übrigens, da war ich ja noch gar nicht geboren. Aber die Namen der ersten Kosmonauten waren bei uns eben präsent, wie die amerikanischen euch.
    Gestern kam übrigens auf SAT 1 der Film „Hidden Figures“. Ich schaue nie SAT 1, aber die Geschichte der drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die sich in der NASA durchgesetzt haben, war auch sehr interessant.
    Momentan sind, glaube ich, ein Amerikaner, ein Russe und ein Italiener an Bord der ISS. Ist das nicht ein schöner Moment – nicht nur ein Gedanke?
    Das Buch würde mich nun auch sehr interessieren.
    Liebe Grüße
    Uwe

    PS: Respekt – Transkription in der Ost-Variante 😉

    • Lieber Uwe, das ist jetzt weniger ein Ost-West-Ding, als ein Mann-Frau-Ding. Die Kosmonauten und -tinnen habe ich im Blick und im Gedächtnis. Als Weltraumfan sogar die Chinesen.

      Interessant wäre die Frage ob meine These stimmt. Eine Frau auf dem Mond als Riesenschritt für die Emanzipation. Was hat die Raumfahrt für russische Frauen gebracht? Wo ist die erste Staatschefin? Hat der Westen emanzipatorisch auch dieses Rennen gewonnen?

      Waren im Osten nur die Ehefrauen der Machthaber mächtig? Naja. Und die hat das Volk auf den Mond geschossen… Margot H. und Elena C. Nur mal zwei Beispiele. Gruß…

      • Lieber Arndt, ich habe hier gar kein Ost-West-Problem. Emanzipation – Das waren in Zeiten der sechziger und siebziger Jahre doch eher die Frauen in Hidden Figures. In den Weltraum wurden doch bewusst eher Kampfflieger geschossen, und das waren die gesündesten und trainiertesten. Das musst du doch schon fachlich gut beurteilen können, oder? Kampffliegerinnen gab es ein paar ganz wenige in der Roten Armee im 2. Weltkrieg.
        Insofern mag Tereschkowa durchaus eine politische-emanzipatorische Dimension gehabt haben, die übrigens hohe Ämter inne hatte.

        Die Karriere der Swetlana_Jewgenjewna_Sawizkaja ist dabei auch beachtlich. Zwei Flüge (1981 und 1983), geplanter Flug mit reiner Frauenbesatzung, zudem es aber nicht kam.
        Alles in allem sind Astro- und Kosmonauten schon außergewöhnliche Menschen. Frauen wie Männer.

        Daher nehme ich den letzten Absatz mal als Satire…

        Liebe Grüße
        Uwe

      • Ohja. Das sind sie. Umso interessanter ist es, dass 13 Frauen die Tests bestanden haben und verdrängt wurden. Flugmedizinisch ist vieles begründbar (eine eigene Welt), aber damals hat man eine Chance verpasst. Wir sollten das vertiefen. Kosmo- Astro- Bloggonauten… 😎

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