Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin - AstroLibrium

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Das ist nicht für meine Augen bestimmt. Das war das erste Gefühl, als ich begann, die Essays von James Baldwin zu lesen. Das ist zu privat, zu intim und sicher nicht für mich geschrieben. Ich fühlte mich, wie ein Spion, der in einem geheimen Tagebuch auf Zeilen eines Schriftstellers aufmerksam wird und einfach nicht mehr aufhören kann, sie zu verschlingen. Dabei ging mir vieles durch den Kopf. James Baldwin mäandert sich in 10-Jahresschritten durch mein literarisches Portfolio im Kampf gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung. 1953 entstand „Von dieser Welt“, 1973 schrieb er den „Beal Street Blues“ und nun liegen seine Texte aus dem Jahren 1962/1963 vor mir. „Nach der Flut das Feuer“. James Baldwins absoluter Durchbruch und seither das Standardwerk der literarischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Schwarzen in den USA.

Der Buchtitel war Programm. Wie eine Feuersbrunst breitete sich seine Botschaft im ganzen Land aus. 100 Jahre nach dem Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges und damit fast 100 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei. Inmitten der Amtszeit von John F. Kennedy, der aus jetziger Sicht einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Situation aller afroamerikanischen Bürger seines Landes leistete. Inmitten der Initiative zur Gleichberechtigung und flankiert von den großen Rednern ihrer Zeit. Martin Luther King und Malcolm X. Und doch war es James Baldwin, der mit seinen Essays für den absoluten Brandbeschleuniger der Debatte sorgte. 

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Er schrieb über den täglichen Rassismus, den er selbst erlebte. Er schrieb über den Brief seines Großvaters und er beschrieb seine Begegnungen mit den Wortführern der Black-Power-Bewegung. Er blieb in diesen Texten ganz bei sich und bot den Gegnern die offene Flanke der eigenen Verletzlichkeit an. Im Unterschied zu allen Vorreitern im Kampf für Gleichberechtigung knöpfte er sich nicht nur die weiße Seite der Macht vor. Baldwin beschreibt Ursachen und Wirkung von Rassismus, die Automatismen und die Konsequenzen für den Einzelnen. Er schrieb über Rollenverständnis und Religion. Und er schrieb über den eigenen Rassismus, in den sich einige seiner Mitstreiter flüchteten, wenn sie die Zukunft der Schwarzen im Islam verorteten und keine abweichende Sicht zuließen.

Es sind sehr starke, impulsive und hochintelligente Texte. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sie vornehmlich für die Menschen schrieb, die unter all dem zu leiden hatten, was er so autobiografisch analysierte. Ich fühlte mich außenstehend und nicht befugt, ihm zuzuhören. Die Zeilen, die sein Großvater an ihn richtete sind geprägt vom Selbstbild einer Generation, die sich der Illusion hingibt, die Sklavenbefreiung jetzt schon feiern zu können. 100 Jahre danach ist noch 100 Jahre zu früh. Baldwin musste im Alter von 15 Jahren begreifen, dass seine Zukunft von Menschen gestaltet wird, die ihren Reichtum und ihre Freiheit auf der Armut und Unfreiheit der schwarzen Bürger im Land begründen. Es sind Ratschläge, die mir schwer im Magen liegen, weil ich einfach das Gefühl habe, auf der anderen Seite zu stehen.

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Ist es schon rassistisch, kein Rassist zu sein? Ist mein Glaube, alle Menschen sind gleich und niemand dürfe aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner Neigungen ausgegrenzt werden, rassistisch, weil ich mir diese Haltung gut leisten kann? Vom hohen Ross sozusagen. Gutmeinend. Wohlwollend. Aber nicht, weil ich aus der tiefen Einsicht heraus und der göttlichen Fügung folgend, davon überzeugt bin? Ich muss schon sehr schlucken, wenn ich diese Gedanken rekapituliere. Ist es so, oder kann ich für mich andere Motivationen geltend machen. Ist es heute en vogue, in dem modernen Kosmos einer bunten Gesellschaft auch jenen Raum zu geben, denen ich im Alltag kaum begegne? Puh. Ich hoffe so sehr, dass es nicht so ist. Baldwin lässt selbst bei jenen, für die schwarze Leben wirklich zählen, keinen Stein auf dem anderen.

Und so geht es weiter in den Essays. Baldwin schreibt uns Bilder in die Seele, die im Leben nicht mehr verblassen. Bilder von schwarzen GIs, die im Zweiten Weltkrieg ihre Haut für eine Nation aufs Schlachtfeld tragen, die sie anschließend verrät. Bilder junger Menschen, die traumatisiert aus Europa zurückkehren und im Trauma versinken, nicht mit jedem Bus fahren zu dürfen, Geschäfte nicht durch den Haupteingang betreten und Schulen nur von außen sehen zu können. Er schreibt über den Islam. Heilsbringend im Vergleich aller Unrechtssysteme. Und gleichzeitig klagt er jene an, die der Gesellschaft durch diese endgültige Aufteilung in schwarz und weiß mehr als schaden. Baldwin hat sich mit diesen Essays wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. Die Gratwanderung in seinen Argumenten ist konsequent und zeitlos. Sie spiegelt viele Bücher wider, die ich gelesen habe. Sie spiegelt das vergangene und künftige Schreiben des Autors wider.

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Nun kann man nicht sagen, es hätte sich nichts geändert. Bald werden diese Texte 60 Jahre alt. Sie sind in meinem Alter. Sie haben viel bewegt. Die USA hatten für zwei Amtszeiten mit Barack Obama einen ersten schwarzen Präsidenten, der sein Land im Rückblick sehr geprägt hat. „Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ kann dies vielleicht belegen. Ich schrieb darüber, so wie ich über Bücher schrieb, die sich diesem Thema widmeten. Und doch bin ich nicht versucht, Baldwins Texte auf die heutige Zeit umzulegen. Sie sind zwar zeitlos, gehören jedoch in eine unveränderbare Zeitschleife, die man nicht mit dem Hier und Jetzt vergleichen darf. Es ist ein Standardwerk. Das ist für mich nicht zu bestreiten. Es kann ein Maßstab für Veränderungen sein, die sich seit 1963 vollzogen haben. Sie spiegeln jedoch nicht die aktuelle Situation wider.

Dieser Maßstab ist messbar. Spätestens wenn man das heutige Standardwerk zu diesem Thema neben die Texte von James Baldwin legt. „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates schließt einen unsichtbaren Kreis der Diskriminierung im Herzen einer modernen Gesellschaft. Man sollte beide Bücher miteinander lesen. Es ist für unsere Zukunft von besonderer Relevanz, die Unterschiede zu erkennen und an der immer noch bestehenden Diskrepanz zwischen Weißen und Schwarzen zu arbeiten. Im Kern bleibt das Gefühl, der Polizei hilflos ausgeliefert zu sein. Ein Gefühl, das messbar ist. Ein Gefühl, in dem sich Baldwin und Coates auf Augenhöhe begegnen. Es gibt viel zu tun. Nicht nur in den Ländern, auf die wir schauen und denen wir Ungerechtigkeit in der Behandlung von Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe vorwerfen. Kehren wir doch auch vor unserer Tür. Rassismus ist überall und die Automatismen des Machterwerbs auf dem Rücken künstlich geschaffener Underdogs haben auch bei uns Methode.

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Ein Wort zum Hörbuch. James Baldwin schrieb in einer eigenen Melodie. Er schrieb und erzählte in einer Klangfarbe, die seinem Anliegen Nachdruck verlieh. Die deutsche Übersetzung der Baldwin-Bücher von Miriam Mandelkow ist für mich schon eine ganz eigene Kunstform. Sie zu lesen, ist wie Baldwin zu lesen. Beale Street Blues und Von dieser Welt legen davon Zeugnis ab. Die Hörbuchfassung mit der Stimme des großen Christian Brückner ist das I-Tüpfelchen auf dieser Produktion. Seine Stimme singt mit Baldwins Stimme. Nichts ist unbetont, nichts nur leicht dahergesagt, nichts geht unter. Selbst der Rückfall in Baldwins Predigerzeit wird in der Stimmfarbe Christian Brückners lebendig. Brückner spricht in einer eigenen Liga. Hier begegnet er James Baldwin auf Augenhöhe. Hier brennt das Feuer lichterloh nach der Flut….

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey
Dark Town von Thomas Mullen
Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation – Jeanne Marie Laskas
Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

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„Nach der Flut das Feuer“ von James Baldwin
Buch: dtv Literatur / 128 Seiten / dt. von Miriam Mandelkow / 18 Euro
Hörbuch: Argon Hörbuch / Parlando / Edition Christian Brückner / ungekürzte Lesung / 2 Std. 54 Min / 19,95 Euro

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6 Gedanken zu „Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

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  2. Pingback: „Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten | AstroLibrium

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  4. In der heutigen Zeit mit all den Einflüssen, Meldungen, Nachrichten, dem Reden mancher Menschen um einen drum rum jeglichem Rassismus zu entgehen geht nur, wenn man sich als Einsiedler in die Wüste oder den Wald setzt. Den möchte ich sehen, den noch nicht oder niemals Gedanken beschäftigten, die rassistische Töne oder vermeintlich solche beinhalteten.
    Dies aber zu reflektieren, versuchen zu verstehen, in den Kontext der Welt, in der wir leben, zu setzen und sich mit anderen darüber auseinanderzusetzen oder dies schreibend zu tun, greift Rassismus an.

    Vor Jahren las ich mal ein Buch von Baldwin und war damals viel zu jung dafür. Deine Zeilen wären ein Grund. Aber wenn wir alle immer das Gleiche lesen würden wäre es ja irgendwie auch langweilig.

    Viele Grüße momentan aus Neustrelitz.

  5. Pingback: 2019 – Ins neue Jahr mit der kleinen literarischen Sternwarte | AstroLibrium

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