NSA von Andreas Eschbach

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

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Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

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Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

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„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

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Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

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Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

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NSA von Andreas Eschbach und weitere Utopien auf AstroLibrium

4 Gedanken zu „NSA von Andreas Eschbach

  1. Ich muss das jetzt loswerden. Ich habe NSA gelesen. Und jetzt sollte ich es nochmal lesen, weil ich in dieser Rezension gemerkt habe was mir eigentlich ein bisschen entgangen ist. Du sortierst das Buch auf einer Ebene ein, die mir nie eingefallen wäre. Gruß aus Hannover. Pitt

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