Der Wald von Nell Leyshon [Das Hörbuch]

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Machen wir es kurz. Hätte ich den Roman „Der Wald“ von Nell Leyshon gelesen, er hätte keinen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte gefunden. Alleine schon, weil ich das Buch nicht beendet hätte. Und selbst wenn. Ich hätte keine große Lust gehabt, es zu rezensieren. Romane, die mir nicht gefallen, mit denen ich nicht warm werde und die meinen Erwartungen nicht entsprechen, sollen mir nicht auch noch die Zeit stehlen, die ich für mein liebstes Hobby aufwende. Das Schreiben über gute Literatur.

Zumeist mache ich nicht dem Autor den Vorwurf, mich nicht erreicht zu haben. In den meisten Fällen liegt es einfach an mir, am falschen Zeitpunkt des Lesens oder den thematischen Irrungen und Wirrungen, die mich plötzlich überraschten. Warum ich nun hier sitze und einen Artikel schreibe in dessen Mittelpunkt „Der Wald“ steht, hat nichts, aber auch gar nichts mit der literarischen Qualität des Buches zu tun. Diese Rezension verdankt das Buch ausschließlich der Sprecherin, die mich im Hörbuch aus dem Studio von Random House Audio zehn Stunden lang daran gehindert hat, die Stopptaste zu drücken. Laura Maire.

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Der Wald von Nell Leyshon

Warum hätte ich den Roman abgebrochen? Eine Frage, die ich wirklich mit Fug und Recht beantworten kann, weil ich hörend bis zu seinem Ende angelangt bin. Das große Potenzial des ersten Abschnittes wird in den beiden darauffolgenden Kapiteln in keiner Weise mehr ausgeschöpft. Charaktere entwickeln sich nicht mehr nachvollziehbar und der gut aufgebaute Spannungsbogen der Einleitung verpufft völlig ungenutzt im Leeren. Längen breiten sich aus und stürzen ins Bodenlose ab. Wir befinden uns in Warschau und erleben die von Nazis besetzte Stadt. Authentisch ist die Beschreibung der Bilder, in denen die nackte Angst ums Überleben und Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehen. Hier begegnen wir dem jungen Pavel, dessen Vater im Widerstand kämpft, dessen Großmutter als Ärztin ihrer Mission selbstlos folgt und seiner Mutter, die versucht, alles zusammenzuhalten. Zofia ist in größter Sorge und versucht alles, um die kleine Familie durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges zu lenken.

Nur nicht auffallen. Nichts falsch machen. Sich auf keinen Fall zeigen. Sich selbst und ihren Sohn, ihre Schwester und ihre Mutter vor den Augen der Nazis verbergen. In dem Moment, in dem ihr Mann einen schwerverletzten britischen Soldaten mit ins Haus bringt, um ihn dort sterben zu lassen, verändert sich alles. So, wie der Verbündete aus dem Himmel gefallen ist, so fällt Pavels Familie nun der Krieg vor die Füße. Die Folgen sind dramatisch. Großmutter und Tante werden gefasst, der Vater flieht und Pavel und seiner Mutter bleibt nur die Flucht in den Wald. PUNKT. Bis dahin fesselnd. Starke und plausible Charaktere und ein Setting, das ganz nach meinem Geschmack war, wenn es darum geht, Geschichten gegen das Vergessen zu lesen. So viel Potenzial.

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Und dann? Nachdem die Charaktere aufgebaut und beschrieben sind? Dann geht es hinein in den Wald. Ein Bruch, den die Handung schon hier kaum verkraftet, spielen doch die Personen, für deren Schicksal man sich bis hierhin interessiert hat, schon jetzt keine Rolle mehr. Und nachdem sich die Handlung mühsam über die Abgeschiedenheit des Waldes und das Warten auf das Ende des Krieges erstreckt hat, landen wir im Hier und Jetzt. London. Zofia ist Sofia und Pavel ist Paul. Der Krieg liegt lange hinter ihnen. Und nicht nur das. Das normale Leben in einer Beziehung zwischen Mutter und Sohn rückt in den alleinigen Mittelpunkt. Die Geschehnisse in Warschau? Irrelevant. Hier wird plötzlich das Liebesleben des erwachsenen Mannes wichtig und die Tatsache, dass er der Erwartungshaltung seiner Mutter nicht entspricht, mutiert zum Auge des Orkans. 

Warum ist sein Vater nicht geflohen? Wie verkraftet man die Zeit und die Trennung? Was trieb Sofia an, einfach so erneut zu heiraten? Warum schafft sie es nicht, nur eine Sekunde lang ihre Dauer-Nabelschau zu unterbrechen? Sie wird von Kapitel zu Kapitel nerviger, unsympathischer. Selbstreflexion ohne Hintergrund. Ihre Persönlichkeit ist mit der Vorgeschichte kaum in Einklang zu bringen. Als hätte die Autorin plötzlich die Idee gehabt einen Roman über eine konservative Mutter und ihren homosexuellen Sohn zu schreiben. Vergiss, was vorher war, lieber Leser. Hat nicht mehr zu interessieren. Sofia und ihr nagender Selbstzweifel bestimmen die Geschichte. Die Handlungsfäden reißen ohne Vorwarnung. Verlust, Verfolgung, Traumatisierung und Trennung. Nein. Das sind hier nicht die Determinanten des Romans, der zu Beginn genau das versprochen hatte.

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Es plätschert dahin. Immer belangloser und ohne jede Verbindung zu der Geschichte, die eigentlich begeistern konnte. Nell Leyshon erzählt sprachlich gediegen. Sie vermag ihre Leser im ruhigen und sanft fließenden Strom ihrer Geschichte mitzunehmen. Doch hat sie für mich den Faden verloren und bis zum Ende nicht wiedergefunden. Themen werden in einen Topf geworfen, die dem Großen und Ganzen des Romans nicht mehr entsprechen. Damit wird aus dem Beginn eine bloße Kulisse. Das besetzte Warschau hat keine Relevanz für den Hauptteil des Romans. Zuletzt greift emotionaler Kitsch um sich. Das war besonders schwer zu verkraften. Warum ich trotzdem blieb? Warum ich mich nicht trennen konnte?

Ich war es Laura Maire schuldig. Ich dachte mir, wenn sie das hier durchzieht, dann schalte ich nicht ab. Wenn sie zehn Stunden lang alles investiert, um den Charakteren Leben und Kontur zu verleihen, dann höre ich zu. Das habe ich nicht bereut. Ich werde es nie bereuen. HörbuchsprecherInnen können Bücher retten. Das hat Laura Maire bewiesen. Ihre Dialoge zwischen Pavel und seiner Mutter sind stimmliche Meisterwerke und suchen Ihresgleichen. Ihre Betonung von Worten ist ein Spiel mit der Gänsehaut des Zuhörers. Kein Satz endet hart oder abrupt. Er klingt aus. Worte enden offen und sanft gehaucht, um im Nachhall haften zu bleiben. Ihre Pausen veredeln jeden Text. Ihr Wispern, Atmen und Zaudern sind Stilmittel einer großen Interpretin. Ihr gelang, was im Buch nicht möglich gewesen wäre. Sie trug mich bis zum Ende. Dafür bin ich dankbar.

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Der Wald von Nell Leyshon

Ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine da. Ich tauschte mich schon während ich dem Hörbuch folgte mit Lesern und Hörern aus. Auf MonerlS-bunte-Welt findet ihr die Rezension, in der ich mich selbst wiederfinde. Ich war mir nie unschlüssig, was ich hier erlebte. In der Diskussion mit Monerl jedoch wurde mir klar, dass ich darüber schreiben muss. Ob ich jetzt das hochgelobte Hörbuch „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyhon hören werde, daran zweifle ich noch. Zwar wartet hier ebenfalls Laura Maire auf mich, aber mein Vertrauen zur Schriftstellerin ist dezent gestört. Ich mag schon sehr, wenn in einer Schachtel das drin ist, was von außen suggeriert wird. Ich kaufe mir schon gerne festes Schuhwerk, wenn ich in einen Krieg ziehen will. Plüschpantoffel im Stiefelkarton zu finden, ist eher ernüchternd.

Laura Maire bei AstroLibrium. Von Anna und der Schwalbenmann über Aquila bis hin zur Höredition der Weltliteratur. Sie ist jedes Hören wert. Verneig.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Der Wald“ / Nell Leyshon / Random House Audio / gekürzte Lesung / 10 Std. 2 Min. / Sprecherin: Laura Maire / 8 CDs / 22 Euro / Dt. Wibke Kuhn / Roman: Eisele Verlag

2 Gedanken zu „Der Wald von Nell Leyshon [Das Hörbuch]

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