Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – D. Mendelsohn

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“. Klingt dieser Buchtitel nicht nach der Mischung aus Klassiker, Leben und ewigem Generationskonflikt? Hört sich dieser Titel nicht an, wie die ewige Irrfahrt auf einem Weltmeer des Beziehungsgeflechts zwischen Vater und Sohn? Und klingt er damit nicht sogar ein wenig abschreckend? Oft habe ich das in den Tagen zu hören bekommen, als mich das Buch von Daniel Mendelsohn auf den Bildern meines Lesens bei Facebook und Instagram begleitet hat. Viel zu komplex und sicher sehr philosophisch, sagte man mir. Nichts für mich, ich mag unterhalten und berührt werden, kein altphilologisches Studium absolvieren. Und Homers „Odyssee“ ist schon lange aus der Zeit gefallen. Wer beschäftigt sich noch damit?

Ja, zugegeben. Ein etwas sperriger Titel, wenn man sich dem entspannten Lesen hingeben möchte. Und doch hat er mich persönlich angesprochen und sehr neugierig darauf gemacht, welche Relevanz der gute alte Homer, ein angestaubtes Epos und die Helden aus längst vergangener Zeit für das wahre Leben und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Hier und Jetzt haben können. Diese Rezension soll ein wenig dazu beitragen, dieses Buch aus der Schublade einer Textanalyse herauszunehmen und es auf einen offenen und unbefangenen Tisch zu legen, der für jeden zugänglich ist. Man muss keinen Homer gelesen haben, man muss nicht mit Odysseus vor Troja gekämpft haben und es ist auch keine Kenntnis komplexer philologischer Sprachwissenschaften erforderlich, um sich auf eine Odyssee zu begeben, die Väter und Söhne lebenslang in stürmischer See vereint.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Vertrauen wir Daniel Mendelsohn. Geben wir ihm, dem intellektuellen Tausendsassa, Übersetzer, Dozent, Schriftsteller und Kritiker, die Chance einen Bogen von Odysseus bis zu seinem Vater zu spannen. Ein Bogen, der außerhalb der Familie Mendelsohn in jeder Beziehung tragfähig erscheint, weil wir alle unser Troja in uns tragen. Und glaubt mir, wenn ich sage, dass Mendelsohn uns behutsam durch ein Mysterium führt, das an Relevanz bis zum heutigen Tage nichts eingebüßt hat. Er erzählt mehrere Geschichten. Ihm gelingt im Dreiklang aus dem eigenem Leben als Sohn, dem Leben seines Vaters und Homers Odyssee eine gelungene Mischung aus Literaturtheorie und Lebenspraxis zu einem Rezept zu vereinen. Die wichtigste Zutat ist hier das gegenseitige Verstehen. Es ist ein einziger Impuls, der alles in Gang setzt. Es ist eine Idee, die sympathisch und doch verschreckend ist. Es ist die Initialzündung zur Vereinigung zweier Menschen, die sich fast aus den Augen verloren haben.

Da beschließt ein 81-jähriger Vater, der pensionierte Mathematiker, ein Mann der Zahlen und Formeln, ein Mann für den alles berechenbar ist, den Uni-Grundkurs seines Sohnes zum Thema „Odysseus“ zu belegen. Da setzt sich ein Mann in die Schulbank, der älter ist, als die Großväter der Studenten. Da sitzt er nun und lauscht den Vorträgen seines Sohnes, folgt den Ausführungen zu Homer, beginnt mit ihm und den Studenten zu diskutieren und beendet auf bewegende Art und Weise das Schweigen, das sich in den letzten Jahrzehnten zwischen Vater und Sohn ausgebreitet hat. Da spürt ein Sohn zu einem späten Zeitpunkt die Wertschätzung für das eigene Leben, den eigenen Weg und die eigene Idee vom großen Ganzen, die bisher unausgesprochen zwischen ihnen stand. Da erkennen die beiden Männer, dass sie selbst eine lange Odyssee hinter sich haben und es endlich an der Zeit ist, nach Ikarien zurückzukehren.

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Als wäre die Geschichte dieser beiden so unterschiedlichen Männer nicht schon allein für sich erzählendwert, untermauert Daniel Mendelsohn diese Zusammenkunft im Lehrsaal mit dem großen Epos der Weltliteratur. „Die Odyssee“ steht für die große Metapher, die für die Beziehung zwischen Vater und Sohn signifikant ist. Welches Buch wäre geeigneter, diese wechselhafte Beziehung auf dem neutralen Boden der epischen Götterdämmerung nach Troja besser herauszuarbeiten, als ebenjene Odyssee? Daniel Mendelsohn geht in der Rolle des Dozenten auf. Er führt seine Studenten und uns mit leicht verständlichen Erklärungen in die Welt Homers ein. Er fasst zusammen, definiert die Technik des antiken Schreibens, wirft Fragen nach der Herkunft des Textes auf und nähert sich behutsam den inhaltlichen Aspekten des Epos.

Hier schlüpfen wir Leser in die Rolle der wissbegierigen Studenten und beginnen alles aufzusaugen, was wir als Neuland betreten dürfen. Mendelsohn interpretiert und wertet, er legt den Text aus und baut Brücken zur Literatur von heute. Und während er eigentlich von der „Odyssee“ spricht, werfen wir einen Blick auf den alten Mann in der letzten Reihe des Hörsaals und bemerken, dass er eigentlich über seinen Vater spricht. Die Gemeinsamkeiten sind nicht zu übersehen. Verbindendes und Trennendes wird zu den Parametern des eigenen Lebens. Während Odysseus, der „Schmerzensmann“ am Ende des Trojanischen Krieges mehr als zwanzig Jahre einer Irrfahrt benötigt, um nach Hause zurückzukehren, so hat es auch der Vater von Daniel Mendelsohn nach seiner Pensionierung als Mathematiker eigentlich nie geschafft, im eigenen Hafen anzulegen. Und wie Telemachos, so hat auch Daniel viel zu lange auf die Vaterfigur gewartet, der sich alles in den Weg gestellt hat, um die Heimkehr zu verhindern.

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Auf diesem indirekten Weg lernen wir unglaublich viel über die Odyssee. Sie wird entstaubt, entzaubert und greifbar vor uns ausgebreitet. Plötzlich wird sie verständlich und nachvollziehbar. Wie aus dem Nichts beginnt sie zu faszinieren. Sie existiert nicht mehr nur, weil sie geschrieben wurde. Sie bekommt einen tiefen Sinn für das Leben im Leben zweier Männer, die ihre eigenen Kriege ausgefochten haben. So manches Pferd wird durch die Szenerie geschoben. Trojanische Pferde voller Lebenslügen. Die Helden verlieren ihre Strahlkraft und werden entzaubert. Als der alte Herr sich endlich von den Zahlen und Formeln löst, hinter denen er sich zeitlebens versteckt hat, und Odysseus in seine menschlichen Bestandteile zerlegt, werden die Studenten sehr hellhörig. Spricht der alte Mann hier noch über den Vater von Telemachos, den Helden, der weinerlich in sich zusammensackt, der seine Gefährten verliert und doch nach außen keine Gefühle zeigen kann, oder spricht er gerade über sich selbst. Über die eigene Unzulänglichkeit und damit über sein eigenes Versagen als Vater? Baut er seinem Sohn gerade goldene Brücken, die tragfähig genug für beide Männer sind. Endet hier das Schweigen?

Es ist nur logisch, dass sich diese Geschichte aus dem Hörsaal ins wahre Leben trägt. Es ist nur logisch, dass Vater und Sohn eine echte Kreuzfahrt unternehmen. Auf den Spuren von Odysseus. Weg von der Theorie. Raus auf die raue See und hinein in das echte Leben. Ein Weg, der spät, jedoch nie zu spät beginnt. Es ist die große Lehre, die man aus diesem Buch ziehen kann. Egal, ob Vater, Sohn, Mutter oder Tochter. Man kann sich finden. Man kann emotional nach Hause zurückkehren, wenn es gelingt, das eigene Trojanische Pferd zu verlassen. Man kann sich begegnen, auch wenn es schon zu spät sein könnte. Daniel Mendelsohn hat ein facettenreiches Buch über sich selbst, sein Leben und die Versöhnung mit seinem Vater geschrieben. Es bietet Halt und Ideen für eigene Entscheidungen. Es inspiriert und ebnet darüber hinaus den Weg zu einem der ganz großen Epen der Literaturgeschichte. Das ist Unterhaltung in Reinformat. Das ist nicht theoretisch, nicht verstaubt und beileibe nicht mystisch. Dass ist real!

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Ich war sehr dankbar, immer wieder auf meinen Homer zurückgreifen zu können. Ich bekam unbändige Lust, eigene Spuren in der Odyssee zu entdecken. Ich wurde zu diesem Leseweg verführt. Danke, liebe Sonja, dass du ihn mir geebnet hast. Ohne den Ratschlag, mich auf meine eigene Odyssee zu begeben wäre mir ein sehr besonderes Leseerlebnis entgangen. Inzwischen bin ich umgeben von der Odyssee als Buch und in seiner Hörspielfassung. Ich habe mir die Illias zugelegt und Alesandro Baricco mit diesem Leseweg verknüpft. „So sprach Achill“ schmiegt sich jetzt an seinen Großvater an und leuchtet mehr als je zuvor. Und dann passierte etwas, das mir nur mit Büchern zustößt. „Habent sua fata libelli“ – Bücher haben Schicksale. Es gibt keine Zufälle. Ich schrieb darüber in meiner Rezension zu „Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak. Es war nichts weniger als ein Wunder, das sich für mich ereignete…:

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar fast zeitgleich „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

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„Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ ist in der Lage, den neuen Zusak zu rezensieren. Ein unglaublicher Gedanke, dass ein Buch das andere vorstellen kann. Es ist aber wirklich so. Als BuchhändlerIn würde ich beide Werke nur im Bundle verkaufen. Sie kommunizieren miteinander. Sie sind aus literarischer Sicht aus einem Fleisch und einem Blut. Homer würde sich fasziniert zeigen, wenn es ihn denn je gegeben hat. Auf diese Frage hat Daniel Mendelsohn ein paar interessante Antworten. Man sollte es sich nicht entgehen lassen, an Bord dieser Epen zu gehen und eine Odyssee zu wagen.

Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ / Daniel Mendelsohn / Siedler Verlag / Übersetzer: Matthias Fienbork / 352 Seiten / 26 Euro

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6 Gedanken zu „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – D. Mendelsohn

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