„Die Aussprache“ von Miriam Toews

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

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Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

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Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

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Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

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Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen

4 Gedanken zu „„Die Aussprache“ von Miriam Toews

  1. Tolle, neugierig machende Besprechung – aber wo sind die bibliographischen Angaben? Zumindest der Preis und von wem die deutsche Übersetzung stammt wären für mich relevante Informationen.

  2. Pingback: Rezension: Arndt Stroscher stellt den Roman "Die Aussprache" von Miriam Toews vor – Literatur Radio Hörbahn

  3. Pingback: All das zu verlieren von Leïla Slimani | AstroLibrium

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