„Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss – AstroLibrium

Oh ja, es ist durchaus möglich, Bücher völlig neutral vorzustellen. Persönliches auszublenden und sie quasi aus Sicht der breiten Leserschaft auf Herz und Nieren zu prüfen. Bloß keine Gefühle zeigen. Immer schön abstrakt bleiben und sich selbst ganz aus der Schusslinie nehmen. Ich kann das nicht. Ich bin nicht das Feuilleton und bin in meiner Rolle als Blogger in einer anderen Position. Mein Blog ist das Tagebuch meines Lesens. Ihm vertraue ich Privates und Persönliches an. Ich öffne mich und erzähle von meiner Geschichte, die mich dazu treibt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich mache mir mein Lesen und Rezensieren nicht leicht. Es ist diese persönliche Note, die ich einfach nicht unterschlagen kann. So auch heute.

Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss ist für mich ein literarischer Flashback in das Jahr 2013. Ein Jahr, in dem unser Leben unter Vorbehalt gestellt wurde, das mich und meine Familie in den Grundfesten erschütterte und uns monatelang aus der Bahn warf. Intensivstation, künstliches Koma, 12-stündige Operationen, Ungewissheit, unerwartete Komplikationen und eine lange Rehabilitation. Begriffe, die ich mit dieser Zeit verbinde in der unsere Tochter im Alter von 14 Jahren aus der Bahn geworfen wurde. Heute erst bin ich in der Lage darüber zu schreiben. Heute kann ich sogar wieder Bücher lesen, in denen es im weitesten Sinn um väterliche Verlustängste und die schwere Erkrankung von Kindern geht. „Gezeitenwechsel“ hätte ich noch im letzten Jahr verweigert. Angst frisst manchmal die Seele auf. Ich hätte mich nicht getraut. Es wäre zu nah an meinem Leben gewesen.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Es ist etwas passiert. Diese Worte verursachen heillose Panik bei Eltern. Worte, die in der Lage sind, das beschauliche und normale Leben vollkommen aus den Angeln zu heben. Sie bezeichnen den Moment, in dem das Leben auf brutale Art und Weise in zwei Zeitscheiben zerteilt wird. Die Zeit vor dieser Aussage und die Zeit danach. Worte, vor denen ich mich heute noch fürchte, weil sie alles verändern. Ohne Vorwarnung. So geht es auch den Eltern der 15-jährigen Miriam Goldschmidt. Es ist ein einziger Anruf mit dem alles ins Wanken gerät. Herzstillstand. Atemstillstand. Reanimation. Gerettet. In letzter Sekunde. Aber. Dieses Aber frisst sich fest, weil man in der Klinik nicht in der Lage ist, eine Ursache zu diagnostizieren. Dieses Aber bedeutet, dass Miriam fortan in jeder unbeobachteten Sekunde ihres so jungen Lebens sterben kann. Ein Herzstillstand ist jederzeit möglich.

Es ist der Vater des Mädchens, der zuerst den Boden unter den Füßen verliert. Er, der Hausmann und erster Ansprechpartner seiner beiden Töchter, verfällt in eine totale Angstpsychose, die von Hilflosigkeit und Ohnmacht geprägt ist. Wie soll und kann man so weiterleben. Was kann er seiner Tochter erlauben, wenn sie wieder zuhause ist und wie intensiv kann man ihr Leben überwachen, um bei ihr zu sein, wenn ihr Organismus erneut versagt? Adam Goldschmidt begibt sich auf die schmale Gratwanderung, seine beiden Mädchen als Vater zu sehr zu bemuttern. Wenn alles genetisch bedingt ist, hat auch das Leben des Nesthäkchens Rose gerade einen Warnschuss kassiert.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Emma Goldschmidt, Ärztin und Ernährerin der Familie, hingegen schlüpft eher in die rationale Rolle. Sie wird vom Job aufgefressen, und wo noch ein wenig Freiraum bleibt, flieht sie zu ihren Patienten, weil eine schwerkranke eigene Tochter für sie nicht verkraftbar ist. Rollenbilder haben in Gezeitenwechsel keinen Bestand. Fragen, wie es weitergehen kann, dominieren das Leben. Perspektivwechsel zwischen Klinik und dem normalen Leben erweitern den geschlossenen Erzählraum um eine Dimension, die wir nur zu intensiv selbst erlebt haben. Draußen geht für alle das normale Leben weiter, in der Klinik jedoch steht die Zeit still. Der „Gezeitenwechsel“ kommt zum Stillstand. Ebbe bleibt Ebbe. Die Flut hat sie hierhin gespült und zurückgelassen.

Sarah Moss löst den Mikrokosmos Familie im Makrokosmos Schicksal auf. Es ist die Urangst von Eltern, den Tod der eigenen Kinder miterleben zu müssen, die sich im Herzen dieses Romans immer mehr ausbreitet. Eine zerstörerische Angst, die zermürbt und aufreibt. Eine Angst, die in der Lage ist, feste Beziehungen zu sprengen und jeden Stein umzudrehen, der bisher ganz ruhig an seinem Platz im Familienpuzzle lag. Mitten in diesem Mahlstrom kämpft die lebenslustige, widerspenstige und agile Miriam um den letzten Rest von Normalität. Schule, Freunde, das normale Leben stehen für sie auf der Kippe. Sie verweigert sich dem goldenen Käfig der Dauerüberwachung, während ihren Eltern die Angst über den Kopf wächst. Oh, wie nah geht mir dieses Bild.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Wenn Sarah Moss über Ängste oder Verlustgefühle schreibt, dann bemüht sie kein Klischee und keine literarische Plattitüde. Sie erzeugt Bilder von realer Brutalität, die in uns selbst kleine Wunder bewirken. Sie schrecken nicht ab. Sie werden endlich greifbar und verschaffen sich Raum. Sie kommen aus der Ecke heraus, in die man sie so gerne verdrängen würde. Und genau in diesem Verdrängungsprozess besteht die Gefahr des Kontrollverlustes. Ich sah mich selbst wieder am Krankenbett meiner Tochter. Ich habe die schlaflosen Nächte an der Seite eines Mädchens vor Augen, das sich im Koma ins Leben zurück schlief. Ich sehe plötzlich wieder die paradoxe Welt vor mir, das Draußen, in dem alles völlig normal weiterging, was uns damals unwirklich erschien. Sarah Moss hat mit ihrem Roman eine Grenze überschritten, die ich für geschlossen hielt. Und das nicht nur durch die präzise Charakterzeichnung ihrer Protagonisten, sondern auch, weil sie eine Flucht ermöglicht, ohne die man in einer solchen Situation nicht leben kann.

Sie öffnet uns die Tür zur Kathedrale in Coventry. Sie erweitert die Dimension ihres Romans um eine metaphorische Ebene, die heilsame Kräfte hat. Sie lässt Adam in ein Projekt entfliehen, das ihn vielleicht retten kann. Er recherchiert die Geschichte dieser Kathedrale. Seiner verpassten akademischen Karriere ein wenig nachtrauernd, geht er der Vergangenheit auf den Grund. Hier wird die Kathedrale zum Synonym des eigenen Lebens. Ohne Vorwarnung im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundfesten zerbombt, neu errichtet auf ihren Ruinen, völlig losgelöst vom ursprünglichen Baustil neu gedacht und neu gelebt Er taucht in eine Geschichte ein, die der seiner Familie zu gleichen scheint. Ein Erzählstrang, der eine besondere Dynamik an den Tag legt. Ein Perspektivwechsel, der dem Roman eine besondere Note verleiht.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Unvorhersehbares wird zur Herausforderung. Und oftmals erkennt man erst im Chaos, wie gefährlich der Stillstand war, in dem man sich so sicher fühlte. Sarah Moss lässt in „Gezeitenwechsel“ keinen Stein auf dem anderen. Sie lässt Konflikte zu, die jeder gerne vermeiden würde. Sie hinterfragt den Lebensentwurf einer Familie und zerstört ganz bewusst jede Grundlage für ein komfortables künftiges Miteinander. Jede Nuance dieses Romans ist relevant. Kein Handlungsstrang ist hier nur Beiwerk. So, wie es in jeder Familie Triggerpunkte in der Vergangenheit gibt, die in der Zukunft Auslöser von Ereignissen werden, so ist in diesem Roman jedes Detail für das tiefe Verständnis der Zusammenhänge relevant. Und wenn man denkt, die Elternängste könnten deutlich übertrieben sein, hält Sarah Moss den Atem an. Nicht ihren. Das sei verraten.

Sie ist heute gesund! Unsere Tochter. Und doch bleibt ein Spurenelement von Angst. Es bleibt, was auch im Roman beschrieben wird. Das Gefühl von Sicherheit, sich in der Nähe einer Klinik aufzuhalten, auch wenn man im Urlaub ist. Das Streben nach Schutz in jedem Bereich des Lebens und die Tendenz, nur schwer loslassen zu können. Es hat mir persönlich sehr gut getan, diese Gedanken, so aberwitzig und psychotisch sie auch klingen mögen, im „Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss wiederzufinden. Man fühlt sich weniger allein, wenn man diesen Roman gelesen hat. Man darf sogar einen Gedanken wagen, den man ebenfalls weit in den Hintergrund verdrängt. Habe ich im Umgang mit meinem Sohn damals alles richtig gemacht? Was musste er für sich alleine regeln, weil der Tunnelblick der Eltern ausschließlich auf seine Schwester fokussiert war? Ein Buch, dem ich nicht nur diese Denkansätze verdanke. Ich wurde bestätigt in meinen eigenen Fluchtpunkten, die wie ein Freiheitskampf wirken müssen. Was für Adam Goldschmidt die Kathedrale von Coventry ist, hat mir die Literatur gegeben. Fluchtpunkt des Lebens.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

PS: Diesen Roman neutral vorzustellen, mich selbst auszublenden und Lesern nur den Inhalt ans Herz zu legen, genau dies wollte ich versuchen. Ob ich es geschafft habe, ist im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe (er)lesen I. Quartal 2019“ zu sehen. Selten zuvor habe ich so intensiv nach einer Sichtweise gesucht, die nicht von meinem eigenen Leben überlagert wird. Dass es mir vielleicht gelungen ist, verdanke ich Sarah Moss.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

PPS: Was Dresden und Coventry über die radikale Bombardierung hinaus verbindet? Der Chor der Überlebenden. Für mich eines der bedeutendsten Versöhnungssymbole unserer Zeit.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss – Ein Geschenk aus Dresden

4 Gedanken zu „„Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss

  1. Wohl selten bekam ich so gezeigt, dass das Bloggen „der Spiegel unseres Lesens ist“. Ein solches Buch kann nur so besprechen, das Fremdwort „rezensieren“ klingt dabei eher steril, der persönlichste Bezüge mitklingen lassen kann.
    Die Rezensionen, die so oft einem Schematismus folgen, sind unsere Sache nicht.
    Wir sehen bald – bis dann.
    Uwe

  2. Pingback: 2019 – Ins neue Jahr mit der kleinen literarischen Sternwarte | AstroLibrium

  3. Pingback: |Rezension| Gezeitenwechsel - Sarah Moss • Literatour.blog

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