„Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen,
aber ein großer Sprung für die Menschheit
!“

Der Adler war gelandet und mit diesen salbungsvollen Worten verließ Neil Armstrong am 21. Juli 1969 die Landefähre und betrat als erster Mensch die Mondoberfläche. Ich saß gebannt vor dem Fernseher, bewunderte die verwaschenen schwarzweißen Bilder und konnte vor Aufregung kaum mehr schlafen. Der ersten Mondlandung waren einige Apollo-Missionen vorangegangen. Testflüge, Annäherungen, Fast-Landungen und eine finale Mission mit dem Namen „Apollo 11“. Dass diese komplexe Expedition ins All im Jahr 2019, also passend zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung sinnbildlich für die Struktur eines sinnlichen Romans stehen würde, hätte man sicher nicht gedacht.

Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk ist nun mit Sicherheit kein Raumfahrt- oder Mondlandungsroman. Beileibe nicht. Wobei man bei genauer Betrachtung denken muss, dass sich der Autor sehr gut überlegt hat, welches historisches Szenario er dem Roman zur Seite gestellt hat, um ihn mit entsprechender Schubkraft zu versorgen. Wir befinden uns im Kölner Vorland. Wir befinden uns im Jahr 1969 und wir befinden uns in einer Zeit der klar definierten mittelständischen Frauenbilder. Heim und Herd sind hier die wesentlichen Bestimmungsgrößen für den Alltag der von ihren Ehemännern perfekt versorgten und gehegten Ehefrauen. Die damalige Job-Description war recht simpel. In jeder Beziehung verlässlich, treusorgend und gute Mutter. Reicht aus.

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Zumindest im Kölner Umland änderte sich wenig, auch wenn die ganze Welt gerade einen Wandel durchlebte. Die Familie Ahrens ist hier sicher ein gutes Beispiel. Sie sind es, denen wir in diesem Sommer begegnen. Konservativ, finanziell abgesichert und im besten Sinne eine ganz normale Familie – zumindest was man damals unter „im besten Sinne“ verstehen konnte. Alles läuft (wie gleichzeitig bei einer Weltraummission) in sehr geregelten Bahnen. Vater Walter bringt das Geld nach Hause, Mutter Eva versorgt ihre Lieben und der elfjährige Tobias (zugleich auch der Ich-Erzähler des Romans) fiebert in freudiger Erwartung der Mondlandung entgegen. Ein behütetes Elternhaus, mehr kann man sich kaum wünschen.

Ulrich Woelk bringt diesen kleinen Kosmos gehörig durcheinander. Dazu benötigt er in seinem atmosphärischen Erzählraum nur neue Nachbarn, die so anders sind, wie man es nur sein kann. Zumindest neben der Familie Ahrens. So wie der Mond sich von der guten Erde unterscheidet, so sehr wirkt sich die Anziehungskraft der Leinhards auf ihre neuen Nachbarn aus. Und diese Leinhards bringen Schwung in den Laden. Auf der einen Seite Kommunisten, andererseits aber auch Verfechter einer eher schwerelosen Leichtigkeit, in der selbst die berufstätige Uschi Leinhard ihren Lebensinhalt findet. Hier prallen Welten aufeinander, während sich zeitgleich die Welt auf den Mond zubewegt.

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Wie die Landekapsel an der Spitze der Weltraumrakete, schlägt Rosa, die Tochter der Leinhards, im Leben von Tobias auf. Und nicht nur das. Sie erobert den Jungen mit Haut und Haaren, verkörpert die erste ungezielte Leidenschaft des Jungen und wird zu seiner allerersten großen Liebe. Landung geglückt. Planet Tobias in erobert. Wie er das aus seiner Warte erzählt, ist pubertierend herrlich naiv und von allem Glück und der Verwirrung eines Heranwachsenden geprägt. Tobias Welt gerät in jeglicher Hinsicht ins Wanken. Womit er jedoch niemals gerechnet hätte, sind die Veränderung, die er an der eigenen Mutter wahrnimmt. Eva eignet sich das Motto der ersten Mondlandung an und startet durch.

Per aspera ad astra – Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen. In ihrer neuen Nachbarin Uschi erkennt sie, was sie selbst hätte werden können, wenn sie in der Lage wäre, sich von ihrer Trägerrakete abzukoppeln. Durch Uschi werden Sehnsüchte wach, die bisher unter der Decke der treusorgenden Ehefrau und Mutter verborgen waren. Im schwülen und dunstigen Sommer entdeckt sie neue Seiten an sich selbst. Wie in einer Weltraummission stabilisiert sich zuerst die Flugbahn, Annäherungen werden geprobt, Testläufe gemacht und die Fühler in neue Welten ausgestreckt. Doch was im Juli 1969 auf der Mondoberfläche gelingt, droht bei Eva zu scheitern. Nur darf sie auf keinen Fall „Houston, wir haben ein Problem“ rufen. Der Skandal wäre zu groß. Undenkbar, was ihr da widerfährt. Während alle in den Himmel starren, durchlebt sie, was aus Sicht von Tobias als „Der Sommer meiner Mutter“ in die Familiengeschichte eingeht und seine Welt für immer verändert. Mehr als Rosa, mehr als die Mondlandung und mehr als alles Vorstellbare.

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Ich habe diese Zeit gut in Erinnerung. Mein Familienbild stimmt weitgehend mit jener Lebensweise der Ahrens überein. Ich konnte mich gut in Tobias hineindenken. Was er damals erlebte, war Initialzündung und Rohrkrepierer zugleich. Eine Zeit, in der man so schnell erwachsen wird, wie man es sich nicht vorstellen kann. Ulrich Woelk hat einen provinziellen, weltoffenen, erotischen und wissenschaftlichen Roman geschrieben. Der Mond steht für den Aufbruch. Die Landefähre für die Menschen und die Erde für alles, was man hinter sich lassen muss, wenn sich das Leben ändern soll. Ohne Opfer kann man den Fortschritt vergessen. Das Opfer, das dieser Roman kostet ist gigantisch.

Der Sommer meiner Mutter“, erschienen im Beck Verlag, entfaltet auch Sogwirkung, wenn man die Mondlandung nicht aus dem selbst Erlebten in Erinnerung hat. Mich hat die tiefe Charakterzeichnung der kleinen Rosa fasziniert. Ich wäre ihr im Jahr 1969 mit Haut und Haaren verfallen. Ich kann nur empfehlen, sich dem Countdown dieses guten Romans auszusetzen. Ein brillanter Mix aus Coming-of-Age- und Initiationsroman. Sowohl aus Sicht von Tobias, als auch aus der Perspektive seiner Mutter.

Drei.. Zwei… Eins… Zündung…

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Bleiben Sie doch noch ein wenig. Es gibt viel zu entdecken:

Sommer-Literatur bei AstroLibrium

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter
Der endlose Sommer“ – Ein Requiem von Madame Nielsen
Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ von Crystal Chan

Der Mond und das Leben bei AstroLibrium

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve

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2 Gedanken zu „„Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

  1. Pingback: 50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis | AstroLibrium

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