„Maria Stuart – Königin von Schottland“ in Buch und Film

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Saoirse Ronan. Mehr muss ich kaum sagen. Ihr Name rüttelte mich auf, als ich ihn auf der Besetzungsliste des Films „Maria Stuart. Königin von Schottland“ entdeckte, der in diesen Tagen leinwandfüllend unsere Kinos erobert. Die Schauspielerin, die mich mit ihrer Darstellung in der Literaturverfilmung „Brooklyn“ fast umgehauen hat, und die mit ihrem Können (Abbitte, Lady Bird) für Aufsehen und drei Oscarnominierungen sorgte, spielte sich mit ihrer scheinbaren jugendlichen Unbekümmertheit in mein Herz. Sie jetzt als „Maria Stuart“ im Kino zu sehen, machte mich nachdenklich. Vielleicht ist sie perfekt geeignet für diese Rolle, weil sie ebenso alt ist, wie das historische Vorbild. Im Alter von 25 Jahren entschied sich auch das Schicksal von Maria Stuart. Zumindest wurden erste unumkehrbare Entwicklungen eingeleitet, die zwangsläufig auf dem Schafott endeten.

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Maria Stuart – Königin von Schottland mit Saoirse Ronan

Saoirse Ronan folgt nun auf der Leinwand vielen Schauspielerinnen, die in dieser Rolle ihren Kopf verloren haben. Vanessa Redgrave und Camille Rutherford seien hier nur beispielhaft für jene Vertreterinnen ihrer Zunft genannt, die Maria verkörperten. Im weiten Feld der Literatur hat die schottische Königin ebenso viele Spuren hinterlassen. Friedrich Schiller widmete ihr eines seiner bedeutendsten Dramen und lieferte damit die Steilvorlage für die spätere Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff. Ich bin Maria Stuart in vielen historischen Romanen begegnet, habe einige Male mit ihr Intrige um Intrige überstanden und sah sie dann doch am Ende ihres Weges kopflos scheitern. Margaret George hat sowohl dem Verursacher des gesamten Dramas „Heinrich VIII“, als auch „Maria Stuart“ selbst epische biografische Romane gewidmet. Brillant erzählt, fundiert recherchiert und als Standardwerke meiner historisch geprägten Bibliothek fast unverzichtbar…

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Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

So ist man historisch bestens gerüstet, wenn einem die rothaarige Schönheit im späteren Lesen über den Weg läuft. Hier jedoch oftmals in Nebenrollen, da allein die Erwähnung ihres Namens sinnbildlich für einen Thronfolgestreit und Religionskriege im England des 16. Jahrhunderts steht. Hier konnte man wunderbare Intrigen spinnen, ein paar gewiefte Spione erfinden und Protagonisten einflechten ohne weit auszuholen, da ihr Schicksal als bekannt vorausgesetzt werden durfte. Maria Stuart ist die Titanic des Elisabethanischen Zeitalters. So erahnen wir sie ganz am Rand der Handlung von Mac P. Lornes Der Pirat über Sir Frances Drake und erleben sie ausgiebig in Ken FollettsDas Fundament der Ewigkeit“. Nun lebt Maria Stuart wieder auf und drängt aus ihrer Rolle der literarischen Statistin wieder in den Vordergrund. Und das in einem opulenten Historienspektakel in Starbesetzung. Und das heute. In einer Zeit, in der die historische Genauigkeit immer mehr verlorengeht und komplexe Zusammenhänge eine dramatisch zunehmende Simplifizierung erfahren.

Nicht mit mir. Also, das habe ich mir zumindest vorgenommen. Ich mag mich nicht von Stars und Sternchen ablenken lassen. Mir reichen keine epischen Schlachtenbilder oder perfekt ausgestattete Settings. Ich will historisch verbriefte Spuren erkennen, in authentischen Rahmenbedingungen Dramen erleben, die nicht dramaturgisch geschönt werden müssen, weil sie der eigentliche Urquell jeder Dramaturgie sind. Ich möchte im Film die Spurenelemente der Wahrheit finden, weil eine Adaption geschichtlicher Stoffe sehr schnell die historische Realität ablöst und zu Allgemeinbildung mutiert. Also Augen auf, wenn der Vorhang die Kinoleinwand freigibt und jedes Popcorn-Rascheln für einen kleinen Moment verstummt. Am Ende der Vorschauen und der Werbungen geht es nun um mehr. Um ein kleines Maß an Verantwortung der Geschichte gegenüber.

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Was möchte ich im Film wiederfinden? Was kann der Film nicht leisten? Wo stößt er an seine Grenzen? Was ist unverzichtbar? Keine einfachen Fragen und sicher keine eindimensionalen Antworten. Ich erwarte keine genealogischen Abhandlungen über die Stammbäume des englischen Königshauses zur Tudor-Zeit. Das versteht man sowieso nur, wenn man einen Stammbaum vor sich liegen hat und hochkonzentriert Linien zieht. Nein. Das erwarte ich gar nicht. Maria Stuart und Elisabeth I. sind über verschlungene Wege miteinander verwandt. Maria Stuart ist die Tochter von Elisabeths Cousin. Sie als Schwestern oder Halbschwestern zu bezeichnen geschieht häufig, ist aber grundfalsch. Entfernt verwandt, aber blutsverwandt. Das muss reichen. 

Ich erwarte auch nicht, dass sämtliche Thronfolgefragen nach Heinrich VIII. lückenlos vermittelt werden. Auch das versteht man nur im Selbststudium. Ein König, der sich in schneller Serie seiner Ehefrauen entledigt, um endlich einen männlichen Stammhalter zeugen zu können, der die Religion seines Landes von der katholischen Kirche trennt, um dies zu legitimieren, verursacht Verwerfungen in der Thronfolge, die Generationen von Wissenschaftlern beschäftigten. Ich erwarte, dass man im Film erfährt, wie sehr an der Rechtmäßigkeit der Thronfolge durch Elisabeth I. gezweifelt werden durfte. Formal war alles in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass sie die Tochter von Anne Boleyn und Heinrich VIII. war. Der ließ sich von seiner Frau scheiden und sie gleich auch noch im Kerker schmachten und hinrichten. Tja. Und sie war eben seine zweite Frau. Damit war aus Sicht des Papstes die Tochter illegitim und durfte nicht Königin werden. Deshalb ja auch die Abspaltung von der katholischen Kirche und alles war gut… Thronfolge- und Religionsstreit gingen fortan Hand in Hand.

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Verstanden? Nein? Nicht schlimm… Elisabeth I. war umstritten. Maria Stuart war nun zum gleichen Zeitpunkt völlig unbefleckt, was die Thronfolge anging. Katholisch in jeder Beziehung, von direkter Abstammung und als direkte Nachfahrin der Schwester von Heinrich VIII. über alle Zweifel erhaben. Und damit ein Dorn im Auge der lieblichen Elisabeth I. Konfliktpotenzial war also ausreichend vorhanden. Berater walteten ihres Amtes und Intrigen hatten den besten Nährboden. Maria Stuart sollte fortan Schottland gehören, Elisabeth England. Wäre zu einfach gewesen. Sie erkannten ihre Ansprüche nicht an und schon konnte der epischste Zickenkrieg beginnen, den der englische Adel jemals erlebt hat. Hier betreten wir die Bühnen der großen Theater und Kinos. Hier wird es spannend. Hier beherrschen zwei junge Frauen in besonderen Zeiten die Szenerie und lassen nichts aus, um die Konkurrentin direkt oder indirekt zu Fall zu bringen. Eine Spur dieser Realität möchte ich in den Romanen und Filmen wiederfinden. Man darf es vereinfachen. Keine Frage. Aber verfälschen sollte man es nicht, weil nur ein falscher Faden die gesamte komplexe Geschichte ins Wanken bringen würde. Nichts ist so gut, wie die wahre Geschichte. Und sie lässt trotzdem noch ausreichend Freiraum für reine Fiktion… Wohlan. Vorhang auf.

Der Kern muss schmelzen. Der Ur-Konflikt um die Macht muss spürbar sein und der unglaubliche Druck, der auf zwei jungen Frauen lastet, sollte das Schauspiel hier prägen. Hier können Charaktere geformt, Stempel aufgedrückt und Interpretationen für Furore sorgen. Hier beginnt, was William Shakespeare als das wahrlich große Theater betrachtete. Sind wir in der Situation angekommen, dann lassen wir uns aufsaugen und verzaubern. Hier, und erst hier beginnt der Wirkungsgrad einer Schauspielerin. Hier ist sie gefragt. Hier brilliert sie oder sie scheitert und man kauft ihr die Rolle nicht ab. Hier wird sie zu Maria Stuart und wie Esther Schweins mir mal in einem Interview über die wahre Qualität einer schauspielerischen Leistung offenbarte:

Ich versuche in dem was ich tue, den Rahmen nicht zu verlassen, sondern kann eine Emotion tragen lassen und weiß, dass ich nicht das „Gesetz breche“. Maria Stuart soll nicht auf der Bühne weinen. Das Publikum soll unten weinen!

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Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Scala – Kino & Lounge, Fürstenfeldbruck, ein trister Samstagabend in meinem edlen Hometown-Cinema, in dem ich seit Jahren alle Hochs und Tiefs meiner cineastischen Leidenschaft erleben durfte. Groß angekündigt. Kleiner Saal. Großes Publikum. Maria Stuart – Der Name zieht an. Ebenso, wie der Cast zu begeistern weiß. Saoirse Ronan, Margot Robbie und David Tennant. Klangvolle Namen für einen klangvollen Film, dem Max Richter (Hostiles, Werk ohne Autor, Taboo) die Filmmusik widmete. Großes Kino. Aber war es das wirklich? Zumindest hatten die Vorschauen ein sehr heterogenes und vielschichtiges Publikum angezogen. Schwer miteinander in Einklang zu bringen.

Die Filmrezension

Überraschend. So lautet das Fazit. Man spürt in jeder Filmszene, dass Josie Rourke eigentlich Theaterregisseurin ist. Dieser Film leistet sich historischen Hintergrund und politische Lehrstunde zugleich. Eine Geschichtsstunde, die sich am realen Geschehen orientiert und nicht mit platten Allgemeinplätzen daherkommt. Und dabei überzeugt der Film mit atemberaubenden Bildern, einer Farbkomposition, die den Schauspielerinnen einen unglaublichen Glanz verleiht und einer Filmmusik, die den historischen Charakter dieser Produktion hervorhebt. So entsteht ein visueller Erzählraum, den zwei mehr als brillante Hauptdarstellerinnen zu wahren Charakterstudien der realen Vorbilder nutzen. Saoirse Ronan wirkt zerbrechlich, erotisch, bestimmt und verzweifelt. Sie spielt um ihr Leben, wie Marie Stuart versuchte, ihre Macht auszudehnen.

Margot Robbie überzeugt durch den Mut zur Hässlichkeit, weil sie geschminkt bis zur Unkenntlichkeit der ungeschminkten Wahrheit der Erkrankung von Elisabeth tief ins Auge blickt. Ferngesteuert vom jeweiligen Hofstaat und als Frauen eigentlich nur als die Schachfiguren auf dem Spielfeld der Macht gesehen, brillieren beide Schauspielerinnen mit der Vehemenz, mit der sich beide gegen die männlichen Ratgeber durchsetzen und behaupten wollen. So schlägt ein Thema den Bogen ins Jetzt. Hier stehen keine naiven Quotenfrauen auf der Weltbühne. Was damals Diplomatie war, sind heute Fake-News. Lügengeflechte, Verleumdungen und Intrigen werden im Film so greifbar, als würde es sich um einen heutigen Fall von Königinnen-Mobbing handeln. Ein Kampf, der niemals zum gemeinsamen Kampf wurde.

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Saoirse ronan - astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film

Brillante Schauspielerinnen, plausibles historisches Setting und die Atmosphäre des ganz großen Kinos machen diesen Film zum Erlebnis. Und nein, Maria Stuart hat auf der Bühne nicht geweint. Das überlässt Saoirse Ronan den Zuschauern, die ja schon vom ersten Moment an ahnen, wie der Film endet. Und doch gelingt es ihr, dem Ende ihren Stempel aufzudrücken. Episch, authentisch, fesselnd und perfekt. Das hatte ich nicht unbedingt so erwartet. Die finale Begegnung der Rivalinnen (auch wenn es nie bewiesen werden konnte, ob sie sich jemals begegneten) gehört zu den Highlights des Films, weil sie nur so stattgefunden haben kann. Ich kann nur empfehlen, sich auf eine historische Reise zu begeben, die man in dieser Art und Weise selten im Kino erlebt.

Ganz nebenbei und doch aufsehenerregend setzt der Film ein Zeichen! Wurden doch in einer Zeit, in der die „Whitewashing„-Diskussion Hollywood beherrscht, einige wichtige Rollen mit dunkelhäutigen und asiatischen Akteuren besetzt. In dieser Dichte fand man diese Exoten sicher nicht an den Königshöfen Schottlands und Englands vor. Die Branche zuckt zusammen, weil hier aufgezeigt wird, dass Hautfarbe und Herkunft selbst in einem historischen Filmspektakel nicht über der schauspielerischen Leistung stehen. Eine wichtige Botschaft, die mit filmischen Mitteln Gleichberechtigung fordert.

Auch, wenn sich die deutsche Film-Promotion wirklich Mühe gegeben hat, Fehler zu machen, sollte man sich vom wahren Wert des Films selbst überzeugen. Hier wurde in der Hochglanz-Broschüre davon berichtet, Schottland sei von Elisabeth regiert, was im Film gottlob und historisch richtig niemals so behauptet wurde. Allein dieser Satz ist allerdings geeignet, kritische Leser zu verprellen. Auch der deutsche Titel greift an der Absicht vorbei, Maria als die legendäre Figur eines Volkes zu beschreiben. „Queen of Scots“ meint nicht Königin von Schottland. Gemeint ist die ewige Königin des Herzens. Letztlich ist Filmwerbung wie ein schlechter Klappentext und der Titel nur Überschrift für einen komplexen Verkaufsprozess. Wir sollten da nicht den Kopf verlieren. Überlassen wir das doch lieber Maria Stuart. Sehenswert… 

Maria Stuart - Königin von Schottland in Buch und Film - Astrolibrium

Maria Stuart – Königin von Schottland in Buch und Film –

5 Gedanken zu „„Maria Stuart – Königin von Schottland“ in Buch und Film

  1. Pingback: 2019 – Ins neue Jahr mit der kleinen literarischen Sternwarte | AstroLibrium

  2. Was wird passieren? Ich werde ins Kino gehen. Wenn der Film hier oben in MeckPom mal in die Kinos kommt, wenn er kommt. Grund? Dieses Zeitalter hat was besonderes. Wohl darum ist es womöglich das meist beschriebene.
    Ich grüße dich.

  3. Okay, überredet. Ich werde irgendwann ins Skonto gehen. Aber eins muss ich bemerken, vor allem weil Lorne und Follett genannt worden. Es war ein Problem zwischen England, Rom und Frankreich hauptsächlich. Es war weniger ein Konflikt zwischen den königlichen Zicken. Die kleine Maria nach Frankreich zu verheiraten war der Ausgang des Übels.

    Und im Übrigen ist der Stammbaum des Henry Vlll. leicht zu überblicken, der hatte nur drei königliche Kinder, die älter wurden.
    Nächtliche Grüße
    Uwe

  4. Pingback: Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten [Film und Buch] | AstroLibrium

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